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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 20. Oktober 2015

CRIMSON PEAK (2015)

Regie: Guillermo del Toro, Drehbuch: Matthew Robbins, Guillermo del Toro, Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Mia Wasikowska, Tom Hiddleston, Jessica Chastain, Charlie Hunnam, Jim Beaver, Burn Gorman, Leslie Hope, Doug Jones
 Crimson Peak
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 71% (6,5); weltweites Einspielergebnis: $74,7 Mio. 
FSK: 16, Dauer: 119 Minuten.

Im späten 19. Jahrhundert wächst Edith Cushing (Mia Wasikowska, "Stoker") bei ihrem Vater Carter (Jim Beaver aus der TV-Serie "Supernatural") auf, einem bodenständigen Unternehmer in Buffalo. Edith möchte Schriftstellerin werden, blitzt bei den Verlegern jedoch ab, weil sie sich weigert, das zu schreiben, was zu dieser Zeit von weiblichen Autoren einfach erwartet wird: Liebesgeschichten. Als eines Tages der charmante verarmte schottische Landadelige Thomas Sharpe (Tim Hiddleston, "The Avengers") bei Carter als Bittsteller für die Finanzierung einer von ihm entwickelten Maschine zur Tonförderung auftritt, ist Edith sofort fasziniert von ihm – und umgekehrt. Obwohl sowohl Edith' Vater und ihr (offensichtlich in sie verliebter) Jugendfreund Dr. Alan McMichael (Charlie Hunnam, "Pacific Rim") als auch Thomas' ältere Schwester Lucille (Jessica Chastain, "Zero Dark Thirty") Vorbehalte haben, gehen die beiden eine romantische Beziehung ein. Nach einem tragischen Vorfall reist das junge Paar nach Schottland und zieht im beeindruckenden, aber verfallenden Sharpe-Anwesen Allerdale Hall ein – wo Edith jedoch schon bald Zeugin merkwürdiger Geistererscheinungen wird …

Kritik:
Eine Warnung vorweg: "Crimson Peak" ist keineswegs jener Horrorfilm, als den ihn der Trailer vermarkten will. Stattdessen gilt eher das, was Edith selbst im Film über eine von ihr verfaßte Erzählung sagt: Das ist keine Geistergeschichte es ist eine Geschichte, in der ein Geist vorkommt. Regisseur Guillermo del Toro ("Pans Labyrinth") bezeichnet sein Werk denn auch als Liebesgeschichte, noch treffender ist meines Erachtens die Bezeichnung als "romantische Gruselgeschichte". Wobei ziemlich schnell offenbar wird, daß der Inhalt von "Crimson Peak" sowieso nicht das Wichtigste ist und folglich auch nicht zu den größten Stärken des Films zählt. Im Vordergrund stehen nämlich in typischer (allerdings in dieser Ausprägung doch recht ungewöhnlicher) "Style over Substance"-Manier Guillermo del Toros visuelle Kreativität und seine beachtliche Fähigkeit, wohlige Gänsehautatmosphäre zu erzeugen. Erfahrungsgemäß reicht das alleine vielen Zuschauern aber nicht aus und auch ich muß gestehen, daß mich "Crimson Peak" bei all seiner Schönheit und trotz meines ausgeprägten Faibles für diese Art von Filmen nur so halb überzeugen kann.

Mit "diese Art von Filmen" meine ich wohlgemerkt nicht Produktionen, in denen der Inhalt nicht so wichtig ist, sondern klassische Gothic-Grusler, wie sie leider schon seit Jahrzehnten kaum mehr gedreht werden. So finden sich die stilistischen Vorbilder von "Crimson Peak" denn auch in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Stilbildende Klassiker wie Alfred Hitchcocks meisterhafte Daphne du Maurier-Verfilmung "Rebecca" (1940), George Cukors "Das Haus der Lady Alquist" (1944) oder Robert Wises "Bis das Blut gefriert" (1963) sowie Hammer Films-Produktionen der 1960er Jahre wie die "Dracula"-Reihe mit Christopher Lee oder die Edgar Allen Poe-Adaptionen eines Roger Corman ("Das Pendel des Todes", "Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie") machten vor, wie man mit einer Mischung aus simplen dramaturgischen Mitteln und großem handwerklichen Können eine faszinierend schaurige Stimmung schaffen kann. Guillermo del Toro beherrscht diese Kunst ebenfalls, wobei neben den prachtvollen Kostümen und dem sehr gelungenen Setdesign des heruntergekommenen Sharpe-Anwesens vor allem die in effektiven Kamerafahrten präsentierten und mit einer sehr gelungenen Kombination aus CGI-Effekten und Schauspielerei realisierten Geister für Begeisterung sorgen (Wortspiel nicht beabsichtigt, aber hübsch).

Unglücklicherweise konzentriert sich del Toro jedoch so sehr auf die Atmosphäre, daß er die Handlung und die Figuren zu stark vernachlässigt. Speziell Letzteres ist ein Kardinalfehler, denn wenn der Regisseur und (neben Matthew Robbins, dem Verfasser eines der besten Fantasyfilme aller Zeiten: "Der Drachentöter") Co-Autor sein Werk schon als Liebesgeschichte bezeichnet, dann man sollte man als Zuschauer diese großen Gefühle tunlichst nachvollziehen können. Doch so richtig wollen die Funken zwischen Edith und Thomas einfach nicht sprühen – was auch daran liegen dürfte, daß das Drehbuch Thomas nicht wirklich Tiefe verleiht. Damit teilt der Arme sein Schicksal übrigens mit allen anderen männlichen Figuren des Films, denn speziell Thomas und sein Rivale Alan bleiben die gesamten zwei Stunden hindurch kaum mehr als Beiwerk  was angesichts Hiddlestons eigentlicher Schauspielkunst sehr bedauerlich ist. Stattdessen legt del Toro sein Augenmerk ganz auf die beiden Frauen in seiner Geschichte. Mia Wasikowska darf einmal mehr – nach "Jane Eyre" oder "Madame Bovary" – zeigen, warum sie neben Carey Mulligan und der vorwiegend für aristokratische Charaktere gebuchten Keira Knightley das momentane "Go to Girl" schlechthin für Stoffe ist, die zwischen dem 18. und dem frühen 20. Jahrhundert spielen; die spannendste Rolle hat jedoch Jessica Chastain inne als undurchsichtige Lucille Sharpe, die mit ihrer steifen, unberühbaren Eleganz und gruselig aufgesetzter Freundlichkeit Edith gegenüber beinahe für mehr Gänsehaut sorgt als selbst die schaurig-schönen Geistererscheinungen und Allerdale Hall erst so richtig unheimlich macht.

Grundsätzlich ist es durchaus erfrischend, einmal auch bei einem männlichen Regisseur zwei starke Frauenfiguren zu sehen, die den gesamten Film dominieren – nur steht deren Beziehung zueinander nun einmal nicht im eigentlichen Mittelpunkt der Geschichte. So können Edith und Lucille nur bedingt über die mäßig ausgeprägte Chemie zwischen Edith und ihren beiden Verehrern hinwegtrösten. Angesichts dieses Mankos ist auch das generell sehr gemächliche Erzähltempo nicht hilfreich, das zwar del Toros erklärten Vorbildern entspricht, aber mit diesen Charakteren nicht durchgehend funktioniert – vor allem nach dem Umzug nach Allerdale Hall hängt die Geschichte etwas durch und damit bezeichnenderweise gerade in jenem Segment, in dem del Toro (nach Ansicht des Autors dieser Zeilen mit eher bescheidenem Erfolg) versucht, die Beziehung zwischen Edith und Thomas zu vertiefen. Hinzu kommt, daß die Entwicklung der Handlung sehr vorhersehbar verläuft – gerade, wenn man die erwähnten Genre-Klassiker kennt. Daß del Toro fast von Beginn an gar nicht erst versucht, das Publikum über die sinistren Hintergedanken der Sharpes im Unklaren zu lassen, ist vor diesem Hintergrund eine besonders diskussionswürdige Entscheidung, denn so hätte man zumindest für ein klein wenig Spannung sorgen können. Eigene Ideen beschränken sich größtenteils auf dekorative, aber in der Tat die wunderbare Gruselstimmung noch weiter befördernde Nebensächlichkeiten wie den roten Ton, den Thomas im direkten Umfeld von Allerdale Hall fördert und der dafür sorgt, daß zum Beispiel aus den Wasserhähnen unheilschwanger blutrotes Wasser fließt. So bleibt am Ende ein ungemein stimmungsvoller und schön anzusehender Film, dem es aufgrund eines den großen Vorbildern gegenüber zu ehrfürchtigen Drehbuchs und zu großer Distanz zu den handelnden Figuren nur selten gelingt, auch inhaltlich zu begeistern.

Fazit: "Crimson Peak" ist eine liebevolle Verneigung vor den Klassikern des lange vergessen geglaubten "Gothic Romance"-Genres, die zwar wunderschön gestaltet ist, es aber versäumt, der generischen Handlung und den (auf männlicher Seite) allzu schablonenhaften Charakteren einen eigenen Stempel aufzudrücken.

Wertung: 7 Punkte.


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