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Donnerstag, 27. September 2012

EXCISION (2012)

Regie und Drehbuch: Richard Bates Jr., Musik: Steve Damstra II und Mads Heldtberg
Darsteller: AnnaLynne McCord, Traci Lords, Roger Bart, Ariel Winter, Marlee Matlin, Ray Wise, Malcolm McDowell, Matthew Gray Gubler, Jeremy Sumpter, Molly McCook, Natalie Dreyfuss, John Waters
 Excision
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 81% (6,5); weltweites Einspielergebnis: $0,003 Mio.
FSK: 18, Dauer: 81 Minuten.

Die 18-jährige Pauline (AnnaLynne McCord aus TV-Serien wie "90210" und "Nip/Tuck") ist in der Schule und in der eigenen Familie eine Außenseiterin. Sie hat offensichtliche psychische Probleme, wie nicht nur ihre (Tag-)Träume belegen, die eine ungesunde Obsession mit Blut offenbaren. Ihre Umwelt reagiert mit Unverständnis und Ablehnung auf die ungepflegt wirkende Schülerin, die unbedingt Ärztin werden will, angesichts ihrer schulischen Leistungen aber kaum eine Chance dazu bekommen dürfte. Und die gottesfürchtige Mutter Phyllis (Ex-Pornostar Traci Lords) schickt sie anstatt zu einem teuren Psychiater lieber zum Pfarrer ihrer Gemeinde – mit sehr überschaubarem Erfolg. Lediglich ihre jüngere, todkranke Schwester Grace (Ariel Winter aus der Sitcom "Modern Family"), die dringend eine Lungentransplantation benötigt, scheint Pauline trotz gelegentlicher geschwisterlicher Rivalitäten ebenso aufrichtig wie bedingungslos zu lieben. Wofür sich Pauline schließlich auf ihre ganz eigene Weise revanchieren will ...

Kritik:
Mit "Excision" legt der junge US-Regisseur Richard Bates Jr. sein Spielfilmdebüt vor, eine Langfassung (auch wenn das angesichts der Laufzeit von gerade einmal 80 Minuten etwas unpassend klingt) seines gleichnamigen Kurzfilms aus dem Jahr 2008. Bei Robert Redfords Sundance Filmfestival mauserte sich "Excision" Anfang 2012 zum Publikumsliebling innerhalb der "Midnight"-Reihe und staubte auch eine ganze Reihe guter Kritiken ab. Diese verdient sich Bates' Film durch seine unkonventionelle, radikale Machart mit einer von McCord großartig und mit viel Mut zur Häßlichkeit gespielten Anti-Heldin, die gleichermaßen Abneigung und Mitgefühl des Zuschauers erringt.

Im Kern ist "Excision" ein intensives Familiendrama, erzählt allerdings in Form einer beißenden Satire und mit viel schwarzem Humor. Die im Zentrum stehende Pauline kommt alles andere als sympathisch rüber und offenbart in ihren blutgetränkten Phantasien bedenkliche Tendenzen – aber wenn man ihre Familie näher kennenlernt, dann kann man ihr Verhalten zumindest ansatzweise verstehen. Durch die Krankheit ihrer Schwester steht diese stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Eltern, zudem macht Grace ihrem Namen alle Ehre und ist ein sehr hübsches und wohlerzogenes Mädchen. Eben das genaue Gegenteil der unangepaßten und überall aneckenden Pauline. Diese versucht sehr wohl, ihre Eltern stolz zu machen, scheitert dabei aber konsequent und muß eines Tages sogar mit anhören, wie ihre Mutter ihrem von ihr klar dominierten Mann Bob (Roger Bart, "Midnight Meat Train") gesteht, sie könne Pauline einfach nicht lieben, so sehr sie es auch versuche. Um nachzuvollziehen, daß sich solch eine Enthüllung auf die Psyche einer sowieso schon verunsicherten Heranwachsenden nicht gerade positiv auswirkt, muß man wahrlich nicht Psychologie studiert haben. Lediglich die erstaunlich liebevolle Beziehung zu ihrer Schwester erdet Pauline noch, weshalb die Aussicht auf Graces baldigen Tod sie zunehmend verzweifeln läßt und zum Äußersten treibt.

Das Element des Familiendramas ist also gefühlvoll und glaubwürdig in Szene gesetzt, auch wenn das schockierende Finale mir psychologisch nicht wirklich stimmig vorkommt. Doch Regisseur und Drehbuch-Autor Bates Jr. wollte nicht einfach nur ein "normales" Familiendrama erschaffen, sondern etwas Besonderes. Und dafür sorgen neben dem generellen lakonischen Tonfall der Erzählung vor allem Paulines Träume und Phantasievorstellungen. Durch die hat sich "Excision" die Plazierung in der Midnight-Sektion in Sundance redlich verdient, denn in ihrer Phantasie geht Pauline wenig zimperlich mit ihrer Umwelt und ebenso mit sich selbst um. Das Blut fließt in Strömen, der Ekelfaktor einiger Szenen ist beträchtlich. Ob diese radikale Bebilderung die Geschichte inhaltlich wirklich weiterbringt, da bin ich mir ehrlich gesagt nicht so sicher. Außer Frage steht jedoch, daß Paulines surreale Träume und Phantastereien ausgesprochen kunstvoll umgesetzt und damit durchaus eine Bereicherung für "Excision" sind. Und ein Alleinstellungsmerkmal.

Schauspielerisch dominiert AnnaLynne McCord den Film, die in einer schwierigen Rolle eine beeindruckende Tour de Force abliefert und beweist, daß sie weit mehr kann als nur Teenie-Soaps. Doch auch die übrigen Rollen sind durchgängig stark besetzt. Traci Lords und Roger Bart beeindrucken als ungleiches Elternpaar, Ariel Winter als todgeweihte Schwester überzeugt ebenfalls. Und dann gibt es da noch eine ganze Reihe von leider kurzen, dafür aber witzigen Gastauftritten bekannter Schauspieler in den Rollen von Paulines Lehrern: Malcolm McDowell ("Silent Hill: Revelation"), Ray Wise ("X-Men: Erste Entscheidung"), Marlee Matlin (OSCAR-Gewinnerin für "Gottes vergessene Kinder") und Matthew Gray Gubler ("Die Tiefseetaucher"). Und als Highlight verkörpert ausgerechnet der von seinen Anhängern kultisch verehrte Trash-Regisseur John Waters ("Pink Flamingos", "Hairspray" von 1988) den als Ersatztherapeut für Pauline hoffnungslos überforderten Pfarrer William.

Fazit: "Excision" ist auf den ersten Blick eine schwarzhumorige und ziemlich durchgeknallte Satire mit einer großartigen Hauptdarstellerin, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen aber als intensives Familiendrama. Beide Elemente harmonieren nicht immer miteinander, manches wirkt etwas zu gewollt übertrieben und über Sinn und Glaubwürdigkeit des Endes kann man lang diskutieren; dennoch ist der Film für ungewöhnlichen Stoffen gegenüber aufgeschlossene Zuschauer unbedingt sehenswert.

Wertung: 7 Punkte.


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