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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 11. Februar 2021

THE VIGIL – DIE TOTENWACHE (2019)

Regie und Drehbuch: Keith Thomas, Musik: Michael Yezerski
Darsteller: Dave Davis, Lynn Cohen, Menashe Lustig, Malky Goldman, Ronald Cohen, Fred Melamed, Rob Tunstall
The Vigil - Die Totenwache (2019) on IMDb Rotten Tomatoes: 92% (6,9); weltweites Einspielergebnis: $1,1 Mio.
FSK: 16, Dauer: 90 Minuten.
Der ca. 30-jährige Yakov Ronen (Dave Davis, "The Big Short") hat kürzlich seine ultraorthodoxe jüdische Gemeinde verlassen und versucht seitdem, sich in der "normalen" Welt von New York einzupassen. Da ihm das durch seine buchstäbliche Weltfremdheit alles andere als leicht fällt, sucht er den Beistand einer Selbsthilfegruppe, bei der er auch die an ihm interessierte Sarah (Malky Goldman, Netflix-Serie "Unorthodox") kennenlernt. Durch seine Defizite im Umgang mit gewöhnlichen New Yorkern konnte Yakov allerdings noch keine Arbeit finden, weshalb er das Angebot von Rabbi Shulem (Menashe Lustig) aus seiner alten Gemeinde widerwillig annimmt, für gutes Geld die traditionelle Totenwache für den verstorbenen Rubin Litvak zu übernehmen – auch wenn ihm klar ist, daß der Rabbi ihn vor allem wieder in die Gemeinde zurückholen will. Bei der Totenwache, die bis zum Morgengrauen andauert und bei der außer dem Verblichenen nur noch dessen an Demenz erkrankte Witwe (Lynn Cohen, "Die Tribute von Panem – Catching Fire") im Haus ist, vernimmt Jakov schon bald unheimliche Geräusche und sieht Dinge, die eigentlich nicht existieren können. Mrs. Litvak erklärt dem verunsicherten Jakov, daß ihr Mann seit seiner Flucht aus dem KZ Buchenwald von einem unsichtbaren Dämon namens Mazzik begleitet wurde, der sich von der Angst eines Menschen nährt und nach dem Tod von Mr. Litvak einen neuen Wirt sucht – und der nach einem traumatischen Erlebnis mental angeschlagene Jakov scheint dafür das ideale Opfer zu sein. Oder ist er doch einfach nur kurz davor, verrückt zu werden?
 
Kritik:
Religion als erzählerischer Hintergrund für einen Horrorfilm? Das ist nicht ganz neu. Vor allem der Katholizismus ist in dieser Hinsicht äußerst beliebt und hat mit den Exorzismusfilmen (mit William Friedkins "Der Exorzist" von 1973 als logischem Höhepunkt) sogar ein eigenes Horror-Subgenre hervorgebracht, das seit Jahrzehnten gerne und regelmäßig bedient wird. Horrorfilme mit jüdischer Thematik sind dagegen deutlich seltener zu finden. Zwar gilt mit Paul Wegeners Stummfilm-Klassiker "Der Golem, wie er in die Welt kam" aus dem Jahr 1920 ein solcher sogar als erster großer Horrorfilm der Geschichte (wobei Wegener schon zuvor zwei "Golem"-Filme gedreht hatte, die aber bei weitem nicht die filmhistorische Bedeutung des dritten haben), doch seitdem kam nicht mehr so richtig viel. Erst in den letzten Jahren änderte sich das ein wenig, mit Ole Bornedals "Possession – Das Dunkle in dir" (2012) – in dem der jüdische Totengeist Dibbuk der Gegenspieler ist – gab es gar einen kleinen Hit. Dazu kam der israelische "Golem – Wiedergeburt" (2018) von Doron und Yoav Paz und Joel und Ethan Coens schwarzhumorige Tragikomödie "A Serious Man" (2009), welche als vom biblischen Buch Hiob inspiriert gilt, hat definitiv Züge eines psychologischen Horrorfilms, in dem der jüdische Glaube eine große Rolle spielt. Ich weiß nicht, ob das schon ausreicht, um einen kleinen Trend zu konstatieren, aber mit Keith Thomas' "The Vigil – Die Totenwache" steht nun jedenfalls der nächste Vertreter des "jüdischen Horrorfilms" an. Und obwohl Thomas' für weniger als $2 Mio. produziertes Langfilm-Regie- und Drehbuch-Debüt für Mainstream-Horrorfans arg tempoarm inszeniert sein könnte, überzeugt es mit einer nicht mangelfreien, aber insgesamt gelungenen Mischung aus einem an den Indie-Gruselhit "It Follows" erinnernden Monster, jüdischer Mystik und Trauerdrama.
Zu Beginn macht uns eine Texteinblendung (die deutsche Übersetzung wurde vermutlich auf den letzten Drücker fertiggestellt, denn darin befinden sich gleich zwei dicke Fehler) mit der jüdischen Totenwache vertraut, bei der ein sogenannter Shomer – zumeist ein Verwandter, wie hier manchmal auch jemand, der dafür bezahlt wird – bis zum Morgengrauen über den Körper des Verblichenen wacht und dabei hin und wieder Psalme zitiert, betet und/oder religiöse Texte liest. Doch bevor es dazu in "The Vigil" kommt, lernen wir den gramgeplagten Protagonisten Jakov kennen, wobei zunächst noch unklar bleibt, warum er so traurig ist und seine orthodoxe Gemeinde verlassen hat – Details dazu erfahren wir erst nach und nach in kleinen Flashbacks. Thomas erledigt einen guten Job, die nicht-jüdischen Zuschauer mit den Traditionen von Jakovs Gemeinde bekanntzumachen, wobei es Jakovs Identifikationspotential sicherlich zugutekommt, daß er gewissermaßen zwischen dieser selbstbezogenen, stark von strengen religiösen Regeln geprägten Welt und jener von scheinbar unendlichen Möglichkeiten und Freiheiten geprägten des durchschnittlichen New Yorkers steht, die ihm und den anderen "Aussteigern" aus seiner Selbsthilfegruppe noch neu ist. Jakov ist jemand, der durch ein traumatisches Erlebnis beinahe jegliche Gewißheit seines alten Lebens verloren hat und nun auf der Suche nach dem neuen Jakov in einer für ihn neuen und höchst exotisch anmutenden Welt ist. Der bisher fast nur aus Minirollen bekannte Dave Davis verkörpert diesen Suchenden sehr überzeugend, der tief in ihm sitzende Schmerz ist ihm jederzeit anzusehen, doch merkt man ihm ebenfalls die Sehnsucht danach an, neu anfangen zu können – vielleicht ja sogar zusammen mit der verständnisvollen Sarah? "The Vigil" nimmt den jüdischen Hintergrund jedenfalls lobenswert ernst (es wird auch viel Jiddisch gesprochen) und verwendet ihn nicht nur als Hintergrund für einen generischen Horrorfilm, wie es etwa bei "Lloronas Fluch" (mit einer mexikanischen Volkssage) oder auch "The Nun" (mit katholischem Hintergrund) geschah, zwei Werken der jüngeren Vergangenheit, die wie "The Vigil" der Blumhouse-Schmiede entstammen. 
Thomas läßt sich Zeit dabei, dem Publikum Jakov und seinen inneren Konflikt nahezubringen, weshalb die eigentliche Totenwache erst nach einer halben Stunde beginnt – was angesichts der sehr kurzen Netto-Laufzeit von gerade einmal 80 Minuten ziemlich spät ist. Die Totenwache startet unspektakulär, selbst die ersten Merkwürdigkeiten dürften noch nicht einmal Horrorfilm-Neulinge sonderlich beunruhigen. Und doch gelingt es Thomas, sachte an der Horrorschraube zu drehen, bis eine richtig schöne Gruselatmosphäre entsteht. Das funktioniert auch deshalb, weil die Kamera häufig so dicht an Jakovs Gesicht heranrückt, daß man angesichts des auf diese Weise stark verengten Blickwinkels geradezu auf einen klassischen Jumpscare wartet. Zu denen kommt es auch ein paar Mal, wobei es Thomas zum Glück nicht damit übertreibt – dennoch hätte "The Vigil" diesen vergleichsweise billigen und manipulativen Horror-Trick nicht nötig, zumal die Jumpscares auch noch akustisch überhöht werden. Wohlgemerkt würde ich generell die Akustik zu den Stärken von "The Vigil" zählen, denn die dissonante Soundkulisse wie auch der sparsam eingesetzte, aber überraschend opulente Score von Michael Yezerski ("The Devil's Candy") tragen ihren Teil zu der schaurigen Atmosphäre bei – jedoch tragen sie phasenweise (und eben besonders bei den Jumpscares) dicker auf als es nötig wäre. Das liegt vermutlich auch ein wenig daran, daß der Mazzik als Bösewicht leider nicht so richtig greifbar wird. Seine wenigen offenen Auftritte sind zwar effektiv inszeniert und auch die Gestaltung des Dämons kann sich sehen lassen – nachvollziehbare Regeln, was genau der Mazzik eigentlich anrichten kann und was nicht, werden jedoch kaum präsentiert.
Nicht nur wegen der Kürze von "The Vigil" wäre es vielleicht eine Überlegung wert gewesen, die extrem kurzen Rückblicke auf die Zeit, als sich der Mazzik des KZ-Überlebenden Mr. Litvak bemächtigte, auszubauen; aber dafür wäre wohl ein höheres Budget vonnöten gewesen. Auch die Frage, ob Jakov sich alles nur einbildet oder das, was ihm widerfährt, real ist, hätte man stärker thematisieren können, denn natürlich ist es eine schöne Metapher, daß Jakov sich erst mit einem sich von Furcht und emotionalem Schmerz nährenden Dämon messen muß, ehe er vielleicht ein neues Leben beginnen kann. Aus dem erzählerischen Potential der Prämisse von "The Vigil" hätte Keith Thomas definitiv noch mehr herausholen können, stattdessen bewegt sich sein Film in der zweiten Hälfte doch verstärkt in Richtung generischer Horrofilm, dessen Schreckmomente ziemlich vorhersehbar sind (wenn auch fraglos gut gemacht). Der Showdown schließlich ist sehr ansprechend in Szene gesetzt, wobei wie im ganzen Film die clevere, viel mit Licht und Schatten spielende Ausleuchtung eine wichtige Rolle spielt – doch in ihrer Kürze wirkt die finale Auseinandersetzung trotzdem antiklimaktisch. Bei allem, was man kritisieren kann, funktioniert "The Vigil" insgesamt aber doch ziemlich gut, weil er aus seinem geringen Budget mit wenigen Schauplätzen und eigentlich nur einer wirklich ausgestalteten, von Dave Davis dafür stark gespielten und in ihrer betont unheroischen Verletzlichkeit sympathischen Figur viel herausholt. Und besser als der x-te einfallslose Teenie-Slasher ist Thomas' Erstling sowieso …
 
Fazit: "The Vigil – Die Totenwache" ist ein atmosphärisches Grusel-Kammerspiel, das trotz einiger generischer Horrorelemente und im Kern recht simpler Story mit seiner ungewöhnlichen Mischung aus Horrorfilm, jüdischer Mystik und Trauerdrama überzeugt.
 
Wertung: 7 Punkte.
 
 
"The Vigil – Die Totenwache" erscheint am 11. Februar 2021 von EuroVideo Medien auf DVD und Blu-ray, Bonusmaterial gibt es abseits des Trailers keines. Ein Rezensionsexemplar wurde mir netterweise vom Entertainment Kombinat zur Verfügung gestellt.
 

 

Screenshots: © EuroVideo Medien

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