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Donnerstag, 12. Dezember 2013

Klassiker-Rezension: DUELL IN DER SONNE (1946)

Originaltitel: Duel in the Sun
Regie: King Vidor, Drehbuch: David O. Selznick, Musik: Dimitri Tiomkin
Darsteller: Jennifer Jones, Gregory Peck, Joseph Cotten, Lionel Barrymore, Lillian Gish, Walter Huston, Herbert Marshall, Harry Carey, Butterfly McQueen, Charles Dingle
 Duel in the Sun
(1946) on IMDb Rotten Tomatoes: 81% (6,4); US-Einspielergebnis: $20,4 Mio.
FSK: 12, Dauer: 129 Minuten.

Amerika, 19. Jahrhundert: Als Scott Chavez (Herbert Marshall, "Der Auslandskorrespondent") seine indianische Ehefrau und deren Liebhaber erschießt und daraufhin zum Tode verurteilt wird, wird seine nun zur Waise gewordene, an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehende Tochter Pearl (Jennifer Jones, "Der Mann im grauen Flanell") auf die Ranch von Scotts Cousine Laura Belle McCanles (Lillian Gish, "Die Nacht des Jägers") geschickt. Diese kümmert sich liebevoll um die etwas naive Pearl, ihr Ehemann, der nach einem Unfall körperlich behinderte und deshalb verbitterte Senator Jackson McCanles (Lionel Barrymore, "Ist das Leben nicht schön?"), hegt dagegen wegen ihrer indianischen Herkunft offen rassistische Vorurteile gegen sie. Trost findet Pearl immerhin bei den beiden gutaussehenden, aber sehr unterschiedlichen McCanles-Söhnen: Sowohl Jesse (Joseph Cotten, "Citizen Kane"), ein studierter Anwalt mit gutem Herz und guten Manieren, als auch der rebellische Draufgänger Lewt (Gregory Peck, "Die Kanonen von Navarone") verlieben sich Hals über Kopf in die hübsche junge Frau. Das sowieso angespannte Verhältnis zwischen den ungleichen Brüdern wird dadurch naturgemäß nicht besser ...

Kritik:
Von der ersten bis zur letzten Minute von "Duell in der Sonne" ist mehr als offensichtlich, was Produzent und Autor David O. Selznick mit diesem Film vorhatte: den gigantischen Erfolg seines Bürgerkriegs-Epos "Vom Winde verweht" aus dem Jahr 1939 zu wiederholen. In diesem Bemühen war er so manisch, daß er während der Produktion satte fünf namhafte Regisseure ausprobierte, ehe sie letztlich King Vidor ("Mit stahlharter Faust") vollenden durfte. Angesichts dieser wenig homogenen Vorgeschichte kann es dann auch nicht allzu sehr verwundern, daß "Duell in der Sonne" inhaltlich zu einem ziemlichen Desaster wurde – wenn auch zu einem wunderschön aussehenden und klingenden sowie (mit einer entscheidenden Ausnahme) sensationell gut besetzten Desaster. "Duell in der Sonne" ist vorgeblich ein dramatischer Western, in Wirklichkeit jedoch in etwa die schwülstigste und haarsträubendste Seifenoper, die man sich nur vorstellen kann. Zugegebenermaßen bin ich schon kein allzu großer Anhänger des erklärten, mir immer etwas zu opulenten und gefühlsduseligen Vorbildes "Vom Winde verweht", aber im Vergleich zu "Duell in der Sonne" ist der Klassiker nach dem Roman von Margaret Mitchell geradezu ein Ausbund an Realismus und Authentizität. Daß etliche erotisch aufgeheizte Szenen von "Duell in der Sonne" der Zensur zum Opfer fielen, macht die Sache auch nicht runder. Heutige Kritiker (die damaligen Rezensionen fielen großteils negativ aus) empfehlen, Vidors Film einfach als unterhaltsamen, aber komplett anspruchslosen B-Western zu genießen; manchem mag das auch gelingen – mir leider nicht.

Daß ich dennoch bis zum melodramatischen Schluß durchhielt, liegt in den erwähnten Stärken des Films jenseits der schwülstigen Liebesdreieck-Story und der flachen Charaktere begründet. Optisch ist "Duell in der Sonne" nämlich wirklich ein Genuß, die satten Technicolor-Farben im Breitwandformat und die genretypischen Panorama-Aufnahmen der gleich drei Kameramänner erfreuen das Auge ungemein. Auch Dimitri Tiomkin – fraglos einer der besten Komponisten der "Goldenen Ära" Hollywoods, dessen Können u.a. in "Mr. Deeds geht in die Stadt", "Im Schatten des Zweifels", "Red River", "Giganten" oder "Zwölf Uhr Mittags" zu bewundern ist – gibt sein Bestes und erschafft mit seiner schwelgerischen Musik zumindest einen Anschein jener Epik, die Selznicks Drehbuch so schmerzlich vermissen läßt. Nicht ohne Grund war "Duell in der Sonne" einer der ersten Filme überhaupt, dessen Soundtrack veröffentlicht wurde.

Auch schauspielerisch gibt es viel Gutes über "Duell in der Sonne" zu berichten: Gregory Peck überzeugt in einer ungewohnt unsympathischen, trotz der Liebesgeschichte eigentlich sogar Bösewicht-Rolle als Lewt, während Joseph Cotten den freundlichen, wenn auch etwas steifen Widerpart Jesse, der im Gegensatz zu seinem Bruder gewissermaßen eher zum Ehemann als zum feurigen Geliebten taugt, mit der von ihm gewohnten Souveränität rüberbringt. Auch an Lionel Barrymores Leistung als verbitterter, rückwärtsgewandter Senator, der nicht erkennt, daß er selbst maßgeblich für den zunehmenden Niedergang seiner gesamten Familie verantwortlich ist, gibt es nichts auszusetzen. Und Lillian Gish wurde für ihre einfühlsame Verkörperung der gutherzigen Laura sogar für den Nebenrollen-OSCAR nominiert. Es gibt nur ein Problem: Jennifer Jones ist als Pearl Chavez furchtbar fehlbesetzt. Jones war erwiesenermaßen eine richig gute Schauspielerin, die bereits vor "Duell in der Sonne" einen OSCAR gewonnen hatte (für das Drama "Das Lied von Bernadette") und für zwei weitere nominiert war – aber hier paßt sie einfach nicht rein. Daß sie mit 27 Jahren viel zu alt für die (zu Beginn kaum mehr als halb so alte) Rolle war, ist natürlich nicht ihre Schuld, aber daß sie mit hysterischem Overacting versucht, wie ein liebestoller Teenager zu erscheinen, das nimmt man ihr einfach nicht ab. Kurioserweise erhielt sie dafür dennoch eine weitere OSCAR-Nominierung, was selbst unter Berücksichtigung des damals bevorzugten, im Vergleich zu heutigen Maßstäben deutlich theatralischeren Schauspielstils ein schlechter Witz ist.

Aber wie gesagt, das ist nur ansatzweise Jones' Schuld, entscheidender ist neben ihrer schlicht unpassenden Besetzung, daß Pearl Chavez wohl eine der dümmsten, peinlichsten Frauenrollen der Filmgeschichte ist. Man muß wahrlich keine Feministin sein, um sich für diese selbstverständlich von einem Mann geschriebene Figur zu schämen, die komplett triebgesteuert ist und erst ganz zum Schluß zaghaft beginnt, ihren Verstand einzusetzen (bis dahin ist man schon überrascht, daß sie überhaupt einen hat). Wiederum gilt: Wenn man fair sein will, muß man die Zeit berücksichtigen, in der "Duell in der Sonne" gedreht wurde. Wir reden hier immerhin von einer Ära, in der es – leicht überspitzt formuliert – schon als höchst romantisch angesehen wurde, wenn sich eine schöne amerikanische Frau unsterblich in ihren exotischen Vergewaltiger verliebte (Sam Woods "Liebeslied der Wüste"). Bei Pearl Chavez ist das nicht viel besser und entsprechend sexistisch, ebenso wie die Darstellung der einzigen afroamerikanischen Figur – ein dümmliches, piepsendes Hausmädchen – rassistisch ist. Daß so etwas auch damals schon anders und deutlich besser ging, dafür gibt es etliche Beispiele (im Rassismus-Fall etwa Alfred E. Greens "Baby Face"). Es wird wahrscheinlich jedem unterschiedlich leicht oder schwer fallen, über solche Dinge hinwegzusehen, aber für mich sind sie hier so stark ausgeprägt, daß es mich wirklich gestört hat. Und da sich im Grunde genommen tatsächlich fast die gesamte Handlung nur um Pearls Liebesdreieck dreht, ist das schon ein schwerwiegendes Manko.

Fazit: "Duell in der Sonne" ist eine hoffnungslos übertrieben melodramatische Seifenoper, die zwar schön aussieht und klingt und abgesehen von der fehlbesetzten Hauptdarstellerin auch gut gespielt ist, aber mit der lachhaft oberflächlichen, unglaubwürdigen und sexistischen Story sowie teilweise klischeehaften Charakteren zum echten Ärgernis wird.

Wertung: Angesichts der so drastisch unterschiedlichen Stärken und Schwächen vergebe ich salomonische 5 Punkte.


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