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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 5. Juli 2013

FLIEGENDE LIEBENDE (2013)

Originaltitel: Los amantes pasajeros
Regie und Drehbuch: Pedro Almodóvar, Musik: Alberto Iglesias
Darsteller: Javier Cámara, Carlos Areces, Raúl Arévalo, Antonio de la Torre, Lola Dueñas, Hugo Silva, José Luis Torrijo, José María Yazpik, Guillermo Toledo, Cecilia Roth, Miguel Á. Silvestre, Carmen Machi, Blanca Suárez, Susi Sánchez, Paz Vega, Penélope Cruz, Antonio Banderas
 Los amantes pasajeros
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 48% (5,5); weltweites Einspielergebnis: $21,2 Mio.
FSK: 16, Dauer: 91 Minuten.

Ein Interkontinentalflug von Spanien nach Mexiko fliegt Endlosschleifen über dem spanischen Toledo, da beim Start die Bremsklappe eines Fahrwerks nicht wie vorgesehen geöffnet wurde. Eine Notlandung ist daher unvermeidlich, dummerweise findet sich auf die Schnelle aber keine freie Landebahn. Um das Ausbrechen einer Panik zu vermeiden, betäubt das Flugpersonal kurzerhand die gesamte Economy Class, während das gute halbe Dutzend Passagiere der Business Class zunächst einfach unwissend belassen wird. Doch die bunte Gruppe – darunter ein jungfräuliches Medium (Lola Dueñas, "Das Meer in mir"), eine Edeldomina, ein bekannter Schauspieler, ein mysteriöser Mexikaner, ein Geschäftsmann auf der Flucht vor der Justiz und ein frisch verheiratetes Ehepaar auf Hochzeitsreise – kommt schließlich hinter die Täuschung, nicht zuletzt deshalb, weil die drei unfaßbar schwulen Flugbegleiter stark nach Tequila riechen. Um die Passagiere zu beruhigen, werden sie ebenfalls mit reichlich Alkohol versorgt und sogar unter Drogen gesetzt, die schnell dafür sorgen, daß alle Hemmungen fallen ...

Kritik:
In den 1980er Jahren wurde der exzentrische spanische Regisseur Pedro Almodóvar durch eine Reihe intelligenter, aber hysterisch übertriebener Komödien mit so bezeichnenden Titeln wie "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" oder "Das Kloster zum heiligen Wahnsinn" international bekannt. Die Mischung aus schriller Komik und einfühlsamer Figurenzeichnung brachte dem von Beginn an offen schwulen Regisseur nicht nur in der homosexuellen Szene früh Kultstatus ein. Das nutzte er weidlich aus und wandte sich ab den 1990er Jahren deutlich ernsteren und anspruchsvolleren Filmen wie "Feßle mich!" oder "Alles über meine Mutter" zu, ohne dabei seinen ganz eigenen Stil zu verlieren. Die besten Schauspieler Spaniens standen bei Almodóvar Schlange und mit seinem Meisterwerk "Sprich mit ihr" kam er 2003 sogar zu hochverdienten OSCAR-Ehren. Nachdem er in den letzten Jahren teils recht düstere Filme wie "Die Haut, in der ich wohne" oder "La mala educación" inszeniert hat, wagt Almodóvar mit "Fliegende Liebende" nun die Rückkehr zu seinen schrill-frivolen Anfängen. Unglücklicherweise jedoch, ohne deren Qualität zu erreichen.

"Fliegende Liebende" hat eigentlich genau die richtigen Zutaten für eine Almodóvar-Komödie: Eine witzig-absurde Prämisse, ein kunterbuntes, extrem schräges Figurenensemble und eine engagiert aufspielende Top-Besetzung. Im Trailer sah das auch noch sehr vielversprechend aus. Als kompletter Film funktioniert es leider nicht so richtig. Hauptgrund dafür ist, daß Almodóvars Drehbuch ungewohnte Schwächen aufweist – und zwar sowohl beim Humor als auch bei der Figurenzeichnung. Die hysterischen, wie gewohnt sexuell aufgeladenen und mitunter ziemlich derben Dialoge verleiten die meiste Zeit über höchstens zum Schmunzeln; zu sehr erinnern sie an müde Kopien der schwungvollen, intelligenten Wortgefechte aus Frühwerken Almodóvars wie "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs".

Dies ist umso ungünstiger, als die Charaktere allesamt viel zu oberflächlich skizziert sind, um echtes Interesse wecken zu können. Natürlich, die klischeehaft überzeichneten stockschwulen Stewards sind amüsant anzuschauen, aber es gelingt ihnen mangels Tiefe nicht, die Empathie des Publikums zu wecken. Gleiches gilt eigentlich für alle anderen Figuren in dieser Komödie. Selbstverständlich ist es schwierig, in einem eineinhalbstündigen Film mit einem großen, relativ gleichberechtigt eingesetzten Ensemble glaubhafte oder gar erinnerungswürdige Charaktere zu erschaffen – aber Almodóvar hat ja schon öfters bewiesen, daß er das kann. Hier beschränkt sich die Demonstration seines Könnens auf wenige Highlights wie die grandiose Musical-Einlage der drei Flugbegleiter mit dem Song "I'm so excited" von den Pointer Sisters, mit der die Passagiere von der bedrohlichen Situation abgelenkt werden sollen. Auch die Geschichte des leicht abgehalfterten Schauspielers Ricardo (Guillermo Toledo, "Ein ferpektes Verbrechen"), der eigentlich seine depressive Ex-Freundin Alba (Paz Vega, "Spanglish") anrufen will, aber, nachdem diese das Handy versehentlich von einer Brücke fallen läßt, letztlich ausgerechnet bei deren Vorgängerin Ruth (Blanca Suárez, "Die Haut, in der ich wohne") landet, weckt vorüber-gehend etwas mehr Interesse. Aber Almodóvar gelingt es nicht, die wenigen Stärken seines Drehbuchs so gut herauszuarbeiten, daß sie nachhaltig über das ansonsten vorherrschende Mittelmaß hinausragen könnten.

Immerhin weiß die verspielte Musik von Alberto Iglesias zu gefallen, außerdem muß man den Schauspielern zugutehalten, daß sie wirklich das Beste aus ihren klischeebehafteten Figuren herausholen. Vor allem Javier Cámara (Hauptdarsteller von "Sprich mit ihr"), Carlos Areces ("Game of Werewolves") und Raúl Arévalo ("Dunkelblaufastschwarz") geben in den Rollen der schambefreiten Flugbegleiter alles. Die dereinst von Almodóvar bekannt gemachten Antonio Banderas ("Haywire") und Penélope Cruz ("To Rome with Love") sind übrigens auch mit von der Partie, aber von der Werbung mit ihnen für den Film sollte sich niemand verleiten lassen: Beide absolvieren lediglich einen Kurzauftritt ganz zu Beginn.

Fazit: "Fliegende Liebende" ist eine derb-frivole Komödie, die abgesehen von einer herrlichen Musicaleinlage trotz Topbesetzung in beliebiger Mittelmäßigkeit erstickt.

Wertung: 5,5 Punkte.


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