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Dienstag, 19. Juni 2012

DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE (2011)

Originaltitel: La piel que habito
Regie und Drehbuch: Pedro Almodóvar, Musik: Alberto Iglesias
Darsteller: Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Jan Cornet, José Luis Gómez, Roberto Álamo, Blanca Suárez, Eduard Fernández
 La piel que habito
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: 80% (7,4); weltweites Einspielergebnis: $30,8 Mio.
FSK: 16, Dauer: 121 Minuten.

Der visionäre plastische Chirurg Robert Ledgard (Antonio Banderas, "Haywire") entwickelt auf eigene Faust eine neue, sehr widerstandsfähige Art menschlicher Haut. Eine Patientin namens Vera (Elena Anaya) dient Robert in seinem Privatanwesen als Versuchsperson, dies allerdings nicht unbedingt freiwillig. Außer Robert weiß nur noch Marilia (Marisa Paredes, "The Devil's Backbone") über Vera Bescheid, die ihm als Haushälterin hilft und die Patientin bewacht, wenn er unterwegs ist. Als in Roberts Abwesenheit Marilias krimineller Sohn Zeca (Roberto Álamo) auftaucht und sich vor der Polizei verstecken will, dabei aber die schöne Vera entdeckt, geraten die Dinge außer Kontrolle ...

Kritik:
Obige Kurzbeschreibung des Inhalts von "Die Haut, in der ich wohne" ist im Grunde genommen nicht viel mehr als eine Skizzierung der Ausgangssituation. Alles, was darüber hinaus ginge, wäre zwangsläufig spoilerhaltig und da nach Ansicht der meisten Kritiker die unvorhersehbare Entwicklung des Handlungsverlaufs eine große Stärke des Films ist, will ich keinesfalls zu viel verraten. Obwohl ich die Ansicht dieser Kritiker nur bedingt teile. Grundsätzlich ist "Die Haut, in der ich wohne" ein ziemlich typischer Almodóvar-Film, wenngleich der Regisseur vom Genre her durchaus Neuland betritt. Häufig wird "Die Haut, in der ich wohne" als sein erster Horrorfilm bezeichnet, aber natürlich hat ein Almodóvar-Horrorfilm nicht viel mit dem gemein, was man landläufig unter dieser Genre-Bezeichnung versteht. Eher hat der spanische Regie-Exzentriker eine Genre-Mischung geschaffen, er vereint starke Thriller-Elemente mit Drama, Romantik, dem für ihn typischen Sinn für skurrilen, oft überdrehten Humor (der allerdings hier vergleichsweise spärlich gesät ist) und eben einem guten Schuß psychologischen Horrors.

Leider funktioniert diese Kombination nicht wirklich. Zu Beginn des Films ist man noch fasziniert von der mysteriösen Story, der fast traumartigen Atmosphäre samt sehr gelungener musikalischer Untermalung durch Alberto Iglesias. Doch nach gut einer halben Stunde gibt es einen Bruch. An dieser Stelle springt die Handlung in die Vergangenheit, um zu erklären, wie es zu der Gegenwartskonstellation kommen konnte. Das Problem dabei: Almodóvar enthüllt den (eigentlich spektakulären und in der Tat kaum vorhersehbaren) Clou seiner Geschichte auf diese Weise viel zu früh. Durch die Geschehnisse innerhalb der Rückblicke macht er es dem Publikum viel zu leicht, das große Geheimnis bereits früh zu durchschauen. Oder aus einer anderen Perspektive betrachtet: Er hält die Rückblicke viel zu lange aufrecht, nachdem sie das Wesentliche bereits offenbart haben und damit inhaltlich ziemlich überflüssig werden. Das auf die Enthüllung Folgende ist nicht nur (zumindest für erfahrene Kinogänger) sehr vorhersehbar, sondern wenig spektakulär, ehrlich gesagt: maßlos in die Länge gezogen und damit zumindest phasenweise schlicht langweilig.

Zwar bleibt die durchgehend schöne Musik ein Trost und auch die Leistungen der beiden Hauptdarsteller sowie der wichtigsten Nebendarsteller Marisa Paredes und Jan Cornet sind aller Ehren wert. Außerdem darf die bezaubernde Elena Anaya ("Point Blank", Almodóvars "Sprich mit ihr") in einer bemerkenswert textilfreien Rolle einmal mehr beweisen, daß sie zweifellos zu den schönsten Schauspielerinnen ihrer Generation gehört. Doch insgesamt fehlt "Die Haut, in der ich wohne" in meinen Augen einfach die Spannung, was angesichts der starken Thriller-Elemente der Geschichte naturgemäß eher kontraproduktiv ist. Darüber kann auch Pedro Almodóvars wie gewohnt faszinierende stilistische Handschrift nur unzureichend hinwegtäuschen. Hinzu kommt, daß die Handlungsentwicklung gegen Ende doch zunehmend abstrus wird und die Grenzen der Glaubwürdigkeit arg strapaziert. Die für Almodóvars Verhältnisse über weite Strecken überraschend emotionslosen Hauptfiguren sind zwar recht gut ausgearbeitet und ihre Verhaltensweisen psychologisch einigermaßen nachvollziehbar. Durch die zu frühe Enthüllung des großen Geheimnisses hilft das aber auch nicht allzu sehr weiter. Zumal selbst der erstaunlich antiklimaktische "Showdown" eher enttäuschend ausfällt.

Ich will angesichts dieser nicht gerade enthusiastischen Rezension nicht verschweigen, daß ich nicht der allergrößte Anhänger der Filme von Pedro Almodóvar bin. Zwar war ich begeistert von "Sprich mir ihr", doch der Rest seines Œuvres rangiert für mich eher zwischen langweilig ("La mala educación") und ganz nett ("Volver"). Es dürfte also nicht so unwahrscheinlich sein, daß Fans des (für "Sprich mit ihr") OSCAR-gekrönten Regisseurs mehr Begeisterung für "Die Haut, in der ich wohne" aufbringen können als ich es tue.

Fazit: "Die Haut, in der ich wohne" ist eine anfänglich faszinierende, nach dem ersten Akt aber zunehmend unausgegorene Genre-Mischung mit zwei großartigen Hauptdarstellern, die ihren größten inhaltlichen Trumpf viel zu früh ausspielt und gegen Ende immer unglaubwürdiger wird.

Wertung: 5,5 Punkte.


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