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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 21. November 2017

MEMOIRS OF A MURDERER (2017)

Originaltitel: 22-nenme no kokuhaku: Watashi ga satsujinhan desu
Regie: Yû Irie, Drehbuch: Kenya Hirata und Yû Irie, Musik: Masaru Yokoyama
Darsteller: Hideaki Itô, Tatsuya Fujiwara, Tôru Nakamura, Ryô Iwamatsu, Kôichi Iwaki, Mitsuru Hirata, Anna Ishibashi, Hanazawa Toyotaka
 22-nenme no kokuhaku: Watashi ga satsujinhan desu
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: -; japanisches Einspielergebnis: $20,2 Mio.
FSK: nicht geprüft, Dauer: 118 Minuten.

Bis zur Mitte der 1990er Jahre gab es in Japan eine 15-jährige Verjährungsfrist, die selbst für Kapitalverbrechen wie Mord galt. Das war das Glück eines brutalen Serienkillers, der 1995 in Tokio fünf Menschen erwürgte und dabei jeweils einen nahen Verwandten zwang, zuzusehen. Die Polizei um den leitenden Detective Wataru Makimura (Hideaki Itô, "Der letzte Feldzug der Samurai") – der von der Mordserie persönlich betroffen war – konnte dem Mörder nie auf die Spur kommen, 2010 verjährten seine Taten schließlich. Sieben weitere Jahre darauf meldet sich der Täter zu Wort: Masato Sonezaki (Tatsuya Fujiwara, "Battle Royale") hat angesichts seiner juristischen Unangreifbarkeit ein Buch über die Morde geschrieben, das mit gewaltigem Trara veröffentlicht wird und sofort zum Bestseller avanciert. Angeblich will Sonezaki mit der Enthüllung seiner Identität ein Stück weit Buße tun und den Angehörigen der Opfer Gewißheit verschaffen – doch die sind natürlich alles andere als glücklich darüber, daß der Mörder ihrer Liebsten nun auch noch viel Geld mit seinen Untaten verdient und zu einer Art Popstar wird. So ist es kein Wunder, daß bald von einem bevorstehenden Mordanschlag auf ihn gemunkelt wird, den ausgerechnet Detective Makimura verhindern soll. Und dann ist da noch der renommierte TV-Journalist Toshio Sendo (Toru Nakamura aus "K-20: Die Legende der schwarzen Maske"), dessen Karriere durch seine Reportage über die Mordserie einen großen Schub erhielt und der sich deshalb nun dazu berufen fühlt, Sonezaki in einem Live-Interview zu entzaubern – zumal er Zweifel daran hegt, daß der tatsächlich der Täter ist …

Kritik:
"Memoirs of a Murderer" ist ein japanisches Remake des südkoreanischen Films "Confession of Murder – Tödliches Geständnis" aus dem Jahr 2012 – den ich allerdings nicht gesehen habe, dementsprechend kann und werde ich keine Vergleiche zwischen Original und Remake ziehen. Für sich genommen ist "Memoirs of a Murderer" jedenfalls ein sehr solider Genrebeitrag des in Japan vorwiegend als TV-Serien-Regisseur und -Autor bekannten Yû Irie, verspielt allerdings im ebenso übertrieben konstruierten wie generischen letzten Akt viel von dem Kredit, den er sich zuvor erarbeitet hat. Solange es sich primär um ein spannungsgeladenes Verwirrspiel handelt, bei dem man als Zuschauer miträtselt, was genau eigentlich vor sich geht, bereitet "Memoirs of a Murderer" viel Freude, am Ende verrät er jedoch diese Stärken zugunsten eines plakativen und wenig glaubwürdigen, dafür umso actionreicheren Showdown. Das zieht die Einschätzung des Films deutlich nach unten, überschattet die überzeugenden ersten beiden Filmdrittel aber keineswegs komplett.

Zunächst lebt "Memoirs of a Murderer" von der wirklich außergewöhnlichen Prämisse, die einen als Zuschauer erst mal dazu anregt, über die Realitätsnähe zu sinnieren. Wäre so ein Szenario tatsächlich möglich oder braucht es einen guten Schuß "suspension of disbelief", um sich auf die Geschichte einzulassen? Nun, all das, was zur Verjährung von Mord erzählt wird, entspricht den Fakten – und das ist keineswegs ein rein japanisches Phänomen, denn in vielen Ländern wurde die Verjährung von Mordfällen und anderen Kapitalverbrechen erst in den letzten paar Jahrzehnten abgeschafft (in Deutschland beispielsweise wurde sie in meinem Geburtsjahr 1979 vollständig aufgehoben, übrigens maßgeblich als Konsequenz der langsamen Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im Dritten Reich). Japan war also recht spät dran mit dieser sehr sinnvollen Rechtsänderung, was der vorliegenden Geschichte in die Hände spielt. Während dieser Aspekt somit realitätsgetreu ist, wirken andere Entwicklungen weniger glaubwürdig. Die Publikation der titelgebenden Memoiren eines Mörders als Buch etwa wäre meiner Einschätzung nach zwar auch in der westlichen Welt möglich – denn das kommerzielle Potential läßt sich nicht leugnen –, wahrscheinlich würden sich angesichts der enorm kontroversen Thematik aber nur moralisch flexible Nischenverlage heranwagen, keine etablierten Verlagshäuser, die auf ihren Ruf achten müssen und außerdem nicht riskieren können, ihre eigenen langjährigen Autoren zu vergraulen. Zugegebenermaßen kann ich allerdings nur schwer einschätzen, ob das auch auf Japan zutrifft, wo bekanntlich – auch abseits der üblichen Klischees – vieles *etwas* anders abläuft als in Europa oder Amerika. So gesehen bin ich bereit, diesen Teil der Geschichten einfach guten Glaubens zu akzeptieren. Anrechnen muß man den Film, daß er diesen Aspekt nicht gänzlich außer Acht läßt, wenngleich er relativ alibihaft (größtenteils mittels kurzer Zusammenschnitte der Reaktionen von Experten im TV und Passanten auf der Straße) abgehandelt wird und es meines Erachtens nicht vermag, ein authentisches und umfassendes Bild der Reaktionen auf ein solch unerhörtes Vorgehen zu zeichnen sowie der unweigerlichen öffentlichen Diskussionen darüber.

Richtig problematisch wird es allerdings, wenn wir zur regelrechten Heldenverehrung des – um das noch einmal zu erwähnen – geständigen Mehrfach-Mörders Sonezaki kommen. Klar, es ist nicht so ungewöhnlich, daß charismatische Serienmörder á la Charles Manson aus welchen Gründen auch immer eine leidenschaftliche Fanschar um sich versammeln – und Sonezaki ist weißgott gutaussehend genug, um ein paar fehlgeleitete Groupies anzulocken. Aber daß er zu einem derartigen Popstar aufsteigt, der von den Medien hofiert und von unzähligen Anhängern gefeiert wird (wenn auch gleichzeitig von vielen angefeindet), das wirkt doch arg übertrieben – selbst für japanische Verhältnisse. Dramaturgisch macht "Memoirs of a Murderer" hingegen zunächst viele Dinge richtig: Die Story enthält zahlreiche, häufig dramatische Wendungen, von denen einige zwar vorhersehbar sind (etwa, daß es Sonezaki nicht einfach nur um Ruhm und Geld geht, sondern daß ihn eine verborgene Motivation antreibt), etliche aber erfreulicherweise nicht. Natürlich ist manches ziemlich konstruiert und die Masse an Wendungen ermüdet auf Dauer ein bißchen, aber die meisten funktionieren und ergeben Sinn – einige erklären sogar rückblickend gewisse Geschehnisse, die zunächst fragwürdig wirkten.

Gelungen sind insgesamt auch Figurenzeichnung und Besetzung. Hideaki Itô gibt überzeugend den grimmigen, hartgesottenen Detective Makimura, der von einer sehr persönlichen Motivation getrieben wird, während der 15 Jahre zuvor als Hauptdarsteller des Kultfilms "Battle Royale" bekannt gewordene Tatsuya Fujiwara den schreibfreudigen Mörder Sonezaki mit angemessener Ambivalenz verkörpert – meist kommt er ungemein charmant rüber, hin und wieder sieht man jedoch die Abgründe durch seine Maske hindurchblitzen (auch wenn die vielleicht etwas anders aussehen als man zunächst vermutet). Makimura und Sonezaki funktionieren als Fixpunkte der Story ausgezeichnet und die Anspannung, die logischerweise zwischen diesen beiden Figuren permanent herrscht, überträgt sich auf die Zuschauer. Positiv anzumerken ist zudem, daß die "Zeugen" der einstigen Bluttaten – darunter ein Yakuza-Boß, eine Buchhandlungs-Angestellte sowie ein Chirug und Hospitalchef – sinnvoll in die Handlung eingebunden sind, wenn sie auch letztlich Randfiguren bleiben.

Die Figurenvielfalt im Verbund mit der erzählstarken Story sorgt allerdings dafür, daß der Film mitunter leicht überfrachtet wirkt – und wer sich nicht gut mit asiatischem Kino auskennt, dem werden vermutlich auch einige aus westlicher Perspektive übermäßig emotionale Ausbrüche gewöhnungsbedürfig verkommen. Daß die Geschichte von "Memoirs of a Murderer" nicht auf einen klaren Höhepunkt zusteuert, sondern aufgrund der vielen Wendungen eher auf etliche kleinere, ist zudem dramaturgisch nicht ganz unproblematisch, aber verschmerzbar. Ärgerlich ist dagegen, daß der Film im letzten Drittel vom bis dahin so raffiniert konstruierten und ebenso phantasievoll wie rasant vorangetriebenen kleinen Genrejuwel zum weitestgehend generischen Genrevertreter verkommt. Es macht ein wenig den Eindruck, als wären den Drehbuch-Autoren die Ideen ausgegangen, um die Story zu einem angemessenen Ende zu bringen, weshalb sie stattdessen einfach auf einen klischeehaften Action-Showdown zurückgriffen. Der ist für sich betrachtet ganz solide inszeniert, muß aber im direkten Vergleich mit dem zuvor Gebotenen als Enttäuschung bewertet werden, zumal der bis dahin recht stark ausgeprägte (psychologische) Tiefgang beinahe vollständig auf der Strecke bleibt. Das ist ausgesprochen bedauerlich und verwehrt "Memoirs of a Murderer" den Eingang in die Bestenliste seines Genres; ein insgesamt ansprechender Thriller ist er dennoch.

Fazit: "Memoirs of a Murderer" ist ein Thriller mit faszinierender Prämisse, der zunächst mit interessanten Figuren und vielen Wendungen überzeugt, im actionreichen Showdown jedoch allzu tief in die Klischee-Schublade greift.

Wertung: Knapp 7,5 Punkte.

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