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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 2. Mai 2019

THE TALE – DIE ERINNERUNG (2018)

Regie und Drehbuch: Jennifer Fox, Musik: Ariel Marx
Darsteller: Laura Dern, Isabelle Nélisse, Elizabeth Debicki, Jason Ritter, Ellen Burstyn, John Heard, Frances Conroy, Common, Laura Allen, Tina Parker, Isabella Amara, Gretchen Koerner, Madison David, Jessica Sarah Flaum, Dana Healey
 The Tale - Die Erinnerung (2018) on IMDb Rotten Tomatoes: 99% (9,0); weltweites Einspielergebnis: $0,001 Mio.
FSK: 12, Dauer: 115 Minuten.
Jennifer Fox (Laura Dern, "Star Wars Episode VIII") ist eine erfolgreiche Dokumentarfilmerin und Professorin Ende 40, die mit ihrem Verlobten Martin (Common, "Selma") in New York lebt. Gerade kommt sie von Dreharbeiten für einen neuen Film aus Indien zurück, als sie ein Anruf ihrer Mutter Nettie (Ellen Burstyn, "Interstellar") aus dem Gleichgewicht bringt. Die hat nämlich beim Durchstöbern alter Kartone eine Geschichte gefunden, die Jennifer als Teenager schrieb – und diese Geschichte entsetzt Nettie ziemlich. Jennifer schildert darin nämlich eine Affäre, die sie – als sie die Wochenenden auf dem Reiterhof von "Mrs. G." (Elizabeth Debicki, "Widows") verbrachte – mit ihrem erwachsenen Lauftrainer Bill (Jason Ritter, TV-Serie "Another Period") hatte, einem früheren Olympioniken. Während Jennifer selbst das als eine Art gefährlichen Flirt als Jugendliche in Erinnerung hat, erkennt Nettie das Beschriebene sofort als das, was es ist: Ihre Tochter wurde von einem manipulativen Pädophilen verführt und mißbraucht! Und obwohl Jennifer das für maßlos übertrieben hält, läßt die Geschichte sie nicht mehr los und sie beginnt – ganz die Dokumentarfilmerin – nachzuforschen, was damals wirklich geschah …

Kritik:
Es gibt eine ganze Reihe von Dokumentarfilmern, die sich früher oder später auch als Spielfilm-Regisseure versucht haben – zu den erfolgreichsten zählen etwa Krzysztof Kieślowski ("Drei Farben"-Trilogie), Kevin Macdonald ("Der letzte König von Schottland") und James Marsh ("Die Entdeckung der Unendlichkeit"). Die US-Amerikanerin Jennifer Fox hat jedoch einen besonders guten und einleuchtenden Grund für den Metierwechsel: Sie erzählt in dem Emmy-nominierten "The Tale – Die Erinnerung" ihre eigene Geschichte! Es fällt auch schwer, sich vorzustellen, wie jemand einen so intimen, bedrückenden Film wie diesen realisieren könnte, ohne aus eigenen Erfahrungen zehren zu können. Zumindest würde der betreffende Film dann wahrscheinlich bei weitem nicht so ehrlich und wahrhaftig wirken, wie es bei "The Tale" der Fall ist. Angesichts der Thematik, so behutsam sie von Fox in Szene gesetzt wurde, ist es naturgemäß unabhängig von der Qualität eine Herausforderung für jeden Zuschauer, sich "The Tale" anzuschauen – aber glücklicherweise ist die Qualität hoch und Fox konnte dank der Hilfe ihres Mentors Brian De Palma ("Phantom of the Paradise") und des Koproduzenten Oren Moverman ("The Messenger") hochkarätige Schauspieler verpflichten, die ihre anspruchsvollen Rollen ebenso einfühlsam wie authentisch verkörpern. Ein Film wie "The Tale" ist nicht ganz einfach zu rezensieren und ganz ohne Spoiler ist es noch schwieriger. Zwar ist der Handlungsverlauf ob der Prämisse und der Tatsache, daß es sich um eine wahre Geschichte (aus der erklärt subjektiven Sichtweise von Jennifer Fox) handelt, in den Grundzügen weitgehend vorhersehbar, trotzdem gilt: Wer den Film möglichst unbeeinflußt sehen möchte, der sollte an dieser Stelle die Lektüre meiner Rezension besser abbrechen.
Aus einem durchgehend starken und erkennbar engagierten Ensemble sticht besonders Laura Dern hervor, die in der Hauptrolle als Alter Ego der Filmemacherin Jennifers zögerliches, sogar widerwilliges Begreifen dessen, was vor 35 Jahren tatsächlich geschah, nuanciert ausspielt. Es ist beinahe wie ein Puzzle, das Jennifer nach und nach zusammensetzt durch Gespräche mit ihrer Mutter, aber auch mit damaligen Freundinnen vom Reiterhof und selbst der alten Mrs. G. (Frances Conroy, TV-Serie "Six Feet Under"), deren genaue Rolle lange mysteriös bleibt. Denn Jennifer erinnert sich an eine Art Dreierbeziehung zwischen Bill, Mrs. G. und ihr, anhand derer sie sich geradezu privilegiert fühlte. Doch nun fragt sie sich, inwiefern ihre Verführung geplant war und wer genau welche Rolle dabei spielte. Wie lückenhaft oder romantisiert ihre eigenen Erinnerungen sind, verdeutlicht Fox recht früh mit einem besonders gelungenen Kniff, denn als ihre Mutter ihr eine Foto aus dieser Zeit zeigt, begreift sie, daß sie viel jünger und kindlicher war als in ihrer Vorstellung – woraufhin die Darstellerin der jungen Jennifer in den zahlreichen Flashbacks prompt von der bereits recht fraulich wirkenden 15-jährigen Jessica Sarah Flaum zu der maximal am Beginn der Pubertät stehenden 11-jährigen Isabelle Nélisse ("Mama") wechselt (die eine 13 Jahre alte Jennifer spielt)! Ein weiterer guter Einfall ist es, Jennifer Fox' Erfahrung als Dokumentarfilmerin in diesem Spielfilmdebüt nicht zu ignorieren und Laura Derns Jennifer fiktive Interviews mit den handelnden Personen von vor 35 Jahren führen zu lassen – inklusive Zwiegesprächen mit ihrem jüngeren Ich, das trotzig darauf beharrt, sie sei kein Opfer.
Die Dialoge sind angesichts Fox' persönlicher Erfahrungen erwartungsgemäß authentisch und zielführend geschrieben, ohne die Thematik unnötig aufzubauschen. Es braucht auch gar keine sensationsheischenden Szenen, denn es ist viel eindrücklicher mitanzuschauen, wie raffiniert (und möglicherweise vielfach erprobt?) Bill sich in Jennifers von frühpubertärer Unsicherheit und familiären Problemen beherrschte Gedanken schleicht und sie manipuliert. Daß sich Fox dazu entschied, auch (dezent gefilmte) Sexszenen einzubauen, kann man derweil sicher kontrovers diskutieren, es war ihr aber erklärtermaßen wichtig und es ergibt inhaltlich durchaus Sinn, bei einer so intimen Geschichte nicht im letzten Moment wegzublenden, zumal Bills abscheulich manipulative Methodik wohl nur auf diese Weise angemessen verdeutlicht werden kann. Davon abgesehen geht Fox jedoch so behutsam vor, daß man sich als Zuschauer (zumindest ging es mir so) erstaunlicherweise gar nicht so erschüttert fühlt wie man es vermuten würde. Das hängt sicher mit der betont analytischen Vorgehensweise von Jennifer zusammen, die zunächst sich selbst gegenüber leugnet, daß diese "romantische Beziehung" nichts anderes als Mißbrauch, ja sogar Vergewaltigung war, und sich auch später – mit einer Ausnahme – nie wirklich einen kathartischen Wut- oder Verzweiflungsausbruch gestattet. In Rahmen der Entwicklung werden ebenfalls einige typische Aspekte der Mißbrauchsthematik angesprochen; so merkt Jennifers Mutter etwa an, ihre Tochter sei schon immer auffallend bindungsscheu gewesen, außerdem schafft Jennifer es lange nicht, sich ihrem fürsorglichen Verlobten gegenüber zu öffnen. Doch letztlich spielen diese Aspekte ebenso nur eine Nebenrolle wie die übrigen Figuren, abgesehen vielleicht von Jennifers Mutter Nettie, die sich natürlich fragt, wie sie das alles nicht bemerken konnte.
Dennoch: "The Tale" (übrigens eine deutsche Koproduktion) ist eindeutig Jennifers Geschichte, komplett aus ihrer Perspektive – wenngleich einer zwischen der jungen und der gegenwärtigen Jennifer zweigeteilten Perspektive – geschildert. Über den oder die Täter erfahren wir Jennifers behutsamen Nachforschungen zum Trotz vergleichsweise wenig, was ein bißchen frustrierend sein kann, aber gleichzeitig nachvollziehbar ist, da das eben nicht im Fokus des Films steht. Letzten Endes ist "The Tale" ein außergewöhnliches Filmerlebnis, nicht einfach anzuschauen, jedoch einsichtsreich, zum Nachdenken anregend und lange nachhallend. Gerade im Zuge der weltweiten #MeToo-Bewegung (deren Beginn zufällig fast genau mit der Premiere von "The Tale" zusammenfiel), aber auch der anhaltenden Aufklärung der unzähligen Mißbrauchsfälle etwa in der katholischen Kirche ist das Thema "sexueller Mißbrauch" schließlich viel stärker ins Licht der Öffentlichkeit gelangt und wird offener und ehrlicher diskutiert als vielleicht jemals zuvor – wobei sich natürlich auch die Maßstäbe verschoben haben und weiter verschieben, was genau sexueller Mißbrauch ist. Womit wir wiederum bei Jennifer Fox wären, der 35 Jahre lang nicht bewußt war, daß sie selbst sexuell mißbraucht wurde. Insofern läßt sich "The Tale" vielleicht gar als Ratgeber betrachten, der einem beibringt, auf welche scheinbar harmlosen Details man – beispielsweise bei den eigenen Kindern – achten sollte ...

Fazit: "The Tale – Die Erinnerung" ist ein ernsthaftes, mitunter unangenehm intimes, dabei aber bedachtsam entwickeltes Mißbrauchsdrama, das weniger emotional daherkommt als man es vermuten würde, aber dafür mit starken Schauspielern und einem mutigen, authentischen Blick auf die Thematik überzeugt.

Wertung: 8,5 Punkte.


"The Tale – Die Erinnerung" erscheint am 3. Mai 2019 von capelight pictures auf DVD und Blu-ray und umfaßt eine Art Anhang, in dem die Regisseurin einige Fragen beantwortet, die ihr bei Vorführungen des Films häufig gestellt werden (speziell darüber, wie die "pikanten Szenen" mit der jungen Jennifer realisiert wurden). Ein Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise von capelight pictures zur Verfügung gestellt.


Screenshots: © capelight pictures

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