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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 22. Oktober 2015

THE WALK (3D, 2015)

Regie: Robert Zemeckis, Drehbuch: Christopher Browne und Robert Zemeckis, Musik: Alan Silvestri
Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Charlotte Le Bon, Clément Sibony, Sir Ben Kingsley, James Badge Dale, César Domboy, Steve Valentine, Ben Schwartz, Benedict Samuel
 The Walk
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 84% (7,2); weltweites Einspielergebnis: $61,2 Mio.
FSK: 6, Dauer: 123 Minuten.

Als der junge französische Seiltänzer Philippe Petit (Joseph Gordon-Levitt, "Looper") Anfang der 1970er Jahre in einer Pariser Zahnarztpraxis zum ersten Mal ein Foto der noch im Aufbau begriffenen Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers sieht, kennt er seinen neuen Lebenstraum: Er muß einfach die mehr als 40 Meter zwischen den beiden Türmen auf einem Hochseil überqueren – und zwar ohne jede Sicherung! Da das im höchsten Maße illegal und entsprechend schwer vorzubereiten ist, beschließt Philippe, seinen Coup noch kurz vor der Fertigstellung des World Trade Centers durchzuführen. Innerhalb von rund drei Monaten stellt Philippe ein kleines Team aus Vertrauten zusammen – darunter die schöne Musikerin Annie (Charlotte Le Bon, "Madame Mallory und der Duft von Curry"), der Fotograf Jean-Louis (Clément Sibony, "The Tourist"), der von Höhenangst geplagte Mathe-Dozent Jeff (César Domboy, "Die Prinzessin von Montpensier") und in Frankreich auch Philippes Mentor "Papa Rudy" (Sir Ben Kingsley, "Hugo Cabret") –, mit dem er alles genau plant und auskundschaftet …

Kritik:
Robert Zemeckis – Schöpfer von Filmklassikern wie "Forrest Gump" und der "Zurück in die Zukunft"-Trilogie – ist seit Jahren einer der größten Kritiker des unübersehbaren Trends zu immer mehr Fortsetzungen und Comicadaptionen in Hollywood, da er (wie auch einige Kollegen wie Steven Spielberg oder Steven Soderbergh) befürchtet, daß sich das noch stärker zulasten kleinerer, origineller und risikoreicherer Stoffe auswirkt. Die Sorge ist mehr als nachvollziehbar, schließlich läßt sich schon länger beobachten, daß sich die großen Studios zwar an viele teure Großproduktionen heranwagen und durch die Independent-Produktionsfirmen auch kleine Arthouse-Filme nicht bedroht sind – doch die klassische "Mittelware" (womit in der Regel Filme mit Budgets zwischen etwa $25 Mio. und $75 Mio. gemeint sind) hat es immer schwerer. Dennoch klingt es schon etwas kurios, wenn solche Bedenken ausgerechnet von jemandem vorgebracht werden, der es gerade geschafft hat, $35 Mio. für die Produktion eines Films über einen französischen Hochseilartisten genehmigt zu bekommen – nicht gerade ein klassischer Mainstream-Stoff. Leider hat der Kinostart dieses Films allerdings die innovationsarme und vor allem an Franchise-Möglichkeiten ausgerichtete Praxis der Studios einmal mehr bestätigt, denn trotz starker Kritiken will der Großteil der Kinogänger "The Walk" einfach nicht sehen. Mit etwas Glück kommt Zemeckis' Werk am Ende sogar noch leicht ins Plus, dennoch sind die Zuschauerzahlen in den globalen Kinos enttäuschend – speziell, wenn man Zemeckis' lange Erfolgsbilanz bedenkt, die selbst qualitativ weit schwächere Filme als "The Walk" überstand.

Aber um ehrlich zu sein, kann ich die Zurückhaltung des Publikums sogar nachvollziehen. Da können die Kritikerstimmen noch so wohlwollend ausfallen, es fiel mir im Vorfeld schwer, mir auszumalen, wie ein Film über einen Hochseilakt zwischen den Türmen des World Trade Centers für satte zwei Stunden gut unterhalten soll. Zumal ich vor einigen Jahren bereits die Dokumentation "Man on Wire" über Petits Coup eher enttäuschend fand, die noch stärkere Kritiken vorweisen konnte und 2009 sogar den Doku-OSCAR gewann. Doch meine Zweifel waren unberechtigt, denn Robert Zemeckis zeigt mit "The Walk", daß er auch als Mitglied des "Ü60"-Klubs nichts verlernt hat. Bereits die erste halbe Stunde, die noch komplett in Frankreich spielt, bezaubert mit wunderbar locker-leichter Unterhaltung, charmanten Protagonisten und einer Atmosphäre, die gekonnt die ironisch-poetische Alltags-Stimmung der Filme der Nouvelle Vague nachahmt. Gemeinsam mit Philippe lernen wir von Papa Rudy die Grundzüge und dann die Feinheiten der Hochseilartistik, ohne daß es je trocken oder gar langweilig würde.

In vielen Rezensionen wird "The Walk" mit Soderberghs "Ocean's Eleven" verglichen und das ist gar nicht so weit hergeholt, denn hier wie dort wird nach und nach ein Team aufgebaut, ehe der finale "Einbruch" in Angriff genommen wird. Grundsätzlich kommen wir leider keinem der Protagonisten außer Philippe so richtig nahe, doch irgendwie stört das überhaupt nicht, weil Zemeckis seine Geschichte ebenso routiniert wie beschwingt inszeniert und auch jene Figuren liebenswürdig herüberkommen läßt, die wir nur oberflächlich kennenlernen. Im Zentrum steht selbstverständlich Philippe, eine energtisch verkörperte Paraderolle für Joseph Gordon-Levitt, dem es spielerisch gelingt, die (zumindest Petits Ansicht nach) unvermeidliche Arroganz des herausragenden Künstlers auf die Leinwand zu transportieren, ohne dabei je unsympathisch zu wirken. Philippes Begeisterung und sein unwiderstehlicher Charme sind einfach ansteckend, weshalb man sofort glaubt, daß er problemlos loyale Mitstreiter auftun kann – Annie lernen wir übrigens besonders stilvoll bei einem sehr gelungenen Vortrag von Leonard Cohens "Suzanne" kennen. Daß die Darsteller auch in der deutschen Synchronfassung mit französischem Akzent sprechen, ist derweil eine Entscheidung, über die man sicherlich diskutieren kann – jedoch entspricht sie der Vorgehensweise der Originalfassung und ist zwar speziell bei Philippe etwas gewöhnungsbedürftig, lenkt aber zum Glück nicht zu sehr vom Wesentlichen ab.

Nach dem langen Prolog geht es mit dem Wechsel in die USA so richtig los. Ein Wechsel, den übrigens auch die ausgezeichnete Musik von Alan Silvestri ("The Avengers") hinbekommt, die sich von verspielten Tönen in Paris hin zu etwas schnelleren und dezent an funkige Mucke á la Isaac Hayes ("Shaft") erinnernden Melodien wandelt. In New York stoßen mit dem mit einem eindrucksvollen Zwirbelbart ausgestatteten Versicherungsvetreter Barry (Steve Valentine aus der TV-Serie "Crossing Jordan") – dessen Büro sich passenderweise im Nordturm des World Trade Centers befindet, wodurch Philippe relativ legal Zutritt zum Gebäude erlangt – und dem Verkäufer J.P. (James Badge Dale, "Shame") weitere "Komplizen" dazu, die das Gelingen des Unterfangens erst ermöglichen. Zemeckis und sein Co-Autor Christopher Browne halten sich dabei weitgehend an die historischen Geschehnisse, weshalb es umso erstaunlicher ist, wie spannend und amüsant "The Walk" zu jeder Zeit bleibt. Gleichzeitig umweht die Szenerie aber stets ein von Zemeckis (abgesehen von den letzten zwei Minuten) subtil eingewobener Hauch von Melancholie angesichts des tragischen Endes des World Trade Centers im Jahr 2001. Die angesprochene Spannung kommt derweil natürlich vor allem dann zum Tragen, wenn es am Vorabend des geplanten Drahtseilaktes ernst wird und der plötzlich von Selbstzweifeln geplagte Philippe und die anderen das Equipment irgendwie auf das Dach – auf dem in unregelmäßigen Abständen ein Wachmann patrouilliert – schmuggeln und dort alles für den großen Moment aufbauen müssen. Zwar weiß man als Zuschauer ob der realen Geschehnisse natürlich, daß es am Ende gelingt, dennoch fiebert man mit den mutigen Männern (Annie bleibt am Boden) mit. Und als Philippe es tatsächlich auf das Hochseil schafft, kommt auch die 3D-Technologie in vollem Umfang zum Tragen, denn Zemeckis und Kameramann Dariusz Wolski ("Fluch der Karibik") fangen den in der Realität etwa 45 Minuten langen Drahtseilakt in einer Höhe von mehr als 400 Metern mit spektakulären Kamerafahrten ein, die das Publikum gefühlt mit Philippe hinauf auf das hauchdünne Hochseil schicken. Es gibt nicht wenige Berichte über Zuschauer, denen bei diesen halsbrecherischen Sequenzen schwindelig oder gar übel wurde – das kann ich zwar nicht ganz nachvollziehen, aber eindrucksvoll ist diese Drahtseil-Perspektive ganz bestimmt und für Menschen mit ausgeprägter Höhenangst wohl nicht wirklich empfehlenswert. Dennoch ist es höchst bedauerlich, daß ein so gelungener Film mit Nischenthematik am Ende auch (fast) nur ein Nischenpublikum in die Kinos lockt.

Fazit: "The Walk" ist eine wunderbare Genremixtur, die penibel und dabei ebenso humorvoll wie spannend Vorbereitung und Ausführung eines in höchstem Maße wagemutigen Drahtseilakts schildert.

Wertung: 8,5 Punkte.

P.S.: Einen sehr informativen Überblick über die Realitätsnähe von "The Walk" erhält man bei "History vs. Hollywood".


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