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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 13. März 2018

I REMEMBER YOU (2017)

Originaltitel: Ég man pig
Regie: Óskar Thór Axelsson, Drehbuch: Ottó Geir Borg und Óskar Thór Axelsson
Darsteller: Jóhannes Haukur Jóhannesson, Anna Gunndís Gudmundsdóttir, Thor Kristjansson, Sara Dögg Ásgeirsdóttir, Ágústa Eva Erlendsdóttir, Amar Páll Hardarson
 I Remember You
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 100% (7,0); isländisches Einspielergebnis: $0,7 Mio.
FSK: 16, Dauer: 106 Minuten.
Da die Pathologin des Ortes gerade unterwegs ist, wird als Ersatz Psychiater Freyr (Jóhannes Haukur Jóhannesson, "Atomic Blonde") von Polizistin Katrín (Anna Gunndís Gudmundsdóttir) in die Kirche einer isländischen Kleinstadt gerufen, wo sich eine alte Frau das Leben genommen hat. Das ist an sich nicht besonders ungewöhnlich, allerdings stellt sich heraus, daß der Dame auf ihrem Rücken diverse Kreuze eingeritzt wurden, was offenbar über Jahre hinweg geschah. Katrín bemerkt Verbindungen zu einigen anderen Todesfällen, die allesamt als Unfälle abgehakt wurden, bei genauerer Betrachtung aber doch ziemlich merkwürdig sind. Gemeinsam mit Freyr forscht sie nach – und irgendwie scheinen die Vorkommnisse mit dem seit einiger Zeit spurlos verschwundenen kleinen Sohn des Psychiaters zusammenzuhängen. Derweil versuchen Dagný (Sara Dögg Ásgeirsdóttir, "Kaltes Licht") und Gardar (Thor Kristjansson, "Dracula Untold"), ihre nach einem Schicksalsschlag stark kriselnde Ehe zu retten, indem sie mit der gemeinsamen Freundin Lif (die frühere recht kontroverse Eurovision Song Contest-Teilnehmerin Ágústa Eva Erlendsdóttir, "Der Tote aus Nordermoor") ein heruntergekommenes Haus auf einer verlassenen kleinen Insel restaurieren. Doch vor allem Dagný wird wiederholt Zeugin merkwürdiger, rational kaum erklärbarer Geschehnisse in und um das Haus herum …

Kritik:
Wer im 20. Jahrhundert an skandinavische Kino- und TV-Produktionen dachte, dem kamen mit ziemlicher Sicherheit als erstes visionäre Filmemacher wie der dänische Stummfilmpionier Carl Theodor Dreyer ("Die Passion der Jungfrau von Orleans", "Das Wort), der Schwede Ingmar Bergman ("Das siebente Siegel", "Wilde Erdbeeren", "Szenen einer Ehe") oder das dänische Enfant terrible Lars von Trier ("Hospital der Geister", "Breaking the Waves", "Dancer in the Dark") in den Sinn. Wer im Jahr 2018 an skandinavische Kino- und TV-Produktionen denkt, dem fallen vermutlich nicht zuerst einzelne Namen ein, sondern eher ein Begriff wie "Scandic Noir" oder auch eine Qualitätsserie wie "Borgen – Gefährliche Seilschaften". Ja, es ist in der Tat erstaunlich, in welchem Ausmaß die Skandinavier speziell nach der Jahrtausendwende mit ihren hochkarätigen, häufig ziemlich düsteren und intelligenten Stoffen die Welt erobert haben – selbst die Wikinger wären neidisch! Vor allem mit den zahllosen Krimis und Serienkiller-Storys á la "Wallander", "Die Brücke", "Kommissarin Lund" oder den für das Kino produzierten Jussi Adler-Olsen-Thrillern ("Erbarmen") schaffen die Skandinavier einen Erfolg nach dem nächsten, doch auch Mysterystoffe wie "Jordskott" oder "Hellfjord" sind beliebt. In diese Kategorie fällt der Grusel-Thriller "I Remember You", der – basierend auf einem Bestseller von Yrsa Sigurdadóttir – zum zweiterfolgreichsten Film des Jahres 2017 in den isländischen Kinos wurde, nur knapp distanziert von "Star Wars Episode VIII: Die letzten Jedi". Daß es in Deutschland und fast allen übrigen Ländern trotzdem nicht zu einem regulären Kinostart gereicht hat, hat allerdings seinen Grund: "I Remember You" ist trotz einer wunderbar gruseligen Atmosphäre (und des für mich überraschend verliehenen "Fresh Blood"-Zuschauerpreises beim Fantasy Filmfest) eine recht mittelmäßige Geistergeschichte.
Allerdings ist diese Einschätzung wahrscheinlich auch wieder einmal eine Frage der Erfahrung. Wer noch nicht viele Mystery- oder Gruselfilme kennt, dem wird der kompetent gemachte "I Remember You" wohl deutlich besser gefallen als jemandem wie mir, der bereits mindestens Dutzende Filme dieser Machart gesehen hat – darunter etliche deutlich bessere. Und da ich dem Fantasy Filmfest-Publikum bestimmt nicht mangelnde Genreerfahrung vorwerfen will, ist es offensichtlich auch eine Frage persönlicher Gewichtung. Wem die Atmosphäre über alles geht – was ich durchaus nachvollziehen kann –, der ist mit diesem melancholischen Grusler gut bedient. Wer Wert legt auf glaubwürdig agierende Figuren und zumindest auf einen Hauch von Originalität, der wird mit "I Remember You" weniger glücklich werden. Dabei fängt alles so vielversprechend an: Die zentralen Charaktere sind gut gezeichnet, vor allem der grambeladene Psychiater Freyr nimmt das Publikum schnell für sich ein. Zudem sorgt der Wechsel zwischen den beiden inhaltlich scheinbar unverbundenen Schauplätzen für Neugier. Zwar wird die Ménage à trois auf der verlassenen Insel einigermaßen klischeehaft ausgespielt, aber die Figuren sind interessant genug, daß man sich auf sie einläßt. Dazu kommt diese typisch skandinavische, melancholisch-gruselige Atmosphäre, die durch stimmungsvolle Aufnahmen der kargen, wilden isländischen Landschaften noch unterstrichen wird.
Bedauerlicherweise wird das alles konterkariert durch den auffälligen Mangel an Subtilität. Das beginnt bei der (nicht genreuntypisch) aufdringlichen Klangkulisse, die speziell bei wichtigen (Geister-)Szenen viel zu dominant Anwendung findet, obwohl man deren Bedeutung auch ohne oder zumindest mit etwas weniger Dröhnen problemlos begreifen würde – stattdessen lenken die lauten Klänge eher ab und berauben die an sich effektiv in Szene gesetzten Momente ein Stück weit ihrer Wirkung. Eigentlich ein klassischer Anfängerfehler, jedenfalls ausgesprochen nervig. Wenig subtil kommen im Handlungsverlauf auch die Charaktere daher, deren Handeln immer unglaubwürdiger und teilweise (vor allem bei der Dreiecksgeschichte) schlicht dümmer wird. Das erfüllt wohl auch einen gewissen Ablenkungszweck, denn wenngleich die zentralen Handlungsstränge rund um die geheimnisvollen Todesfälle und Freyrs verschwundenen Sohn ziemlich sauber aufgelöst werden, bleiben doch einige Rätsel unerklärt, ebenso die Motivation, die hinter manchen Taten steckt. Somit läßt das Ende einen nicht gänzlich befriedigt zurück; es bleibt das Gefühl, daß man aus der gruseligen, durchaus geschickt verschachtelten (aber weitgehend überraschungsfreien) Story sowie der eisigen, bedrückenden Atmosphäre und dem guten Schauspielensemble weit mehr hätte herausholen können.

Fazit: "I Remember You" ist ein solider isländischer Gruselthriller, der in Sachen Atmosphäre viel richtig macht, aufgrund einer zu plakativen Inszenierung sowie zunehmend unglaubwürdig agierenden Figuren aber letztlich nur leicht gehobenes Genre-Mittelmaß ist.

Wertung: 6 Punkte.


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