Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 24. September 2014

SIN CITY (2005)

Regie: Robert Rodriguez und Frank Miller, Drehbuch: Frank Miller, Musik: John Debney, Graeme Revell und Robert Rodriguez
Darsteller: Bruce Willis, Mickey Rourke, Clive Owen, Jessica Alba, Rosario Dawson, Josh Hartnett, Elijah Wood, Nick Stahl, Rutger Hauer, Michael Clarke Duncan, Carla Gugino, Alexis Bledel, Devon Aoki, Jaime King, Benicio del Toro, Brittany Murphy, Michael Madsen, Powers Boothe, Jude Ciccolella, Tommy Flanagan, Nick Offerman, Marley Shelton, Makenzie Vega, Tommy Nix, Nicky Katt, David Hickey, Rick Gomez, Frank Miller, Robert Rodriguez
 Sin City
(2005) on IMDb Rotten Tomatoes: 78% (7,5); weltweites Einspielergebnis: $158,8 Mio.
FSK: 18, Dauer: 124 Minuten.

Drei Episoden aus dem verkommenen Sin City (eigentlich Basin City):
- "The Hard Goodbye": Dem grobschlächtigen Marv (Mickey Rourke, "Krieg der Götter") wird der Mord an der schönen blonden Prostituierten Goldie (Jaime King, TV-Serie "Hart of Dixie") angehängt, neben deren Leiche er eines Morgens erwacht. Da Goldie die einzige Person war, die Marv je gut behandelt hat, läßt er keinen Zweifel daran, daß ihr Tod blutig gerächt werden wird. Auf der Suche nach den Verantwortlichen stößt Marv nach einem Zwischenstop bei seiner sexy Bewährungshelferin Lucille (Carla Gugino, "Sucker Punch") zunächst auf einige wehrhafte Kolleginnen Goldies, die ebenfalls nach Vergeltung streben, dann auf einen sinistren Kardinal (Rutger Hauer, "Batman Begins") und schließlich auf einen grausamen Serienmörder (Elijah Wood, "Der Herr der Ringe") mit kannibalistischen Neigungen …
- "The Big Fat Kill": Der Privatdetektiv Dwight McCarthy (Clive Owen, "King Arthur") tut sich nach dem Mord an seiner Geliebten Shellie (Brittany Murphy, "Durchgeknallt") mit seiner Ex Gail (Rosario Dawson, "Unstoppable") zusammen, der inoffiziellen Anführerin des Stadtviertels "Oldtown", in das sich nicht einmal die Polizei hineintraut. Gemeinsam wollen sie nicht nur Shellies Mörder "Jackie-Boy" (Benicio del Toro, "Savages") zur Strecke bringen, sondern auch Oldtown gegen einen Angriff von Polizei und Mafia verteidigen …
 - "That Yellow Bastard": Der integre Cop John Hartigan (Bruce Willis, "Looper") wird kurz vor seiner Pensionierung unschuldig verhaftet, nachdem er die elfjährige Nancy vor einem perversen Serienvergewaltiger und -mörder (Nick Stahl, "Terminator 3") rettet, der unglücklicherweise Beziehungen bis in höchste politische Kreise hinein hat. Als Hartigan nach acht Jahren Haft freikommt und sich um das von ihm gerettete und inzwischen natürlich erwachsene Mädchen (Jessica Alba, "Machete") kümmern will, findet er heraus, daß dieses inzwischen als Stripperin in einem heruntergekommene Schuppen in Sin City arbeitet. Schnell wird offenbar, daß Nancy Hartigans Schutz dringend nötig hat, denn der dank Hartigans Eingreifen körperlich entstellte Serienmörder hat es noch immer auf Nancy und Hartigan abgesehen …

Kritik:
Als "Sin City" 2005 in die Kinos kam, war das in mehrfacher Hinsicht eine Sensation. Einmal schon deshalb, weil es sich hierbei nicht um eine "normale" Comicverfilmung handelt, sondern um die Adaption einer Graphic Novel, die tatsächlich in weiten Teilen haargenau so aussieht wie ihre Vorlage (der größte Unterschied ist im Grunde genommen, daß Stripperin Nancy in der Graphic Novel fast immer oben ohne zu sehen ist, im Film dagegen niemals, weil Regisseur Rodriguez unbedingt Jessica Alba für die Rolle wollte, die aber prinzipiell keine Nacktszenen dreht …). Das hängt sicherlich damit zusammen, daß deren berühmter Schöpfer Frank Miller ungewöhnlicherweise Robert Rodriguez als Co-Regisseur (und natürlich Drehbuch-Autor) zur Seite stand. Die in der digitalen Projektion – damals eine technische Neuheit in den Kinos – glasklaren Bildkompositionen ahmen den Stil von Millers Graphic Novel nahezu perfekt nach, inklusive des prägnanten Stilmittels, alles grundsätzlich in gestochen scharfen Schwarzweiß-Bildern zu halten, in die sich aber immer wieder knallbunte Farben schleichen, die bestimmte Details hervorheben – etwa Blut, Goldies blonde Haare oder den "gelben Bastard" aus der Willis-Episode. Durch diese raffinierte Vorgehensweise und die generelle Comichaftigkeit der Szenerie waren Rodriguez und Miller auch in der Lage, Brutalitäten und Grausamkeiten zu zeigen, die bei einem normalen Realfilm zumindest in Deutschland nie regulär im Kino oder Heimkino hätten gezeigt werden dürfen – durch die extreme Stilisierung in Verbindung mit der Schwarzweiß-Optik wirken eben selbst abgetrennte Gliedmaßen (von denen es hier zahlreiche gibt) nicht mehr gar so grausig. Dennoch ist ganz klar: "Sin City" ist ein Film für Erwachsene, die Altersfreigabe ab 18 Jahren absolut gerechtfertigt.

Doch auch abseits der visuellen Brillanz und der selten zuvor im Kino erlebten Brutalität war "Sin City" bahnbrechend und konnte deshalb sogar viele Kritiker überzeugen und begeistern, die sonst eher wenig mit Genrestoffen dieser Art anfangen können. Denn die stark von den Film noirs der 1940er und 1950er Jahre inspirierten und ganz in deren Tradition von lakonischen Voice-Overs begleiteten Erzählungen – die von der ungemein atmosphärischen Mini-Episode "The Customer Is Always Right" mit Josh Hartnett ("Black Dahlia") als smartem Auftragskiller umklammert werden – überzeugen mit einer inhaltlichen Radikalität, die im Kino so kaum ein Zuschauer erwarten haben dürfte (sofern er nicht die Comicvorlage kannte, versteht sich). Alle Handlungsstränge haben Rache als zentrales Motiv, für Abwechslung ist dennoch gesorgt. Dafür garantieren schon die unterschiedlichen Perspektiven, schließlich ist es in "That Yellow Bastard" der Bösewicht, der auf Rache aus ist, während es in "The Big Fat Kill" der (relativ) Gute ist, der für Gerechtigkeit sorgen will. Und "The Hard Goodbye", die beste Episode, ist sowieso ein Fall für sich, denn der grimmige Hüne Marv ist weit jenseits sämtlicher "Gut"- und "Böse"-Kategorisierungen einer der faszinierendsten Protagonisten der Filmgeschichte – und die Art und Weise, wie sich sein Rachefeldzug entwickelt, ist dermaßen unvorhersehbar und schockierend, daß sie wahrlich mit nichts vergleichbar ist.

Wie bei allen Episodenfilmen ist auch bei "Sin City" das größte Problem, daß schlicht und ergreifend die Zeit für eine tiefergehende Figurenzeichnung und -entwicklung fehlt. Dadurch, daß alle Charaktere des Films (teilweise grotesk) übertrieben und dementsprechend markant ausgestaltet sind, fällt das zum Glück nicht so sehr ins Gewicht, dennoch würde man sich grundsätzlich schon mehr Hintergründe zu den handelnden Personen wünschen – gerade weil sie so schön schillernd sind. Auf Marv trifft das Verlangen nach mehr Informationen allerdings nur bedingt zu – zwar gäbe es da mit Sicherheit jede Menge zu erzählen, doch diesen schroffen, häßlichen Klotz mit dem sehr gut verborgenen sanften Kern muß man einfach lieben, auch wenn man nur wenige Details über ihn erfährt. Für den 1980er Jahre-Star Mickey Rourke ("Angel Heart", "Im Jahr des Drachen") war "Sin City" ein Meilenstein bei seiner Rückkehr nach Hollywood nach vielen Jahren voller Drogen- und Alkoholprobleme, die 2009 mit der verdienten OSCAR-Nominierung für "The Wrestler" einen kaum noch erwarteten Höhepunkt erreichte. Als narbenübersäter Marv zeigt er eindrucksvoll, wieviel Talent und Charisma noch immer in ihm steckt, selbst dann, wenn er nach der Arbeit der Maskenbildner kaum noch als Mickey Rourke erkennbar ist. Daß Marvs tempo- und wendungsreich erzählte Story in der Episode "The Hard Goodbye" das Highlight des Films ist, hilft natürlich.

Nicht ganz so grandios, aber immer noch sehr gut ist "That Yellow Bastard" geraten. Bruce Willis als gefallener Cop im Trenchcoat entspricht von allen Figuren des Films am stärksten den klassischen Film noir-(Anti-)Helden aus Meisterwerken wie "Die Spur des Falken" oder "Tote schlafen fest". Seine melancholisch erzählte, zwischen Serienkiller-Jagd, Knast-Drama, politischen Verwicklungen und klassischer Cop-Story changierende Geschichte bietet fast noch mehr Abwechslung als "The Hard Goodbye", dafür aber nicht ganz so faszinierende Charaktere und auch etwas weniger Überraschungen. Das schwächste Glied der Kette namens "Sin City" ist "The Big Fat Kill": Zwar ebenfalls sehr unterhaltsam und mit jeder Menge Action, zudem glänzt Clive Owen als eine Art dreckige James Bond-Version mit ebenso lässiger wie eleganter Arroganz; doch die "Huren vs. Mafia"-Storyline ist arg oberflächlich geraten und es mangelt an einem faszinierenden Bösewicht. Benicio del Toro spielt den schmutzigen Cop Rafferty zwar schön durchgedreht und Michael Clarke Duncan beeindruckt als hünenhafter Mafia-Vollstrecker Manute mit bedrohlicher Präsenz, doch ihre Rollen sind weder groß noch interessant genug, um nachhaltig Eindruck zu schinden – einmal abgesehen von einer kurzen, von Gastregisseur Quentin Tarantino ("Django Unchained") realisierten Szene. So ist es neben Clive Owen vor allem Ex-Model Devon Aoki ("2 Fast 2 Furious"), das aus dieser Episode im Gedächtnis bleibt; denn als schweigsame, männerhassende "tödliche kleine Miho" hat Robert Rodriguez die schwertschwingende Badass-Martial Arts-Kämpferin in so ziemlich jedem ihrer gar nicht so zahlreichen Auftritte dermaßen ikonisch in Szene gesetzt, daß nicht nur Tarantino darob ins Schwärmen geraten ist.

Übrigens hat Rodriguez für jede "Sin City"-Episode einem anderen Komponisten die Filmmusik anvertraut. Das funktioniert wunderbar, da auf diese Weise für Abwechslung gesorgt ist, sich aber alle drei stilistisch aneinander orientieren (und bei einigen Stücken zusammenarbeiten): Die Musik zu "The Hard Goodbye" stammt von Graeme Revell ("Riddick"), die zu "That Yellow Bastard" von Rodriguez selbst. Am besten gefällt mir persönlich jedoch John Debneys ("Iron Man 2") dynamische Untermalung von "The Big Fat Kill". Angesichts des großen Erfolges bei Publikum und Kritikern wurde schnell eine Fortsetzung von "Sin City" geplant, zwischenzeitlich war sogar von einer Trilogie die Rede. Doch letztlich dauerte es neun Jahre, bis "Sin City 2: A Dame to Kill For" in die Kinos kam.

Fazit: "Sin City" ist ein extrem brutales, aber durch seine ungewöhnlichen, kompromißlosen Noir-Storylines faszinierendes, visuell atemberaubendes Kinoereignis, dessen episodenhafter Aufbau trotz einer durchgehend hervorragenden Besetzung für leichte qualitative Schwankungen sorgt.

Wertung: 9 Punkte. Die Einzelwertungen: "The Hard Goodbye": 10; "That Yellow Bastard": 9; "The Big Fat Kill": 7,5; Mini-Episode "The Customer Is Always Right": 9.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen