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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Mittwoch, 17. Februar 2021

THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 (2020)

Regie und Drehbuch: Aaron Sorkin, Musik: Daniel Pemberton
Darsteller: Eddie Redmayne, Sacha Baron Cohen, Joseph Gordon-Levitt, Mark Rylance, Frank Langella, John Carroll Lynch, Yahya Abdul-Mateen II, Jeremy Strong, Danny Flaherty, Noah Robbins, Alex Sharp, Ben Shenkman, J.C. MacKenzie, Michael Keaton, John Doman, Caitlin FitzGerald, Alice Kremelberg, Wayne Duvall, Alan Metoskie
The Trial of the Chicago 7 (2020) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (7,8); FSK: 16, Dauer: 129 Minuten.
Als es im Umfeld des Chicagoer Kongresses zur Wahl des Präsidentschaftskandidaten 1968 der Demokraten zu schweren Ausschreitungen kommt, beschließt der Justizminister Ramsey Clark (Michael Keaton, "Spotlight"), auf Anklagen gegen die Organisatoren zu verzichten. Als aber nach der vom Republikaner Nixon gewonnenen Wahl der mit Clark in starker gegenseitiger Abneigung verbundene neue Justizminister John N. Mitchell (John Doman, "A Beautiful Day") ins Amt kommt, macht er diese Entscheidung rückgängig und weist den talentierten jungen Staatsanwalt Richard Schultz (Joseph Gordon-Levitt, "The Walk") gegen dessen Einwände an, die acht vermeintlichen Rädelsführer u.a. wegen Verschwörung vor Gericht zu bringen. Und so beginnt unter dem offensichtlich voreingenommenen Richter Julius Hoffman (Frank Langella, "Robot & Frank") der aufsehenerregende Prozeß gegen die Studentenanführer Tom Hayden (Eddie Redmayne, "Phantastische Tierwesen") und Rennie Davis (Alex Sharp, "To the Bone"), die Yippies (eine anarchistische Partei) Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen, "Hugo Cabret") und Jerry Rubin (Jeremy Strong, "The Big Short"), den Pazifisten Dave Dellinger (John Carroll Lynch, "Jackie"), den Black Panther Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II, "Aquaman") und die beiden Aktivisten Lee Weiner (Noah Robbins, "Empörung") und John Froines (Daniel Flaherty, "The Meyerowitz Stories"). Bis auf Seale werden die Angeklagten von den erfahrenen Anwälten William Kunstler (Mark Rylance, "Bidge of Spies") und Leonard Weinglass (Ben Shenkman, "Blue Valentine") vertreten, die angesichts der explosiven gesellschaftlichen Stimmung vor einer Herkulesaufgabe stehen …
 
Kritik:
Würde er noch leben, Richard Nixon wäre vermutlich der größte Fan von Donald Trump. Nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern weil Nixon seit der höchst turbulenten vierjährigen Amtszeit Trumps nicht länger von vielen Amerikanern als schlechtester und kriminellster US-Präsident aller Zeiten betrachtet wird. Tatsächlich muten die Vergehen  – primär die illegale Bespitzelung des politischen Gegners – des einer Amtsenthebung nur durch seinen Rücktritt entgangenen "Tricky Dick" (ja, damals gab es noch mehr als eine Handvoll Republikaner, die bereit waren, sich gegen einen kriminellen Präsidenten aus der eigenen Partei zu stellen!) beinahe lächerlich im Vergleich zu den beinahe täglichen Verstößen Trumps gegen zahllose Gesetze, Regeln und Traditionen. Das heißt jedoch natürlich nicht, daß sie für die von Nixons Politik in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren Betroffenen harmlos gewesen wären. Einer von vielen Belegen dafür ist der Fall der "Chicago 7", der in den USA sehr bekannt ist und als Paradebeispiel für einen Justizskandal gilt – nicht nur angesichts der auffälligen Parallelen zur US-Politik rund ein halbes Jahrhundert später ein gefundenes Fressen für Hollywood und ganz besonders für einen so versierten und mit Politstoffen erfahrenen Drehbuch-Autor wie Aaron Sorkin (sein "The West Wing" gilt vielen noch immer als die beste Polit-TV-Serie aller Zeiten), der auch gleich noch die Regie übernommen hat. Und ihm gelingt es mit dem von Netflix produzierten Gerichtsfilm "The Trial of the Chicago 7" bemerkenswerterweise, aufrüttelndes historisches Politkino (mit ein paar künstlerischen Freiheiten) mit einem enormen Unterhaltsamkeitsfaktor zu verbinden – wiewohl sein Film nicht ganz den Tiefgang und die emotionale Wirkung der allerbesten Sorkin-Arbeiten erreicht.
 
"The Trial of the Chicago 7" ist aus naheliegenden Gründen ein Ensemblefilm, was so einige Herausforderungen mit sich bringt. Denn angesichts eines runden Dutzends wichtiger Figuren (die anfangs acht Angeklagten, ihre beiden Anwälte, der Staatsanwalt und der Richter – Frauen kommen allerdings nur in Nebenrollen vor) fällt es in einem zweistündigen Film naturgemäß nicht leicht, allen davon gerecht zu werden. Sorkin versucht es trotzdem, indem er einerseits niemanden mißachtet, andererseits aus den acht Angeklagten zwei stärker herausarbeitet als den Rest und sie somit zu den zentralen Identifikationsfiguren für das Publikum macht. Dabei handelt es sich um den Yippie Abbie Hoffman und den Studentenführer Tom Hayden – zwei Männer, die zum Erreichen des gleichen Ziels sehr unterschiedliche Mittel wählen und deshalb immer wieder aneinandergeraten, wobei vor allem Hayden seine Antipathie gegen Hoffman nicht sonderlich gut versteckt. Die leichten Animositäten sind nachvollziehbar, da Hayden seinen Aktivismus sehr ernst nimmt und eine spätere Karriere als Politiker anstrebt (die er später auch umsetzte, außerdem heiratete er Hollywood-Star Jane Fonda!), wohingegen er die ständigen exzentrischen Aktionen Hoffmans als kontraproduktiv ansieht und das Gefühl hat, der Yippie nehme die ganze Sache gar nicht richtig ernst. Dieses gegensätzliche, von zwei exzellenten Schauspielern verkörperte Duo in den Mittelpunkt zu rücken (wobei Sacha Baron Cohen als Hoffman die dankbareren Szenen hat als Redmayne als eher nüchtern auftretender Hayden), war eine kluge Entscheidung, denn wenngleich aus Zeitgründen auch bei ihnen nicht wirklich tief in ihre Geschichten und Persönlichkeiten eingedrungen wird, sind sie eindeutig besser ausgearbeitet als ihre Mitstreiter. Wobei ich keineswegs behaupten will, daß diese schlecht ausgearbeitet wären.
 
Sorkin achtet vielmehr genau darauf, allen mindestens eine Szene zu verschaffen (mitunter auf Kosten der historischen Genauigkeit), in denen sie inhaltlich sowie schauspielerisch glänzen können, wobei mir vor allem der Nebenhandlungsstrang rund um den von John Carroll Lynch gespielten Pazifisten Dave Dellinger – mit Abstand der älteste der Angeklagten – gut gefiel. Trotzdem läßt es sich ob der großen Personenzahl kaum vermeiden, daß die Charakterisierung relativ dicht an der Oberfläche bleibt. Sorkin versucht erkennbar, Klischees zu vermeiden, doch der offen parteiische und ziemlich unfähige Richter Hoffman oder der (nachvollziehbarerweise) wütende Black Panther Bobby Seale wirken dennoch relativ stereotyp – wobei ihre Darstellung im Großen und Ganzen durchaus dem realen Geschehen während des Prozesses entspricht, da ist Sorkin also nur bedingt ein Vorwurf zu machen. Dramaturgisch trotzdem nicht ideal, was Sorkin aber vermutlich selbst bewußt war – jedenfalls läßt sich so erklären, daß er sich bei Staatsanwalt Schultz größere künstlerische Freiheiten nimmt und diesen von Joseph Gordon-Levitt entgegen der Realität als an Sinnhaftigkeit und Gerechtigkeit seines Falls Zweifelnden darstellen läßt und so eine allzu deutliche Schwarzweißzeichnung bei der Figurenkonstellation verhindert. Das gilt wohlgemerkt auf beiden Seiten, denn obgleich Sorkin erkennbar mit den Angeklagten sympathisiert, zeigt er sie keineswegs als Helden ohne Fehl und Tadel, sondern zeichnet sie als normale Menschen mit Stärken und Schwächen.
 
Ein großes Lob hat dabei die Besetzung verdient, denn wiewohl Eddie Redmayne und Sacha Baron Cohen die Geschichte dominieren, sind alle Figuren passend besetzt und überzeugend gespielt. Daß die Dialoge, die Sorkin ihnen in den Mund legt, wie gewohnt von erstklassiger Qualität sind, schadet natürlich nicht. Und diese oft messerscharfen Dialoge und Oneliner sind es auch, die den unverschämt hohen Unterhaltsamkeitsgrad von "The Trial of the Chicago 7" sicherstellen. Vor allem die beiden Yippies legen sich immer wieder mit bewundernswerter Schlagfertigkeit und ebenso cleveren wie respektlosen Ideen mit dem Richter an, aber auch die beiden von Mark Rylance und Ben Shankman sympathisch verkörperten Anwälte geben Richter Hoffman gekonnt Paroli. Warum "The Trial of the Chicago 7" bei allen Stärken von dem hohen Bildungswert angesichts der Proteste und des folgenden Prozesses mit deutlichen Parallelen zur US-amerikanischen Gegenwart des Jahres 2020 bis zu den teilweise leicht skurrilen, aber charismatischen Figuren und ungemein amüsanten Dialogen nicht ganz den großen Eindruck früherer Sorkin-Werke wie "The Social Network", "Steve Jobs" (jeweils Drehbuch) oder "Molly's Game" erreicht, ist gar nicht so leicht zu erklären. Es dürfte aber in der Tat primär daran liegen, daß Sorkin hier nicht so tief in die Psyche seiner Protagonisten eindringt und man deshalb trotz ihrer noblen Ziele und bei allen Ungerechtigkeiten, die ihnen zweifellos widerfahren, nicht ganz so stark mit ihnen mitfiebert. So bleibt "The Trial of the Chicago 7" ein handwerklich sehr gut gemachter Film, von dem man sich zwei Stunden lang glänzend unterhalten fühlt – aber ziemlich bald nach dem Abspann schon nicht mehr groß an ihn denkt. Das ist schade, aber es kann ja auch nicht jeder Film ein Meisterwerk sein. Nicht mal jeder Film von Aaron Sorkin.
 
Fazit: "The Trial of the Chicago 7" ist ein ebenso rasantes wie unterhaltsames, phasenweise aufrüttelndes Bürgerrechts- und Gerichtsdrama mit erstklassiger Besetzung, das jedoch nicht allzu sehr in die Tiefe geht.
 
Wertung: 8 Punkte.
 
 

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