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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Dienstag, 14. August 2018

IN THE MIDDLE OF THE RIVER (2018)

Deutscher Alternativtitel: In der Mitte des Flusses
Regie und Drehbuch: Damian John Harper
Darsteller: Eric Hunter, Max Thayer, Nikki Lowe, Ava del Cielo, Morgan Hill, Matthew T. Metzler, Ryan Begay
 In the Middle of the River (2018) on IMDb Rotten Tomatoes: -; weltweites Einspielergebnis: $0,1 Mio.
FSK: 16, Dauer: 114 Minuten.

Nach einem Brand ist der Mittzwanziger Gabriel (Eric Hunter) vor ein paar Jahren aus seinem trostlosen Heimatort in New Mexico verschwunden, ohne sich von jemandem zu verabschieden. Nun kehrt er als ein kriegsversehrter Irak-Veteran zurück, um herauszufinden, wer für den Tod seiner Zwillingsschwester Naomi verantwortlich ist. Gabriels Rückkehr wird von Verwandten und früheren Freunden gemischt aufgenommen, vor allem seine indianische Ex-Freundin Dana (die MMA-Kämpferin Nikki Lowe) ist verständlicherweise immer noch stinksauer, weil Gabriel sie und ihren Sohn damals zurückgelassen hat. Gabriel versucht, das, was er kaputtgemacht hat, wieder zu reparieren und gleichzeitig den Mörder seiner Schwester zu finden, die offenbar von einer Klippe herabgestoßen wurde. Schnell kristallisieren sich zwei Favoriten heraus: Trigger Finger (Matthew T. Metzler, "Maze Runner 2"), Anführer einer White Power-Gang, der sich zu dessen Verdruß auch Gabriels kleiner Bruder Ishmael (Morgan Hill) angeschlossen hat – und Gabriels eigener, gewalttätiger Großvater (Max Thayer, "Karate Tiger 2") …

Kritik:
Die deutsch-amerikanische Koproduktion "In the Middle of the River" ist die zweite Langfilm-Regiearbeit (nach "Los Ángeles" aus dem Jahr 2014) des amerikanischen Independent-Filmers Damian John Harper, stolzer Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Und eines kann man definitiv festhalten: "In the Middle of the River" erzählt keine Gute-Laune-Geschichte. Vielmehr handelt es sich um eine bittere, wenngleich nicht komplett hoffnungslose Momentaufnahme aus der amerikanischen Unterschicht, deren Ambitionen im Angesicht der grottenschlechten wirtschaftlichen Aussichten und der hohen Kriminalität zu ersticken drohen, ehe sie überhaupt richtig formuliert werden können. Es ist eine ziemlich trostlose Geschichte, die Damian John Harper hier erzählt – eine Geschichte, die deutlich an Debra Graniks OSCAR-nominiertes Drama "Winter's Bone" erinnert, jenen Film, der für die junge Jennifer Lawrence den Durchbruch bedeutete. Hier wie dort versucht die Hauptfigur, in einer heruntergekommenen Ortschaft irgendwo im Nirgendwo das Schicksal eines engen Verwandten aufzuklären und stößt dabei auf Abgründe von Haß und Kriminalität. Im Fall von "In the Middle of the River" kommt noch Rassismus dazu, denn der Ort grenzt an ein Reservat der Ureinwohner, was bei der hoffnungslos unterbesetzten Polizei für Zuständigkeitsprobleme sorgt, die den Verbrechern das Leben nur noch leichter machen. An die hohe Qualität von "Winter's Bone" reicht der mit Handkamera gedrehte "In the Middle of the River" nicht ganz heran, dennoch gelingt es dem Drama, das Publikum mit seiner rauhen Intensität und Authentizität (die durch die Verwendung von vielen Laiendarstellern und den Einbau persönlicher Erfahrungen unterstrichen wird) wie auch den klug behandelten Fragen von Mut, Moral und Verantwortung zu faszinieren.
Newcomer Eric Hunter ist zwar keine Jennifer Lawrence, er macht seine Sache aber gut als zwischen Stoik und Jähzorn changierender Gabriel, der von Schuldgefühlen geplagt wird und mit gemischtem Erfolg versucht, für seine tote Schwester mutig zu agieren. Was ihn von den meisten Charakteren des Films abhebt, die sich weitestgehend mit ihrer Situation abgefunden haben, ist, daß er tatsächlich noch nach einem besseren Leben strebt – so hat er nach seinem Ausscheiden bei der Armee trotz bürokratischer Hürden wie auch physischer und psychischer Folgen seines Kriegseinsatzes ein Studium begonnen. Für die meisten seiner Bekannten geht es eher ums bloße Überleben. Sympathieträger lassen sich nur schwer ausmachen angesichts lauter gewalttätiger, suchtkranker und/oder dealender Figuren. Ja, man kann verstehen, daß Gabriel diesen Ort hinter sich lassen wollte. Und man empfindet Respekt für seine Versuche, das Richtige zu tun – auch wenn er dabei Fehler macht und sich nicht immer sympathisch verhält. Ebenso kann man die Wut von Dana nachvollziehen, die ihre Aggressionen beim Boxen abbaut und außerdem die Folgen eines sexuellen Übergriffes zu verarbeiten hat. Doch auch die weniger sympathischen Personen sind glaubwürdig gezeichnet; selbst die Gewalttätigkeit des frustrierten Großvaters, der einst für die Bürgerrechte kämpfte und in nüchternem Zustand so liebevoll mit seinen Urenkeln umgeht, ist irgendwie nachvollziehbar, auch Ishmaels angesichts der Umgebung beinahe zwangsläufig wirkendes Abrutschen in die relativ amateurhaft wirkende Nazi-Gang (deren junge Mitglieder beim Verdreschen indianischer Jugendlicher schon einmal enthusiastisch "Make America Great Again" rufen ...).
Wie es Harper gelingt, diese zwiespältigen und wenig beneidenswerten Figuren interessant und nicht zu klischeehaft zu gestalten, zählt zu den Stärken des Films. Das gilt ebenso für die Dialoge, in denen vor allem Gabriel von seinen jeweiligen Gesprächspartnern – dem Großvater, der Großmutter, einer weiteren Schwester, Dana – mit Fehlern und Versäumnissen, falschen Hoffnungen und auch Selbstbetrug konfrontiert wird. Für Gabriel spricht es, daß er zuhört, daß er trotz seines aufbrausenden Wesens und seines nicht eben vom Glück begleiteten bisherigen Lebensweges offen bleibt und bereit ist, sich zu ändern und Verantwortung zu übernehmen. "In the Middle of the River" ist kein spektakulärer Film und auch kein übermäßig origineller, aber er zieht das Publikum mit seiner Intensität und aufrichtigen Ernsthaftigkeit beim Blick auf die von vielen in Politik, Wirtschaft und Medien Vergessenen im Herzen Amerikas, die die folgenreiche Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten erst ermöglichten, in den Bann und liefert viel Stoff zum Nachdenken.

Fazit: "In the Middle of the River" ist ein intensives, authentisches Independent-Drama über die Rückkehr eines jungen Mannes in seinen trostlosen und von bitterer Armut, Sucht und Gewalt geprägten Heimatort im ländlichen Herzen Amerikas.

Wertung: Gut 7,5 Punkte.

"In the Middle of the River" wird vom farbfilm verleih ab 16. August in ausgewählten deutschen Kinos in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln präsentiert. Eine Rezensionsmöglichkeit wurde mir freundlicherweise vom Entertainment Kombinat zur Verfügung gestellt.