Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 16. Mai 2018

A BEAUTIFUL DAY (2017)

Originaltitel: You Were Never Really Here
Regie und Drehbuch: Lynne Ramsay, Musik: Jonny Greenwood
Darsteller: Joaquin Phoenix, Ekaterina Samsonov, Alex Manette, Judith Roberts, John Doman, Frank Pando, Alessandro Nivola
 A Beautiful Day
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 86% (8,1); weltweites Einspielergebnis: $7,3 Mio.
FSK: 16, Dauer: 90 Minuten.

Joe (Joaquin Phoenix, "Irrational Man") ist ein schweigsamer, muskelbepackter Mann mittleren Alters, den beständig eine Wolke der Schwermütigkeit umgibt. Nur wenn er sich fürsorglich um seine greise Mutter (Judith Roberts, "Eraserhead") kümmert, taut er ein wenig auf. Sein Geld verdient Joe auf eher ungewöhnliche Weise: Er befreit entführte Mädchen, wobei er nicht gerade zimperlich mit all jenen umgeht, die ihm im Weg stehen. Als ihm sein langjähriger Auftraggeber John McCleary (John Doman, TV-Serie "Gotham") einen neuen Job vermittelt, bei dem es um Nina (Ekaterina Samsonov, "The Ticket") geht, die Tochter des Senators Votto (Alex Manette, "Shame"), die offenbar in ein Minderjährigen-Bordell verschleppt wurde, läuft anfangs alles mehr oder weniger nach Plan. Doch dann kommt es zu einer unerwarteten und äußerst unschönen Wendung, die Joe fortan alles abverlangt und reichlich Blutvergießen nach sich zieht…

Kritik:
Es gibt Actionfilme und es gibt Arthouse-Actionfilme. Actionfilme sind ganz sicher nicht das Lieblingsgenre vieler Profi-Kritiker, da diese Werke häufig flache, entwicklungsfreie Charaktere, eine dünne Handlung und banale Dialoge in Kauf nehmen, um sich voll und ganz auf krachende Actionsequenzen zu konzentrieren (das Paradebeispiel dafür ist Michael Bays "Transformers"-Reihe). Die wiederum reichen vielen Multiplex-Zuschauern völlig aus, um sich zwei Stunden lang einigermaßen prächtig im Kino unterhalten zu fühlen, weshalb miese Kritiken Actionfilmen auch weit weniger schaden als Vertretern anderer Genres. Ziemlich genau umgekehrt sieht die Situation bei Arthouse-Actionfilmen wie "Drive", "Killing Them Softly" oder "The American" aus: Kritiker besprechen sie (bei entsprechender Qualität) sehr wohwollend bis begeistert, doch viele Kinogänger machen einen weiten Bogen um sie oder strafen sie mit schlechten Bewertungen ab. Das bezieht sich gar nicht mal so sehr auf Internet-Bewertungsportale wie die IMDb, die ja doch primär auf filmaffine Personen abzielen (wie viele Durchschnitts-Kinogänger, die drei oder vier Mal im Jahr ins Kino gehen, loggen sich anschließend schon in der IMDb ein, um den Film zu bewerten?), ein besserer Indikator ist in dieser Hinsicht beispielsweise der in den USA und in Kanada am Starttag direkt vor Ort per Stimmkarte abgefragte CinemaScore. Und da zählt "Killing Them Softly" zu den nur 19 Filmen, die mit der schlechtesten CinemaScore-Note "F" abgestraft wurden, während "Drive" auch nur ein "C-" erhielt und "The American" ein "D-". Für "A Beautiful Day" von der preisgekrönten "We Need to Talk About Kevin"-Regisseurin Lynne Ramsay gibt es keinen CinemaScore, weil er nur in relativ wenigen US-Kinos gezeigt wurde; die Note hätte sich aber mit großer Wahrscheinlichkeit im gleichen niedrigen Bereich bewegt. Denn "A Beautiful Day" ist ganz eindeutig ein Arthouse-Film – und zwar ein richtig guter!

Zugegeben, was die Handlung betrifft, gibt sich "A Beautiful Day" auch nicht wirklich weniger nihlistisch als viele Mainstream-Actionfilme, denn die "einsamer Wolf legt sich aus Gründen mit übermächtigem Gegner an"-Prämisse ist natürlich ein echter Klassiker des Genres mindestens seit den Zeiten eines Charles Bronson ("Ein Mann sieht rot"). Der Unterschied ist, daß "A Beautiful Day" die altbekannte Geschichte mit zahlreichen feinen Nuancen und einem äußerst stimmigen Charakterportrait eines Verlorenen anreichert, das wiederum Hauptdarsteller Joaquin Phoenix zu einer OSCAR-würdigen Leistung anspornt, die ihm u.a. den Darstellerpreis beim renommierten Filmfestival von Cannes einbrachte (Ramsays Drehbuch wurde dort auch geehrt). Ähnlich wie Keanu Reeves in "John Wick" oder Denzel Washington in "The Equalizer" trägt Phoenix den Film auf seinen beeindruckend breiten Schultern, denn für die Rolle als Joe hat er sich Muskeln antrainiert, die ihn mit nacktem Oberkörper wie einen bulgarischen Gewichtheber aussehen lassen. Ein adonishaftes Aussehen verleiht ihm das trotzdem nicht unbedingt, da Joe zugleich übergewichtig ist und von Narben übersät, sich zudem einen grauen Zottelbart hat wachsen lassen und generell so heruntergekommen aussieht, als wäre er seit geraumer Zeit obdachlos (kurioserweise sieht er mit diesem Look übrigens Mel Gibson recht ähnlich, dessen Bruder Phoenix vor vielen Jahren in "Signs" spielte). Lange fragt man sich, was genau mit Joe los ist: Posttraumatisches Streßsyndrom? Ist er selbstgemordgefährdet? Oder einfach "nur" traurig und exzentrisch? Die Antwort darauf erfahren wir nach und nach durch Flashbacks in Joes Vergangenheit, wobei Ramsay keine Zeit mit ausführlichen Rückblenden verschwendet. Sie verknappt die entsprechenden Szenen stattdessen auf teils sekundenkurze Ausschnitte, die dem aufmerksamen Zuschauer jedoch genügend Kontext vermitteln, um Joes bedrückende Schwermut einigermaßen nachvollziehen zu können. Ohne viel zu verraten, läßt sich eindeutig feststellen, daß Joe tatsächlich unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, die durch eine desinteressierte Gesellschaft definitiv nicht besser wird. Phoenix verkörpert diesen nahezu gebrochenen, aber auf seine Art immer noch für das Gute kämpfenden Joe mit der ihm eigenen, von wenigen Kollegen erreichbaren Intenstität, die sein psychisches Leiden beinahe körperlich greifbar macht – eine eindrucksvolle, beinahe furchterregend gute Leistung!

Anders als die Regisseure und Autoren der genannten Genrekollegen verzichtet Lynne Ramsay weitgehend darauf, die gewalthaltigen Einzelheiten von Joes Feldzug explizit zu zeigen, das meiste spielt sich vielmehr off-screen ab oder wir sehen es nur aus weiter Entfernung und in körnigen Bildern aus der Perspektive einer Sicherheitskamera. Das ist von Ramsay allerdings so gut inszeniert, von Phoenix so stark gespielt und von Jonny Greenwoods ("There Will Be Blood", "Der seidene Faden") düster-treibender elektronischer Musik so gekonnt unterstrichen, daß sich das nicht respektive schwer zu Sehende trotzdem glasklar vor dem inneren Auge des Publikums abspielt, weshalb "A Beautiful Day" für einen FSK 16-Film ziemlich harter Tobak ist. Das gilt auch für die Hintergründe von Ninas Entführung, die direkt aus einer der beliebtesten Verschwörungstheorien vom äußeren rechten Rand der US-Gesellschaft entsprungen scheinen – vermutlich ein Zufall, da die 100 Seiten-Novelle "You Were Never Really Here" von Jonathan Ames (Schöpfer der HBO-Serie "Bored to Death") bereits 2013 erschien; wenn überhaupt, dann könnte die Story also die heimliche Inspiration für besagte bescheuerte Verschwörungstheorie gewesen sein. Natürlich können Ames und Ramsay nichts für die Parallele, aber als Zuschauer mutet es schon etwas merkwürdig an, eine gefühlte Verfilmung ultrarechter Propaganda sich vor den eigenen Augen entfalten zu sehen … Das muß man wohl einfach irgendwie ausblenden und sich stattdessen auf die Stärken von "A Beautiful Day" konzentrieren, der mit einfachen Mitteln die Verlorenheit seines nicht nur äußerlich vernarbten Protagonisten auf das Publikum überträgt und schmerzlich nachempfindbar macht, dabei etliche denkwürdige Szenen erschafft. Diese sind mitunter – speziell wenn es um die Kritik an der desinteressierten, selbstbezogenen Gesellschaft geht – von schwarzhumorigem Zynismus geprägt, manchmal aber auch von einer erstaunlichen Einfühlsamkeit und Zartheit, wenn Joe zum Beispiel einem sterbenden Schergen des Antagonisten in seinen letzten Augenblicken aufrichtig Trost spendet. "A Beautiful Day" ist ganz bestimmt kein Film für den durchschnittlichen Actionfan, aber wer sich auf Ramsays kunstvoll-nihilistische Inszenierung einläßt, wird mit einem erschöpfenden und beeindruckenden kleinen Kunstwerk belohnt, das lange nachhallt.

Fazit: "A Beautiful Day" ist ein sehr gut beobachteter Arthouse-Actionfilm, der weniger auf eine ausgefallene Story setzt, sondern sich ganz auf seinen schwermütigen, von Joaquin Phoenix grandios verkörperten Antihelden-Protagonisten und seine blutige Reise ins Herz der Finsternis konzentriert.

Wertung: Knapp 9 Punkte.


Bei Gefallen an meinem Blog würde ich mich über die Unterstützung von "Der Kinogänger" mittels etwaiger Bestellungen über einen der amazon.de-Links in den Rezensionen oder über das amazon.de-Suchfeld in der rechten Spalte freuen, für die ich eine kleine Provision erhalte.