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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 20. Juni 2012

ANONYMUS (2011)

Originaltitel: Anonymous
Regie: Roland Emmerich, Drehbuch: John Orloff, Musik: Harald Kloser und Thomas Wander
Darsteller: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Rafe Spall, David Thewlis, Sebastian Armesto, Joely Richardson, Jamie Campbell Bower, Sir Derek Jacobi, Xavier Samuel, Trystan Gravelle, Mark Rylance, Jasper Britton, Sam Reid, Edward Hogg, Helen Baxendale, Vicky Krieps, Paula Schramm, Jonas Hämmerle, Tom Wlaschiha
 Anonymous
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: 46% (5,5); weltweites Einspielergebnis: $15,4 Mio.
FSK: 12, Dauer: 130 Minuten.

England, um 1600: Edward de Vere (Rhys Ifans), der Earl of Oxford, ist ein begnadeter Autor, als Adliger darf er seine Stücke aber nur am Hof der theaterbegeisterten Königin Elizabeth I. (in jungen Jahren: Joely Richardson, später: Vanessa Redgrave) aufführen lassen, keinesfalls vor dem gemeinen Volk. Deshalb bezahlt er den relativ erfolgreichen Theaterautor Ben Jonson (Sebastian Armesto, "Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten") dafür, die Stücke unter seinem Namen zu veröffentlichen. Jonson nimmt den ungewöhnlichen Auftrag an, zaudert aber zunächst und gibt bei der ersten Aufführung als Autor lediglich "Anonymus" an. Diese Vorsichtsmaßnahme nutzt der trinkfreudige Schauspieler William Shakespeare (Rafe Spall, "Life of Pi") prompt aus, um sich selbst nach der gefeierten Uraufführung dem Publikum als vermeintlicher Autor zu präsentieren. Der Earl of Oxford wiederum muß sich derweil vor allem mit politischen Intrigen am Königshof herumschlagen ...

Kritik:
Nach all seinen spektakulären Big-Budget-Katastrophenfilmen hatte der deutsche Hollywood-Regisseur Roland Emmerich Lust auf etwas ganz anderes. Das auf den seit Jahrhunderten anhaltenden Spekulationen über die wahre Urheberschaft der Werke William Shakespeares basierende Drehbuch von John Orloff ("Ein mutiger Weg", "Die Legende der Wächter") wollte er schon lange verfilmen, nun machte er es mit verhältnismäßig geringem  Budget (etwa $30 Mio.) in den Babelsberger Filmstudios wahr. Und der Versuch ist alles in allem geglückt zumindest qualitativ, denn kommerziell ist "Anonymus" mit einem weltweiten Einspielergebnis von nur gut $15 Mio. zu einem veritablen Flop avanciert.

Das ist schon deshalb schade, weil Emmerichs Wagnis, aus seiner erfolgreichen, aber wenig anspruchsvollen Katastrophenfilm-Wohlfühlzone auszubrechen, damit letztlich bestraft wird, obwohl das Resultat besser ausgefallen ist als viele seiner Publikumshits. Zumal Emmerich auch ohne bombastische Spezialeffekte handwerklich wieder einmal in die Vollen gegangen ist und mit seinem Team eine überzeugende, authentisch (sprich: ziemlich schmutzig) wirkende Mittelalter-Atmosphäre samt einiger Massenszenen kreiert hat. Kostümbildnerin Lisy Christl wurde für ihre Arbeit sogar mit einer OSCAR-Nominierung belohnt, und selbst die Musik von Emmerichs Stammkomponisten Harald Kloser und Thomas Wander (deren Actionscores mich vorher nur selten begeistern konnten) ist diesmal sehr gelungen.

Zwiespältig ist die Handlung zu bewerten: Die Figurenkonstellation ist doch ziemlich stark dem klassischen Schwarz-Weiß-Schema verpflichtet, nur wenige Charaktere sind einigermaßen komplex ausgefallen (allen voran Edward de Vere, Ben Jonson und vielleicht noch die Königin). Vor allem die Darstellung Shakespeares nicht nur als Hochstapler, sondern als hinterhältige, ständig besoffene Knallcharge wirkt deutlich übertrieben und ist dramaturgisch wenig sinnvoll. Die politischen Bösewichte William und Robert Cecil sind zwar ebenfalls nicht gerade originell ausgearbeitet, erfüllen ihre Funktion aber deutlich besser wie überhaupt der Handlungsstrang um de Veres Leben als Adliger wesentlich interessanter ausgefallen ist als die eigentliche Shakespeare-Story.

Sollte Emmerich vorgehabt haben, mit seinem Film die öffentliche Diskussion über den tatsächlichen Autor von Shakespeares Werken anzuheizen, so dürfte ihm das genau deshalb in nur sehr begrenztem Maße gelungen sein. "Anonymus" nimmt sich sowieso zahlreiche historische Freiheiten heraus und auch wenn der Film die wohl populärste Theorie der "Shakespeare-Skeptiker" vertritt, will er letzten Endes doch "nur" unterhalten. Was ihm gelingt.

Nicht unbedingt einen Gefallen getan hat sich Emmerich jedoch mit seiner mitunter exzessive Züge annehmenden Verwendung verschiedener Zeitebenen (damit beginnend, daß der aus Film- und TV-Klassikern wie "Gladiator", "Ich, Claudius" oder "Bruder Cadafel" bekannte Shakespeare-Mime Sir Derek Jacobi, selbst ein bekennender "Shakespeare-Skeptiker", den Film in der Gegenwart als eine Art Erzähler umklammert). Zwar wirkt dieses Stilmittel auf den aufmerksamen Zuschauer weniger verwirrend als man vermuten könnte dennoch kann man sich schon bald nicht mehr des Gefühls erwehren, daß die vielen Zeitsprünge vornehmlich eine nicht vorhandene Komplexität der Handlung vorgaukeln sollen. Das schadet dem Filmgenuß zwar kaum, ist aber einfach überflüssig.

Was die schauspielerischen Leistungen betrifft, so wurde in der Öffentlichkeit die größte Aufmerksamkeit und das meiste Lob Vanessa Redgrave ("Song for Marion") in der Rolle der alternden Queen Elizabeth I. zuteil. Natürlich macht sie ihre Sache sehr gut, aber noch mehr beeindruckt hat mich der vor allem für seine Comedy-Rollen (z.B. in "Notting Hill" oder "Radio Rock Revolution") bekannte Waliser Rhys Ifans, der als Edward de Vere ungeahnte Qualitäten als dramatischer Darsteller offenbart. Die übrigen Akteure machen ihre Sache gut, ohne sonderlich glänzen zu können (dafür sind die meisten Figuren etwas zu oberflächlich). Anmerkenswert ist noch, daß die Darsteller der Theaterstücke, von denen im Filmverlauf etliche auszugsweise zu sehen sind, größtenteils von echten Schauspielern der Shakespeare Company Berlin gespielt werden, zudem hat Jonas "Wickie" Hämmerle einen Miniauftritt.

Fazit: "Anonymus" ist ein farbenprächtiger Historienfilm in der Art der TV-Serie "Die Tudors", der zwar unter ein paar Drehbuch-Schwächen leidet und sich zahlreiche historische Freiheiten nimmt, aber mit einer interessanten, humorvollen Handlung und einem starken Hauptdarsteller Rhys Ifans für gute Unterhaltung sorgt.

Wertung: 8 Punkte.


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