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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 29. Dezember 2016

FLORENCE FOSTER JENKINS (2016)

Regie: Stephen Frears, Drehbuch: Nicholas Martin, Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg, Rebecca Ferguson, Nina Arianda, David Mills, Christian McKay, Stanley Townsend, Allan Corduner, John Kavanagh, David Haig, John Sessions, Brid Brennan, Mark Arnold, Nat Luurtsema
 Florence Foster Jenkins
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 87% (7,1); weltweites Einspielergebnis: $48,9 Mio.
FSK:0, Dauer: 110 Minuten.

New York, 1944: Die bereits deutlich über 70 Jahre alte Millionenerbin Florence Foster Jenkins (Meryl Streep, "Glaubensfrage") ist eine angesehene Förderin der klassischen Musik, die unter anderem in Philadelphia den Verdi-Club gegründet hat und Konzerte des berühmten Dirigenten Arturo Toscanini (John Kavanagh, "Black Dahlia") finanziert. Für Florence besteht kein Zweifel: Sie ist nicht nur eine Musikliebhaberin – Musik ist ihr Leben! So ist es nachvollziehbar, daß sie sich nichts mehr wünscht, als selbst als Sängerin aufzutreten. Klitzekleines Problemchen: Sie hat nicht das geringste Talent zum Singen! Angesichts ihres Reichtums konnte sie trotzdem immer wieder Konzerte vor einem ausgesuchten, ihr wohlgesonnenen Publikum geben, doch nun möchte sie trotz ihres Alters und ernsthafter gesundheitlicher Probleme noch einmal ein großes Comeback feiern, das sie bis in die berühmte Carnegie Hall in New York führen soll. Ihr jüngerer Ehemann St. Clair "Whitey" Bayfield (Hugh Grant, "Cloud Atlas") – ein mittelmäßig erfolgreicher britischer Shakespeare-Mime – versucht trotz seiner Besorgnis um sie, ihr diesen Wunsch zu erfüllen und heuert dafür den renommierten Gesangslehrer Carlo Edwards (David Haig, "Ein Chef zum Verlieben") an und den jungen Pianisten Cosmé McMoon (Simon Helberg, Howard aus der Hit-Sitcom "The Big Bang Theory"), der Florence bei ihren Konzerten begleiten soll …

Kritik:
Ich gebe zu, daß ich vor dem Kinobesuch bei "Florence Foster Jenkins" Bedenken hatte – und das, obwohl ich Regisseur Stephen Frears ("Gefährliche Liebschaften", "Philomena") ebenso sehr schätze wie die beiden Hauptdarsteller Meryl Streep und Hugh Grant. Doch wenn es eines gibt, mit dem ich sehr wenig anfangen kann, dann ist das Fremdschäm-Humor – und es schien mir schwer vorstellbar, wie die Geschichte der angeblich schlechtesten Opernsängerin der Welt ohne diesen funktionieren sollte. In der Tat bleiben Fremdschäm-Momente natürlich nicht aus – dennoch habe ich Frears' Meisterschaft im Inszenieren sträflich unterschätzt (und ebenso das Können des mir bisher unbekannten Drehbuch-Autors Nicholas Martin, für den es nach etlichen TV-Episoden von Serien wie "Inspector Barnaby" sein Kinodebüt ist). Denn "Florence Foster Jenkins" ist so durchdacht aufgebaut, daß man zwar durchaus auch mal über die Protagonistin lacht, sie und ihre unbeirrbare Leidenschaft aber im Verlauf der Geschichte immer stärker zu schätzen und ehrlich zu respektieren lernt.

Frears' raffiniertes Vorgehen beginnt damit, daß er das Publikum erstaunlich lange auf die erste Gesangseinlage von Florence warten läßt, wobei er es gleich mehrfach in die Irre führt und so die Spannung auf ihr "Debüt" steigert. Dieses findet dann schlauerweise in intimer Atmosphäre statt, in der Wohnung ihres Mannes, der neben ihrem Gesangslehrer und dem Pianisten der einzige Zuhörer ist – abgesehen vom Kinopublikum selbstverständlich. Durch dieses Setting blamiert sich Florence mit ihrem wahrlich ohrenbetäubend schlechten Gesang innerhalb der Handlung nicht, weshalb man als Zuschauer ohne ein schlechtes Gewissen lauthals über ihr Talent, auch wirklich jede falsche Note zu treffen, lachen kann – zusätzlich befördert durch die fassungslose Reaktion und die Grimassen des neuen Pianisten Cosmé, der Florence wie wir zum ersten Mal zu Gehör bekommt und nur mit viel Mühe verhindern kann, laut loszulachen. Interessanterweise ist es tatsächlich so, daß mit diesem eruptiven ersten Heiterkeitsausbruch die Phase des "über Florence lachen" weitgehend beendet ist. Denn wenn wir sie später singen hören, haben wir sie bereits näher kennengelernt und obwohl ihr Gesang natürlich nicht besser wird, wächst – wie erwähnt – der Respekt davor, was sie für ihre große Leidenschaft vollbringt, wie viel Arbeit sie in sie steckt und welch schwerwiegende Hindernisse sie mit der Hilfe ihrer Freunde überwindet. Der von ihren schillernden Kostümierungen noch verstärkte humoristische Aspekt ihres Vortrags verschwindet so zwar nicht gänzlich – speziell bei "Highlights" wie der berühmten, für Florence selbstredend unmöglich zu meisternden Arie der Königin der Nacht aus Mozarts "Die Zauberflöte" –, rückt aber deutlich in der Hintergrund und verliert vor allem den Großteil des Fremdschäm-Aspekts.

Erst nach und nach (und so wird aus der bis dahin präsentierten Komödie eine Tragikomödie) erfahren wir, was Florence in ihrem langen, nur monetär sorglosen Leben durchmachen mußte. Mit viel Feingefühl weckt Frears immer stärkere Sympathien für die so enthusiastische und scheinbar ungehemmt selbstbewußte ältere Dame, die wirklich alles in ihre Auftritte legt. Auch erleben wir, wie sie von etlichen Menschen einfach nur ausgenutzt wird, denen es erkennbar nur oder zumindest vorrangig um Florences Geld geht und nicht um ihre Person. Dazu zählen etwa der Gesangslehrer, der inständig darum bittet, daß niemand von seiner Arbeit erfährt, und gar der berühmte Arturo Toscanini, der sie immer wieder um Geld für seine Konzerte ersucht, Einladungen zu ihren Auftritten aber beständig wegen Zeitmangels ausschlägt. Berührend zu sehen ist dafür, wie ihr jüngerer Ehemann Whitey sie wie eine Löwenmutter beschützt und alles versucht, um sie vor jeglichem Unbill zu bewahren – was so weit geht, daß er das Publikum für ihre Konzerte sehr genau aussucht und die Kritiker großzügig besticht. Nur funktioniert das nicht mehr, als Florence während seiner kurzfristigen Abwesenheit die Carnegie Hall mit 3000 Plätzen für ein Konzert bucht, zu dem sich Promis wie Cole Porter ansagen, und für das sie auch noch 1000 Karten an Marinesoldaten verschenkt, die sie mit ihrem Konzert in aufrichtiger Großherzigkeit von den Kriegsgreueln in Europa und im Pazifik ablenken möchte …

Die Beziehung zwischen Florence und Whitey, ihr liebevoller Umgang miteinander, steht klar im Zentrum von "Florence Foster Jenkins" und wird toll gespielt – nicht nur von Streep, bei der man das nicht anders erwartet, sondern auch und besonders von Hugh Grant, der als liebender, überfürsorglicher Ehemann in einer ungewöhnlichen Beziehung (die durch eine von Rebecca Ferguson aus "Mission: Impossible – Rogue Nation" verkörperte Geliebte noch verkompliziert wird) wohl mehr schauspielerische Nuancen offenbart als je zuvor; und eine richtig tolle Lindy Hop-Tanzeinlage darf er auch noch vorführen. Bei Meryl Streep beeindruckt natürlich vor allem ihr Gesangsvortrag, denn dermaßen schlecht zu singen ist wahrlich nicht einfach – vor allem, da Streep zuerst monatelang lernen mußte, richtig zu singen (die Früchte dieser Bemühungen darf sie übrigens in einer besonders anrührenden Szene präsentieren, in der wir erleben, wie Florences Gesang in ihren Ohren klingt), ehe sie dann quasi alles wieder verlernen mußte … Simon Helberg als dritter Hauptdarsteller spielt seine Rolle derweil nicht groß anders als jene in "The Big Bang Theory", er grimassiert jedoch etwas mehr, was manchmal etwas grenzwürdig ausfällt. Dennoch: Die Figur des Cosmé funktioniert, kommt sympathisch rüber und fungiert in ihren Reaktionen auf das Geschehen letztlich als Stellvertreter des Zuschauers. Die übrigen Nebenrollen bleiben dagegen überwiegend blaß, vor allem der Handlungsstrang rund um Whitey und seine Geliebte fällt viel zu kurz und oberflächlich aus, um wirklich zu überzeugen. Lediglich Nina Arianda ("Aushilfsgangster") sorgt als Agnes, die junge und zeigefreudige, proletenhafte Gattin eines reichen Musikliebhabers für einige starke Szenen, wenngleich ihr Part in der Story und im großen Finale bei Florences Auftritt in der Carnegie Hall nicht wirklich unvorhersehbar ist. Daß das Konzert in Wirklichkeit so verlief wie im Film, dürfte unwahrscheinlich sein, aber dafür kann ich Frears und Autor Martin keinerlei Vorwürfe machen – die etwas märchenhafte Inszenierung des Konzerts sorgt für einen wunderbaren, bittersüßen Höhepunkt des Films. Und am Ende wird wohl kaum ein Zuschauer anders können, als Florence Foster Jenkins, dieser mutigen, aufrechten Musikliebhaberin, ehrlichen Respekt zu zollen (zumindest Meryl Streeps Florence – wer weiß schon, wie schon die echte wirklich war ...).

Fazit: "Florence Foster Jenkins" mag es an erzählerischer Tiefe mangeln, ist dafür jedoch eine warmherzige, phasenweise zum Brüllen komische, aber nie gemeine Tragikomödie über eine von Meryl Streep gewohnt herausragend gespielte reiche Musikliebhaberin, deren Leidenschaft ihr Talent als Sängerin bei weitem übertrifft.

Wertung: Knapp 8,5 Punkte.


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