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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

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Mittwoch, 27. Juli 2016

R100 – HÄRTER IST BESSER (2013)

Regie: Hitoshi Matsumoto, Drehbuch: Mitsuyoshi Takasu, Tomoji Hasegawa, Kôji Ema, Mitsuru Kuramoto und Hitoshi Matsumoto, Musik: Shûichi Sakamoto und Shûichirô Toki
Darsteller: Nao Ômori, Suzuki Matsuo, Shinobu Terajima, Naomi Watanabe, Katagiri Hairi, Mao Daichi, You, Eriko Sato, Ai Tominaga, Lindsay Hayward, Hitoshi Matsumoto, Haruki Nishimoto, Gin Maeda, Atsurô Watabe
 R100
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 79% (7,0); US-Einspielergebnis: $0,025 Mio.
FSK: 16, Dauer: 103 Minuten.
Der biedere Bettenverkäufer Takafumi Katayama (Nao Ômori, Titeldarsteller von Takashi Miikes kontroversem Kultfilm "Ichi the Killer") schließt eines Tages einen ungewöhnlichen Vertrag ab: Der alleinerziehende Vater, dessen Frau seit vielen Jahren im Koma liegt, bezahlt den Club "Bondage", damit der ein Jahr lang unregelmäßig Dominas (die "Königinnen" genannt werden und jeweils ein Spezialgebiet haben) ausschickt, die ihn ohne jede Vorwarnung und gerne auch in aller Öffentlichkeit demütigen. Nun gut, warum nicht? Wenn es das ist, was Takafumi gefällt ... Klitzekleines Problem: Es gibt keine Ausstiegsklausel. Und nach den ersten für Takafumi sehr wonnigen Zusammentreffen muß er feststellen, daß die Demütigungen immer extremer werden und er sogar an seinem Arbeitsplatz "besucht" wird. Nun will Takafumi das Ganze doch unbedingt beenden, doch dieses Vorhaben bringt ihn in höchste Lebensgefahr …

Kritik:
Zu den beliebesten und hartnäckigsten Klischees über Japaner zählt, daß sie irgendwie alle einen an der Waffel haben. Das ist natürlich unfair und grob pauschalisierend, aber klar ist auch: Solange die Japaner Filme wie "R100 – Härter ist besser" drehen, werden sie diesen Ruf garantiert nicht wieder los! Wobei das von meiner Seite aus keine Beschwerde ist, denn als jemand, der besonders solche Filme liebt, die auf die Konventionen pfeifen und stattdessen mit Wendungen und Ideen überraschen, von denen eine durchgeknallter ist als die andere, ist gerade ein so bizarres Kunstwerk wie "R100" ein wahres Fest! Keine Frage: Was Regisseur Hitoshi Matsumoto ("Der große Japaner", "Symbol") dem zunehmend verblüfften Publikum hier präsentiert, spottet wahrlich jeder Beschreibung und überschreitet wieder und wieder voller Genuß die Grenze hin zum Trash, jedoch ohne dabei bemerkenswerterweise einen gewissen erzählerischen Anspruch wie auch eine unter all dem Klamauk gut verborgene satirische Ebene zu vernachlässigen.

Dabei fängt alles halbwegs normal an. In der ersten Hälfte ist "R100" im Grunde genommen "nur" die leicht bizarre Charakterstudie eines einfachen Mannes mittleren Alters, dessen Leben von der Arbeit und von der Sorge um die seit Jahren komatöse Ehefrau sowie den kleinen Sohn geprägt ist. Dieser beständige Dreiklang beansprucht den armen Takafumi vor allem psychisch – und Ablenkung erfährt er eben einzig durch sexuelle Erniedrigungen. Die finden zunächst übrigens meistens "off-screen" statt und sorgen damit zwar durch die absurden Situationen für Erheiterung beim Publikum, kommen insgesamt aber doch ziemlich harmlos rüber. Das ändert sich, als die immer rabiateren Methoden der Dominas zu einem unglücklichen Unfall führen, woraufhin Takafumi zur Zielscheibe aller "Königinnen" wird (und am Ende sogar der nicht ganz alltäglichen Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens), die immer größere Geschütze gegen ihn auffahren.

Ab diesem Zeitpunkt gegen Mitte des Films wird die Handlung zunehmend typisch japanisch durchgeknallt: Die bis dahin noch recht ernsthaft vorgetragene, von Ômori auch gut gespielte Charakterstudie gerät abrupt in den Hintergrund, stattdessen folgt eine absurde Wendung auf die nächste, die herrlich verrückten Einfälle häufen sich, der Humor wird immer schwärzer und makabrer, Logik und Realitätsnähe werden nebensächlich. Besonderes Highlight (neben den wunderbar grotesk in Szene gesetzten "Königinnen") ist derweil eine zusätzliche erzählerische Ebene, denn es zeigt sich, daß wir tatsächlich einen Film im Film sehen. Genau genommen handelt es sich bei Takafumis Geschichte um das gerade fertiggestellte Magnum Opus eines 100-jährigen Regisseurs, das fünf "Zensoren" vorgeführt wird, die die passende Altersfreigabe bestimmen sollen. Die kleine Gruppe reagiert, gelinge gesagt, irritiert ob des Dargebotenen. Das ist natürlich einerseits ein Seitenhieb gegen die nicht nur in Deutschland umstrittene, da letztlich stets ziemlich willkürliche Praxis der Altersfreigaben, gleichzeitig repräsentieren die fünf aber auch das Publikum – das sich in den hilflosen bis verzweifelten (und urkomischen) Interpretationsversuchen des geballten Irrsinns rasch wiedererkennen dürfte. Verwunderlich ist die kollektive Verständnislosigkeit allerdings nicht, denn laut des Assistenten des Regisseurs ist der Film nur für Menschen ab einem Alter von 100 Jahren verständlich …

Auf das, was in der sehr actionreichen zweiten Filmhälfte geschieht, will ich im Detail gar nicht eingehen – erstens spottet das Gezeigte im Grunde genommen jeder Beschreibung, zweitens muß man das einfach selber erlebt haben, um es zu glauben. Speziell das Finale, das alles davor Geschehene in Sachen Wahnsinn und auch absurd überzogener Gewalt noch einmal spielerisch toppt und bei dem kurioserweise Ludwig van Beethovens "Ode an die Freude" eine gewichtige Rolle spielt, ist einfach nur irre. Verstärkt wird die Bizarrheit des Films übrigens durch die Spezialeffekte, die teilweise ganz altmodisch aus handgemachten, prosthetischen Effekten bestehen und teilweise aus gewollt trashigen CGI-Effekten. Humoristischer Höhepunkt in dieser Hinsicht ist Takafumis herrlich bescheuerter ekstatischer Gesichtsausdruck (samt sich von seinem Glückszentrum ausbreitender "Schallwellen"), wenn die SM-Praktiken auf ihn "wirken". Es ist schwer zu beschreiben, für welche Zuschauer "R100" geeignet ist: Japan-Fans, die bereits Erfahrung mit solchen Filmen haben, sind natürlich die naheliegendste Zielgruppe, aber auch, wer etwa die Werke eines Quentin Dupieux ("Wrong Cops", "Reality") mag, sollte einen Blick auf Hitoshi Matsumotos Schöpfung riskieren. Jedoch immer auf eigene Gefahr ...

Fazit: "R100" ist ein wahres Fest für Anhänger des bizarren, nicht vorhersehbaren Kinos, ein Mix aus recht seriöser Charakterstudie und absurdem Action-Theater, beständig schwankend zwischen grellem Klamauk und treffsicherer Gesellschaftssatire.

Wertung: 8,5 Punkte.

Hinweis: Gemäß FSK-Datenbank ist "R100" bereits ab 16 Jahren freigegeben, die Heimkino-Veröffentlichung hat aber keine Jugendfreigabe – falls die FSK keinen Fehler gemacht hat, liegt das vermutlich daran, daß Trailer für "ab 18"-Filme enthalten sind (kommt öfter vor, scheinbar ist das rote FSK-Logo mittlerweile fast ein Marketinginstrument geworden). Grundsätzlich halte ich beide Freigabe-Möglichkeiten für möglich, da der Film gegen Ende zwar sehr gewalthaltig ist, aber eben auch völlig unrealistisch und überzogen, was die FSK in der Regel positiv in die Gesamtbetrachtung einfließen läßt.


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