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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 15. November 2017

THE MERMAID (2016)

Originaltitel: Mei ren yu
Regie: Stephen Chow, Drehbuch: Chan Hing-ka, Kelvin Lee, Ho Miu-kei, Fung-Chih-chiang, Lu Zhengyu, Ivy Kong, Tsang Kan-cheng und Stephen Chow, Musik: Raymond Wong
Darsteller: Deng Chao, Jelly Lin, Zhang Yuqi, Show Lo, Ivan Kotik, Lu Zhengyu, Fan Shuzhen, Wen Zhang, Kris Wu, Tsui Hark
 The Mermaid
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 94% (7,0); weltweites Einspielergebnis: $553,8 Mio.
FSK: 12, Dauer: 94 Minuten.
Liu Xuan (Deng Chao, "Detective Dee und das Geheimnis der Phantomflammen") ist ein junger Self-Made-Milliardär und notorischer Playboy, der bei seinem Aufstieg aus armem Elternhaus zu einem der reichsten Männer Chinas irgendwann sein Gewissen vergaß. Sein neuester Deal ist der Kauf einer unter Naturschutz stehenden Bucht, die er zu teurem Bauland aufschütten will, nachdem er die dort lebenden Delphine heimlich durch ein spezielles Sonargerät vertrieben und so den Naturschutzstatus aufgehoben hat. Was er nicht ahnt: Die Bucht ist die Heimat einer größeren Gruppe von Meermenschen! Die entsenden aus ihrer Mitte die hübsche Shan (Jelly Lin), als Mensch verkleidet, um Xuan zu ermorden – doch nachdem dieser Anschlag auf groteske Art und Weise fehlschlägt, zeigt sich Xuan fasziniert von der ungewöhnlichen jungen Frau, die zu seinem Erstaunen überhaupt kein Interesse an seinem Geld zeigt. Kurz gesagt: Xuan verliebt sich Hals über Kopf in Shan, die wiederum ebenfalls unerwartet Sympathie für ihren Verehrer empfindet und daher in ihrer Entschlossenheit schwankt – Xuans schöner, aber zwielichtiger Geschäftspartnerin Ruolan (Zhang Yuqi, "CJ7 Nicht von dieser Welt") gefällt die sich anbahnende Romanze derweil ganz und gar nicht, zumal sie selbst eine heimliche Agenda verfolgt …

Kritik:
Es ist noch gar nicht so lange her, da sah es tatsächlich so aus, als würde das chinesische Kino die Welt erobern – und zwar auf zwei Wegen, nämlich dem festlandchinesischen und dem hongkong-chinesischen. Während die auf dem Festland arbeitenden Filmemacher wegen der inzwischen etwas gelockerten, aber immer noch deutlichen Zensurvorschriften vorwiegend mit künstlerisch wertvollen Historienfilmen ("Rote Laterne", "Lebewohl, meine Konkubine", "Hero") die internationalen Festivals eroberten, fand das actionorientierte Hongkong-Kino viele Fans bei den amerikanischen und europäischen Genreanhängern. Dabei reichte das Spektrum von den legendären Shaw Brothers-Eastern (z.B. "Das goldene Schwert des Königstigers" oder "Die 36 Kammern der Shaolin") von den 1960er bis in die frühen 1980er Jahre hinein über klamaukige Komödien (z.B. viele Jackie Chan- und Sammo Hung-Werke der 1980er Jahre) bis hin zu den kunstvoll choreographierten Bleigewittern eines John Woo ("The Killer", "A Better Tomorrow") oder Johnnie To ("Election"), die viele Nachahmer in Hollywood fanden. Doch 2017 steht der weltweite Durchbruch des chinesischen Kinos trotz aller Regierungsbemühungen noch immer aus, ja, die Industrie steht hinsichtlich ihrer globalen Relevanz sogar deutlich schlechter da als vor 20 oder 30 Jahren. Den Grund dafür sehen viele im Wiederanschluß der einstigen britischen Kronkolonie Hongkong an China im Jahr 1997. Zwar hat sich Hongkong einige Sonderrechte bewahren können, doch viele Filmschaffende zogen es trotzdem vor, die Metropole Richtung Hollywood oder Europa zu verlassen, andere hatten vielleicht auch zufällig ihren künstlerischen Zenit überschritten. Fakt ist: Obwohl chinesische Dramen immer noch gerne gesehen Gäste bei den großen Filmfestivals sind, erreichen die Genreproduktionen ein kleineres internationales Publikum als vor der Jahrtausendwende. Als langjähriger Besucher des Fantasy Filmfests kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, daß die dort präsentierten Werke nur noch selten die von früher gewohnte hohe erzählerische und/oder handwerkliche Qualität erreichen – zudem scheint die Inspiration verlorengegangen zu sein, man sieht kaum etwas wirklich Neues, stattdessen viel Wiedergekäutes und im negativen Sinne von Hollywood Abgeschautes (z.B. die übergroße Rolle von Spezialeffekten). Natürlich gibt es immer noch Ausnahmen wie die grandiose "Infernal Affairs"-Trilogie (deren erster Teil die Vorlage für Martin Scorseses OSCAR-prämiertes, jedoch schwächeres Remake "Departed" war), aber als langjähriger Fan des Hongkong-Kinos kann ich meine Enttäuschung über die Entwicklung der chinesischen Filmindustrie nicht verhehlen.
In gewisser Weise steht der hongkong-chinesische "The Mermaid"-Regisseur Stephen Chow stellvertretend für die Entwicklung, denn wo der Actionkomödien-Spezialist bis ins Jahr 2004 mit phantasievollen Werken wie der Bond-Parodie "Liebesgrüße aus Peking", der Tragikomödie "King of Comedy", der Sportkomödie "Shaolin Kickers" und dem einfallsreichen Gaggewitter "Kung Fu Hustle" glänzte, produzierte er anschließend relativ generische Massenware – was den sehr guten chinesischen Einspielergebnissen aber nicht schadete. Mit dem romantischen Fantasy-Märchen "The Mermaid" scheint Chow nun den Mittelweg zu versuchen: Eine originelle Prämisse mit vielen gelungenen Gags trifft auf eine von A bis Z vorhersehbare Klischeestory. Das Resultat: "The Mermaid" avancierte innerhalb weniger Wochen zum mit weitem Abstand kommerziell erfolgreichsten chinesischen Film aller Zeiten (2017 wurde er von "Wolf Warrior 2" abgelöst)! Verdient ist das qualitativ eigentlich nicht wirklich und die internationale Reputation des chinesischen Kinos wird Chows (übrigens mit einigen Cameos zum Beispiel von Regie- und Produzentenlegende Tsui Hark angereichertes) Werk sicher nicht maßgeblich steigern – aber Spaß macht er zweifellos. Und das ist ja nicht so ganz unwichtig …
Allerdings muß ich einschränkend hinzufügen, daß der Humor von "The Mermaid" doch recht gewöhnungsbedürftig ist – zumindest, wenn man von westlichen Sehgewohnheiten ausgeht. Wer sich etwas mit nicht rein dramatischen chinesischen Produktionen auskennt, der weiß, daß sie sich seit jeher oft durch einen klamaukigen, slapstickhaften und schrill übertriebenen Humor auszeichnen, mit dem sich westliche Zuschauer eher schwertun. "The Mermaid" macht da keine Ausnahme und wirkt auf unvorbereitete Zuschauer zunächst wahrscheinlich primär kindisch und albern – wobei es Chow mit dem besonders klamaukigen (und inhaltlich eigentlich überflüssigen) Prolog den nicht-chinesischen Zuschauern sowieso nicht sehr leicht macht. Man muß sich also einlassen auf Chows recht speziellen Humor und man muß sich ein bißchen daran gewöhnen. Dann wird man allerdings feststellen, daß zwar bei weitem nicht jeder Gag funktioniert, das Ganze aber mit einer solch herzerfrischend naiven Unschuld und gnadenlosen Konsequenz dargeboten wird, daß es schwerfällt, es auf Dauer nicht ungemein sympathisch zu finden. Da werden Erinnerungen wach an die Darbietungen eines Peter Sellers ("Der rosarote Panther", "Der Partyschreck") oder auch eines Rowan Atkinson ("Mr. Bean", "Black Adder", "Johnny English"), die ebenso für selbstbewußten, elaborierten Slapstick stehen. Mag in "The Mermaid" manche Szene noch so kindisch oder dämlich daherkommen, irgendwann (und in der Regel dauert das nicht lange) kommt garantiert und oft aus einer völlig unerwarteten Richtung ein ganz großer Lacher, wenn etwa im Hintergrund ein mit Jetpack ausgestatteter Rivale Xuans nach dessen versehentlicher Aktivierung in einem Gebäude von seinen Assistenten wie ein Tennisball Richtung Ausgangstür geschlagen werden muß oder wenn Shans Meermenschen-Freund Octopus (Show Lo) zur Wahrung seiner menschlichen Tarnidentität zu einem ziemlich unangehmen Umgang mit seinen Tentakeln gezwungen ist …
"The Mermaid" ist somit eigentlich ein klassischer Partyfilm, den man am besten als Teil eines gutgelaunten, aufgeschlossenen Publikums anschaut – wie beim Fantasy Filmfest eben. Dann fällt einem mit etwas Glück auch nicht gar so stark auf, wie einfallslos der Handlungsverlauf letztlich daherkommt. Im Prinzip läßt sich die von sage und schreibe acht Drehbuch-Autoren zusammengeschusterte Story früh fast komplett prognostizieren, wenngleich es zumindest in den Details ein paar kleinere Abweichungen vom Erwarteten gibt – was auch den phasenweise überraschend brutalen Showdown einschließt, ohne den "The Mermaid" wahrscheinlich locker eine Freigabe ab 6 Jahren bekommen hätte. Die relativ schonungslosen Bilder im Finale (wie auch einige immer wieder eingestreute Dokumentar-Aufnahmen) dürften jedoch eine sinnvolle Motivation haben, denn ich gehe davon aus, daß sie die nicht eben subtile, aber natürlich sehr lobenswerte Öko- und Meeresschutz-Botschaft verstärken sollen. Das funktioniert ziemlich gut, der Bösewicht (dessen anfangs noch unklare Identität ich nicht verraten werde, auch wenn sie kaum einen Zuschauer überraschen dürfte) ist allerdings so cartoonhaft überzeichnet und geht am Ende auch noch so unlogisch brutal vor, daß es eher kontraproduktiv wirkt. Xuan hingegen macht eine rasante Entwicklung vom arroganten Milliardär zum verantwortungsvoll handelnden Gutmenschen (im positivsten Sinne!) durch, was naturgemäß nicht allzu realistisch wirkt, aber auch nicht wirklich stört. Außerdem geht die naiv-unschuldige Romanze zwischen Xuan und Shan bei aller dramaturgischen Eindimensionalität einfach ans Herz und sowohl Deng Chao als auch Newcomerin Jelly Lin in ihrem allerersten Leinwandauftritt offenbaren großes Komiktalent. Bei der Darstellung der Meermenschen und ihrer feuchten Heimat macht "The Mermaid" derweil eine recht gute Figur. Zwar ist der CGI-Einsatz teils arg offensichtlich, insgesamt aber trotzdem recht gut gelungen – Meerjungfrauen und Octopus-Männer lassen sich nunmal schwer wirklich realistisch darstellen …

Fazit: "The Mermaid" ist eine hemmungslos alberne chinesische Fantasy-Komödie mit Öko-Botschaft, deren klamaukiger, aber phantasievoller und immer wieder ausgesprochen witziger Humor über die extrem vorhersehbare Story und den Klischee-Bösewicht hinwegsehen läßt.

Wertung: 7 Punkte.


"The Mermaid" erscheint am 17. November 2017 von capelight pictures auf DVD und Blu-ray, das mir freundlicherweise eine Rezensionsmöglichkeit zur Verfügung gestellt hat.


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