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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 30. August 2013

OSCAR-News: Die sehr frühe Favoritenlage vor den Herbstfestivals

Eigentlich beginnt die Awards Season ja erst Ende November mit den ersten Kritikerpreisen – aber als inoffiziellen Start kann man getrost die großen Herbstfestivals betrachten, auf denen viele der aussichtsreichsten OSCAR-Kandidaten erstmals Kritikern und Publikum präsentiert werden. Vorgestern machte das Festival in Venedig den Anfang, es folgen u.a. Telluride, Toronto, San Sebastián, New York, London und Rom. Aus diesem Anlaß haben die "Gurus O´ Gold" – aktuell 15 renommierte Kritiker und Blogger – eine erste Favoritenliste erstellt, für die jeder Teilnehmer 15 Filme nennen durfte (ohne Reihung). Das Resultat dient mir als Grundlage für eine kurze Übersicht der nach heutigem Stand wohl aussichtsreichsten OSCAR-Kandidaten (teilweise habe ich die Texte aus meiner Herbst-Vorschau übernommen). Natürlich kann sich daran viel ändern, da die meisten der genannten Filme noch niemand gesehen hat, aber es ist doch schön zu sehen, worauf man sich als Freund anspruchsvoller Kinokunst in den nächsten Monaten hoffentlich freuen darf (in Klammern gebe ich jeweils den deutschen Kinostarttermin an, soweit bereits bekannt):

"American Bullshit" (13. Februar 2014):
Nachdem Regisseur David O. Russell mit seinen letzten beiden Filmen "Silver Linings" und "The Fighter" bei insgesamt 15 Nominierungen drei OSCARs holen konnte, zählt auch sein neues Werk naturgemäß zu den Mitfavoriten. Dies gilt erst recht, da die Story des Films über einen Trickbetrüger, der in den 1980er Jahren mit dem FBI zusammenarbeitet, um ein riesiges Korruptionsnetzwerk aufzudecken, genau nach dem klingt, was die Academy-Mitglieder gerne sehen und prämieren. Und die Besetzung mit Christian Bale, Bradley Cooper, Amy Adams, Jennifer Lawrence, Jeremy Renner und Robert De Niro läßt ebenfalls Großes erhoffen.

"Captain Phillips" (14. November 2013):
Tom Hanks ("Cloud Atlas") nimmt Kurs auf seine sechste OSCAR-Nominierung in der Rolle des titelgebenden Frachterkapitäns, der 2009 mit seinem Schiff von somalischen Piraten als Geisel genommen wurde. Auch Regisseur Paul Greengrass ("Die Bourne Verschwörung") hat dank "Flug 93" bereits OSCAR-Erfahrung.

"12 Years a Slave" (16. Januar 2014):
"Shame"-Regisseur Steve McQueen hat mit großer Starbesetzung die Autobiographie des Afroamerikaners Solomon Northup verfilmt, der im 19. Jahrhundert als freier Mann geboren, aber als Erwachsener in Washington entführt und in die Sklaverei nach Louisana verkauft wurde. Erst nach zwölf Jahren gelang es ihm, seine Verwandten über sein Schicksal zu informieren, die daraufhin auf rechtlichem Wege um seine Befreiung kämpften. Chiwetel Ejiofor ("Children of Men") verkörpert Solomon, in weiteren Rollen sind Michael Fassbender, Brad Pitt, Paul Giamatti, Benedict Cumberbatch und Paul Dano zu sehen. Bisher wurden McQueens nicht gerade massentaugliche Filme von der Academy ignoriert, aber mit diesem Stoff dürfte sie nicht mehr an dem Briten vorbeikommen.

"Gravity (3D)" (3. Oktober 2013):
Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón steht spätestens seit seinem packenden, dreifach OSCAR-nominierten Endzeit-Thriller "Children of Men" für hohe Qualität. Mit "Gravity" hat er sich an ein ungewöhnliches Zweipersonenstück über zwei Astronauten, die nach einem Unfall mit Weltraumschrott um ihr Leben kämpfen, gewagt – und damit als Eröffnungsfilm in Venedig die Kritiker restlos begeistert, die schon Vergleiche mit Stanley Kubrick ziehen. Vorher galt der Film hinsichtlich der Awards Season als hoffnungsvoll, nun ist er zu einem der Topfavoriten aufgestiegen, vor allem in den technischen Kategorien (Schnitt, Kamera, Spezialeffekte). Und die beiden einzigen Darsteller George Clooney und Sandra Bullock haben ebenfalls sehr gute Chancen auf OSCAR-Nominierungen, Bullock wohl noch etwas bessere als Clooney.

"Osage County im August" (6. März 2014):
In diesem schwarzhumorigen, auf einem gefeierten Theaterstück von Tracy Letts beruhenden Familiendrama von "Emergency Room"-Schöpfer John Wells verkörpern Meryl Streep und Sam Shepard die Eltern von Julia Roberts und Juliette Lewis, weitere Schauspiel-Schwergewichte wie Benedict Cumberbatch, Chris Cooper und Ewan McGregor sind mit von der Partie und potentielle Anwärter auf eine OSCAR-Nominierung.

"Der Butler" (10. Oktober 2013):
In dem Film von Lee Daniels ("Precious") verkörpert Forest Whitaker ("Der letzte König von Schottland") den Butler Cecil Gaines (in Wirklichkeit: Eugene Allen), der im Weißen Haus sage und schreibe acht US-Präsidenten von Truman bis Reagan diente. Würde ich sämtliche namhaften Schauspieler, die zusätzlich am Film mitwirken, aufzählen, wäre das eine sehr lange Liste, aber zu den bekanntesten zählen Jane Fonda (die einstige Vorzeige-Liberale spielt ausgerechnet Nancy Reagan), Robin Williams (Eisenhower), John Cusack (Nixon), Alan Rickman (Reagan), Liev Schreiber (Johnson), Vanessa Redgrave und Oprah Winfrey. Letztere wird ebenso wie Whitaker als fast sichere OSCAR-Nominee angesehen, generell wird "The Butler" eine ähnliche Rolle in der Awards Season wie vor zwei Jahren "The Help" (vier OSCAR-Nominierungen, ein Sieg) zugetraut.

"The Wolf of Wall Street" (16. Januar 2014):
In Martin Scorseses ("Hugo Cabret") Wirtschaftsthriller spielt Leonardo DiCaprio ("Zeiten des Aufruhrs") Jordan Belfort, der zu Beginn der 1990er Jahre wie aus dem Nichts zu einem der erfolgreichsten Broker der Welt aufstieg, nur um einige Jahre später gaaaaanz tief zu fallen – bis ins Gefängnis, um genau zu sein. Klingt nach einem guten Komplementär zu Oliver Stones Klassiker "Wall Street". Neben DiCaprio – dem dieser Film endlich seine überfällige erste OSCAR-Nominierung einbringen sollte – sind in wichtigen Rollen Matthew McConaughey, Jean Dujardin, Jonah Hill und Kyle Chandler zu sehen. Sollte Scorsese nicht negativ überraschen, dürfte es kaum zu verhindern sein, daß "The Wolf of Wall Street" eine gute Rolle im OSCAR-Rennen spielen wird.

"Inside Llewyn Davis" (5. Dezember 2013):
In Cannes gewann die Folkballade der Gebrüder Coen ("No Country for Old Men") mit Oscar Isaac, Carey Mulligan, John Goodman und Justin Timberlake bereits den Großen Preis der Jury, OSCAR-Erfahrung haben die Coens natürlich auch zu Genüge. Die Frage ist, ob "Inside Llewyn Davis" nicht etwas zu intim und unspektakulär für eine richtig große Rolle in der Awards Season ist. Zumindest eine Drehbuch-Nominierung sollte aber eigentlich sicher sein.

"Monuments Men" (23. Januar 2014):
Wenn George Clooney einen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges spielenden Film über die Suche nach von den Nazis geraubten und von der Zerstörung bedrohten Kunstwerken dreht, in dem er selbst, Cate Blanchett, Bill Murray, Matt Damon, Jean Dujardin und John Goodman mitspielen, dann schreit das geradezu nach vielen Auszeichnungen. Allerdings mehren sich in Hollywood die Stimmen, die vermuten, daß "Monuments Men" zwar großes kommerzielles Potential besitze, künstlerisch aber zu wenig anspruchsvoll sein könnte, um im OSCAR-Rennen große Aussichten zu besitzen. Die Zeit wird es zeigen ...

"Saving Mr. Banks" (6. März 2014):
Wenn Hollywood Filme über Hollywood dreht, dann lieben das Kritiker und Jurys oft mehr als das zahlende Publikum. Bei "Saving Mr. Banks" könnte das allerdings etwas anders aussehen, denn die Geschichte darüber, wie Walt Disney (Tom Hanks) höchstpersönlich versucht, der Kinderbuchautorin P.L. Travers (Emma Thompson) die Rechte für ihren Hit "Mary Poppins" abzuschwatzen, macht bisher eher den Eindruck eines humorvollen Feelgood-Movies. Das könnte für ein paar Nominierungen reichen (vor allem Thompson dürfte gute Chancen besitzen), aber auch für mehr? Andererseits hat Regisseur John Lee Hancock mit "Blind Side" bewiesen, daß er durchaus auch etwas leichtere Stoffe mitten hinein ins OSCAR-Rennen führen kann ...

"Labor Day" (24. April 2014):
Regisseur und Autor Jason Reitman hat bereits mit "Juno" und "Up in the Air" seine Awards-Tauglichkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt, die dramatische Romanadaption über eine alleinerziehende Mutter (Kate Winslet), die wider besseres Wissen einem verwundeten, von der Polizei gesuchten Mann (Josh Brolin) hilft, bringt eigentlich alles mit, um erneut eine Rolle im Wettbewerb um die begehrteste Filmtrophäe der Welt zu spielen.

"Fruitvale Station":
Ryan Cooglers auf realen Ereignissen basierendes Drama über den letzten Tag im Leben eines jungen Schwarzen (Michael B. Jordan), der in der Neujahrsnacht 2009 unschuldig von der Polizei erschossen wurde, wurde auf Festivals gefeiert und kam durch die Parallelen zum "Fall Trayvon Martin" zusätzlich zu medialer Aufmerksamkeit. Es ist durchaus möglich, daß die Independent-Produktion eine Rolle im OSCAR-Rennen spielen wird – ähnlich wie letztes Jahr "Beasts of the Southern Wild" –, zumal die Rassismus-Thematik bei der Academy schon oft gut ankam ("L.A. Crash", "Blind Side"). Bei solch "kleinen" Filmen hängt das aber immer auch etwas vom Glück ab und schlicht davon, wieviele Academy-Mitglieder ihn überhaupt zu sehen bekommen.

"Nebraska" (16. Januar 2014):
Das Roadmovie von Alexander Payne ("The Descendants") über einen alkoholabhängigen älteren Mann (Bruce Dern), der auf einer Reise durch die Staaten mit seinem Sohn versucht, diesem wieder näherzukommen, brachte Dern in Cannes bereits den Darstellerpreis ein. Ein paar OSCAR-Nominierungen sollten machbar sein (vor allem für das Drehbuch), sehr viel mehr erwarte ich allerdings nicht.

"Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" (2. Januar 2014):
Einer der im Vorfeld am wenigsten erwarteten Titel in dieser Auflistung. Denn als Komiker Ben Stiller bekanntgab, ein Remake dieses Klassikers aus dem Jahr 1947 mit Danny Kaye zu drehen, befürchteten die meisten eine weitere harmlose Familienkomödie á la "Nachts im Museum". Seit der erste Trailer veröffentlicht wurde, ist allerdings klar, daß Stiller wesentlich größere Ambitionen verfolgt: Er scheint die Geschichte eines kleinen Angestellten (Stiller), der sich in abenteuerlastige Fantasiewelten hineinträumt, um dem grauen Alltag zu entfliehen, als formal anspruchsvolles, magisches Märchen für Erwachsene anzulegen. Und ist damit prompt auf den Notizzetteln vieler OSCAR-Experten gelandet. Bleibt nur zu hoffen, daß der (wirklich beeindruckende) Trailer nicht mehr verspricht, als Stiller halten kann.

"Blue Jasmine" (7. November 2013):
Woody Allens neue Tragikomödie hat sich in den USA bereits als sehr positiv rezensierter Arthousehit erwiesen, Hauptdarstellerin Cate Blanchett und Nebendarstellerin Sally Hawkins gelten als sichere Kandidatinnen für eine OSCAR-Nominierung. Allens Drehbücher sind sowieso immer aussichtsreich im Wettbewerb, aber viel mehr dürfte für "Blue Jasmine" nicht drin sein.

Das sind nun also 15 der nach momentanem Stand wohl aussichtsreichsten Kandidaten für die Awards Season 2013/2014. Ich werde die Liste in den kommenden Wochen aktualisieren und noch deutlich erweitern und dabei vor allem auch auf die Erkenntnisse aus den erwähnten Herbstfestivals eingehen.

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