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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 16. April 2013

LITTLE CHILDREN (2006)

Regie: Todd Field, Drehbuch: Tom Perrotta und Todd Field, Musik: Thomas Newman
Darsteller: Kate Winslet, Patrick Wilson, Jackie Earle Haley, Jennifer Connelly, Noah Emmerich, Raymond J. Barry, Ty Simpkins, Gregg Edelman, Phyllis Somerville, Trini Alvarado, Helen Carey, Sadie Goldstein
 Little Children
(2006) on IMDb Rotten Tomatoes: 80% (7,4); weltweites Einspielergebnis: $14,8 Mio.
FSK: 16, Dauer: 136 Minuten.

Eine typische amerikanische Kleinstadt: Die unscheinbare junge Mutter Sarah (Kate Winslet, "Zeiten des Aufruhrs") fühlt sich den anderen, ständig tratschenden Müttern auf dem Spielplatz nicht wirklich zugehörig. Da ist es eigentlich nur logisch, daß sie sich eines Tages mit dem einzigen Vater, der mit seinem Sohn den Spielplatz besucht und von den übrigen Müttern als "Ballkönig" tituliert, aber nie angesprochen oder auch nur gegrüßt wird, anfreundet. Denn während Sarah unter dem Desinteresse ihres Mannes leidet, macht Brad (Patrick Wilson, "Insidious") – der bereits zweimal bei der Anwaltsprüfung durchgefallen ist – die Dominanz seiner erfolgreichen Frau Kathy (Jennifer Connelly, "Blood Diamond") zu schaffen. Und so kommt es, wie es kommen muß: Brad und Sarah kommen sich immer näher und näher. Als ob das nicht schon für genügend Chaos und Getratsche in dieser Kleinstadt sorgen würde, gibt es aber auch noch Ronnie (OSCAR-Nominierung für Jackie Earle Haley, "Dark Shadows"), der zwei Jahre im Gefängnis saß, weil er sich vor einem Kind entblößt hatte. Nun ist er wieder zurück und die ganze Stadt gerät in Panik – die nicht unerheblich geschürt wird von den vom frustrierten früheren Polizisten Larry (Noah Emmerich, "Super 8") flächendeckend aufgehängten "Fahndungsplakaten" ...

Kritik:
"Little Children" ist ein Episodenfilm in der Art von Robert Altmans "Short Cuts" oder Paul Haggis' "L.A. Crash". In den einzelnen Episoden wird gnadenlos (und süffisant kommentiert von einem Erzähler) die nur scheinbar heile Welt der amerikanischen Mittelklasse seziert. Eine besondere Rolle spielt dabei Ronnie: Erst nach etwa 45 Minuten taucht er erstmals selbst auf und das ausgerechnet in einem öffentlichen Schwimmbad. Die geradezu hysterische Reaktion der anderen Gäste auf sein Erscheinen erinnert unweigerlich an Spielbergs "Der weiße Hai". Regisseur Todd Field ("In the Bedroom"), der gemeinsam mit Tom Perrotta dessen Roman als Drehbuch adaptiert hat, hat diese geradezu absurde Szene sicherlich bewußt so übertrieben inszeniert, denn die Botschaft seines Films ist deutlich: Alle halten Ronnie für ein Monster, dabei sind viele von ihnen letztlich kaum "besser" oder unschuldiger als er.

Natürlich ist es klug, daß Field Ronnie nicht zu einem überführten Kinderschänder gemacht hat. Denn wenngleich die Entblößung vor einem Kind natürlich kein Kavaliersdelikt ist und einiges über die ernsthaften Probleme der betreffenden Person aussagt, so hat sie damit doch niemandem körperlich geschadet (und auch ein eventueller psychischer Schaden dürfte sich in Grenzen halten). Ronnie ist somit ein Mensch, den man als Zuschauer nicht von vorneherein vollkommen ablehnt. Das heißt aber keineswegs, daß seine Figur verharmlosend dargestellt wäre. Nein, Ronnie ist ein eher unsympathischer Typ, aber eben nicht abstoßend. Er weiß selbst, daß er ein Problem hat, daß er sexuelle Bedürfnisse hat, die er nicht haben darf – aber er kann nichts dagegen tun, er kann nur versuchen, diese Bedürfnisse im Zaum zu halten; das aber im steten Bewußtsein, daß es ihm womöglich irgendwann nicht mehr gelingen wird. Ronnie wird also als ein Mensch mit vielen Problemen gezeigt, auch als eine potentielle Gefahr für die Gesellschaft. Aber er ist immer noch ein Mensch, kein Monster. Ein Mensch, der wirklich versucht, ein "guter Junge" (wie seine Mutter ihn immer nennt) zu sein. Und da ist es selbstverständlich alles andere als hilfreich, wenn sein Erscheinen überall für Panik und Anfeindungen sorgt, wenn das Haus seiner Mutter ständig mit beleidigenden Graffiti beschmiert wird und wenn speziell der übermotivierte Ex-Cop Larry ihn regelmäßig mitten in der Nacht aus dem Schlaf hupt, um ihm zu demonstrieren, daß er unter ständiger Beobachtung stehe. Dabei hat Larry in Wahrheit seine ganz eigenen Probleme, die er mit seiner Fokussierung auf Ronnie zu verdrängen versucht.

Aber auch die übrigen Episoden, die sich vor allem um die mehr oder weniger deutlich gescheiterten Lebensentwürfe von Sarah und Brad drehen und um das flüchtige Glück, das ihnen beschieden ist, wenn sie (mit ihren Kindern) zusammen sind, wissen zu überzeugen. Die Affäre der beiden und die Verhaltensweisen ihrer jeweiligen Ehepartner, die diese Affäre geradezu heraufbeschwören, zwingen den Zuschauer, sich mit den authentisch gezeichneten und vor allem von der wieder einmal OSCAR-nominierten Kate Winslet und dem häufig unterschätzten Patrick Wilson grandios gespielten Figuren auseinanderzusetzen und auch die eigenen Moralvorstellungen auf den Prüfstand zu stellen. Was ist wichtiger: Glück oder Vernunft? Ist es richtig, für die Familie ein Leben voller Unglück in Kauf zu nehmen? Ist es richtig, sich für die persönliche Erfüllung gegen die gesellschaftlichen Konventionen zu stellen? Und was wäre überhaupt besser für die Kinder? Regisseur Field bietet keine einfachen Antworten auf diese existentiellen Fragen, weil es keine gibt. Entsprechend wirkt das Ende des Handlungsstrangs um Brad und Sarah auf manche Zuschauer fast wie ein Happy End, in dem die Vernunft siegt, während es für andere (wie mich) einfach nur niederschmetternd ist. Alles liegt nun einmal im Auge des Betrachters ...

Ein wirkungsvolles wiederkehrendes Element von "Little Children" ist das bemerkenswerte Unvermögen sämtlicher Figuren, ihre wahren Wünsche zu artikulieren oder gar auszuleben. Sie sind eben keine kleinen Kinder mehr (auch wenn sie sich in mancher Hinsicht so verhalten), die offen ihren Träumen nachhängen. Stattdessen leben sie ihr Erwachsenen-Leben mal mehr, mal weniger unglücklich vor sich hin und sehnen sich nur insgeheim nach einem Ausbruch aus ihrem stetigen geistigen Dämmerzustand. Geradezu brillant ist in diesem Zusammenhang eine Szene, in der die Frauen eines Buchclubs, zu dem auch Sarah erstmals mitgekommen ist, Gustave Flauberts weltberühmten Gesellschaftsroman "Madame Bovary" besprechen, dabei aber irgendwann gar nicht mehr über das Buch, sondern in Wahrheit über ihre eigenen Existenzen und Moralvorstellungen sprechen.

Es gibt noch einige weitere, ähnlich beeindruckende Szenen. Aber leider zu wenige, um das Publikum den kompletten Film hindurch zu fesseln. Das Erzähltempo von "Little Children" ist ausgesprochen langsam, die Inszenierung sperrig; die Charaktere sind zwar lobenswert lebensnah dargestellt, dennoch – oder gerade deshalb? – fehlen echte Identifikationsfiguren. "Little Children" ist nicht nur kein Mainstream-Film, er ist so ziemlich das Gegenteil davon, selbst die Sexszenen wirken eher geschäftsmäßig als erotisch. Arthouse hin oder her, von etwas mehr Zugänglichkeit hätte "Little Children" nur profitieren können. So ist er ein guter Film mit brillanten Momenten, aber kein durchgehend brillanter Film, der er durchaus hätte sein können.

Fazit: "Little Children" ist ein bewegendes, realitätsnahes und nicht selten deprimierendes Episoden-Drama mit toller Besetzung, das zum Nachdenken anregt; anstrengendes, aber sehenswertes Kino mit einem drastischen Ende, über dessen Interpretation und Bewertung man lange diskutieren kann – und sollte.

Wertung: 8 Punkte.


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