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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 6. Juni 2019

JOHN WICK: KAPITEL 3 (2019)

Originaltitel: John Wick: Chapter 3 – Parabellum
Regie: Chad Stahelski, Drehbuch: Derek Kolstad, Shay Hatten, Chris Collins, Marc Abrams, Musik: Tyler Bates und Joel J. Richard
Darsteller: Keanu Reeves, Ian McShane, Asia Kate Dillon, Mark Dacascos, Halle Berry, Lance Reddick, Laurence Fishburne, Anjelica Huston, Saїd Taghmaoui, Cecep Arif Rahman, Yayan Ruhian, Jerome Flynn, Tobias Segal, Randall Duk Kim, Robin Lord Taylor, Susan Blommaert, Jason Mantzoukas, Boban Marjanović, Tiger Hu Chen, Roger Yuan
 John Wick: Kapitel 3 (2019) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (7,5); weltweites Einspielergebnis: $326,7 Mio.
FSK: 18, Dauer: 132 Minuten.

Nachdem der frühere Auftragskiller John Wick (Keanu Reeves, "The Neon Demon") gegen die wichtigste Regel in seinem Geschäft verstoßen hat und auf neutralem Grund – im New Yorker "Continental Hotel" – den bösartigen Mafioso Santino D'Antonio getötet hat, gibt ihm Winston (Ian McShane, "Jack and the Giants"), der Leiter des Hotels, eine Stunde Gnadenfrist. Danach gilt er offiziell als "exkommuniziert", ist damit vogelfrei und ein Kopfgeld von $14 Mio. wird auf ihn ausgesetzt. Glücklicherweise hat der schwer angeschlagene John noch ein paar Freunde übrig und auch einige ihm geschuldete Gefallen, so von einer weißrussischen Gangsterchefin (Anjelica Huston, "50/50") oder der Managerin des "Continental Hotel" von Casablanca, Sofia (Halle Berry, "Kingsman 2"). Trotz dieser Hilfe stehen Johns Aussichten schlecht, weshalb er nach einem Weg sucht, seinen Verstoß gegen den Kodex wiedergutzumachen. Indes taucht in New York eine von der Hohen Kammer des Zwölferrates (der globalen Verbrecherorganisation) gesandte Richterin (Asia Kate Dillon) auf, um all diejenigen zu bestrafen, die John auch nur ansatzweise geholfen hatten – darunter Winston und der Bettlerkönig "Bowery King" (Laurence Fishburne, "Predators"). Zu diesem Zweck heuert sie den erfahrenen Assassinen Zero (Mark Dacascos, "Pakt der Wölfe") an …

Kritik:
Als Vorbereitung auf diese Rezension habe ich mir diverse Listen im Internet über "die besten Actionfilme aller Zeiten" angeschaut und mußte dabei – wenig überraschend – feststellen, daß die Definition eines Actionfilms nicht sehr eindeutig ist. Kurosawas Meisterwerk "Die sieben Samurai", der in mehreren dieser Listen weit oben auftaucht, würde ich beispielsweise nicht als klassischen Actionfilm betrachten, Coppolas Anti-Kriegsklassiker "Apocalypse Now" schon gar nicht. Einige gemeinsame Nenner, denen ich zustimme, habe ich jedoch gefunden, darunter "Aliens – Die Rückkehr", die ersten beiden "Terminator"-Filme, "Matrix", "Stirb langsam", "Mad Max: Fury Road", "Kill Bill" – und natürlich zahlreiche asiatische Martial Arts-Kracher wie "The Killer", "The Raid", "Police Story" oder "Hard Boiled". In einigen Listen tauchen auch schon die ersten beiden "John Wick"-Filme auf und folgende Vorhersage ist alles andere als schwierig: "John Wick: Kapitel 3" wird sich in Windeseile ebenfalls auf etliche Bestenlisten katapultieren, denn der wiederum von Chad Stahelski inszenierte dritte Teil toppt seine bereits formidablen Vorgänger noch einmal und bewegt sich für einen Actionfilm meines Erachtens nahe an der Perfektion! Für Keanu Reeves ist und bleibt der melancholische Einzelgänger eine Paraderolle, vielleicht gar eine noch bessere als die des Neo in der "Matrix"-Trilogie. Mit seinem Charisma und seinen beeindruckenden Kampffähigkeiten ist er das Zentrum dieser Filme und obwohl viele Elemente ineinandergreifen, um die "John Wick"-Filme zu den Genrehighlights zu machen, die sie sind, ist es schwer vorstellbar, sich die Reihe ohne Keanu Reeves vorzustellen.

Nachdem ja bereits "Kapitel 2" in fast jeder Hinsicht im Vergleich zum Original eine Schippe draufgelegt hat, setzt sich diese Entwicklung in "Kapitel 3" nahtlos fort. Selten konnte man den Erfolg eines Franchises so gut anhand der einzelnen Filme nachvollziehen wie bei "John Wick": War der etwa $20-30 Mio. günstige erste Teil noch ein ziemlich geradliniger Rachethriller mit Ansätzen spannender Hintergründe zu der weltumspannenden Verbrecherorganisation – durch das New Yorker "Continental Hotel" symbolisiert , fiel das annähernd doppelt so teure "Kapitel 2" bereits komplexer aus mit einem zusätzlichen Schauplatz in Rom, noch aufwendigeren und personalstärkeren Kampfchoreographien sowie einer Ausweitung dieses faszinierenden fiktiven Filmuniversums, in dem praktisch jeder Passant ein "Hitman" sein kann. In "Kapitel 3", dessen Budget bei rund $60 Mio. liegen soll, erhalten wir mit der mysteriösen Richterin ein weiteres Puzzlestück, außerdem erfahren wir sogar etwas über John Wicks Herkunft und seinen wahren Namen. Des weiteren kommen etliche neue, prägnante Nebenfiguren hinzu und – für die Fans vermutlich am wichtigsten – die Kampfsequenzen und ihre bewußt überhöhte Präsentation sind noch weiter verfeinert worden. Wurde an "Kapitel 2" noch vereinzelt eine relative Monotonie der Kämpfe wegen eines starken Schwerpunkts auf Schießereien bemängelt, kann man sich in "Kapitel 3" beim besten Willen nicht über mangelnde Abwechslung beklagen. Tatsächlich bin ich äußerst beeindruckt, was den Drehbuch-Autoren (Derek Kolstad wurde diesmal von einem Trio unterstützt) alles eingefallen ist und habe große Schwierigkeiten, mir vorzustellen, wie das im vierten Film noch einmal getoppt (oder auch nur bestätigt) werden soll. Da "Kapitel 3" unmittelbar nach dem Ende des Vorgängers startet, John also körperlich angeschlagen und unbewaffnet ist, beginnt das Actionspektakel mit intensiven Nahkämpfen (passenderweise ist er gerade in Chinatown unterwegs, als seine Exkommunikation in Kraft tritt), in denen er fast wie Jackie Chan zu allen Hilfsmitteln greift, die er kriegen kann, um sich gegen seine höchst motivierten Häscher zu verteidigen – von der Axt bis zum Pferd, dessen Einsatz beispielhaft für den knochentrockenen bis zynischen Humor der Reihe steht, der natürlich auch im dritten Teil nicht vernachlässigt, vielmehr sogar um ein paar Facetten bereichert wird (wenn etwa Johns Hauptgegner Zero sich während einer kurzen Ruhepause auf neutralem Grund als eine Art John Wick-Fanboy outet). Daß Stummfilme, speziell die von Buster Keaton, eine Inspirationsquelle für die "John Wick"-Reihe sind, haben deren Macher schon oft erwähnt, in "Kapitel 3" ist das vielleicht auffälliger als je zuvor, sogar ein paar kleine Slapstick-Momente gibt es, die in der Tat gut in eine alte Stummfilm-Komödie passen würden (abgesehen vom vielen Blut).

Aber zurück zu diesem unglaublichen Abwechslungsreichtum der Kampfsequenzen: Nach dem knackigen Nahkampf-Auftakt (der nebenbei illustriert, daß der Brutalitätsgrad noch einmal ein Stückchen nach oben verschoben wurde), einer einfallsreichen Verfolgungsjagd durch New York und ein paar relativ konventionellen Shootouts kann sich John fürs erste in Sicherheit bringen – insoweit das in seiner Situation überhaupt möglich ist. Ich will natürlich nicht zu viel zur Story verraten, aber in Casablanca gibt es mein persönliches Action-Highlight des Films, als Johns Freundin Sofia in perfektem Zusammenspiel mit ihren beiden dressierten Kampf-Schäferhunden ein ganzes Gangsternest auseinandernimmt (natürlich mit Johns Unterstützung). Kampfszenen mit Hunden sind selbstredend nicht neu, aber so ausführlich und so – jeder andere Begriff wäre untertrieben – perfekt und harmonisch choreographiert habe ich das noch nie erlebt. Das ist schlicht atemberaubend, nicht nur was die fertigen Szenen betrifft, sondern auch hinsichtlich der mit Sicherheit unglaublich aufwendigen handwerklichen Machart dieser fast komplett ohne CGI-Unterstützung realisierten Szenen (nur die Markierungen für die Hunde, wo sie angreifen sollten, wurden logischerweise wegretuschiert). Fünf Monate lang mußten die Stuntleute, aber auch Halle Berry und Keanu Reeves mit den Hunden trainieren, bis das möglich war – und es hat sich aber wirklich sowas von gelohnt! Und als ob das nicht spektakulär genug wäre, legen Stahelski und Co. dann auch noch einen grandiosen Showdown im "Continental Hotel" hin, der wiederum einige Neuigkeiten zu bieten hat; denn Johns Gegner haben jetzt eine High-Tech-Ausrüstung, sodaß nicht mehr ein Schuß pro Mann reicht. Und selbstverständlich gibt es noch Mark Dacascos, der einen sehr würdigen Endgegner abgibt – seit "Crying Freeman" (1995) bin ich ein Fan von Dacascos, dessen Karriere anschließend trotz gelegentlicher Highlights nie so richtig zündete – umso erfreulicher, daß er hier mit Mitte 50 noch einmal sein ganzes Können vorführen darf.

Damit wären wir bei der Besetzung: Neben den Rückkehrern Ian McShane, Lance Reddick (der als Concierge Charon endlich seinem Namen gerecht werden und Menschen ohne Umweg ins Reich der Toten überführen darf, wofür er freundlicherweise nicht einmal den obligatorischen Obolus verlangt ...) und Laurence Fishburne gibt es eine ganze Reihe namhafter Zugänge, von denen ironischerweise lediglich die unbekannteste (Transgender-Darstellerin Asia Kate Dillon in ihrem Filmdebüt; man kann sie aus TV-Serien wie "Orange Is the New Black" oder "Billions" kennen) durchgehend eine Rolle spielt. Halle Berry als Sofia, Anjelica Huston als "The Director" oder Saїd Taghmaoui ("Wonder Woman") als mysteriöser "Ältester" sind jeweils (fast) nur in einem größeren Handlungsblock vertreten. Kleine Nebenrollen hat Chad Stahelski zudem mit Fanlieblingen aus TV-Serien wie Robin Lord Taylor (Pinguin in "Gotham"), Susan Blommaert (Mr. Kaplan in "The Blacklist") oder Jerome Flynn (Bronn in "Game of Thrones") besetzt. Und weil die "John Wick"-Filme ja gelegentlich mit der indonesischen "The Raid"-Reihe verglichen werden, ist es nur folgerichtig, daß mit Yayan Ruhian und Cecep Arif Rahman zwei von deren kampfstarken Hauptdarstellern mitwirken und John einen weiteren exzellenten Kampf abliefern. Gerade bei dem ist gut zu erkennen, daß die Filmemacher sich die Kritik, daß John im zweiten Kapitel etwas zu stark wie ein unbesiegbarer Superheld wirkt, zu Herzen genommen haben, denn diesen lebenslang trainierten Martial Arts-Könnern ist John im direkten Duell eigentlich (knapp) unterlegen, er kann sich nur durch seine große Erfahrung und einige Tricks behaupten. Generell wirken die Kämpfe und speziell Johns Überleben etwas glaubwürdiger als in "Kapitel 2", da er nur noch selten ganz auf sich allein gestellt ist, sondern fast immer Helfer zur Seite hat (tierische wie menschliche), die ihm in entscheidenden Momenten den Rücken freihalten. Stilisiert und regelrecht zelebriert sind die Kampfsequenzen natürlich trotzdem, alles soll ganz bewußt leicht irreal wirken, was durch die gelungene musikalische Untermalung unterstrichen wird, die diesmal vermehrt auf klassische Musik setzt – was bei der Überhöhung wunderbar funktioniert. Manchmal fühlt man sich durch die immersive Inszenierung übrigens beinahe wie in einem Ego-Shooter. Das wird dadurch noch verstärkt, daß die Kamera oft ganz nah an John herangeht, sodaß er beinahe wie unsere Spielfigur wirkt – mich hat das immer wieder an die "Max Payne"-Spiele erinnert, zu denen es sowieso einige Parallelen gibt (New York als Heimat des Protagonisten, der ein Einzelgänger mit tragischer Familiengeschichte ist und sich mal im Alleingang, mal mit Unterstützung durch Hunderte Gegner kämpft). Auch ohne direkten Bezug sind die "John Wick"-Filme meiner Ansicht nach viel näher an den Spielen als die bestenfalls mittelmäßige tatsächliche Verfilmung mit Mark Wahlberg aus dem Jahr 2008 …

Ein bißchen etwas zu kritisieren habe ich bei all dem überschwänglichen Lob aber doch: So ist der Film mit 130 Minuten tendentiell etwas zu lang geraten – so gekonnt die Kämpfe variiert werden, auf Dauer sorgt die Nonstop-Action (Dialoge gibt es gefühlt noch weniger als schon in den beiden Vorgängern) doch für ein paar kurze mentale Durchhänger in den weniger wichtigen Szenen. Idealerweise hätte man wohl die Casablanca-Sequenz kürzen können, zumal hier die der Reihe von Beginn an inhärente religiöse Symbolik kurzzeitig überhandnimmt. Außerdem ist der Trip storymäßig letzten Endes nicht übermäßig ergiebig, ein bißchen vergleichbar mit dem Ausflug von Finn und Rose auf den Kasinoplaneten Canto Bight in "Star Wars Episode VIII": unterhaltsam, aber im Grunde genommen verzichtbar. Das war es aber auch schon wieder dem Negativ(er)en, abgesehen vielleicht von ein paar kleinen Genreklischees – dafür werden andere aber geschickt unterlaufen (ich bin sicher nicht der einzige, der bei der ostentativen Passage einer Münzgießerei mit geschmolzenem Gold dessen Einsatz in der folgenden Kampfsequenz erwartet hat). Insgesamt entwickelt sich die Handlung aber sowieso erfreulich unvorhersehbar und baut gerade angesichts der Geschichte rund um die Richterin und ihre Strafaktion sehr viel Potential für "Kapitel 4" auf – weswegen es auch angenehm ist, daß letztlich erstaunlich viele Nebenfiguren das Ende des Films erleben (wenn auch die wenigsten unversehrt). Wie gesagt: Ich habe keine Ahnung, wie man "John Wick: Kapitel 3" noch toppen soll – aber bisher haben Stahelski, Kolstad, Reeves und Co. nicht enttäuscht und somit haben sie sich einen großen Vertrauensvorschuß verdient. Da Keanu Reeves inzwischen auch schon Mitte 50 ist, stellt sich die Frage, wie lang er körperlich noch zu solchen Höchstleistungen in der Lage sein wird (ganz ähnlich wie beim noch zwei Jahre älteren Tom Cruise in den "Mission: Impossible"-Filmen), aber er selbst hat schon versprochen, er werde die Rolle spielen, bis die Zuschauer sie nicht mehr sehen wollen. Und das dürfte so schnell nicht geschehen ...

Fazit: "John Wick: Kapitel 3" ist ein spektakulärer Actionfilm, der zu den Meisterwerken seines Genres zählt und diesmal neben einer noch einmal geschickt erweiterten Filmwelt vor allem mit der beeindruckenden Vielfalt an unterschiedlichen Kampfstilen begeistert.

Wertung: 9 Punkte.


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