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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 15. März 2018

GAME NIGHT (2018)

Regie: John Francis Daley, Jonathan Goldstein, Drehbuch: Mark Perez, Musik: Cliff Martinez
Darsteller: Rachel McAdams, Jason Bateman, Kyle Chandler, Kylie Bunbury, Lamorne Morris, Sharon Horgan, Billy Magnussen, Jesse Plemons, Danny Huston, Michael C. Hall, Chelsea Peretti, Camille Chen, Zerrick Williams, Malcolm X. Hughes, Jessica Lee, John Francis Daley, Jonathan Goldstein
 Game Night
(2018) on IMDb Rotten Tomatoes: 82% (6,8); weltweites Einspielergebnis: $111,6 Mio.
FSK: 12, Dauer: 100 Minuten.

Das Ehepaar Annie (Rachel McAdams, "Alles eine Frage der Zeit") und Max (Jason Bateman, "Kill the Boss") ist verrückt nach Spielen – nicht verwunderlich, lernten sie sich doch bei einem Kneipen-Quiz kennen und seitdem haben Spiele eigentlich bei allen wichtigen Ereignissen bis hin zur Hochzeit eine Rolle gespielt. Ihre besten Freunde – die seit ihrer Jugend liierten Kevin (Lamorne Norris, "Barbershop: The Next Cut") und Michelle (Kylie Bunbury, TV-Serie "Under the Dome") sowie der etwas einfältige Ryan (Billy Magnussen, "Into the Woods"), der in jeder Woche mit einer neuen "Freundin" auftaucht – sind zwar nicht ganz so wild auf die Spiele (und vor allem nicht so ehrgeizig), machen aber bereitwillig beim wöchentlichen Spieleabend mit. Als nach längerem Auslandsaufenthalt Max' älterer und sehr wohlhabender Bruder Brooks (Kyle Chandler, "Carol") zu Besuch kommt, ist Max wenig begeistert, wurde er doch schon immer von Brooks übertrumpft. Dieses Mal scheint das nicht anders zu laufen, denn Brooks richtet den nächsten Spieleabend in seinem prachtvollen Haus aus und gibt sich mächtig Mühe: Er läßt eine Entführung inszenieren, nach der die verbliebenen Freunde den Hinweisen nachgehen müssen, um das Opfer zu retten. Tatsächlich wird Brooks entführt und alle sind begeistert, wie realistisch das wirkt – daß es sich gar nicht um die Fake-Entführer handelt, sondern um echte Gangster, die Brooks kidnappen, bemerken sie nicht …

Kritik:
Man mag es kaum glauben, aber es ist tatsächlich so: Die Hollywood-Komödie befindet sich in einer ernsthaften Krise. Während in Deutschland, Frankreich, Spanien oder auch China lokale Komödien regelmäßig zu den erfolgreichsten Produktionen zählen, findet sich beispielsweise in den US-amerikanischen Jahrescharts 2017 die erste Realfilm-Komödie erst auf Platz 26 ("Girls Trip"). Natürlich kann man argumentieren, daß auch "Jumanji 2" (Rang 4), "Guardians of the Galaxy 2" (5) oder "Get Out" (15) stark komödianisch geprägt sind, aber in erster Linie zählen sie doch zu anderen Genres (Action-Abenteuer, SciFi respektive Horrorsatire) und sind keine klassischen Komödien. Und 2017 war bestimmt keine Ausnahme, spätestens seit dem Ende der "Hangover"-Trilogie tun sich Komödien in Nordamerika ungewöhnlich schwer – dabei galt doch immer, daß Kinozuschauer in politisch dunklen Zeiten Filme bevorzugen, in denen man durch viele Lacher von der Realität abgelenkt wird. Die Hollywood-Komödienkrise hat vielfältige Ursachen, zu denen die erstarkende Streaming-Konkurrenz (Netflix gelang es ja, den einstigen Kinokomödien-Hitgaranten Adam Sandler durch einen langfristigen Vertrag an sich zu binden) ebenso zählt wie ein verändertes Kinoverhalten der jungen Generationen (die sich oft nur noch durch spektakuläre Highlights in die Multiplex-Kinocenter locken lassen) und eine strukturelle Veränderung der Branche, bei der zwischen sündteuren Großproduktionen und kleinen Indie-Filmen die Mittelware immer stärker wegbricht; und das trifft neben Thrillern eben vor allem Komödien. Zu den wenigen verläßlichen Komödienexperten zählt das Autoren- und Regieduo John Francis Daley und Jonathan Goldstein, das 2011 mit "Kill the Boss" seinen Durchbruch schaffte und seitdem dem Genre weitgehend treu blieb. So auch mit "Game Night", einem Film, dessen Prämisse nicht wirklich neu ist und der sich im Prinzip sehr ähnlich anfühlt wie viele andere Hollywood-Komödien der letzten Jahre ("Wir sind die Millers", "Bad Neighbors"), aber durchgehend gut unterhält.

Die Idee, ahnungslose Bürger im Glauben, es handle sich nur um ein Spiel, in eine gefährliche Situation zu bringen, ist gut, aber – wie gesagt – nicht neu. Paradebeispiel für die Thematik ist die herrlich alberne, in Deutschland aufgrund ihres dämlichen deutschen Titels unterschätzte Bill Murray-Komödie "Agent Null Null Nix" aus dem Jahr 1997. Während der Murray-Film (ähnlich wie die dramatische Variante "The Game" von David Fincher) die Prämisse allerdings gnadenlos durchzog, erfahren die Protagonisten in "Game Night" überraschend früh (wenn auch nicht alle gleichzeitig), daß Brooks' Entführung bitterer Enst ist. Das sorgt einerseits dafür, daß "Game Night" ein wenig an Eigenständigkeit gewinnt, andererseits wird der Reiz der Filmidee dadurch natürlich bei weitem nicht ausgeschöpft. Dafür lebt "Game Night" von den erfreulich gut ausgestalteten Charakteren aus der Feder von Autor Mark Perez ("Die Country Bears"). Zwar bleiben die letztlich schon wegen ihrer relativ großen Anzahl – die drei Paare plus Brooks plus der sonderliche Polizisten-Nachbar Gary (Jesse Plemons, "Bridge of Spies"), der unbedingt mitspielen möchte – Stereotype, jedoch gelingt es Perez, sie alle durch ein paar Eigenheiten schnell interessant zu machen. Bei Michelle und Kevin ergibt sich beispielsweise schnell ein Running Gag, als Michelle bei einem Trinkspiel versehentlich enthüllt, daß sie einmal Sex mit einem Promi hatte (den sie aber nicht verraten will), während Ryan und sein neues, wesentlich intelligenteres Date Sarah (Sharon Horgan, "Es ist kompliziert …!") alleine durch ihre extreme Unterschiedlichkeit sowie Sarahs Hang zum Sarkasmus für reichlich Amusement sorgen. Und das zentrale Paar Annie und Max glänzt durch den unbedingten Willen, das Spiel zu gewinnen und es Max' großem Bruder endlich einmal so richtig zu zeigen. Daß die von Danny Huston ("Wonder Woman") und Michael C. Hall (TV-Serie "Dexter") gespielten Antagonisten erst spät und reichlich kurz auf den Plan treten und somit ziemlich blaß bleiben, ist da zu verschmerzen.

In einem Ensemble voller komödienerfahrener Schauspieler ist es erstaunlicherweise die sonst eher im dramatischen und romantischen Bereich etablierte Rachel McAdams, die sich schnell als gar nicht so heimlicher Star des Films herausschält. Sie harmoniert wunderbar mit Jason Bateman, offenbart dabei ein beeindruckendes Comedy-Timing und hat zudem das Glück, vom Drehbuch mit die besten Szenen zugeschustert zu bekommen – mein Favorit ist der äußerst fiese Gag im Showdown am Flugzeug (der die FSK-Prüfer vermutlich kurz zum Nachdenken brachte, ob eine Altersfreigabe ab 12 Jahren tatsächlich angemessen ist …), aber auch ihre überdrehte Parodie von Amanda Plummers "Pulp Fiction"-Rolle ist witzig. Generell muß man sagen, daß die Gagfrequenz von "Game Night" erfreulich hoch ist und sich die Trefferquote ebenfalls sehen lassen kann. Echte komödiantische Highlights sind jedoch rar, das Drehbuch lebt trotz einiger Wendungen mehr von der gekonnten Umsetzung durch einen talentierten Cast als von Originalität oder solch konsequenter Hemmungslosigkeit wie in "Agent Null Null Nix". Ein paar Witze unterhalb der Gürtellinie gibt es auch, die halten sich aber (meiner Meinung nach:) glücklicherweise in Grenzen und bleiben ziemlich harmlos. Somit ist "Game Night" zwar sicher nicht der große Hit, der das Genre wiederbelebt, aber auf jeden Fall ein Beweis dafür, daß es Hollywood keinesfalls ganz fallenlassen sollte. Ach, und eine zusätzliche Szene nach dem Abspann gibt es auch noch.

Fazit: "Game Night" ist eine sympathische, witzige Komödie, die das Potential ihrer Prämisse zwar kaum ausreizt, aber dank interessanter Charaktere und einer gut eingespielten Besetzung ziemlich viel Spaß macht.

Wertung: 7 Punkte.


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