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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 21. November 2013

Klassiker-Rezension: BELLADONNA (1973)

Originaltitel: Kanashimi no Belladonna, deutsche Alternativtitel: Die Tragödie der Belladonna; Belladonna der Traurigkeit
Regie: Eiichi Yamamoto, Drehbuch: Yoshiyuki Fukuda und Eiichi Yamamoto, Musik: Masahiko Satô
 Kanashimi no Belladonna
(1973) on IMDb Rotten Tomatoes: 83% (7,5); FSK: 16, Dauer: 90 Minuten.

Frankreich im finsteren Mittelalter: Das junge, arme Bauernpaar Jean und Jeanne will heiraten. Doch als Jean die (utopische) Forderung des Fürsten für sein Hochzeitsgeschenk nicht erfüllen kann, läßt die Fürstin ihn kurzerhand aus der Burg werfen und beschließt, daß ihr Gatte das "Recht der ersten Nacht" bei Jeanne in Anspruch nehmen soll – und alle seine Männer gleich mit. Nach ihrer brutalen Schändung ist Jeanne verständlicherweise psychisch angeknackst und damit zum Ziel des ihr in Gestalt eines Penis (!) erscheinenden Teufels höchstselbst geworden, den sie während ihrer Vergewaltigung offenbar unbewußt gerufen hat. Jeanne widersteht der Versuchung, dem Teufel zur Erlangung von Gerechtigkeit (oder Rache) ihre Seele zu verkaufen, nimmt aber gegen einen Preis seine Hilfe in Anspruch, um sich und Jean ein besseres Leben zu ermöglichen. Das wiederholt sich in den folgenden Jahren mehrmals, doch im Dorf und auf der Burg spricht es sich herum, daß Jeanne mit dem Teufel im Bunde ist ...

Kritik:
Wow. Ich habe ja im Laufe der Jahre viele durchgeknallte Filme gesehen und teilweise auch auf diesem Blog rezensiert ("Makkhi – Die Rache der Fliege", "A Field in England", "Der Ketzer"), aber etwas Vergleichbares wie den rauschhaften japanischen Animationsfilm-Trip "Belladonna" habe ich wahrlich selten zuvor gesehen. Wobei "Animationsfilm" kein ganz korrekter Begriff ist, denn die Geschichte wird in einer Mischung aus wunderschön gezeichneten Standbildern und kargen Animationen erzählt. Die erste größere dieser Animationen findet erst nach einigen Minuten statt: Als der Fürst in Jeanne eindringt, reißt es deren jungfräulichen Körper regelrecht entzwei! Eine drastische, trotz der Schlichtheit der Animation schockierende Vergewaltigungs-Metapher, die an Eindringlichkeit und Prägnanz ihresgleichen sucht und vermutlich viel besser die Gefühle eines Vergewaltigungs-Opfers illustriert als jede noch so penible Darstellung mit realen Schauspielern, etwa im einstigen Skandalfilm "Irreversibel" mit Monica Bellucci.

Im weiteren Verlauf wird Jeannes Leidensweg – der sehr, sehr lose an den der französischen Nationalheldin Jeanne D'Arc angelehnt ist – mit vielen weiteren stilisierten Animationen gezeigt. Dabei kann man allerdings durchaus diskutieren, ob der unverkennbar feministische Unterton (der vor allem der literarischen Vorlage "Die Hexe" von Jules Michenet geschuldet sein dürfte, die ebenfalls sehr frei interpretiert wird) durch die zahlreichen Sex- und Vergewaltigungsszenen – jedes Mal, wenn Jeanne den Teufel um Hilfe ersucht, wächst dieser und vereinigt sich dann mit der jungen Frau – nicht konterkariert wird. Das Ganze bewegt sich schon ein wenig in die Richtung der in den 1970er Jahren in Japan sehr erfolgreichen und im Rest der Welt ebenso berüchtigten "Pinku eiga"-Realfilme mit starkem Augenmerk auf Sex und Gewalt; allerdings sorgt die rauschhafte, innovative visuelle Umsetzung in Verbindung mit dem psychedelischen Soundtrack (inklusive mehrerer gesungener Lieder, die die Handlung vorantreiben) dafür, daß "Belladonna" zwar verdammt schwerer Stoff ist, aber ohne Frage fasziniert und sogar mitreißt. Und das trotz der Tatsache, daß es keine deutsche Synchronfassung gibt, sondern nur die japanische Originalfassung mit Untertiteln.

Der Zeichenstil ändert sich in "Belladonna" immer wieder und ist oft surrealistisch, erinnert teils an klassische japanische Landschaftsmalerei, teilweise auch an moderne Pop Art, beeindruckt aber jederzeit mit einer Detailfülle (samt zahlloser Phallus-Symbole, die fast schon zu einem "Such das Phallus-Symbol"-Trinkspiel einladen), die einen merkwürdigen, aber funktionierenden Kontrast zu den schlichten Animationen herstellt. Bei entscheidenden Szenen wie jener, in der Jeanne dem Teufel schließlich doch ihre Seele verkauft, gibt es zudem schnell geschnittene, anachronistische Collagen, in denen Bilder und Symbole des 20. Jahrhunderts verwendet werden. Besonders eindrucksvoll gelungen ist auch die rund fünfminütige, rauschhafte und von dissonanten Klängen begleitete Visualisierung des "Schwarzen Todes", der Pest also, die über Frankreich hereinbricht. Ich bin nicht wirklich der allergrößte Kunstkenner, aber wenn ich "Belladonna" stilistisch beschreiben soll, dann würde ich sagen: eine Mischung aus H.R. Giger, Pablo Picasso, Andy Warhol und Salvador Dalí – einmütig inszeniert von Sigmund Freud und Russ Meyer!

Kuriosität am Rande: Regisseur Yamamoto hat sich ansonsten mit weit weniger kontroversen Werken wie den TV-Serien "Kimba, der weiße Löwe" oder "Space Battleship Yamato" einen Namen gemacht. Kaum zu glauben, wenn man "Belladonna" einmal gesehen hat ...

Fazit: "Belladonna" ist ein höchst unkonventioneller Augenschmaus von einem Horror/Drama-Animationsfilm mit einem faszinierendem Psychedelic-Soundtrack, der aber mit den zwar stets stilisierten, aber teilweise dennoch heftigen Sex- und Gewaltszenen ähnliche viele Zuschauer abstoßen wie mit der wahnhaften, anspielungsreichen und interpretationsoffenen Erzählweise faszinieren dürfte.

Wertung: 8,5 Punkte.


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