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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 2. Februar 2017

RESIDENT EVIL: THE FINAL CHAPTER (3D, 2016)

Regie und Drehbuch: Paul W.S. Anderson, Musik: Paul Haslinger
Darsteller: Milla Jovovich, Iain Glen, Ali Larter, Shawn Roberts, Eoin Macken, Ever Anderson, Fraser James, Ruby Rose, Joon-Gi Lee, William Levy, Rola, Mark Simpson
Resident Evil: The Final Chapter
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 38% (4,5); weltweites Einspielergebnis: $314,1 Mio.
FSK: 16, Dauer: 116 Minuten.

Alice (Milla Jovovich, "Die drei Musketiere") ist nach einem weiteren heftigen Rückschlag im Kampf gegen die Zombieseuche auf dem Weg zurück dorthin, wo alles begann: Raccoon City. Denn die "Red Queen" (Ever Anderson, die 9-jährige Tochter von Milla Jovovich und Regisseur Paul W.S. Anderson), die übermächtige Künstliche Intelligenz der sinistren Umbrella Corp., hat Alice überraschend den Tip gegeben, daß Umbrella ein Gegenmittel entwickelt hat, das die zombifizierenden Auswirkungen des T-Virus eliminieren kann, wenn es an der Luft freigesetzt wird. Der totgeglaubte Umbrella-Chef Dr. Isaacs (Iain Glen, "Harry Brown", TV-Serie "Game of Thrones") fängt Alice jedoch ab und will sie mit allen Mitteln davon abhalten, die endgültige Vernichtung der wenigen auf der Erdoberfläche ausharrenden Menschen im letzten Moment abzuwenden – Unterstützung bekommt Alice immerhin von ihrer alten Kampfkameradin Claire Redfield (Ali Larter, "Final Destination") und einigen weiteren Überlebenden, die sich in den Überresten von Raccoon City verschanzt haben …

Kritik:
Nach fast 15 Jahren und sechs von Kritikern und Anhängern der Videospiel-Vorlage weitgehend verachteten, aber trotzdem kommerziell sehr erfolgreichen Filmen mit einem globalen Gesamt-Einspielergebnis von mehr als einer Milliarde US-Dollar findet die federführend von Paul W.S. Anderson als Drehbuch-Autor, (in vier der sechs Teile) Regisseur und Produzent verantwortete und von der deutschen Constantin Film koproduzierte Actionhorror-Reihe ihren Abschluß. Oder zumindest sollte man das meinen angesichts des Untertitels "The Final Chapter" und auch verschiedener Aussagen von Anderson einigen Darstellern. So ganz unzweideutig wurde jedoch niemals kommuniziert, daß mit Teil 6 alles vorbei ist, vielmehr gab es sogar schon Gerüchte über ein Reboot in nicht allzu ferner Zukunft, möglicherweise auch als TV-Serie. Nach Ansicht von "The Final Chapter" wäre sogar eine Fortsetzung mit Milla Jovovich absolut möglich, denn wenngleich die Story über das T-Virus zu einem halbwegs befriedigenden Ende geführt wird, läßt dieses doch reichlich Raum für weitere Abenteuer der beliebten Action-Heroine Alice (und angesichts der Tatsache, daß im "Resident Evil"-Universum Klone gang und gäbe sind, ist das noch nicht einmal ein Spoiler). Zwar hat Jovovich inzwischen die 40 überschritten und wird damit sicher nicht mehr ewig den ständigen Nahkampf mit Zombies und anderen Ekelkreaturen wagen können, aber man könnte ja auch einen neuen Kampfkünstler einführen (oder einen bereits eingeführten aus den vorangegangenen Teilen zurückbringen) und Alice quasi als graue Eminenz im Hintergrund verwenden. Die Frage ist nur: Wollen wir das? Angesichts der Qualität von "The Final Chapter" neige ich dazu, mit "Nein" zu antworten, denn mit dem sechsten Teil erreicht die "Resident Evil"-Reihe in meinen Augen eindeutig ihren Tiefpunkt – sollte es wirklich Alices letzter Auftritt gewesen sein, so wäre er jedenfalls ein arg enttäuschender. Angesichts der seit Teil 5 sinkenden Einspielergebnisse dürfte zumindest eine längere Pause aber sowieso angeraten sein.

Keine Frage: Die "Resident Evil"-Filme haben sich – wie alle auf Drehbüchern von Anderson basierende Werke – nie durch gut ausgearbeitete Figuren, intelligente Dialoge oder auch nur eine logische, kohärente Handlung ausgezeichnet. Doch so schlimm wie in "The Final Chapter" war es meines Erachtens noch nie. Das beginnt mit der extrem ärgerlichen Entscheidung, den spannenden, vielversprechenden Cliffhanger von "Retribution" – Alice und ihre Freunde wurden von ihrem bisherigen Erzfeind Wesker (Shawn Roberts, "Auftrag Rache") als Unterstützung für die "letzte Schlacht der Menschheit" gegen die Zombies nach Washington geholt – durch einen simplen Satz aufzulösen: "Es war eine Falle." Nervig genug, daß es eine ziemliche Frechheit ist, die Zuschauer in den finalen "Retribution"-Szenen für eine große Entscheidungsschlacht anzuheizen und diese dann in "The Final Chapter" nicht einmal zu zeigen. Noch schlimmer ist, daß die lapidare Erklärung für den Zuschauer nicht einmal Sinn ergibt: Eine Falle? Von wem denn? Warum? Wie genau? Und mit welchem Ziel? Kurz zusammengefaßt: Hä? Zugegeben, viel später im Film, als man schon gar nicht mehr damit rechnet, wird das tatsächlich noch einigermaßen erläutert und zwar so, daß es isoliert betrachtet sogar irgendwie Sinn ergibt. Gleichzeitig ist es aber überdeutlich, daß die Reihe niemals einem Masterplan folgte, sondern sich Anderson von Film zu Film eine ganz neue Geschichte ausdachte, die zwar einer losen allgemeinen Reihen-Kontinuität folgte, aber niemals einer genaueren Überprüfung hinsichtlich Logik und Glaubwürdigkeit standhält. Das ultimative und leidlich unoriginelle Ziel, das Umbrella und Dr. Isaacs in "The Final Chapter" endlich (und im Widerspruch zu einigen Enthüllungen aus früheren Teilen) enthüllen, hätten sie bei einem konsequenteren Vorgehen etwa mit Sicherheit sehr locker schon viel früher erreichen können.

Aber "Resident Evil" und "konsequent"? Nein, das paßt nicht wirklich zusammen. Hat es nie, wird es wahrscheinlich auch nie. Ist eigentlich auch gar nicht so schlimm, solange das Ganze wenigstens unterhaltsam ausfällt – immerhin handelt es sich um eine B-Movie-Reihe und nicht um schwere OSCAR-Kost. So auffällig konstruiert und manipuliert wie in "The Final Chapter" kam die Handlung jedoch vermutlich noch nie daher. Nur ein Beispiel von vielen ist, daß jede der raffinierten und grausamen Fallen, mit denen Umbrella den zentralen Hive unter Raccoon City vor Eindringlingen schützt, natürlich immer nur genau einen Gefährten von Alice das Leben kostet – obwohl zumindest einige dieser Fallen mit der nötigen Geduld und (da isses wieder, das Wort) Konsequenz problemlos die ganze Gruppe ausschalten könnten. Klar, das trifft auf die Vorgänger-Filme so ähnlich ebenfalls zu, aber wie gesagt: So gehäuft und damit so auffällig wie in "The Final Chapter" war es noch nie. Dazu kommen reihenweise Logikfehler (warum liegt in Raccoon City zehn Jahre nach der Apokalypse ein immer noch qualmendes Jumbojet-Wrack rum?), teils heftige Kontinuitätsfehler und Widersprüche im Hinblick auf die Vorgänger sowie unglaubwürdige Verhaltensweisen der Figuren.

Womit wir schon beim nächsten großen Problem wären: Die neuen Charaktere in "The Final Chapter" sind die reinste Katastrophe. Auch wenn in den vorangegangenen fünf Filmen die Figurenzeichnung selbstverständlich ebenfalls nicht zu den Stärken der Reihe zählte, so gelang es doch jedem einzelnen Teil, zumindest schillernde, einprägsame neue Mitstreiter von Alice einzuführen, die teilweise aus den Videospielen übernommen wurden. Im allerersten "Resident Evil" gab es den charmanten Matt (Eric Mabius) und die raubeinige Rain (Michelle Rodriguez), in "Apocalypse" kamen die kampfstarke Jill Valentine (Sienna Guillory) und der charismatische Carlos Olivera (Oded Fehr) dazu, in "Extinction" die bodenständige Claire Redfield, in "Afterlife" ihr Bruder und Ex-Soldat Chris (Wentworth Miller) und der frühere Basketball-Profi Luther (Boris Kodjoe) und schließlich in "Retribution" der Spezialagent Leon S. Kennedy (Johann Urb) und die mysteriöse Ada Wong (Li Bingbing). Und was hat "The Final Chapter" zu bieten? Einen Haufen Kanonenfutter, dem jeweils eine einzige Szene mit in der Regel hanebüchen flachen Dialogen genügen muß, um sie komplett und stereotyp zu charakterisieren und von dem man sich kaum die Namen merkt, ehe sie unweigerlich draufgehen. Und natürlich ist einer davon ein ziemlich leicht zu erahnender Verräter. Anderson setzt hier dermaßen kompromißlos auf ein endloses Actionfeuerwerk, daß auch gar keine Zeit bleibt, um die neuen Figuren einzuführen – umso unverständlicher ist es, daß er sie überhaupt an so prominenter Stelle verwendet, anstatt lieber neben Claire weitere bekannte Gesichter einzubauen. Immerhin soll dies doch das Ende der Geschichte sein, das letzte Kapitel, oder nicht? Warum also werden Jill, Leon, Ada oder Chris (immerhin Claires Bruder!) nicht einmal erwähnt, obwohl sie bis auf Chris am Ende von "Retribution" (das gerade mal drei Wochen vor Beginn von "The Final Chapter" stattfand) an Alices Seite standen? Sind sie in Weskers Falle gestorben? Wenn ja, warum wird es nicht gesagt? Und wie konnte dann Alice alleine entkommen? Oder sind sie nach der verlorenen Schlacht in Depressionen verfallen oder in Urlaub gegangen? Hebt Anderson sie sich einfach für mögliche Fortsetzungen oder Spin-Offs auf? Ich halte letzteres neben Budgetrestriktionen für am wahrscheinlichsten, das entschädigt aber nicht für das komplette Ignorieren dieser für die Reihe und für Alice wichtigen Charaktere im vermeintlichen letzten Teil! Aber andererseits muß man dafür vielleicht schon wieder dankbar sein, wenn man sieht, wie lieblos die beiden Rückkehrer Claire und – auf der Seite der Bösen – Wesker verschenkt werden, die kaum mehr als Statisten sind; wenngleich Weskers Geschichte wenigstens einen befriedigenden Abschluß erhält.

Von Belang sind letztlich nur Alice und Dr. Isaacs und zumindest dieses Duell zählt zu den wenigen Stärken des Films. Iain Glens Over-the-Top-Performance als klassischer Oberfiesling ist zwar ziemlich trashig, aber gleichzeitig sehr unterhaltsam geraten – zumal man sieht, daß Glen die überzogene Rolle richtig Spaß macht. Und Alice ist eben Alice; schon jetzt eine der großen weiblichen Actionrollen in der Kinogeschichte, immer noch einnehmend verkörpert von einer Milla Jovovich, die aber halt doch langsam ein bißchen in die Jahre kommt. Vielleicht ist das der Grund dafür, daß die Kampfsequenzen gar so rasant und unübersichtlich geschnitten sind, denn in früheren Filmen der Reihe waren speziell ihre Martial Arts-Zweikämpfe deutlich stärker auf sie und ihre formidablen Kampfkünste fokussiert. Was Alice macht, sieht immer noch gut aus (und Jovovich verzichtet nach wie vor auf Stuntdoubles für die Kampfszenen), aber eben nicht mehr so spektakulär wie früher. Wenn ich da etwa an die grandiosen 3D-Kämpfe in "Afterlife" denke oder an die meisterhaft in Szene gesetzte Tokio-Sequenz in "Retribution", dann sind die Unterschiede schon augenfällig – übrigens auch beim 3D-Einsatz, den Anderson in besagten Filmen hervorragend beherrschte, während er in "The Final Chapter" enttäuschend belanglos ausfällt (möglicherweise auch eine Folge des deutlich zurückgeschraubten Budgets). Sehr hörenswert ist dagegen der serientypische treibende Elektro-Score aus der Feder des österreichischen Komponisten Paul Haslinger ("Underworld"-Reihe), der ein Spektakel und eine Spannung vortäuscht, mit der die dargebotenen Bilder (und billigen Jump Scares) zu selten mithalten können. Was den Abschluß der Story um Umbrella und das T-Virus betrifft: Nunja, er gelingt für sich betrachtet (wie gesagt, es gibt zahlreiche Widersprüche zu den Vorgängern) einigermaßen rund, bleibt dabei aber ziemlich banal und vor allem erschreckend unoriginell. Selbst die Verbindung zum ersten Film von 2002, die Anderson im Vorfeld versprach, fällt eher halbseiden aus, sowohl inhaltlich als auch stilistisch (nicht mal Alices ikonisches rotes Kleid taucht noch mal auf). Der direkte Vorgänger "Retribution" hat das mit seinem deutlichen "Best of"-Charakter und Rückgriffen auf bekannte Situationen und Figuren besser hinbekommen. Paul W.S. Anderson war schon immer ein B-Movie-Filmemacher, der aber bei dieser Art von Filmen sehr wohl seine Stärken hat – doch "The Final Chapter" enttäuscht auch handwerklich in fast allen Belangen und kann letztlich wohl nur wahre Actionjunkies erfreuen, für die der Rest zweit- bis drittrangig ist und die kein Problem mit hektisch geschnittenen CGI-Sequenzen haben.

Fazit: "Resident Evil: The Final Chapter" ist ein enttäuschender (vorläufiger?) Schlußpunkt für die langlebige Actionhorror-Reihe, bei dem selbst eine routiniert aufspielende Milla Jovovich nur wenig gegen die inkohärent dargebotene Storyauflösung, die hanebüchen flachen Dialoge, die Null-Figurenzeichnung und die ewigen, viel zu oft austauschbaren Actionsequenzen ausrichten kann – ganz zu Schweigen von der Enttäuschung über das vollkommene Ignorieren wichtiger Charaktere aus den Vorgänger-Filmen …

Wertung: Knapp 4 Punkte.

Nachtrag vom 4. Mai 2017: Inzwischen läßt sich sagen, daß die Pause bis zum nächsten "Resident Evil"-Film (ob mit oder ohne Milla Jovovich) vermutlich doch nicht so lange dauern wird, denn wenngleich die Einspielergebnisse in Europa und in den USA in der Tat deutlich zurückgegangen sind, wird das durch die geradezu durch die Decke schießenden Ergebnisse aus Asien mehr als kompensiert. Speziell dank der Chinesen, die für mehr als die Hälfte (!) der weltweiten Einspielergebnisse verantwortlich zeichnen, ist "The Final Chapter" global gar zum erfolgreichsten Film der Reihe geworden - während er in den USA klar der schwächste ist ...

Meine persönliche Reihenfolge der "Resident Evil"-Filme:

1. "Resident Evil" (2002; der einzige Teil der Reihe, der stärker auf Horror als auf Action setzte)
2. "Resident Evil 4: Afterlife" (2010; Actionfeuerwerk mit grandiosen 3D-Sequenzen)
3. "Resident Evil 5: Retribution" (2012; unterhaltsames Quasi-"Best of")
4. "Resident Evil 3: Extinction" (2007; mittelmäßige Endzeit-Action mit "Mad Max"-Anleihen)
5. "Resident Evil 2: Apocalypse" (2004; generische Fließband-Action)
6. "Resident Evil 6: The Final Chapter" (2016)


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