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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Dienstag, 9. April 2019

ALITA: BATTLE ANGEL (3D, 2019)

Regie: Robert Rodriguez, Drehbuch: James Cameron und Laeta Kalogridis, Musik: Tom Holkenborg
Darsteller: Rosa Salazar, Christoph Waltz, Keean Johnson, Jennifer Connelly, Mahershala Ali, Jackie Earle Haley, Ed Skrein, Lana Condor, Jorge Lendeborg Jr., Idara Victor, Jeff Fahey, Eiza González, Rick Yune, Derek Mears, Leonard Wu, Casper Van Dien, Jai Courtney, Michelle Rodriguez, Edward Norton
 Alita: Battle Angel (2019) on IMDb Rotten Tomatoes: 61% (6,0); weltweites Einspielergebnis: 404,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 123 Minuten.

Mitte des 26. Jahrhunderts liegt der "Große Krieg" 300 Jahre in der Vergangenheit, welcher die gesamte Erde verwüstete und den nur eine der 12 reichen Himmelsstädte, Zalem, überstand. Unter Zalem liegt das heruntergekommene Iron City, wo sich Überlebende aus der ganzen Welt versammelt haben, um Arbeiten für das lediglich durch gewaltige Gütertransportröhren mit der Erdoberfläche verbundene Zalem zu erledigen – und selbstredend in der Hoffnung, selbst eines Tages den Weg in die komplett abgeriegelte Himmelsstadt zu finden. Cyborg-Wissenschaftler Dr. Dyson Ido (Christoph Waltz, "Django Unchained") und seine frühere Ehefrau Chiren (Jennifer Connelly, "Noah") stammen aus Zalem, sind jedoch aus persönlichen Gründen nach Iron City gekommen. Während sich Dr. Ido damit abgefunden hat, auf der Erdoberfläche zu bleiben, will Chiren unbedingt zurück nach Zalem und hat sich deshalb mit dem einflußreichen, direkt mit Zalem in Kontakt stehenden Vector (Mahershala Ali, "Green Book") zusammengetan, der ihr eine Rückkehr in Aussicht gestellt hat. Dafür muß Chiren jedoch eine Aufgabe erfüllen: Sie soll Vector den weiblichen Teenager-Cyborg Alita (Rosa Salazar, "Maze Runner 2") bringen, den Dr. Ido aus Schrottteilen aus Zalem zusammengebaut und der sich als ungewöhnlich kampfstark herausgestellt hat. Auch einige Kopfgeldjäger, viele selbst Cyborgs, werden auf Alita angesetzt – darunter der mächtige Grewishka (Jackie Earle Haley, "Little Children") …

Kritik:
Na, das war aber eine richtig schwere Geburt! Annähernd 20 Jahre hat es gedauert, seit das erste Interesse von Star-Regisseur James Cameron ("Titanic") daran verbürgt ist, die kultige Manga-Reihe "Battle Angel Alita" aus den frühen 1990er Jahren zu verfilmen, bis Anfang 2019 endlich der fertige Film die große Leinwand erobert hat. Die Gründe für die lange Verzögerung sind vielfältig: Zunächst waren Cameron andere Projekte wichtiger, außerdem mußte erst das Drehbuch fertig (und gut) werden – und obwohl er es wohl nie öffentlich so formuliert hat, dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit auch der Stand der Technik ein wichtiger Faktor gewesen sein. Spätestens mit der Ankündigung von gleich vier am Stück zu drehenden Fortsetzungen seines Megahits "Avatar" war klar, daß Cameron so schnell nicht dazu kommen würde, den leicht umbetitelten "Alita: Battle Angel" selbst zu verwirklichen. Also überließ er die Regie – nachdem er sich jahrelang geweigert hatte, dieses Herzensprojekt aus der Hand zu geben – seinem Freund Robert Rodriguez ("Sin City") und begnügte sich mit der Rolle des Produzenten und Co-Drehbuch-Autors neben Laeta Kalogridis ("Shutter Island"), mit der er auch schon bei "Avatar" zusammengearbeitet hatte. Keine Frage, ich würde noch immer gerne sehen, was Cameron selbst aus dem dystopischen und in der Vorlage wohl ziemlich komplexen SciFi-Stoff gemacht hätte, doch Rodriguez' Version kann sich, wenngleich sie ein bißchen überladen daherkommt, eindeutig sehen lassen.

James Camerons Einfluß ist jedenfalls an jeder Ecke spürbar, mehr sogar als der eigene Stil von Rodriguez, der sich offensichtlich uneitel der Vision Camerons untergeordnet hat. Vor allem die Handlung weist viele strukturelle Parallelen zu früheren Cameron-Arbeiten auf – allen voran "Avatar" –, indem sie beispielsweise nicht frei von Klischees und Stereotypen ist, diese jedoch so fesselnd und mit einprägsamen Figuren umsetzt, daß man den Mangel an Originalität recht gerne verzeiht. Daß "Alita" nicht schon vor 20 Jahren gedreht wurde, ist in technischer Hinsicht (logischerweise) ein großer Gewinn, vielleicht hätte sich Cameron jedoch sogar noch länger gedulden sollen. Denn möglicherweise wäre nach Abschluß der "Avatar"-Sequels die Technik tatsächlich so weit, daß die Cyborgs aus der düsteren Welt von "Alita" (der Film beginnt mit einem netten Gag, denn das ikonische 20th Century Fox-Logo verwandelt sich fließend in ein heruntergekommenes "26th Century Fox" …) vollkommen natürlich wirken würden. 2019 ist das leider noch nicht ganz der Fall. Nicht nur aufgrund der übergroßen Augen ist es bei genauerem Hinsehen unübersehbar, daß die von der relativen Newcomerin Rosa Salazar via "Performance Capture" verkörperte Alita komplett computergeneriert ist. Trotzdem ist die (einst für "Avatar" entwickelte) Technik so weit fortgeschritten, daß dieses bloße Erkennen der Künstlichkeit nicht wirklich stört. Es gibt keinen "Uncanny Valley"-Effekt, sondern man gewöhnt sich schnell an die computergenerierte Alita, weshalb man rasch vergißt, daß es sich nicht um einen realen Menschen handelt – nur in manchen Szenen (z.B. unter Wasser) wird man daran erinnert. Bei den zahlreichen weiteren Cyborgs im Film ist das kurioserweise weniger ein Thema, denn die sind mit ihren offensichtlichen technischen "Upgrades" von vornherein als nicht vollkommen menschlich identifizierbar, sodaß man ihnen automatisch eine größere Toleranz hinsichtlich der Künstlichkeit zugesteht. Dabei sind alle Cyborgs sehr überzeugend und optisch ansprechend gestaltet, allerdings läßt sich nicht leugnen, daß einige Sequenzen ohne komplett menschliche Figuren doch eher an ein Videospiel erinnern als an einen Realfilm.

Daß das nicht allzu problematisch ist, liegt neben der hochklassigen Technik vor allem daran, daß sich Robert Rodriguez genügend Zeit nimmt, dem Publikum auch Nebenrollen so nahe zu bringen, daß sich eine mal mehr und mal weniger emotionale Verbindung zu ihnen entwickelt. Neben dem brutalen Grewishka hinterläßt vor allem der von "Deadpool"-Antagonist Ed Skrein verkörperte Zapan Eindruck, ein arroganter und sehr auf sein Äußeres (sprich: sein Gesicht, denn das ist so ziemlich das einzig Menschliche an seinem Körper) bedachter Kopfgeldjäger mit schickem Schwert als Waffe der Wahl. Auf menschlicher Seite ist der zweifache OSCAR-Gewinner Mahershala Ali als Bösewicht Vector deutlich unterfordert, während Jennifer Connelly als Chiren zwar nicht viel mehr zu tun hat, sich aber über einen Handlungsstrang freuen kann, der sich recht zufriedenstellend entwickelt. Doch im Zentrum steht natürlich Alita. Rodriguez und das Autoren-Duo lassen sich viel Zeit, Alita – die, nachdem Dr. Ido sie zusammenbaute, ohne Gedächtnis erwacht – als lebensechten Teenager zu etablieren, dessen Idealismus und Begeisterungsfähigkeit herzerwärmend sind. Allerdings hat Alita wie jeder Teenager auch eine rebellische Ader, die gerade vom überfürsorglichen Dr. Ido immer wieder gereizt wird und sie zu einer kleinen Nervensäge machen kann – gerade in dieser Phase von "Alita" vergißt man sehr schnell, daß man einer computergenerierten Figur auf der Suche nach ihrem Platz in einem für sie komplett neuen Leben folgt und dabei so einige spannende Geheimnisse über ihre Herkunft aufdeckt. Generell ist die Vater-Tochter-Beziehung zwischen Dr. Ido und Alita schön gefühlvoll geschrieben und gut gespielt, für Christoph Waltz ist das zur Abwechslung mal eine ungewohnt zurückhaltend gespielte Rolle, die er aber gewohnt überzeugend und charismatisch ausfüllt. Da Alita (quasi) ein Teenager ist, entwickelt sie natürlich auch schnell romantische Gefühle für den netten, jedoch ihr gegenüber nicht ganz ehrlichen Schrottsammler Hugo (Keean Johnson, TV-Serie "Nashville"). Und sobald sie ihre Kampffertigkeiten entdeckt, darf Alita in etlichen stark gemachten Badass-Szenen glänzen.

Daß "Alita" insgesamt etwas überladen wirkt, liegt daran, daß es neben Alitas Selbstfindung und den zwielichtigen Umtrieben der Bösen noch einen weiteren großen Handlungsstrang gibt: Motorball! Dabei handelt es sich um eine futuristische, brutale Rennsportart, die beim Publikum beliebt ist, weil sie ebenso spannend wie rasant und spektakulär ist, und bei den Teilnehmern trotz buchstäblicher Todesgefahr, weil sie dem großen Gewinner die einzige legale Möglichkeit zum Aufstieg nach Zalem eröffnet. Zugegebenermaßen war ich lange nicht so richtig glücklich mit der prominenten Rolle, die Motorball in "Alita" spielt, denn letztlich handelt es sich nur um eine bedingt einfallsreiche Variation ähnlicher "Sportarten" aus 1970 Jahre-B-Movie-Klassikern wie "Rollerball" oder "Frankensteins Todesrennen" (oder auch Quidditch aus den "Harry Potter"-Filmen ...), die den Fokus von handlungstechnisch wichtigeren Dingen nimmt. Doch im letzten Drittel wurde ich eines Besseren belehrt, denn obgleich meine Kritikpunkte weiterhin zutreffen, gibt es einen sehr guten Grund für die prominente Einbindung von Motorball in "Alita": Erst sie ermöglicht den furiosen Showdown, in dem Alita zu der wuchtigen Musik von Tom Holkenborg ("Mad Max: Fury Road") in einem Rennen gegen eine Horde von Kopfgeldjäger-Cyborgs antritt, die nur eines wollen … ihren Kopf! Ohne Zweifel ist dies die spektakulärste und aufregendste Sequenz von "Alita", technisch hochklassig gestaltet und einwandfrei choreographiert. Es ist kein Wunder, daß die Filmemacher darauf nicht verzichten wollten. Das Ende des Films ist bewußt offen gehalten und legt mit einem spannenden Cameo bereits die Grundlage für eine Fortsetzung, die dann vermutlich hinauf nach Zalem führen und mehr über den "Großen Krieg" offenbaren wird. Ginge es nur nach den westlichen Einspielergebnissen, würde es dieses Sequel mit sehr großer Wahrscheinlichkeit niemals geben, doch glücklicherweise lief "Alita" in Asien dermaßen erfolgreich, daß die Aussichten gar nicht mal so schlecht stehen dürften – zumal die Zuschauerbewertungen im Schnitt klar positiver ausfielen als die der Kritiker (was gegen einen deutlichen Rückgang der Einspielergebnisse bei einem zweiten Teil spricht). Ich würde jedenfalls gerne sehen, wie es mit Alita und den Überlebenden dieses Films weitergeht.

Fazit: "Alita: Battle Angel" ist ein inhaltlich etwas überfrachtetes und nicht übermäßig originell aufgebautes Science Fiction-Spektakel, das aber mit toller Technik, guten Schauspielern und erstaunlich viel Herz das Publikum auf seine Seite zieht.

Wertung: 7,5 Punkte.


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