Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 13. Juli 2017

DIE VERFÜHRTEN (2017)

Originaltitel: The Beguiled
Regie und Drehbuch: Sofia Coppola, Musik: Phoenix
Darsteller: Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Elle Fanning, Colin Farrell, Oona Laurence, Angourie Rice, Addison Riecke, Emma Howard, Wayne Pére
 Die Verführten
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 78% (7,2); weltweites Einspielergebnis: $8,8 Mio.
FSK: 12, Dauer: 93 Minuten.

Als die 11 Jahre alte Amy (Oona Laurence, "Elliot, der Drache") während des amerikanischen Bürgerkriegs im 18. Jahrhundert beim Pilzsammeln im Wald den schwer am Bein verwundeten Nordstaaten-Soldaten John McBurney (Colin Farrell, "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind") findet, bringt sie ihn in das nahegelegene Mädchenpensionat, in dem angesichts des Krieges außer ihr nur noch vier weitere Schülerinnen, die Lehrerin Edwina Morrow (Kirsten Dunst, "Melancholia") und die Leiterin Martha Farnsworth (Nicole Kidman, "Die Dolmetscherin") leben. Nach anfänglichem Zögern versorgt Martha die Wunde des Yankees und läßt sich von der Mehrzahl der Mädchen erweichen, John nicht gleich den eigenen Soldaten zu übergeben, sondern ihn zuerst ungestört im Pensionat genesen zu lassen. Der ausgesprochen charmante John sorgt aber schnell für ziemliche Turbulenzen im Haus, denn er macht allen schöne Augen und wird umgekehrt selbst zum Ziel lange verdrängter Begierden. Als John wieder weitgehend gesund ist, scheint eine Eskalation unvermeidbar …

Kritik:
In der langen, erfolgreichen Karriere von Clint Eastwood zählt der erotische Südstaaten-Thriller "Betrogen" aus dem Jahr 1971 mit Sicherheit zu den ungewöhnlichsten (und unbekanntesten) Filmen, die er gedreht hat. OSCAR-Gewinnerin Sofia Coppola ("Lost in Translation") hat sich mehr als 45 Jahre später der gleichen Geschichte angenommen. Als ein Remake will sie "Die Verführten" ausdrücklich nicht verstanden wissen, da sie den englischen Originaltitel behalten hat, obwohl der beiden Filmen zugrundeliegende Roman von Thomas Cullinan "A Painted Devil" heißt, bezieht sie sich aber doch unverkennbar darauf. In gewisser Weise schuf Coppola das Gegenstück zu "Betrogen", denn während das Werk des Actionspezialisten Don Siegel ("Dirty Harry") explizit aus der Sicht des von Eastwood verkörperten McBurney erzählt wird, verschiebt Coppola die Perspektive hin zu den weiblichen Figuren. Das hat unter anderem eine subtilere Erzählweise zur Folge, die mir persönlich deutlich besser gefällt als der ziemlich machohafte "Betrogen", gleichzeitig hat Coppolas Vorgehensweise aber einige unübersehbare Schwächen. Dennoch ist "Die Verführten" in meinen Augen die bessere Version der Story und generell ein zwar lange Zeit sehr langsam erzählter, aber dennoch sehenswerter Film.

Ich will jetzt gar nicht zu genau auf die Unterschiede zwischen "Betrogen" und "Die Verführten" eingehen, denn erstens habe ich den Eastwood-Film vor vielen Jahren gesehen und daher nicht mehr ganz so genau im Gedächtnis, zweitens werden ihn viele Leser wohl gar nicht kennen. Trotzdem ist die unterschiedliche Herangehensweise spannend, denn die Erzählperspektive ist bei weitem nicht die einzige größere Abweichung. Eine weitere ist, daß Sofia Coppola die afroamerikanische Sklavin des Pensionats aus Buch und erster Verfilmung komplett ausspart. Das sorgte für Kritik, allerdings kann man Coppolas Begründung, wonach sie die Rassismus-Thematik als zu wichtig empfindet, um sie hier in einer klischeehaft vorgegebenen Randfigur aufzugreifen, durchaus nachvollziehen (im Buch ist zudem Edwina gemischtrassig, was aber beide Filme ignorieren). Auffällig ist des weiteren, daß die Frauen in "Betrogen" schnell in einen regelrechten Zickenkrieg um McBurney verfallen, der so klischeehaft und übertrieben anmutet, daß man sich nicht wundert, daß der Film von einem Mann inszeniert wurde, der vorrangig für testosterongetriebene Werke bekannt ist. Coppola bietet in "Die Verführten" so ziemlich das Gegenteil: Bei aller Konkurrenz im Ringen um McBurneys Zuneigung bleiben sie stets höflich, sogar freundlich zueinander – bis auf ein paar harmlose Spitzen oder Überbietungswettkämpfe (sehr amüsant dargeboten, als McBurney einen Apfelkuchen über den grünen Klee lobt und jede ihren ganz speziellen und selbstverständlich besonders wichtigen Beitrag zum Gelingen hervorhebt). Das wirkt zwar auch nicht komplett realistisch, doch immerhin läßt diese gelebte weibliche Solidarität das recht heftige Geschehen des letzten Drittels glaubwürdiger erscheinen als in "Betrogen". Dennoch würde ein Mittelweg zwischen dem erbitterten Konkurrenzkampf in "Betrogen" und der allzu harmonischen – wenn auch öfters von feiner Ironie durchzogenen – Konstellation in "Die Verführten" wohl am besten funktionieren.

Vermutlich war Coppola bei ihrem Vorgehen auch daran gelegen, das Problem zu entschärfen, daß die erzählte Geschichte die Mädchen und Frauen letztlich als primär triebgesteuert und ohne tiefgründige Persönlichkeit darstellt. Vollständig läßt sich das einfach nicht ausblenden, wenn man der Vorlage ansatzweise treu bleiben will, aber so, wie es hier präsentiert wird, fällt es zumindest nicht gar so sehr auf. Dafür sorgt Coppola mit ihrer gewohnt subtilen Art der Inszenierung, in der Blicke und Gesten oft viel wichtiger sind als die ausgefeiltesten Dialoge und das sorgfältig gestaltete Szenenbild mit dem ästhetisch ansprechenden Internatsgebäude als fast ausschließlichem Handlungsort ebenso für eine perfekte Umrandung sorgt wie die eher zurückhaltende Musik der französischen Band Phoenix. Für die Umsetzung ihrer Vorstellungen sind natürlich besonders begabte Schauspieler notwendig – und die hat Coppola gefunden. Vor allem Nicole Kidman beweist einmal mehr ihr großes Können, es ist einfach eine Augenweide, wie sie in der Rolle der erfahrenen, vernünftigen und zielstrebigen Schulleiterin mit einem Blick mehr aussagt als viele andere mit tausend Worten. Doch auch Kirsten Dunst als emotionalere, romantisch veranlagte Lehrerin Edwina zeigt eine überzeugende Leistung, ebenso wie alle fünf jugendlichen Aktricen – unter denen sich mit Oona Laurence (als liebenswerte Amy), Angourie Rice ("The Nice Guys", als musikalisch begabte Jane) und Elle Fanning ("The Neon Demon", als älteste Schülerin Alicia) drei für ihr Alter bereits sehr erfahrene junge Damen befinden (zu denen sich in kleineren Rollen die beiden Newcomerinnen Addison Riecke und Emma Howard gesellen).

Colin Farrell löst derweil die schwierige Aufgabe als männliches Epizentrum einer Geschichte, die hier vorwiegend aus weiblicher Perspektive geschildert, so gut, wie das wohl möglich ist. Er kommt so charmant und zuvorkommend rüber, daß man gern glaubt, daß die in dem Pensionat und angesichts des Krieges seit langem von wirklicher männlicher Gesellschaft ferngehaltenen (und teilweise heftig pubertierenden) Frauen ihm reihenweise verfallen – allerdings kann dieser John McBurney weit weniger Profil entwickeln als Eastwoods McBurney in "Betrogen", da der Soldat in "Die Verführten" nun einmal nicht die unumstrittene Hauptrolle spielt, sondern sogar etwas im Schatten seiner Retterinnen steht. Das führt dazu, daß dieser John McBurney dem Publikum ziemlich fremd bleibt, womit auch sein Verhalten nach der erwähnten Eskalation vor dem finalen Akt der Story schwerer nachvollziehbar ist. Es ist einfach so, daß "Betrogen" und "Die Verführten" für sich genommen klare Schwächen haben, als zwei Seiten einer Medaille jedoch ein ziemlich gutes Gesamtbild ergeben – hier ist McBurney glaubwürdig geschildert, die Frauen weniger; dort ist es genau umgekehrt. Ein großes Problem gibt es für mich aber bei beiden Varianten: Besagtes letztes Drittel wirkt einfach nicht rund. Vielleicht ist das der Vorlage geschuldet, da beide Verfilmungen es nicht schaffen, die Folgen der Eskalation authentisch auf die Leinwand zu bringen, vielleicht gelingt es in Buchform hervorragend, läßt sich angesichts der zeitlichen und erzählerischen Limitierungen eines Kinofilms aber nicht adäquat umsetzen. Wie auch immer, die Verhaltensweisen der meisten handelnden Figuren sind im Finale dieser Geschichte bemerkenswert radikal und lassen sich nur mit Mühe gedanklich nachvollziehen. Bei "Die Verführten" kommt noch dazu, daß der Stimmungs- und Tempowechsel nach den bis dahin so harmonisch-elegischen Geschehnissen besonders abrupt kommt und der Film daher nicht wie aus einem Guß wirkt. Das hat Don Siegel in "Betrogen" besser hingekommen, weil sich die Spannungen dort früh und kontinuierlich steigern – in den meisten anderen Bereichen sehe ich den eleganten "Die Verführten" dagegen qualitativ vorne.

Fazit: "Die Verführten" ist ein erotisches Thriller-Drama vor historischer Kulisse, das mit einem bärenstarken, weiblich dominierten Schauspielensemble und einer elegant-subtilen, raffinierten Inszenierung überzeugt, jedoch im letzten Filmdrittel allzu abrupt Stil und Tempo ändert und es dabei versäumt, die Motivation und Gedankengänge der handelnden Personen zu vermitteln.

Wertung: Knapp 7,5 Punkte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen