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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 8. November 2012

ABBITTE (2007)

Originaltitel: Atonement
Regie: Joe Wright, Drehbuch: Christopher Hampton, Musik: Dario Marianelli
Darsteller: Keira Knightley, James McAvoy, Saoirse Ronan, Romola Garai, Brenda Blethyn, Vanessa Redgrave, Harriet Walter, Juno Temple, Benedict Cumberbatch, Jérémie Renier, Nonso Anozie, Patrick Kennedy, Daniel Mays
 Atonement
(2007) on IMDb Rotten Tomatoes: 83% (7,4); weltweites Einspielergebnis: $129,3 Mio.
FSK: 12, Dauer: 123 Minuten.

England im Sommer 1935: Auf einem mondänen Landsitz beginnt sich eine lange verborgene Leidenschaft zwischen der schönen Cecilia (Keira Knightley) und Robbie (James McAvoy, "X-Men: Erste Entscheidung", "Wimbledon"), dem gutaussehenden Sohn der Haushälterin, heißblütig zu entfalten. Sehr zum Mißfallen von Cecilias jüngerer Schwester, der altklugen angehenden Schriftstellerin Briony (verdiente OSCAR-Nominierung für die damals 13-jährige Saoirse Ronan, "In meinem Himmel", "Violet & Daisy"), die ebenfalls heimlich in den deutlich älteren Robbie verliebt ist. Als sich eines Abends die Geschehnisse überschlagen, wird der von den hohen Herrschaften stets eher mißtrauisch beäugte Robbie infolge einer Falschaussage Brionys der Vergewaltigung beschuldigt und kurzerhand ins Gefängnis geworfen. Aus der Haft entlassen wird er erst vier Jahre später – der Zweite Weltkrieg hat begonnen, Soldaten werden benötigt. Derweil versucht die mittlerweile volljährige Briony (Romola Garai, "Scoop") als Krankenschwester Abbitte zu leisten für das, was sie Cecilia und Robbie mit ihrer unbedachten Lüge angetan hat ...

Kritik:
Joe Wrights Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Ian McEwen ging 2008 als Mitfavorit ins OSCAR-Rennen – konnte trotz sieben Nominierungen jedoch nur eine Kategorie für sich entscheiden. Zum Glück, denn im Gegensatz zur vorherigen Zusammenarbeit von Wright und Knightley bei der sehr gelungenen Austen-Adaption "Stolz und Vorurteil" konnte mich "Abbitte" lediglich phasenweise überzeugen. Primärer Grund dafür ist, daß der Film sehr überfrachtet wirkt und deshalb den ernsten Themen, die er behandelt, nicht gerecht werden kann.

Zwar ist eine Laufzeit von 115 Minuten nicht wirklich wenig, aber angesichts der Tatsache, daß der Film (trotz einiger Zeitsprünge) klar in zwei sehr unterschiedliche Hälften unterteilt ist, die man fast als eigene kurze Filme betrachten kann, bleibt diesen letztlich weniger als eine Stunde, um ihre Geschichte zu erzählen. Zumal es auch noch einen Epilog gibt, der dank der Schauspielkunst von Vanessa Redgrave als 77-jähriger Briony aber das eindeutige Highlight von "Abbitte" darstellt. Die Handlung bleibt jedenfalls angesichts dieses permanenten Zeitdrucks beinahe zwangsläufig eher an der Oberfläche. Wer das Buch gelesen hat, den stört das möglicherweise weniger, da er die Hintergründe und Zusammenhänge ja bereits kennt; aber für jemanden, der ohne Vorkenntnisse an den Film herangeht, ist es ein echtes Problem.

Hinzu kommt, daß die Handlung in der ersten Hälfte starke Seifenopernelemente beinhaltet. Für meinen Geschmack eindeutig zu starke. Vermutlich ist es im Buch anders, aber das, was in dieser Adaption an Storyelementen geboten wird (Verbotene Liebe! Eifersüchtige Schwester! Vertauschter Brief mit fatalen Folgen!), unterscheidet sich streng genommen kaum von einer durchschnittlichen Teenie-Soap – nur hier eben in höchst dramatischer Form. Die Charaktere fallen allerdings ziemlich klischeehaft aus und der Handlungsverlauf dieser ersten Hälfte ist schrecklich vorhersehbar. Abgesehen vom zentralen Trio Cecilia, Robbie und Briony bleiben sämtliche übrigen Figuren zudem dermaßen blaß, daß ihr Fehlen auch nicht weiter aufgefallen wäre.

Glücklicherweise wird die Geschichte in der zweiten Filmhälfte, die während des Krieges spielt, deutlich interessanter. Wright gelingt es nun lobenswert unprätentiös, die desillusionierende Situation der von den deutschen Truppen besiegten rund 300.000 englischen Soldaten zu zeigen, die an den Stränden Nordfrankreichs ihrer Rettung aus der Heimat harren. Gleichzeitig steht durch Cecilia und Briony auch immer wieder die Heimatfront im Mittelpunkt. Dadurch wird die Geschichte zwar noch weiter zerfasert, in diesem Fall macht es aber tatsächlich Sinn. Problematisch ist jedoch erneut die zu kurze Laufzeit. Gerade einmal etwa 50 Minuten reichen einfach bei weitem nicht aus, um der Kriegshandlung jene Tiefe zu verleihen, die sie verdient hätte. Das, was gezeigt wird, ist dafür sowohl schauspielerisch als auch handwerklich absolut überzeugend. Doch geschieht alles zu schnell und zu oberflächlich, um den Zuschauer wirklich emotional mitzunehmen. Und wiederum bleiben die Nebencharaktere bloße Staffage, anstatt etwas Substantielles zur Story beizutragen.

Die Stärken von "Abbitte" liegen damit eindeutig abseits der Handlung: Knightley, McAvoy, Garai, Ronan und Redgrave gefallen ausnahmslos, vor allem Keira Knightley beweist (wie auch in "Stolz und Vorurteil", "Die Herzogin" oder "Anna Karenina") einmal mehr, wie hervorragend sie sich in historischen Rollen macht. Und auch in technischer Hinsicht ist "Abbitte" richtig gut geworden. Sowohl die Seifenoper der ersten als auch die Kriegshandlung der zweiten Hälfte wurden vom nordirischen Kameramann Seamus McGarvey in wunderschöne, atmosphärische Bilder gekleidet, die OSCAR-gekrönte Musik von Dario Marianelli ist ebenso elegant wie  originell (so wird beispielsweise das Geräusch von Brionys Schreibmaschine in die Melodie eingebunden), Ausstattung und Kostüme sind äußerst hochwertig. Schade, daß der Inhalt mit diesen Qualitäten nicht mithalten kann.

Aber zugegeben, ich gehöre wohl kaum zur primären Zielgruppe eines Films wie "Abbitte". Ich bin kein Fan von Seifenopern, vor allem dann nicht, wenn sie nicht einmal Humor zu bieten haben. Das trifft auf "Abbitte" zu und somit fehlt auch jegliche Ablenkung von den teilweise unfaßbar dämlichen Handlungsweisen der Charaktere in der ersten Hälfte (der vertauschte Brief! Herrje, wie blöd kann man denn eigentlich sein?). Dennoch bin ich sicher: Hätte man aus McEwans Roman zwei Filme á 100 Minuten gemacht, wäre das Resultat deutlich besser ausgefallen. So ist "Abbitte" in meinen Augen nicht mehr als, wenngleich wunderschön anzuschauendes, Mittelmaß. Auch wenn das etliche Kritiker und Zuschauer anders sehen ...

Fazit: "Abbitte" ist ein handwerklich wunderbar gemachtes historisches Liebesdrama mit sehr guten Darstellern, das darunter leidet, daß die "Schuld und Sühne"-Handlung und die Figuren in der Buchvorlage wohl zu komplex sind, um sie in einem zweistündigen Film angemessen umsetzen zu können.

Wertung: 6 Punkte.


1 Kommentar:

  1. Das ging mir sehr ähnlich, als ich ihn vor einigen Jahren gesehen habe, dieses leichte Gefühl der Überfrachtung. Schön, wenn man mit seiner Meinung nicht allein ist. :-) Das Buch werde ich aber auf jeden Fall trotzdem noch lesen, bin doch ein ziemlicher Fan von McEwan.

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