Originaltitel: Adieu poulet, DDR-Titel: Ungleiches Duell, US-Titel: The
French Detective
Regie: Pierre Granier-Deferre, Drehbuch: Francis Veber, Musik: Philippe Sarde
Darsteller: Lino Ventura, Patrick Dewaere, Victor Lanoux,
Claude Brosset, Claude Rich, Pierre Tornade, Julien Guiomar, Françoise Brion
FSK: 16, Dauer: 87 Minuten.
Im korruptionsgeplagten nordfranzösischen Rouen wird
der aufrechte Kommissar Verjeat (Lino Ventura, "Der Kommissar und sein
Lockvogel") mit dem Fall eines erschlagenen jugendlichen
Wahlkampf-Plakatierers betraut, der von Schergen des konkurrierenden, ehrgeizigen Politikers
Lardatte (Victor Lanoux, "Ein Elefant irrt sich gewaltig") etwas zu
heftig aufgemischt wurde – zudem wurde ein Polizist aus Verjeats Truppe, der
als erster am Ort des Geschehens ankam, schwer verletzt. Natürlich will
Lardatte nichts damit zu tun gehabt haben, doch Verjeat glaubt ihm kein Wort
und ist entschlossen, ihm seine Beteiligung (oder zumindest stillschweigende
Billigung) nachzuweisen. Als Verjeat sogar eine Geiselnahme in Lardattes Büro
raffiniert dazu nutzt, den Politiker unter Druck zu setzen, bekommt er schnell
die Konsequenzen zu spüren: Er wird befördert und ab der nächsten Woche nach
Montpellier versetzt, also den Mächtigen in Rouen bequem aus dem Weg geschafft.
Dies läßt Verjeat und seinem aufbrausenden jungen Kollegen Lefèvre (Patrick
Dewaere, "Série noir") nicht viel Zeit, um den Fall abzuschließen …
Kritik:
Heutzutage dürften zumindest außerhalb Frankreichs selbst Filmfans nicht mehr viel mit dem Namen Patrick Dewaere anfangen können –
dabei galt der fleißige frühere Kinderdarsteller ab seinem Durchbruch
1974 an der Seite von Gérard Depardieu in Bertrand Bliers kontroverser erotischer
Gesellschaftssatire "Die Ausgebufften" als ein kommender Superstar. Daß
daraus nichts wurde, hat zwei Gründe (die womöglicherweise zusammenhängen): einen folgenreichen Skandal und seinen frühen Tod. Der Skandal war, daß Patrick Dewaere 1980 einen Journalisten körperlich
angriff, der über sein Privatleben berichtete – alles andere als nett
selbstverständlich, aber die Konsequenz mutet aus heutiger Sicht doch einigermaßen
überzogen an: Die gesamte französische Presse berichtete fortan nicht mehr über
Dewaere – und wenn es einmal gar nicht anders ging, dann wurden nur seine
Initialen genannt! Ob dieses Mobbing (anders kann man es unabhängig von der
Vorgeschichte kaum nennen) zu Dewaeres Selbstmord zwei Jahre später (mit 35) beitrug, bleibt Spekulation, zumal es durchaus andere mögliche
Ursachen (inklusive Drogenkonsums) gab – aber hilfreich war es sicher nicht. So
oder so war es tragisch, einen so talentierten und charismatischen Schauspieler
wie Patrick Dewaere dermaßen früh zu verlieren. Eine seiner schönsten Rollen spielte
er an der Seite von Frankreichs Kinolegende Lino Ventura in Pierre
Granier-Deferres ("Die Katze") unkonventionellem Kriminalfilm "Adieu, Bulle", der lose
auf einem Roman von Raf Vallet basiert.
Der später selbst zum sehr erfolgreichen Regisseur avancierte Drehbuch-Autor Francis Veber ("Ein Käfig voller Narren", "Der Hornochse und sein Zugpferd") erzählt an sich eine ziemlich
klassische Geschichte von aufrechten Polizisten, die sich durch einen Sumpf der
Korruption wühlen müssen. Jedoch gibt es einige Elemente, die
Granier-Deferres Werk von den meisten Genrekollegen (dieser Zeit) abheben. Da
wäre beispielsweise die Tatsache, daß "Adieu, Bulle" phasenweise wie
ein Buddy Cop-Film wirkt, obwohl die zumindest im Kino erst in den 1980er
Jahren mit Werken wie "Nur 48 Stunden" oder "Lethal Weapon"
richtig durchstarteten. Doch Verjeat und Lefèvre erfüllen die Anforderungen
dieses Krimi-Subgenres ziemlich genau – Lino Ventura spielt mit seiner
gewohnten grimmigen Souveränität den unbestechlichen, aber auch ziemlich sturen
erfahrenen Kommissar, während Patrick Dewaere den eher etwas zwielichtigen,
aufstrebenden Jung-Polizisten voller Energie und Lässigkeit
interpretiert. Nicht umsonst meint Verjeat, sein unerfahrener Kollege
wolle zugleich Gangster und Bulle sein. So unterschiedlich die beiden Figuren –
wie auch ihre Darsteller – sein mögen, es macht einen Heidenspaß, dem merkwürdigen
Duo bei seinen Ermittlungen zuzuschauen.
Die sind streng genommen nicht übermäßig aufregend, sondern
bewegen sich weitestgehend in bekannten Krimibahnen, was auch daran liegen mag,
daß die Laufzeit mit 85 Minuten nicht viel Raum läßt, um mehr als die
"Basics" des Genres abzudecken – auch wenn das Ausmaß an Korruption,
das hier geschildert wird und Verjeats Zynismus mehr als rechtfertigt, durchaus
bemerkenswert ist. Als ein kleines Ärgernis erweist sich die Entscheidung, das
Publikum bei Verjeats Versuch, die korrupten Mächtigen auszumanövrieren, außen
vor zu lassen. Sein Plan ist zwar ziemlich raffiniert, angesichts der
Umstände für das Publikum jedoch sehr leicht zu durchschauen – grundsätzlich wäre
das kein Problem, würde der Film Verjeats Vorgehen nicht wie ein Geheimnis mit
vermeintlich überraschender Auflösung behandeln. Da wäre es sinnvoller
gewesen, die Zuschauer von Beginn an ins Vertrauen zu ziehen und am Plan
gewissermaßen teilhaben zu lassen. Für Auflockerung sorgen derweil
gelegentliche Anflüge von Humor, die sich überwiegend auf Lefèvres Eskapaden
fokussieren – den größten Lacher verbucht allerdings Lino Ventura für sich, als
sein sowieso schon mies gelaunter Kommissar Verjeat in einer politisch nicht
ganz korrekten und streng genommen ziemlich albernen, aber trotzdem
herrlichen Szene mit einer Gruppe Hare Krishna aneinandergerät. Im Storyverlauf scheinen diese humoristischen Einsprengsel dramaturgisch
eigentlich unbedeutend, immerhin ist die erzählte Krimigeschichte ziemlich
ernst. Umso überraschender kommt es, als sich schließlich herausstellt, daß sie
sehr wohl ihren Sinn und Zweck haben und auf raffinierte Art eine
brillante, hochgradig konsequente Endsequenz einleiten, die auszuspielen man sich
auch erst einmal trauen muß! Zugegeben, nicht jeder wird das Ende mögen, aber ich
bin aus dem Lachen kaum noch rausgekommen …
Fazit: "Adieu, Bulle" ist ein auf den
ersten Blick recht gewöhnlicher, in Wirklichkeit erfrischend
unkonventioneller Politkrimi mit zwei exzellenten Hauptdarstellern, leicht
subversivem Humor und einer fabelhaften Endsequenz.
Wertung: 8 Punkte (plus 0,5 für das geniale Ende).
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen