Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 11. April 2019

SUSPIRIA (2018)

Regie: Luca Guadagnino, Drehbuch: David Kajganich, Musik: Thom Yorke
Darsteller: Dakota Johnson, Tilda Swinton, Mia Goth, Lutz Ebersdorf (= Tilda Swinton), Angela Winkler, Sylvie Testud, Ingrid Caven, Renée Soutendijk, Alek Wek, Elena Fokina, Doris Hick, Jessica Batut, Jessica Harper
 Suspiria
(2018) on IMDb Rotten Tomatoes: 66% (6,8); weltweites Einspielergebnis: $7,7 Mio.
FSK: 16, Dauer: 152 Minuten.

Berlin, 1977: Während die geteilte deutsche Hauptstadt vom Terror der RAF durchgerüttelt wird, kommt die aus einer Mennonitengemeinde im ländlichen Ohio "geflohene" junge Amerikanerin Susie Bannion (Dakota Johnson, "Black Mass") in dieser Stadt an, von der sie schon lange geträumt hatte. Genau genommen hofft sie auf einen Platz in der von der berühmten Madame Blanc (Tilda Swinton, "Moonrise Kingdom") geleiteten Tanzschule – und obwohl sie keinerlei Referenzen vorweisen kann, überzeugt Susie beim Vortanzen so sehr, daß sie aufgenommen wird. Da der Schule jüngst mit der verschwundenen Patricia (Chloë Grace Moretz, "Kick-Ass") eine erstklassige Tänzerin abhanden gekommen ist, füllt die hochtalentierte, selbstsichere und ungemein engagierte Susie diese Lücke schnell aus und übernimmt die ursprünglich Patricia zugedachte Hauptrolle in der nächsten Aufführung. Doch Susie merkt auch, daß mysteriöse Dinge in der Schule vorgehen: Nicht nur Patricia ist verschwunden, auch deren Freundin Olga (Ballettänzerin Elena Fokina) hat die Schule unter schweren Vorwürfen gegen die Lehrerinnen verlassen, zudem meint Susie, eine geheimnisvolle Präsenz unter dem Tanzboden zu spüren. Dann taucht auch noch Patricias greiser Psychiater Dr. Klemperer (Lutz Ebersdorf alias Tilda Swinton) mit der Bitte um Unterstützung bei Susie und ihrer Zimmernachbarin Sara (Mia Goth, "Nymphomaniac") auf – er macht sich Sorgen um seine Patientin, da ihr Gerede von finsteren Hexenumtrieben in der Schule angesichts ihres spurlosen Verschwindens nicht mehr ganz so weit dahergeholt erscheint …

Kritik:
Bekanntlich gibt es wenig, was unter (vielen) Filmfans für entrüstetere Aufschreie sorgt als die Ankündigung eines Remakes eines Kinoklassikers. Das war bei "Suspiria", dem Kult-Horrorfilm des italienischen Giallo-Meisters Dario Argento nicht anders. Und doch gab es eine Sache, die zumindest bei Cineasten mit Arthouse-Faible die spontane Entrüstung in vorsichtige Neugierde, wenn nicht gar gespanntes Interesse umschlagen ließ: der Name des Regisseurs. Denn Dario Argentos Landsmann Luca Guadagnino hat sich spätestens mit seinem im Jahr 2010 OSCAR- und Golden Globe-nominierten "I Am Love" einen Namen gemacht als Schöpfer anspruchsvoller Dramen mit dem 2018 OSCAR-prämierten Liebesfilm "Call Me By Your Name" als vorläufigem Höhepunkt. Mit anderen Worten: Es gibt kaum einen Filmemacher, den man weniger als den Regisseur eines Horrorfilms erwarten würde. Dementsprechend ist sein dem Grundgerüst von Argentos Film zwar lange ziemlich eng folgendes, insgesamt aber dennoch eher loses Remake ein faszinierendes Werk geworden, das bereits bei seiner Premiere in Cannes Kritiker wie auch zahlendes Publikum polarisierte. Während die einen ein das inhaltlich eher nihilistische Original locker übertrumpft sahen, fühlten sich andere tödlich gelangweilt und sahen Luca Guadagninos Talente verschwendet. Ich zähle mich eher zur ersten Gruppe – zwar würde ich nicht sagen, daß Guadagninos "Suspiria" Argentos Original deutlich überlegen ist, schwächer ist es jedoch keinesfalls. Beide Filme können meines Erachtens sehr gut nebeneinander existieren, da sie ganz andere Aspekte der Geschichte betonen, sich stilistisch stark voneinander unterscheiden und letztlich unterschiedliche Zuschauergruppen ansprechen. Zu behaupten, daß sie sogar als einander ergänzende Komplementäre funktionieren, wäre vermutlich übertrieben, aber zweifellos haben beide Versionen ihren Reiz und für mich zählt Guadagninos "Suspiria" definitiv nicht zur großen Schar der überflüssigen Remakes.
Wenig überraschend ist, daß Guadagnino auf Grundlage des Drehbuches von David Kajganich (mit dem er bereits für das erotische Drama "A Bigger Splash" zusammenarbeitete und der mit "Friedhof der Kuscheltiere" noch ein weiteres Horror-Remake in seinem Lebenslauf stehen hat) deutlich größeres Gewicht auf Handlung, Figuren und auch den historischen Hintergrund legt als Argento 40 Jahre zuvor. Der hatte sich wie in den meisten seiner Filme vor allem auf die sich immer bedrohlicher zuspitzende Atmosphäre und das in Deutschland zu einer Indizierung (die erst 2014 endete) führende finale Blutbad konzentriert. Atmosphärisch kann das Remake dennoch locker mithalten, wenn es auch erheblich künstlerischer daherkommt und einen nicht mit der rohen Wucht und der Kakophonie von Farben (dominiert von "blutrot") und Klängen bei Argento überrollt. Generell kann sich Luca Guadagnino aufgrund der um eine Stunde längeren Laufzeit mehr Zeit lassen, um seine Figuren zu etablieren und einige Nebenhandlungsstränge einzubauen. Interessanterweise wird hier aber im Grunde genommen gleich zu Beginn enthüllt, daß es um Hexenumtriebe geht (auch wenn Dr. Klemperer das zuerst als Wahnvorstellungen abtut), wohingegen Argentos Film lange eher wie ein klassischer Giallo mit wahnsinnigem Killer wirkt und erst im apokalyptischen letzten Drittel die Hexen enthüllt (zumindest soweit ich mich erinnere). Gerade angesichts der Länge des neuen "Suspiria" ist dies meines Erachtens eine gute Entscheidung, denn während man bei einem 90-Minüter ruhig das Publikum zwei Drittel lang im Unklaren lassen kann, würde der gleiche Anteil hier bedeuten, daß die Handlung erst nach 100 Minuten zum Kern vordringen würde – was ein bißchen arg spät wäre. Guadagninos Ansatz funktioniert auch deshalb, weil er die Existenz der Hexen nicht einfach nur früh enthüllt, sondern die Offenbarung dazu nutzt, einen neuen Handlungsfaden über einen Konflikt innerhalb des Hexenzirkels aufzubauen. Der Zirkel ist nämlich annähernd 50:50 gespalten zwischen den Anhängern der relativ rational agierenden Madame Blanc und denen der offiziell verstorbenen Schulgründerin Helena Markos (erst spät zu sehen und dann in wunderbar ekligem Makeup die dritte Swinton-Rolle im Film), die zu den in Hexenkreisen verehrten, uralten "drei Müttern" zählt. Durch diesen Konflikt gewinnt nicht nur Madame Blanc mehr Profil, sondern vor allem auch die übrigen Lehrerinnen/Hexen, die zum Teil von namhaften Schauspielerinnen wie Angela Winkler ("Die verlorene Ehre der Katharina Blum", "Die Blechtrommel"), Sylvie Testud ("Jenseits der Stille"), Ingrid Caven ("Welt am Draht") oder Renée Soutendijk ("Abwärts") verkörpert werden.
Ebenfalls weitgehend neu ist die Geschichte des schuldgeplagten Psychiaters Dr. Klemperer (nur an der etwas zu femininen Stimme kann man erkennen, daß der vorgebliche Darsteller Lutz Ebersdorf in Wirklichkeit Tilda Swinton in beeindruckender Maske ist), dem auch deshalb das Verschwinden seiner vermeintlich hysterischen Patientin Patricia keine Ruhe läßt, weil er nie erfahren hat, was seiner jüdischen Ehefrau Anke (Jessica Harper, die Hauptdarstellerin von Argentos "Suspiria", in einem Gastauftritt) im Zweiten Weltkrieg widerfuhr. Da er sein sowieso schon geplagtes Gewissen nicht noch mit einem weiteren ungeklärten Schicksal einer ihm in gewisser Weise anvertrauten Person belasten will, geht er zur Polizei (die beiden Polizisten sind übrigens die einzigen nennenswerten Rollen, die von Männern gespielt werden) und gerät somit selbst ins Visier des Hexenzirkels. Ebenso wie die "Hexenpolitik" steht auch dieser neue Aspekt der Story gut zu Gesicht, er verleiht dem Film mehr Tiefe und Emotionalität, wenn beide natürlich auch für ungeduldigere Zuschauer die Handlung etwas ausbremsen mögen. Letztlich könnte man sogar argumentieren, daß Dr. Klemperers Geschichte der wahre Hauptstorystrang ist, jedenfalls hat er bei mir wohl den stärksten Eindruck hinterlassen (und die melancholische Musik von Radiohead-Frontmann Thom Yorke in seinem Filmscore-Debüt paßt perfekt dazu). Doch "Suspiria" beläßt es nicht allein bei Dr. Klemperers Art der Vergangenheitsbewältigung, sondern zeigt die Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft der 1970er Jahre auf (speziell im wortwörtlich zerrissenen Berlin), die den selbstverschuldeten und verlorenen Krieg noch lange nicht richtig aufgearbeitet hat und vom RAF-Terror erschüttert wird – mutmaßlich war genau das der Grund dafür, die Handlung vom beschaulichen Freiburg aus Argentos Version in die geteilte Hauptstadt Berlin zu verlegen. Und obwohl die politischen Geschehnisse im Film nicht direkt thematisiert werden, sondern eher als Hintergrundrauschen dienen, fügen sie der Handlung eine interessante Facette hinzu – wenn man auch kritisieren kann, daß dies vielleicht etwas subtiler hätte geschehen können. Interessant ist der politische Aspekt auch als Kontrast zu dem, was hinter den Türen der Tanzschule passiert – denn im Vergleich zu Flugzeugentführungen und sonstigem Terror wirken die blutigen, örtlich streng begrenzten Hexenumtriebe beinahe schon wieder harmlos …
Man könnte noch einiges mehr zu bestimmten Elementen von "Suspiria" (etwa der Frage, ob er feministisch oder, wie von manchen postuliert, gar anti-feministisch ist – letzteres halte ich für albern) oder auch zu den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden zu Argentos Original (in dem es beispielsweise um klassisches Ballett geht, während das Remake ganz bewußt auf modernen Tanz setzt) schreiben, aber ich will nicht zu viel verraten. Deshalb mache an dieser Stelle Schluß mit der konkreten inhaltlichen Analyse, zumal andere Aspekte alles andere als unwichtig sind. Wie bereits erwähnt, kommt auch in Guadagninos Version das Grauen nicht zu kurz, es verbreitet allerdings weniger unmittelbaren Schrecken und betont eher einen gewissen Ekelfaktor. Das liegt daran, daß die entsprechenden Sequenzen genußvoll ausgespielt werden (wenn etwa Susies Tanzvorführung in der Schule höchst unkonventionelle, von ihr unbemerkte Nebenwirkungen zeitigt) und die Inszenierung weniger auf schieren Terror als auf künstlerische Abgründigkeit setzt. Bedauerlicherweise verfestigt sich lange der Eindruck, Guadagnino zügele sich und seine etwas an "Alien"-Designer H.R. Giger erinnernden dunklen Phantasien selbst, denn wiewohl es immer wieder, z.B. in Susies Alpträumen, spannende Ansätze gibt, werden die nur ganz selten voll ausgespielt. Man wünscht sich, Guadagnino würde einfach mal richtig die Sau rauslassen und auf Altersfreigaben oder sonstige kommerzielle Bedenken pfeifen. Und erfreulicherweise zeigt sich schließlich, daß er genau das zumindest einigermaßen macht, er hat es sich nur aufgespart für ein wahrlich denkwürdiges, deutlich von Argento abweichendes Finale, das ich inhaltlich keinesfalls spoilern werde! Schauspielerisch hat sich Tilda Swinton in ihren drei Rollen selbstredend ein großes Lob verdient, auch Hauptdarstellerin Dakota Johnson macht ihre Sache gut und geht speziell in den eindrucksvoll choreographierten, teils erotisch aufgeladenen Tanzszenen mutig aus sich heraus – in den ruhigeren Momenten bleibt sie aber manchmal etwas blaß. Da wirkt ihre von Mia Goth ausdrucksstark verkörperte Freundin Sara, die im Mittelteil sogar mehr zu tun bekommt als Susie, deutlich nahbarer. Und Chloë Grace Moretz hat zwar nur ein besseres Cameo, hinterläßt dabei aber ebenso Eindruck wie Angela Winkler als Madame Blancs rechte Hand Miss Tanner. Diese Neuinterpretation von "Suspiria" mag also sicher nicht makellos sein, aber sie ist absolut sehenswert und bleibt im Gedächtnis; man muß nur etwas Geduld auf Aufgeschlossenheit mitbringen.

Fazit: Luca Guadagninos eher loses Remake von "Suspiria" ist ein inhaltlich wie künstlerisch faszinierender Arthouse-Horrorfilm, der sich reichlich Zeit läßt, um seine zahlreichen Figuren und Handlungsstränge auszuloten und dabei eher auf vage Abgründigkeit als auf puren Terror setzt.

Wertung: 8 Punkte.


"Suspiria" ist am 4. April 2019 von capelight pictures auf DVD und Blu-ray sowie im Mediabook mit DVD, Blu-Ray und einer weiteren Blu-ray mit umfangreichem Bonusmaterial erschienen. Am 18. April folgt eine limitierte, luxuriöse "Ultimate Edition", die auf 10 Discs Argentos und Guadagninos Film mitsamt Soundtrack-CDs und noch mehr Bonusmaterial vereint sowie einen 64-seitigen Bildband umfaßt. Am 13. Juni erscheint schließlich eine Limited Steelbook Edition, die quasi der Ultimate Edition abzüglich der vier Argento-Discs entspricht. Da sollte also jeder die Veröffentlichung finden, die sie oder ihn glücklich macht ... Mir wurde von capelight pictures freundlicherweise ein Rezensionsexemplar (nur des Films) zur Verfügung gestellt.


Bei Gefallen an meinem Blog würde ich mich über die Unterstützung von "Der Kinogänger" mittels etwaiger Bestellungen über einen der amazon.de-Links in den Rezensionen oder über das amazon.de-Suchfeld in der rechten Spalte freuen, für die ich eine kleine Provision erhalte.



Screenshots: © capelight pictures

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen