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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 7. November 2012

VIELLEICHT LIEBER MORGEN (2012)

Originaltitel: The Perks of Being a Wallflower
Regie und Drehbuch: Stephen Chbosky, Musik: Michael Brook
Darsteller: Logan Lerman, Emma Watson, Ezra Miller, Nina Dobrev, Dylan McDermott, Kate Walsh, Paul Rudd, Mae Whitman, Joan Cusack, Erin Wilhelmi, Reece Thompson, Tom Savini, Melanie Lynskey, Johnny Simmons, Nicholas Braun, Adam Hagenbuch
 The Perks of Being a Wallflower
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 86% (7,5); weltweites Einspielergebnis: $33,4 Mio.
FSK: 12, Dauer: 103 Minuten.

Als der schüchterne Charlie (Logan Lerman), jüngstes von drei Geschwistern, um 1990 herum auf die Highschool kommt, ist es nicht gerade so, als hätten seine neuen Mitschüler auf ihn gewartet. Charlie wird vereinzelt schikaniert, bestenfalls ignoriert, bis er das etwas ältere und ziemlich merkwürdige Stiefgeschwisterpaar Patrick (Ezra Miller) und Sam (Emma Watson) kennenlernt und durch die beiden Zugang zu einer Art Außenseiterclique in der Schule erhält. Natürlich kommt es, wie es kommen muß, und Charlie verliebt sich unsterblich in die schöne Sam. Die allerdings ist mit dem pseudointellektuellen Kunststudenten Craig (Reece Thompson, "Lange Beine, kurze Lügen") liiert, obwohl sie ihn nicht wirklich liebt. Doch sind Liebeswirren bei weitem nicht das einzige, womit sich Charlie herumschlagen muß, denn er trägt schwer an der Erinnerung an schicksalhafte Ereignisse aus seiner Vergangenheit, von denen seine neuen Freunde und das Publikum erst nach und nach erfahren ...

Kritik:
Kurz vor Ende von "Vielleicht lieber morgen" sagt Charlie sinngemäß: Es gibt Menschen, die vergessen an ihrem 17. Geburtstag, wie es ist, 16 Jahre alt zu sein. Und er gibt damit eine perfekte negative Zielgruppenbeschreibung ab. Stephen Chboskys Verfilmung seines leicht autobiografisch gefärbten Briefromans (der auf Deutsch zunächst unter dem eleganteren Titel "Das also ist mein Leben" erschien) richtet sich nämlich ganz eindeutig an Menschen jeden Alters, die sich daran erinnern können und vor allem auch wollen, wie es ist, so jung zu sein – mit allem, was dazugehört; all den scheinbar bleischweren existenziellen Problemen, all den unfaßbaren Glücksmomenten, schlicht der gesamten emotionalen Achterbahnfahrt, die jeder Teenager durchlebt.
Daß ein Romanautor ohne größere Erfahrung in der Filmbranche – abgesehen davon, daß er Mitschöpfer der recht kurzlebigen TV-Serie "Jericho – Der Anschlag" war, hat er lediglich das Drehbuch zu Chris Columbus' gefloppter Musical-Verfilmung "Rent" beigesteuert und vereinzelt als Produzent fungiert – seinen eigenen Erfolgsroman verfilmen darf, ist nicht gerade alltäglich. Doch die Produzenten, die sich die Filmrechte sicherten (darunter auch der Schauspieler John Malkovich), wollten genau das und konnten Chbosky tatsächlich dazu überreden, sowohl die Umarbeitung in ein Drehbuch als auch die Regie zu übernehmen. Eine mutige Entscheidung aller Beteiligten, die sich zweifellos rentiert hat. Zwar ist Chboskys Inszenierung streng genommen nicht viel mehr als solide – das reicht aber vollkommen aus, da die Tragikomödie ihre großen inhaltlichen Stärken voll ausspielen kann. Kein Wunder, wer wüßte schließlich besser als der Autor selbst, worauf es in seiner Story besonders ankommt? Und wer könnte passendere Schauspieler für jene Figuren finden, die in seinem Kopf entstanden sind, als Stephen Chbosky? Wohl niemand, und so zählt die Besetzung zu den ganz großen Stärken dieser klassischen Außenseiterballade.
Glücklicherweise hat Chbosky seine Hauptdarsteller nicht nur nach Aussehen ausgewählt, denn die erstaunliche emotionale Tiefe und Komplexität speziell der drei zentralen Charaktere fordert den Akteuren großes schauspielerisches Können ab. Eine Aufgabe, der Logan Lerman, Emma Watson und Ezra Miller spielerisch gewachsen sind. Lerman, bekannt geworden vor allem durch seine Hauptrollen in den nicht übermäßig anspruchsvollen Abenteuerfilmen "Percy Jackson – Diebe im Olymp" und "Die drei Musketiere", interpretiert Charlie nicht einfach nur als irgendein jugendliches Mauerblümchen. Vielmehr bringt er das Publikum dazu, mit Charlie zu fühlen, zu lachen und auch zu weinen, als Stück für Stück die ihn quälenden traumatischen Erfahrungen, die sein ganzes Wesen beherrschen und vor deren Auswirkungen er selbst sich am meisten fürchtet, enthüllt werden. Ähnliches gilt für Emma Watson, die sich bereits mit ihrer Nebenrolle in "My Week with Marilyn" von ihren Anfängen als Kinderstar emanzipiert hat und hier Sam als eine atemberaubende junge Dame verkörpert, die trotz ihrer Schönheit und Intelligenz wie so viele Teenager von notorischer Unsicherheit geplagt wird. Wohl sogar noch ein kleines Stückchen besser als Lerman und Watson ist derweil Ezra Miller, der 2011 als Schul-Amokläufer in Lynne Ramsays "We need to talk about Kevin" beeindruckte, in seinem Schauspielstil ein wenig an Joseph-Gordon Levitt ("Looper") erinnert und als Patrick mit einer ungemein charismatischen Performance aufwartet. Die ebenfalls gut besetzten erwachsenen Darsteller (darunter "Vampire Diaries"-Star Nina Dobrev als Charlies ältere Schwester Candace und Paul Rudd als sein Lieblingslehrer Mr. Anderson) ergänzen dieses zentrale Trio wohltuend unaufgeregt, sie unterstützen es gekonnt, bleiben aber stets im Hintergrund.
Wer wie ich das Buch nicht kennt und nur den (guten) Trailer gesehen hat, der wird im Verlauf der Handlung mit einigen recht heftigen Überraschungen konfrontiert. Denn anders als erwartet befaßt sich Chbosky keineswegs nur mit den obligatorischen Teenager-Problemen, sondern fährt richtig heftige Geschütze auf. Themen wie sexueller Mißbrauch, Gewalt gegen Frauen, Depressionen und Diskriminierung von Minderheiten erwartet man in einer an der Highschool spielenden Tragikomödie vielleicht vereinzelt, aber ganz bestimmt nicht in dieser geballten Form. Tatsächlich wirkt es in einem 100-Minuten-Film sogar ein wenig unglaubwürdig, daß fast jeder aus Charlies auf den ersten Blick relativ normal wirkendem Freundeskreis ein schweres Los mit sich trägt. Statistisch dürfte das recht unwahrscheinlich sein, dennoch packt Chbosky all das in seine bewegende Geschichte. Ein großes Verdienst ist dabei die Art und Weise, wie er es tut, denn obwohl diese Themen zwangsläufig relativ kurz abgehandelt werden, geschieht es doch mit großer Ernsthaftigkeit und Empathie. Letztere läßt sich auch an den gar nicht so seltenen Momenten ablesen, in denen Chbosky seine jungen Helden in für die Teenager-Zeit wohl unvermeidliche potentiell höchst peinliche Situationen manövriert, abgesehen von einer kleinen, dramaturgisch notwendigen Ausnahme aber der Versuchung widersteht, nach billigen Fremdschäm-Lachern zu fischen. Man merkt: Seine Figuren sind nicht einfach nur Mittel zum Zweck, sondern liegen ihm unübersehbar am Herzen. Die Schüler und ihre Probleme wirken auch dank der prägnanten und klugen Dialoge aus Chboskys Feder einfach "echt". Deshalb kann man sich selbst dann mit ihnen identifizieren, wenn man kaum Gemeinsamkeiten mit ihnen hat. Ganz besonders trifft das natürlich auf jene Zuschauer zu, die (wie ich) in etwa zur gleichen Zeit die Schule besucht haben und das damalige Lebensgefühl (mit allgegenwärtigen Mixtape-Kassetten, aber ohne Handys oder Internet!) nachempfinden können, doch im Grunde genommen sollte die Geschichte universell und zeitlos sein.
Ich weiß, daß es viele Zuschauer gibt, die sich bei modernen Jugendfilmen wie Jason Reitmans "Juno" daran stören, daß deren Protagonisten so unwahrscheinlich "hip" sind; hippe Klamotten tragen, hip sprechen, hippe Musik hören. Also genau so sind wie in der Realität die wenigsten Teenager. Diejenigen kann ich beruhigen: Auch in diesem Bereich gibt sich "Vielleicht lieber morgen" bodenständig. Charlie, Patrick, Sam und ihre Außenseiterfreunde sind zwar ein bißchen hip, aber nicht so richtig. Sie performen einerseits regelmäßig bei Vorführungen der kultigen "Rocky Horror Picture Show" – wobei ich mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher bin, ob das jemals der Definition von "hip" entsprach –, haben andererseits aber keine Ahnung, was sie da hören, als im Radio David Bowies "Heroes" läuft. Entsprechend ist auch die musikalische Untermalung von "Vielleicht lieber morgen" eine erfreulich stimmige Kombination aus eher mainstreamigen Liedern (wie "Temptation" von New Order, "Don't dream it's over" von Crowded House oder "Come on Eileen" von Dexys Midnight Runners) und unbekannteren Independent-Songs.

Übrigens hat Stephen Chbosky es sogar geschafft, das zentrale Merkmal eines Briefromans auf die Leinwand hinüberzuretten, indem er wiederholt Charlie in Briefen an einen ungenannten Freund (der letztlich auch für das Publikum steht) über seine Erlebnisse und seine Gefühlswelt reflektieren läßt. Ebenso wie man als Zuschauer nach Verlassen des Kinos noch eine Zeitlang das Gesehene nachdenklich Revue passieren läßt und mit den eigenen Jugend-Erfahrungen vergleicht.

Fazit: "Vielleicht lieber morgen" ist eine wunderbar poetische, melancholisch-nostalgische Tragikomödie mit einer einfühlsamen und trotz eines beträchtlichen Humoranteils unerwartet ernsten Handlung, glaubwürdigen, zutiefst sympathischen Protagonisten und einer nahezu perfekten Besetzung. In nicht allzu ferner Zukunft wird "Vielleicht lieber morgen" mit großer Wahrscheinlichkeit neben Klassikern wie "Der Club der toten Dichter", "Ferris macht blau", "American Graffiti", "Der Frühstücksclub" oder "Der Eissturm" zu den besten Coming of Age-Filmen überhaupt gezählt werden.

Wertung: 9 Punkte.


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