Schon lange gab es keinen Kinomonat mehr mit einem derart umfangreichen und abwechslungsreichen Programm wie in diesem Oktober: Vor allem das deutsche Kino meldet sich lautstark an mit neuen Werken von Bora Dagtekin, Volker Schlöndorff, Doris Dörrie, Ulrike Ottinger oder Andreas Dresen, dazu gibt es im Halloween-Monat natürlich ein paar - wenn auch diesmal gar nicht so viele - Horrorfilme ("Other Mommy", "Clayface", "Queens of the Dead"), mehrere OSCAR-Hoffnungen ("Digger", "The Social Reckoning", "Sinn und Sinnlichkeit", "Klara und die Sonne") und die zutiefst polarisierende Nahost-Doku "NAZA":
1. Oktober:
"Digger":
Filme
des Mexikaners Alejandro González Iñárritu
sind relativ selten, dafür aber fast immer ein Erlebnis. Mit Werken
wie "Amores Perros", "Babel", "Birdman"
oder "The Revenant" erarbeitete sich der enge Freund von
Guillermo del Toro und Alfonso Cuarón (auch als "Three Amigos"
bekannt) einen ausgezeichneten Ruf und gewann nebenbei vier
OSCARs. Entsprechend groß ist die Erwartungshaltung an "Digger",
einen Film, über den viel mehr als die Prämisse nicht bekannt ist –
selbst die Trailer verraten nicht viel, manch einer glaubt sogar, es
handle sich um ein Musical (was aber von Insidern verneint wird). Tom
Cruise spielt die Hauptrolle des so egomanischen wie ultrareichen
Erdöl-Unternehmers Digger Rockwell, dessen Geschäfte eine
Umweltkatastrophe verursacht haben, die die Menschheit auszulöschen
droht. Und da er für den ganzen Schlamassel verantwortlich zeichnet,
soll und will Digger nun auch zum Retter der Welt avancieren … In
weiteren Rollen der (vermutlich) schwarzen Komödie agieren John
Goodman (als US-Präsident), Sandra Hüller in ihrer vierten
OSCAR-verdächtigen Rolle des Jahres (als Diggers Halbschwester), Riz
Ahmed und Jesse Plemons. Erste US-Kritiken deuten auf einen stark polarisierenden Film hin.
"Frau
Winkler verlässt das Haus":
In
Doris Dörries' ("Kirschblüten – Hanami") neuer
Tragikomödie spielt die einstige Fassbinder-Muse Angela Winkler
("Die verlorene Ehre der Katharina Blum") die Titelfigur,
die nicht nur ebenfalls Winkler heißt, sondern auch eine frühere
Schauspielerin ist. Allerdings spielt die Handlung in der nahen
Zukunft des Jahres 2030, in der Frau Winkler pflegebedürftig ist und
ihre Tocher Emi (Laura Tonke,
"Zwei im falschen Film") als günstigere Alternative für ein
Pflegeheim einen Pflegeroboter anschafft
– mit dem sich ihre Mutter
nach anfänglichem Mißtrauen tatsächlich anzufreunden beginnt.
"Verity –
Dunkle Geheimnisse":
Anne
Hathaway ist schon lange erfolgreich im Geschäft, doch ein Jahr wie
2026 hat sie wohl auch noch nicht erlebt. Sie agierte in gleich zwei
großen Blockbustern ("Der Teufel trägt Prada 2" und "Die
Odyssee"), zudem in zwei etwas nischigeren, aber von der Kritik
gelobten Werken ("Mother Mary" und "The End of Oak
Street"). Und jetzt kommt auch noch "Verity" dazu, ein
erotischer Psychothriller von Michael Showalter ("The Big Sick")
nach einem Roman von Bestseller-Autorin Colleen Hoover ("Nur
noch ein einziges Mal"), in dem sie die erfolgreiche
Schriftstellerin Verity Crawford verkörpert. Nach einem
geheimnisumwitterten Unfall ist Verity leider nicht mehr in der Lage,
ihre gefeierte Buchreihe zu vollenden, weshalb ihr Gatte Jeremy (Josh
Hartnett,
"Sin City") die junge Autorin Lowen (Dakota
Johnson, "50 Shades of Grey") anheuert, um die Reihe für
Verity zu Ende zu bringen. Bei der Arbeit daran, für die sie Veritys
Notizen und Manuskripte verwenden darf, stößt Lowen jedoch bald auf die titelgebenden dunklen Geheimnisse, die ein ganz anderes
Licht auf die Erfolgsautorin werfen ...
"Shaun das
Schaf – Spuk im Kürbisfeld":
Nicht
nur Kinder verfolgen die Abenteuer des lebenslustigen und neugierigen
Knetmasse-Schafs Shaun und seiner Freunde mit Vergnügen, wie allen
voran der hervorragende und OSCAR-nominierte erste Kniofilm
"Shaun
das Schaf – Der Film" im Jahr 2015 bewies. Nach dem etwas
schwächeren
"Shaun das Schaf – Der Film: UFO-Alarm"
(2019) erscheint nun mit "Spuk im Kürbisfeld" ein dritter
Kinofilm, der mit glänzenden Kritiken ausgestattet ist. Wie der
Untertitel vermuten läßt, spielt "Spuk im Kürbisfeld" an
dem von den Schafen geliebten Halloween, das durch die Schusseligkeit
des Farmers der Mossy Bottom Ranch bedroht wird. Shaun will Halloween
retten, sorgt mit seinen Bemühungen jedoch wie üblich in erster
Linie für jede Menge Chaos (und zahlreiche Anspielungen auf die Welt
des Horrorfilms). Und dann verschwindet auch noch der Farmer spurlos
...
"Corpus
Delicti":
"Wunderschön"-Koautorin
Lena Stahl feiert ihr Kino-Regiedebüt mit einer Adaption von Juli
Zehs in der nahen Zukunft spielendem Bestseller. Darin sorgt die
"Methode" für eine Gesellschaft, in der Sicherheit und
Gesundheit das wichtigste sind, zu Lasten u.a. der persönlichen
Freiheit. In dieser für die einen utopischen, für die anderen
dystopischen Welt gerät die Wissenschaftlerin Mia (Hannah
Herzsprung, "Das fliegende Klassenzimmer") ins Zweifeln,
als ihrem Bruder Moritz (Damian Hardung, TV-Serie "Club der
roten Bänder") eine Mordanklage blüht. Mia ist von Moritz'
Unschuld trotz erdrückender Beweislage überzeugt und begnint,
entgegen der Vorgaben durch die "Methode" selbst zu
ermitteln – womit sie den Mächtigen bald ein Dorn im Auge ist …
Mit Christian Friedel ("Das weiße Band") und Alexander
Fehling ("Gut gegen Nordwind").
"NAZA":
Beim
Filmfest von Venedig erhielt der investigative Dokumentarfilm der
2025 für "No Other Land" OSCAR-gekrönten
jüdisch-israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor die
längsten stehenden Ovationen in der Festivalgeschichte (fast 25
Minuten!) – in ihrer israelischen Heimat gelten die beiden vor
allem für die rechtsgerichtete Netanjahu-Regierung als
Landesverräter, denen die Staatsbürgerschaft entzogen werden sollte (woraufhin über 1000 israelische Künstler ihre Solidarität mit
Abraham und Szor erklärten). "Kontrovers" ist also fast
noch tief gegriffen als Einordnung von "NAZA", der mit
Sicherheit auch in Deutschland für viele Diskussionen sorgen wird.
Die beiden Regisseure haben seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober
2023 fast drei Jahre lang erschreckende Aussagen von zwei Dutzend
israelischen Militärs und Geheimdienstlern gesammelt (die aus
Sicherheitsgründen anonymisiert wurden), in denen diese vom offenbar
bewußt schonungslosen, KI-gestützten Vorgehen auch und gerade gegen
palästinensische Zivilisten berichten, deren Leiden als "Kollateralschaden" in Kauf genommen werde.