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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 14. September 2012

THE CABIN IN THE WOODS (2011)

Regie: Drew Goddard, Drehbuch: Joss Whedon und Drew Goddard, Musik: David Julyan
Darsteller: Chris Hemsworth, Kristen Connolly, Anna Hutchison, Fran Kranz, Jesse Williams, Richard Jenkins, Bradley Whitford, Amy Acker, Brian White, Tom Lenk, Tim DeZarn, Jodelle Ferland
 The Cabin in the Woods
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 92% (7,8); weltweites Einspielergebnis: $66,5 Mio.
FSK: 16, Dauer: 95 Minuten.

Fünf befreundete Studenten fahren in den Urlaub zu einer extrem abgelegenen Waldhütte, die der Cousin des Footballers Curt (Chris "Thor" Hemsworth) erst kürzlich erstanden hat. Was sie nicht ahnen: Sie stehen unter ständiger Beobachtung durch einige Wissenschaftler und sind offenbar unwissentlich Teil eines nicht näher spezifizierten, perfiden Experiments. Die Gruppe macht sich am Abend der Ankunft eine schöne Zeit und spielt "Wahrheit oder Pflicht", als sich unvermittelt die Kellerluke, scheinbar durch einen Windstoß, öffnet. Kurzerhand binden die Freunde den dunklen Keller in ihr Spiel ein und finden dort eine große Anzahl mysteriöser Gegenstände. Als Dana (Kristen Connolly, "The Bay") einige lateinische Verse aus einem über 100 Jahre alten Tagebuch vorliest, nimmt das Unheil seinen blutigen Lauf ...

Kritik:
Wenn ein Film eine ungewöhnlich lange Zeit nach den Dreharbeiten ins Kino kommt, ist das in den allermeisten Fällen ein sehr, sehr schlechtes Zeichen. Normalerweise handelt es sich bei solchen aufgeschobenen Kinostarts um Filme, bei denen der Verleiher entweder genau weiß, daß sie grottenschlecht sind, oder aber aufgrund einer besonders ungewöhnlichen Thematik oder Machart keine Ahnung hat, wie er sie erfolgversprechend vermarkten soll. "The Cabin in the Woods" hat eine rekordverdächtige dreijährige Wartezeit hinter sich – und entpuppt sich doch als kleines Meisterwerk! Zwar kann man eines der drei Jahre sehr wohl potentiellen Vermarktungsschwierigkeiten zurechnen, derentwegen der Film entgegen des Willens von Regisseur und Drehbuch-Autor nachträglich in 3D konvertiert werden sollte (was gerade bei Horrorfilmen eine Zeitlang quasi eine Garantie für höhere Einnahmen war). Am Ende blieb es dann doch bei 2D, aber bis zu dieser Entscheidung vergingen etliche Monate. Der Löwenanteil der Verzögerung ist jedoch schlicht der Insolvenz des altehrwürdigen Produktionsstudios MGM geschuldet. "The Cabin in the Woods" landete in der Insolvenzmasse und verblieb dort, bis eine Restrukturierung unter neuer Führung gelang und die beiden letzten "alten" MGM-Filme (neben "The Cabin in the Woods" das in Kürze startende Remake von "Red Dawn", ebenfalls mit Chris Hemsworth) doch noch in die Kinos gebracht werden konnte.

Zum Glück. Denn andernfalls wäre dem Publikum einer der besten Horrorfilme seit langer Zeit vorenthalten geblieben. Wobei "Horror" als Genrezuordnung nicht ganz zutreffend ist, auch "Horrorkomödie" und vor allem "Horrorsatire" kommen infrage, aber eigentlich handelt es sich um eine Kombination dieser Elemente. Verantwortlich für dieses kleine Meisterwerk sind Drew Goddard und "The Avengers"-Regisseur Joss Whedon, die bereits bei Whedons Kultserien "Buffy" und "Angel" zusammengearbeitet haben. Bei "The Cabin in the Woods" führt Goddard erstmals Regie, das Drehbuch hat er gemeinsam mit Whedon erarbeitet – wobei dessen Handschrift für seine Fans anhand der spritzigen, wortgewandten und selbstironischen Dialoge voller Genrezitate sowie der ausgesprochen unkonventionellen Handlungsentwicklung deutlich erkennbar ist.

Wer sich ein wenig mit dem Genre auskennt, der wird anhand obiger kurzer Inhaltsangabe zweifellos erkennen, daß sie fast identisch ist mit der Prämisse von Sam Raimis legendärem (und in Deutschland in seiner ungeschnittenen Fassung bis heute indizierten) Genreklassiker "Tanz der Teufel" mit Bruce Campbell. Abgesehen von der Sache mit den Wissenschaftlern und dem Experiment. Und genau dieses Element, diese umrahmende und sehr amüsant erzählte Storyline, macht "The Cabin in the Woods" zu etwas ganz Besonderem. Bevor ich jedoch näher darauf eingehe, muß unbedingt eine Warnung erfolgen, auf die man in so ziemlich jeder Kritik zum Film stößt: "The Cabin in the Woods" funktioniert umso besser, je weniger der Zuschauer von der Handlung weiß. Zwar verzichte ich natürlich auf direkte inhaltliche Spoiler, aber wer sowieso vorhat, den Film in Kürze zu sehen, der sollte diese Rezension an dieser Stelle abbrechen und erst nach dem Kinobesuch beenden!

Was Whedon und Goddard hier leisten, läßt sich vom Prinzip her mit Wes Cravens "Scream" vergleichen. Hier wie dort werden die Regeln des Genres auf höchst unterhaltsame Art und Weise sorgfältig dekonstruiert – in "Scream" durch die Verwendung der Figur eines Horror-Nerds, der durch sein beträchtliches Filmwissen die Züge des Killers erklären und teilweise vorhersagen kann. In "The Cabin in the Woods" gibt es mit dem entgegen allen Klischees erstaunlich auffassungsschnellen Kiffer Marty (Fran Kranz aus Whedons TV-Serie "Dollhouse") eine Figur mit ähnlicher Funktion, vor allem aber den metaphernreichen Handlungsstrang rund um die Wissenschaftler. Diese, allen voran die Leiter der Operation Richard Sitterson (Richard Jenkins, "Killing Them Softly"), Steve Hadley (Bradley Whitford, TV-Serie "The West Wing") und Wendy Lin (Amy Acker aus Whedons TV-Serie "Angel"), beobachten die Vorgehensweise der fünf Freunde auf Schritt und Tritt, steuern ständig bissige Kommentare bei und lenken die jungen Leute bei Bedarf auch in die richtige Richtung (zu welchem Zweck sie das tun, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten). Auf diese Weise werden diverse Horrorgemeinplätze völlig nachvollziehbar und glaubwürdig durchexerziert und dabei gleichzeitig persifliert. Das beginnt übrigens bereits früh mit der Titeleinblendung, die einen köstlichen Seitenhieb auf eines der nervigsten Genre-Klischees darstellt: dramaturgisch völlig sinnfreie akustische Schockeffekte.

In der ersten Filmhälfte spielt die Rahmenhandlung jedoch noch keine so große Rolle, da Whedon und Goddard sie offensichtlich möglichst lange geheimnisvoll belassen wollen. Ergo stehen die Erlebnisse in der Waldhütte im Zentrum des Geschehens und das ist ein kleines Problem: Denn so unterhaltsam das alles auch ist – es erinnert nunmal stark an "Tanz der Teufel", ohne jedoch dessen anarchischen Low Budget-Charme und die eklig-ausgefallene Inszenierungsart ganz zu erreichen. Zudem wirken die Monsterangriffe im direkten Vergleich zu glatt und harmlos, beinahe hat man den Eindruck, als hätten sich die Macher hier bewußt zurückgehalten, um eine niedrigere Altersfreigabe zu erreichen.

Doch das ist vermutlich nur eine weitere kleine Falle für das Publikum, denn in der zweiten Filmhälfte geht es dann so richtig ab und das Blut fließt in Strömen (in Deutschland zeigte sich die FSK dennoch gnädig und vergab aufgrund der selbstironischen Inszenierung eine Freigabe ab 16 Jahren). Ohne hier auf Einzelheiten eingehen zu wollen: Die letzte halbe Stunde ist so rasant, so innovativ, so witzig, daß es eine wahre Freude ist. Speziell Genrekenner kommen nun mit einem phantasievollen, anspielungsreichen Kreaturendesign und einem unerwarteten, tollen Gaststar (den ich zumindest bis zur Heimkino-Veröffentlichung nicht bei der Auflistung der Darsteller nennen werde) voll auf ihre Kosten. Zudem treibt die zugegebenermaßen nicht völlig unvorhersehbare Auflösung der Wissenschaftler-Rahmenhandlung das satirische Element auf die Spitze und fungiert gleichermaßen als intelligenter Kommentar auf den Zustand des Horrorgenres – und das keineswegs nur auf Hollywood beschränkt, wie wir ebenfalls innerhalb dieses Handlungsstrangs erfahren ...

Für manche Zuschauer, die einfach nur einen "normalen" Horrorfilm oder eine amüsante Horrorkomödie erwarten, ist das ein bißchen viel an Subtext. Hier ist durchaus Mitdenken gefordert, außerdem erhöht sich das Sehvergnügen ohne jeden Zweifel, je besser man sich im Genre auskennt. Dies erklärt wohl auch, warum "The Cabin in the Woods" bei den Kritikern noch deutlich besser ankommt als im Schnitt bei den Kinobesuchern – daß ein Film aus dem Horrorgenre beim Rezensions-Aggregator Rotten Tomatoes einen (deutlich) höheren Wert erreicht als bei der Internet Movie Database, kommt jedenfalls nur sehr selten vor. Dennoch kann Goddards und Whedons Schöpfung weltweit ordentliche Einspielergebnisse vorweisen, weshalb angesichts des recht bescheidenen Budgets von geschätzt $30 Mio. eine Fortsetzung durchaus möglich wäre. Da Whedon mit "The Avengers" in die A-Liga der Hollywood-Regisseure und -Autoren aufgestiegen ist und bereits mit Hochdruck am zweiten Teil dieses Mega-Blockbusters arbeitet, steht das derzeit noch in den Sternen; in Interviews zeigte er sich jedoch durchaus interessiert.

Fazit: "If you hear a strange sound outside ... have sex!" Der ironische US-Werbeslogan beschreibt "The Cabin in the Woods" ziemlich gut: Es ist ein höchst unterhaltsamer Horrorfilm, der sich als (gut getarnte) Persiflage des gesamten Genres versteht und sich dabei irgendwo zwischen "Tanz der Teufel", "Scream" und "Cube" einreiht. Das Whedon-typisch gewitzte Drehbuch mit unzähligen Genrezitaten, das gekonnte Kreaturendesign und die sympathischen Charaktere überzeugen durch die Bank, lediglich der scheinbar zentrale Plot um die fünf jungen Leute in der titelgebenden Hütte im Wald ist in der ersten Filmhälfte einen Hauch zu konventionell geraten.

Wertung: 9 Punkte.


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