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Donnerstag, 29. Juni 2023

TYLER RAKE: EXTRACTION 2 (2023)

Originaltitel: Extraction 2
Regie: Sam Hargrave, Drehbuch: Joe Russo, Musik: Alex Belcher und Henry Jackman
Darsteller: Chris Hemsworth, Golshifteh Farahani, Adam Bessa, Tornike Gogrichiani, Tinatin Dalakishvili, Andro Japaridze, Tornike Bziava, Mariami und Marta Kovziashvili, Dato Bakhtadze, Daniel Bernhardt, Legan Saginashvili, Sam Hargrave, Idris Elba, Olga Kurylenko
Extraction II (2023) on IMDb Rotten Tomatoes: 79% (6,7); Altersempfehlung: 16, Dauer: 122 Minuten.
Irgendwie hat der australische Ex-Elitesoldat und Söldner Tyler Rake (Chris "Thor" Hemsworth) seinen Sturz von einer Brücke in Dhaka trotz mehrerer Schuß- und Stichwunden im Körper tatsächlich überlebt, jedoch ist er von den Erlebnissen bei der Befreiung des Jungen Ovi schwer gezeichnet. Wochenlang lag er im Koma, anschließend war monatelange Reha nötig, damit er körperlich wieder halbwegs in Form kam – mental ist und bleibt der immer noch vom Krebstod seines kleinen Sohns Traumatisierte sowieso ziemlich labil. Da kommt es gerade recht, als ein mysteriöser Mann (Idris Elba, "Pacific Rim") bei jener österreichischen Berghütte auftaucht, in der Tyler neun Monate nach Dhaka lebt, und ihm einen neuen Auftrag anbietet: Ketevan (Tinatin Dalakishvili, "Rebellion der Magier"), die Schwester von Tylers Ex-Frau Mia (Olga Kurylenko, "Oblivion"), wird mit ihren beiden Kindern in einem georgischen Gefängnis festgehalten, in dem ihr Gatte Davit (Tornike Bziava) inhaftiert ist, der mit seinem Bruder Zurab (Tornike Gogrichiani) der mächtigste Kriminelle in Georgien mit seiner eigenen kleinen Privatarmee ist. Tyler willigt ein, Ketevan und die Kinder zu befreien, und macht sich gemeinsam mit seiner Partnerin Nik (Golshifteh Farahani, "Pirates of the Caribbean: Salazars Rache"), deren Bruder Yaz (Adam Bessa, "Mosul") und einem professionellen Söldner-Team auf den Weg nach Georgien. Die Befreiung glückt nach hartem Kampf, doch durch eine undichte Stelle findet der rachsüchtige Zurab heraus, daß sich Tyler, Ketevan und Co. anschließend in Wien aufhalten ...

Kritik:
Seit die großen (und in geringerem Ausmaß auch die kleinen) Streamingdienste zunehmend eigene Filme produzieren und viel Geld dafür ausgeben, um Stars vor und hinter der Kamera an sich zu binden, sind sie auch bei den Preisverleihungen wie den OSCARs immer erfolgreicher geworden. Dennoch hat sicherlich nicht nur Quentin Tarantino das Gefühl, daß reine Streaming-Filme (auch wenn sie manchmal eine kurze Alibi-Kinoauswertung bekommen) irgendwie nicht so richtig ins kollektive Gedächtnis der Filmfans und -branche einzugehen scheinen. Natürlich läßt sich das nicht wirklich quantifizieren und bleibt letztlich eine anekdotische Beobachtung, doch selbst über erst wenige Jahre alte Hochkaräter und OSCAR-Gewinner bzw. -Nominees wie Scorseses "The Irishman", Cuaróns "Roma" oder "CODA" scheint inzwischen kaum noch jemand zu sprechen – ganz zu schweigen von den zahllosen sündteuren, jedoch zumeist mediokren Actionfilme á la "Red Notice", "The Gray Man" oder "The Tomorrow War". Einer der Streaming-Filme, die nach meinem Eindruck noch zu den populärsten und relativ "langlebigen" zählen, ist der ziemlich geradlinige Netflix-Actionreißer "Tyler Rake: Extraction" aus dem Jahr 2020 mit Marvel-Star Chris Hemsworth. Sicherlich kein Meisterwerk, aber gut gemachte Genre-Unterhaltung auf gehobenem Niveau und mit einem überzeugenden Hauptdarsteller. Da das nicht nur ich so empfinde, war schnell klar, daß eine Fortsetzung folgen würde und drei Jahre später wurde diese wiederum bei Netflix veröffentlicht. Diesmal mit noch besseren Kritiken und ebenfalls vielen Zuschauern – und das ist durchaus verdient, denn "Tyler Rake: Extraction 2" legt in vielen Bereichen qualitativ noch einmal zu und ist insgesamt fraglos ein besserer Film als das Original. Allerdings muß ich zugeben, daß ich das der Fortsetzung dennoch minimal vorziehe, weil Tyler Rakes erster Einsatz mich mit der melancholischen Atmosphäre emotional mehr packte als der deutlich optimistischere zweite Teil.

Die Produktionskosten von "Tyler Rake 2" sind bislang zwar nicht bekannt, es scheint jedoch offensichtlich, daß sie höher liegen als die rund $65 Mio. des ersten Teils. Jedenfalls wirkt der Film eindeutig teurer und einfach "größer": Es gibt mehr Schauplätze, mehr wichtige Figuren und noch ausgefeiltere Actionszenen. Unter denen sticht vor allem eine 21-minütige Sequenz hervor, die scheinbar ohne Schnitte (ein paar wenige gab es in Wirklichkeit schon, aber die sind nicht zu bemerken) Tylers Eindringen in den georgischen Knast und den folgenden, auf einem fahrenden Zug endenden Ausbruch zeigt. Bereits der Vorgänger hatte eine ähnliche, jedoch "nur" 12-minütige Sequenz zu bieten, aber die im zweiten Teil fällt noch atemberaubender aus, zumal rund 400 (!) Statisten miteinbezogen wurden. Generell wirkt die Action in "Tyler Rake 2" einfach größer als im eher intim gefilmten Vorgänger, es kracht und explodiert phasenweise an allen Ecken und Enden, wenn beispielsweise in Wien Rakes Team, Zurabs Privatarmee und die österreichische Polizei aufeinandertreffen. Auch die Mischung aus brutalen Nahkampfszenen, Schießereien und Verfolgungsjagden ist sehr gut gelungen und braucht sich kaum hinter dem derzeitigen Genre-Dominator "John Wick" zu verstecken.

Ein bedeutender Unterschied zum ersten "Tyler Rake" ist, daß der Titelheld diesmal nicht mehr fast von Beginn an als einsamer Wolf (plus hilfsbedürftigem Schützling) unterwegs ist, sondern ein ganzes, professionelles Team um sich hat. Bereits aus dem ersten Teil kennen wir Tylers loyale, von Golshifteh Farahani sympathisch verkörperte Partnerin Nik, die wieder ihren meist gutgelaunten Bruder Yaz an der Seite hat (der im ersten Teil nur kurz auftrat). Die drei bilden ein gut funktionierendes Kern-Team, das sich um Tylers Ex-Schwägerin Ketevan und die beiden Kinder kümmert. Auch durch diese bekommt Tyler etwas mehr Profil, zumal er durch Ketevans zwischen seiner Liebe zur Mutter und der Loyalität zu seinem Onkel Zurab schwankenden Teenager-Sohn Sandro an den eigenen verstorbenen Sohn erinnert wird. Insgesamt funktioniert der Team-Ansatz von "Tyler Rake 2" jedenfalls gut, auch wenn es letztlich Geschmackssache ist, ob man ihn favorisiert oder den im Genre eigentlich populäreren "Einer gegen alle"-Ansatz des Vorgängers. Ein paar objektive Kritikpunkte am wiederum von Sam Hargrave nach einem Drehbuch von Joe Russo ("Avengers: Endgame") inszenierten zweiten Teil gibt es aber auch. So ist der Film zwar nur rund fünf Minuten länger als Teil 1, wirkt für die im Kern recht dünne Story jedoch trotzdem phasenweise ein wenig zu lang. Zudem gibt es ein paar kleinere Story-Schnitzer – wie die Rolle der österreichischen Polizei, die in Wien zunächst schnell eingreift, dann aber vom Film irgendwann komplett vergessen wird – und auch wenn das wiederum Geschmackssache sein mag: Bangladesh ist in meinen Augen als Setting einfach reizvoller als Georgien und vor allem Österreich. Auch scheint die Timeline von "Tyler Rake 2" nicht ganz mit dem Vorgänger zu harmonieren, denn dort hat Tyler acht Monate nach den Hauptereignissen seinen Schützling Ovi besucht (zumindest wurde das stark impliziert), was nicht wirklich zu seiner zu Beginn von Teil 2 gezeigten Reha und dem Untertauchen in Österreich (bis neun Monate nach den Hauptereignissen von Teil 1 die eigentliche Handlung beginnt) passen will. Aber das sind Kleinigkeiten und alles in allem ist "Tyler Rake: Extraction 2" ein wirklich guter Actionfilm geworden, auch wenn ich persönlich die melancholische Atmosphäre des Originals ein wenig vermisse. Ein dritter Teil befindet sich bereits in Vorbereitung.

Fazit: "Tyler Rake: Extraction 2" ist ein guter Actionfilm, der mit mehr Schauplätzen, einem richtigen Team und noch raffinierteren Actionsequenzen überzeugt, dabei allerdings einen Tick zu lang geraten ist und nicht ganz so stimmungsvoll daherkommt wie der Vorgänger.

Wertung: 7,5 Punkte.

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