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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 12. Februar 2013

DRAG ME TO HELL (2009)

Regie: Sam Raimi, Drehbuch: Ivan und Sam Raimi, Musik: Christopher Young
Darsteller: Alison Lohmann, Lorna Raver, Justin Long, Dileep Rao, Adriana Barraza, Reggie Lee, David Paymer, Kevin Foster, Molly Cheek, Chelcie Ross, Bojana Novakovic, Ted Raimi, Octavia Spencer
 Drag Me to Hell
(2009) on IMDb Rotten Tomatoes: 92% (7,6); weltweites Einspielergebnis: $90,8 Mio.
FSK: 16, Dauer: 99 Minuten.

Die junge Bankangestellte Christine Brown (Alison Lohman, "Big Fish") hat keinen guten Tag: Als sie der alten Zigeunerin Mrs. Ganush selbst nach deren flehentlicher Bitte eine nochmalige Verlängerung ihres Kredits verweigert, reagiert diese äußerst ungehalten, greift sie ob der "Beschämung" körperlich an und verflucht sie zu allem Überfluß auch noch wie Christine allerdings erst später erkennt. Drei Tage lang, so erläutert ihr ein Wahrsager (Dileep Rao, "Avatar", "Inception"), wird der Dämon Lamia sie verfolgen und quälen, ehe er sie mit sich in die Hölle zerren wird! Mit zunehmender Verzweiflung unternimmt Christine alles in ihrer Macht stehende, um diesem schrecklichen Schicksal zu entgehen ...

Kritik:
Nach Jahren, in denen Regisseur Sam Raimi sich vor allem seiner äußerst lukrativen "Spider-Man"-Trilogie gewidmet hat, kehrte er 2009 zu jenem Genre zurück, in dem er sich mit der kultigen "Tanz der Teufel"-Trilogie überhaupt erst einen Namen im Filmgeschäft gemacht hat: der (wenig zimperlichen) Horrorkomödie. Entsprechend groß war die Erwartungshaltung der unzähligen Fans nach Raimis Ankündigung von "Drag Me to Hell" – und tatsächlich wurde der Film zum Kinostart vor allem von den Kritikern, aber auch vielen Fans ziemlich begeistert gefeiert.

Leider kann ich mich dieser Begeisterung nur teilweise anschließen, denn nach einem schön schaurigen Prolog und einem optisch elegant gestalteten Vorspann nimmt Raimi erst einmal viel Tempo aus seinem Film heraus. Zwar führt er die wesentlichen Figuren zügig und effektiv ein und kommt auch schnell zum Kern der Geschichte, dem grausamen Fluch von Mrs. Ganush (wunderbar gruselig gespielt von der langjährigen TV-Darstellerin Lorna Raver). Dessen Aussprechen und seine ersten Auswirkungen auf die arme Christine sind auch durchaus überzeugend gestaltet mit gelungenen Schockeffekten, ein paar kreativen Ekelmomenten und einem kräftigen Schuß schwarzen Humors. Doch nach der ersten halben Stunde scheinen Raimi bereits die Ideen auszugehen, denn die – sowieso nicht überragend originelle – Handlung verliert sich in einigen so unnötigen wie uninteressanten Nebensträngen, etwa um Christines Arbeit oder ihren Freund Clay (Justin Long, "Stirb Langsam 4.0", "Movie 43"). Zudem werden die Schockmomente häufig durch übertriebene Toneffekte ausgelöst, was ich zumindest ab einer gewissen Häufung seit jeher für eine ausgesprochen billige Kompensation eines mangelnden Vermögens, die Zuschauer *richtig* zu schockieren, halte.

Für meinen Geschmack nehmen in der Folge die Ekelmomente etwas überhand, zudem ist Christines Handlungsweise nicht immer glaubwürdig. Ein Beispiel, das zwar naturgemäß ein Spoiler ist, aber ein nicht gerade essentieller, der zudem bereits in der ersten Filmhälfte stattfindet: Als der Wahrsager Christine nahelegt, den Dämon mit einem kleinen Tieropfer zu besänftigen, lehnt sie dies zunächst entrüstet ab, da sie ein großer Tierfreund sei und sogar ehrenamtlich bei einem Tierheim aushelfe. Nach der nächsten Heimsuchung durch Lamia verliert sie jedoch ihre diesbezüglichen Skrupel sehr schnell und zieht ein solches Opfer zumindest ernsthaft in Erwägung. Das alleine wäre ja noch nachvollziehbar – wer kann schon mit Sicherheit von sich behaupten, nach einer Begegnung mit einem leibhaftigen Dämon seine moralischen Prinzipien aufrechterhalten zu können? Daß Christine jedoch als potentielles Opfer nicht etwa, wie vom Wahrsager vorgeschlagen, irgendein "anonymes" Tier, etwa ein Huhn, wählt, sondern stattdessen ihre geliebte Katze, ist schlicht Blödsinn – wie jeder überzeugte Haustierbesitzer wird bestätigen können. Doch solchen Mängeln zum Trotz: Christine Brown ist insgesamt eine Figur, der Raimi (der gemeinsam mit seinem älteren Bruder Ivan auch das Drehbuch verfaßte) und Darstellerin Alison Lohman tatsächlich eine gewisse Tiefe jenseits bloßen Helden- bzw. Opfertums verleihen, was für das Horrorgenre nicht so selbstverständlich ist.

Glücklicherweise kriegt Raimi etwas später auch inhaltlich noch die Kurve: Nach dem guten ersten Filmdrittel und einem enttäuschenden zweiten läuft er im finalen Akt seiner Erzählung endlich zu großer Form auf. Dem ausgeprägten anarchischen Teil seiner kreativen Ader läßt er nun freien Lauf und konzentriert sich auf das, was schon die "Tanz der Teufel"-Filme ausgezeichnet hat: irrwitzige Ideen in Kombination mit erstklassiger Gruselstimmung und visuellen Schockeffekten zwischen Ekel und Hysterie. Dazu großartig gespielt von Alison Lohman in einer wahren Tour de Force und auch von OSCAR-Nominee Adriana Barraza ("Babel", "Thor") als Medium, das noch eine ganz persönliche Rechnung mit Lamia offen hat. Zusätzlich gesteigert wird die Qualität dieses finale furioso durch überzeugende und einfallsreiche visuelle Spezialeffekte sowie den Einsatz der sehr atmosphärischen Musik von Christopher Young. Diese wird sogar noch kongenial ergänzt von einer Melodie von Ennio Morricone sowie während des Abspanns einem damals nicht verwendeten Thema für William Friedkins Genre-Klassiker "Der Exorzist".

Anders als bei den "Tanz der Teufel"-Filmen gibt es übrigens keinerlei Splatterszenen und auch sonst kaum Blut zu sehen (ergo gab es sogar eine FSK16-Altersfreigabe), dafür aber einige beeindruckende Ekelszenen. Davon unabhängig ist die Wahrnehmung dieses ereignisreichen Showdowns erfahrungsgemäß sehr von den persönlichen Erwartungen abhängig. Ähnlich wie bei James Wans ähnlich strukturiertem, insgesamt aber überzeugenderen Gruselfilm "Insidious" oder auch Drew Goddards Genresatire "The Cabin in the Woods" scheint bei denjenigen Zuschauern, die einfach nur einen "normalen" Horrorfilm sehen wollen, der eher konventionelle Auftakt viel besser anzukommen als das phantasievoll durchgeknallte Finale, das mit Sicherheit eine gewisse Aufgeschlossenheit erfordert. Es wird ob dieses beträchtlichen Stilwechsels wohl nicht allzu viele Zuschauer geben, die von Raimis Rückkehr zu seinen Wurzeln restlos begeistert sind; aber andererseits dürfte es ebenso kaum einen Genrefreund geben, der nicht zumindest von Teilen des Films sehr angetan ist ...

Fazit: "Drag Me to Hell" ist eine Horrorkomödie (wobei der Akzent deutlich stärker beim Horror liegt als bei der Komödie), die recht konventionell und in überschaubarem Erzähltempo beginnt, nur um im einfallsreichen finalen Akt immer stärker an Qualität und Rasanz zu gewinnen. Etwas spät, aber immerhin.

Wertung: Knapp 7 Punkte.


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