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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 20. November 2013

DER GOLDENE KOMPASS (2007)

Originaltitel: The Golden Compass
Regie und Drehbuch: Chris Weitz, Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Dakota Blue Richards, Daniel Craig, Nicole Kidman, Eva Green, Sam Elliott, Ben Walker, Tom Courtenay, Jim Carter, Sir Christopher Lee, Edward de Souza, Sir Derek Jacobi, Clare Higgins, Simon McBurney
Sprecher (in der Originalfassung): Sir Ian McKellen, Freddie Highmore, Kathy Bates, Kristin Scott Thomas, Ian McShane
 The Golden Compass
(2007) on IMDb Rotten Tomatoes: 43% (5,6); weltweites Einspielergebnis: $372,2 Mio.
FSK: 12, Dauer: 113 Minuten.

In einem Paralleluniversum wächst die junge Lyra Belacqua (Dakota Blue Richards, TV-Serie "Skins") bei ihrem Onkel, dem berühmten Forscher Lord Asriel (Daniel Craig, "Skyfall"), auf. Da dieser häufig unterwegs ist, ist Lyras eigentliche Heimat die Universität, wo ihr bester Freund der Dienstbotensohn Roger (Ben Walker) ist. Eines Tages wird Roger durch die mysteriösen Gobbler entführt, die es vor allem auf arme Kinder abgesehen haben. Lyra ist verzweifelt und will Roger retten, doch stattdessen soll sie mit der glamourösen Mrs. Coulter (Nicole Kidman, "Australia") auf Reisen gehen und ihr assistieren. Die elegante Dame ist jedoch nicht, wer sie zu sein scheint, und so beginnt wieder einmal der große Kampf zwischen Gut und Böse – mit Lyra mittendrin ...

Kritik:
Unter den vielen Versuchen, die Erfolge von Peter Jacksons "Der Herr der Ringe"-Filmtrilogie nachzuahmen, war "Der goldene Kompaß" zweifellos einer der vielversprechendsten. Die als Vorlage dienende Fantasy-Trilogie "His Dark Materials" von Philip Pullman (die ich nie gelesen habe) hatte in den 1990er Jahren gute Kritiken bekommen und galt auch dank der in die Story integrierten expliziten Religionskritik als anspruchsvoller Vertreter des oft belächelten Genres. Da die Filmemacher um Regisseur und Drehbuch-Autor Chris Weitz ("About a Boy") zudem ein gewaltiges Budget von $180 Mio. zur Verfügung gestellt bekamen und eine vielversprechende Besetzung zusammenstellen konnten, waren die Vorzeichen für einen qualitativen wie auch kommerziellen Erfolg ausgezeichnet. Abgesehen von einem kleinen Detail: In den USA sind die Bücher gerade wegen der religionskritischen Aspekte sehr umstritten. Das führte dazu, daß bereits die Produktionsvorbereitungen von scharfer Kritik und Boykottaufrufen vor allem von katholischen Lobbyorganisationen (und sogar der Zeitung des Vatikans) begleitet wurden, da es natürlich nicht sein kann, daß die Kirche in einem Fantasyfilm in relativ leicht zu deutender Metaphernform kritisch dargestellt wird (aber selbstverständlich durfte in "Die Chroniken von Narnia" der Weihnachtsmann Waffen verteilen!) ... Auf diese Weise war Chris Weitz' Film zwar ständig im Gespräch, aber positive PR war es nun nicht gerade.

Allein wegen dieser Vorgeschichte war ich als nicht wirklich ausgeprägter Freund jeglicher institutionalisierter Religionen fest entschlossen, "Der goldene Kompaß" zu mögen. Ich konnte es aber einfach nicht, was auch damit zusammenhängen mag, daß besagte religionskritische Aspekte der Vorlage trotz aller gegenteiligen Beteuerunger im Film dann doch fast vollständig gestrichen wurden. Dieses Einknicken vor den kirchlichen Lautsprechern fand ich jedenfalls sehr enttäuschend, aber ganz ehrlich: Auch unabhängig davon ist "Der goldene Kompaß" in meinen Augen eine große Enttäuschung. Ich weiß, daß ihn allen Kontroversen zum Trotz viele Fantasyfans recht gut finden; teilweise kann ich das auch nachvollziehen, denn die fremdartige Welt, die dem Publikum darin präsentiert wird, ist aufwendig und mit hoher handwerklicher Qualität umgesetzt und durchaus faszinierend. Aber leider kann der Inhalt mit dieser optischen Opulenz nicht einmal ansatzweise mithalten. Die theoretisch interessante Story wird reichlich uninspiriert erzählt und immer wieder wirkt es, als würden die einzelnen Stationen von Lyras abenteuerlicher Reise durch diese Parallelwelt einfach nur nacheinander abgespult, ein richtiger Erzählfluß kommt kaum zustande. Auch die Figuren – vor allem die erwachsenen – bleiben einem ziemlich fremd (das mögen Kenner der Vorlage aber etwas anders empfinden), was die Immersion in die fremde Welt nicht gerade erleichtert.

Es ist naturgemäß schwierig, eine so umfangreiche und wohl auch komplexe Welt wie die der Geschichten von Philip Pullman in einem einzigen Film überzeugend einzuführen, in den fest eingeplanten Fortsetzungen wäre das sicherlich besser gelungen – allerdings wird es zu diesen nie kommen, denn die negative Berichterstattung hinterließ vor allem in den USA ihre Spuren. "Der goldene Kompaß" wurde zwar dank der internationalen Einspielergebnisse kein echter Flop, spielte weltweit aber nur ziemlich genau das doppelte der Produktionskosten ein, was generell als in etwa die Schwelle gilt, ab der die Produzenten von Hollywood-Filmen ein Plusminusnull-Ergebnis erzielen können. In diesem Fall kam allerdings erschwerend hinzu, daß das produzierende Studio New Line Cinema die internationalen Verwertungsrechte im Vorfeld für einen festen Betrag verkauft hatte und damit nicht vom dortigen Erfolg profitieren konnte, gleichzeitig aber auf den erheblichen Verlusten in Nordamerika sitzenblieb. Anfänglich gab es zwar dennoch vage Planungen, doch nach und nach kristallisierte sich heraus: Die Fortsetzungen sind gestrichen.

Obwohl die Buchvorlage für "Der goldene Kompaß" von Pullman ausdrücklich als Gegenentwurf zu C.S. Lewis' stark von christlicher Symbolik geprägter "Narnia"-Reihe gestaltet wurde, sind die (nicht-inhaltlichen) Parallelen dieser Verfilmung zu dem nur zwei Jahre zuvor in die Kinos gekommenen "Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia" kaum zu übersehen. Wie bei "Der König von Narnia" überzeugt auch bei "Der goldene Kompaß", wie bereits erwähnt, das ganze Drumherum: Ausstattung und Kostüme sind eindrucksvoll, die verspielte Musik von Alexandre Desplat ("Argo") gefällt ebenfalls und die visuellen Effekte sind zwar trotz des hohen Budgets nicht übermäßig spektakulär ausgefallen, aber allemal schön anzuschauen. Auch die Schauspieler machen ihre Sache gut, obwohl die meisten auf wenige Szenen beschränkt sind und sie mangels Charakterentwicklung darstellerisch mächtig unterfordert sind; Sir Christopher Lees Anwesenheit beschränkt sich übrigens gar auf ziemlich genau 15 Sekunden. Wenigstens die kindliche Hauptrolle der Lyra ist recht sorgfältig und glaubwürdig gestaltet, zumal die 13-jährige Newcomerin Dakota Blue Richards sie ausgesprochen sympathisch verkörpert. All diese Elemente des Films sprechen also für einen zumindest ordentlichen Fantasyfilm.

Der Teufel steckt jedoch, wie so oft, im Drehbuch. Beziehungsweise in den Vorstellungen des Studios, denn gegen den Willen des Regisseurs wurde der fertige Film vor der Veröffentlichung noch deutlich umgeschnitten, um ihn auf eine Laufzeit von unter zwei Stunden zu bringen. Die Geschichte über den ewigen Kampf zwischen Gut gegen Böse sowie Lyras Suche nach den verschwundenen Kindern ist für sich genommen jedenfalls ganz in Ordnung, wenn auch nicht sonderlich originell. Durch die bereits angesprochenen Schwächen in Sachen Dramaturgie und Präsentation sowie die scheinbar (vielleicht hätte sich das in den Fortsetzungen als Trugschluß herausgestllt) einer ziemlich simplen Schwarz-Weiß-Malerei folgende Figurenzeichnung wirkt sie aber sogar noch deutlich schwächer, als sie eigentlich ist. Und natürlich wird auch vor urplötzlich quasi aus dem Nichts auftauchender Verstärkung für die Guten in höchster Not nicht zurückgeschreckt, und das passiert wohl gemerkt nicht nur einmal (was verzeihlich wäre), sondern immer und immer wieder. Es erscheint kaum vorstellbar, daß das in den Büchern ähnlich uninspiriert gehandhabt wird, im Film nervt es jedenfalls irgendwann tierisch. Wobei auch Philip Pullman vor Klischees nicht zurückzuschrecken scheint, denn in dem von ihm ersonnenen Paralleluniversum haben alle Menschen ein Seelentier. Und welch Überraschung: Bei den Bösen sind das Käfer, Schlangen und ähnliches Krabbelzeugs, bei den Guten dagegen Hunde oder Katzen – wie unfaßbar einfallsreich! Das mögen relativ unwichtige Details sein, aber sie summieren sich eben und haben mir letztlich den Spaß an diesem Film weitgehend vergällt.

Fazit: "Der goldene Kompaß" ist ein familientauglicher Fantasyfilm, der vordergründig mit einem hohen Produktionsniveau gefällt, mit seiner langweilig und unrund präsentierten sowie (im Vergleich zur Buchvorlage) kindgerecht abgemilderten Handlung, den distanziert bleibenden Charakteren und einem allzu abrupten Ende aber weit hinter seinem Potential zurückbleibt.

Wertung: 4 Punkte.


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