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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 25. Januar 2013

LINCOLN (2012)

Regie: Steven Spielberg, Drehbuch: Tony Kushner, Musik: John Williams
Darsteller: Daniel Day-Lewis, Sally Field, David Strathairn, Tommy Lee Jones, Joseph Gordon-Levitt, James Spader, Hal Holbrook, Gloria Reuben, Gulliver McGrath, Tim Blake Nelson, John Hawkes, Lee Pace, Peter McRobbie, Jackie Early Haley, Jared Harris, Bruce McGill, Michael Stuhlbarg, Walton Goggins, David Costabile, David Warshofsky, Joseph Cross, Jeremy Strong, David Oyelowo, Lukas Haas, Dane DeHaan, Elizabeth Marvel, Wayne Duvall, Gregory Itzin, S. Epatha Merkerson
 Lincoln
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (8,0); weltweites Einspielergebnis: $275,3 Mio.
FSK: 12, Dauer: 152 Minuten.

Januar 1865: Der amerikanische Bürgerkrieg ist noch in vollem Gange, allerdings zeichnet sich der bevorstehende Sieg der Nordstaaten bereits deutlich ab und echte Friedensverhandlungen befinden sich im Bereich des Möglichen. Das versetzt den gerade wiedergewählten und extrem populären Präsidenten Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis, "There Will Be Blood") ein wenig in ein Dilemma, denn er will unbedingt einen Verfassungszusatz durchfechten, der die Sklaverei ein für allemal verbietet – das ist jedoch nur möglich, solange der Bürgerkrieg andauert und die Südstaaten deshalb nicht abstimmen können. Soll Lincoln also die Friedensverhandlungen verzögern und somit die Leben zahlloser weiterer tapferer Soldaten auf beiden Seiten opfern für sein hehres Ziel, die Abschaffung der Sklaverei? Doch selbst wenn er bereit ist, das zu tun – wird er die dafür erforderliche Zweidrittel-Mehrheit im Abgeordnetenhaus erringen, obwohl seine Republikaner alleine nicht über die nötigen Stimmen verfügen und die Demokraten (jaja, so ändern sich die Zeiten) strikt gegen diesen "unnatürlichen" Verfassungszusatz sind?

Kritik:
Mag man aus europäischer Sicht auch so manchen Aspekt der amerikanischen Demokratie mit verständnislosem Kopfschütteln bedenken, eines steht außer Frage: Kaum jemand kann so gute, mitreißende, ja sogar inspirierende Filme über die Vorzüge der Demokratie drehen wie Hollywood. Bereits 1939 bewies das Frank Capra mit seinem leichtfüßigen Politfilm "Mr. Smith geht nach Washington", in dem James Stewart als wackerer Pfadfinderführer mit Charme und Chuzpe den Kongreß erobert und für die Rechte der amerikanischen Jugend kämpft. Steven Spielberg steht dem nun in nichts nach, indem er die letzten Monate im ereignisreichen Leben des US-Präsidenten Abraham Lincoln nachzeichnet und dabei vor allem dessen unermüdlichen Kampf gegen die Sklaverei, der bekanntlich einen positiven, von Spielberg triumphal in Szene gesetzten Ausgang fand.

Obwohl der Regisseur manchmal etwas zu sehr ins Schwärmen gerät und vereinzelte Szenen in ihrem Pathos an pure Heldenverehrung grenzen, hält er insgesamt doch gekonnt die Balance zwischen fesselnder, aber faktennaher Geschichtsstunde und moralischem Lehrstück mit unverkennbaren Parallelen zur heutigen politischen Situation in den USA (wenn auch mit vertauschten Rollen). Dabei verhehlt er keineswegs, daß Lincoln ganz bewußt zu schmutzigen Tricks und sogar lupenreiner Korruption griff, um seine Ziele zu erreichen – und er stellt durchaus zur Diskussion, ob der Zweck tatsächlich alle Mittel heiligt. Lincoln selbst darf in einem vom OSCAR-nominierten Drehbuch-Autor Tony Kushner grandios verfaßten und von Daniel Day-Lewis mit Leidenschaft vorgetragenen Monolog die Pros und Contras seines juristisch höchst zweifelhaften Vorgehens beleuchten und seine Selbstzweifel offenbaren. Dadurch wird Lincoln wie beiläufig auch vom Sockel der scheinbar unantastbaren US-Ikone heruntergeholt und vermenschlicht – dies ehrlich gesagt sogar effektiver als durch die Szenen mit seiner nicht ganz einfachen Familie, die diese Aufgabe eigentlich übernehmen sollen. Nur daß sie leider (und kurioserweise) nicht an die Spannung und die Emotionalität der politischen Auseinandersetzungen heranreichen. Lincolns beständig zwischen Streit und Versöhnung pendelnde Beziehung zu seiner psychisch leicht angeschlagenen Frau Molly (Sally Field, "The Amazing Spider-Man") und das eher kühle Verhältnis zu seinem ältesten Sohn Robert (Joseph Gordon-Levitt, "The Dark Knight Rises"), der gegen den Willen der Eltern unbedingt Soldat werden möchte, stören zwar nicht gerade, sind aber in meinen Augen das schwächste Glied der Kette.

Was umgekehrt natürlich sehr für Kushners ausgezeichnetes Drehbuch und Spielbergs lebendige Inszenierung der in jeder Hinsicht dominierenden Politik-Handlungsstränge spricht, von denen man kaum einen dermaßen hohen Unterhaltungswert erwarten würde, wie "Lincoln" ihn bietet. Um Monotonie zu vermeiden, ist dieser Politik-Teil in verschiedene und in etwa gleichberechtigte Elemente untergliedert. Zum einen gibt es natürlich Lincoln, der über allem steht und gemeinsam mit seinem Außenminister Seward (David Strathairn, "Das Bourne Vermächtnis") und dem einflußreichen republikanischen Politiker Blair (Hal Holbrook, "Die Unbestechlichen") versucht, die Dinge in seinem Sinne zu lenken, ohne allzu direkt einzugreifen. Diese Aufgabe fällt stattdessen vorrangig dem schlitzohrigen William N. Bilbo (James Spader, TV-Serie "Boston Legal") zu, der mit seinen Leuten einfallsreich auf die Jagd nach möglicherweise noch "bekehrungswilligen" demokratischen Abgeordneten geht. Für die unumstrittenen Höhepunkte sorgen jedoch die Sitzungen des Abgeordetenhauses selbst, in denen die Republikaner und die Demokraten ihre fähigsten Redner an den Pult schicken, um wortgewaltig für ihre jeweilige Sache zu streiten. Ich habe keine Ahnung, wie realistisch das Gezeigte ist, fest steht jedoch, daß es eine wahre Freude ist, diese Auseinandersetzungen als Zuschauer zu verfolgen. Vor allem Tommy Lee Jones kann in diesen Szenen als engagierter Verfechter der Gleichberechtigung glänzen, der sich mit seinen demokratischen Kontrahenten (dargestellt u.a. von Lee Pace, Peter McRobbie und Michael Stuhlbarg) verbal duelliert. Es ist wirklich erstaunlich, wie gespannt man die Szenen im Abgeordnetenhaus – untermalt von der nicht allzu innovativen und vereinzelt etwas pathetischen, aber insgesamt doch wieder einmal sehr gelungenen Musik von Altmeister John Williams – vor allem gegen Ende hin verfolgt, obwohl man ja weiß, wie es ausgeht. Da kann man wohl nur sagen: Chapeau, Mr. Kushner; Chapeau, Mr. Spielberg!

Die hochkarätigen Darsteller tragen natürlich ihren Teil bei zu dem großen und stets anspruchsvollen Vergnügen, das "Lincoln" ist – nicht ohne Grund wurden mit Daniel Day-Lewis, Tommy Lee Jones und Sally Field gleich drei von ihnen mit OSCAR-Nominierungen bedacht (insgesamt gab es für "Lincoln" bemerkenswerte zwölf). Vor allem Day-Lewis' Verkörperung des Abraham Lincoln ist erwartungsgemäß eine Wucht und brachte ihm seinen bereits dritten Academy Award ein. Spielerisch gelingt es dem Briten, zwischen würdevollem Staatsmann, liebendem Vater, leidenschaftlichem Politiker, besorgtem Ehemann und charismatischem Geschichtenerzähler zu wechseln und dabei stets authentisch zu wirken. Sollte sich übrigens jemand über die in der Tat zu Beginn gewöhnungsbedürftige deutsche Stimme Lincolns (Frank Röth) beschweren, so sei ihm oder ihr versichert: Die gleiche Kritik mußte sich auch der in seiner Rollenvorbereitung notorisch perfektionistische Day-Lewis von Teilen des amerikanischen Publikums anhören. Das liegt daran, daß Lincoln in Filmen bislang fast immer mit einer tiefen, dröhnenden Stimme versehen wurde, doch Day-Lewis hält sich an die wenigen überlieferten Berichte über die Stimme des Präsidenten, die als eher hoch und nasal beschrieben wird. Es klingt nunmal nicht jeder Mensch so, wie er aussieht ... Auch bei der restlichen Besetzung gibt es keinerlei Grund zur Klage, wenngleich etliche Charaktere aufgrund der gewaltigen Anzahl handelnder Personen leider etwas kurz kommen. James Spader sorgt beispielsweise als Stimmenfänger Bilbo für die humorvollen Momente, der loyale, aber regelbewußte David Strathairn gibt als Außenminister ein überzeugendes Gegengewicht zum Präsidenten ab, Jackie Early Haley ("Watchmen") überzeugt in seinen wenigen Szenen als pragmatischer Alexander Stephens, der Verhandlungsführer der Südstaaten, und Gloria Reuben (TV-Serie "Emergency Room") fungiert als frühere Sklavin und nun Molly Lincolns Vertraute Elizabeth gewissermaßen als moralische Instanz.

Außerhalb der USA wurde "Lincoln" übrigens ein kurzer erklärender Text über die historischen Hintergründe vorangestellt, der allerdings so allgemein gehalten ist, daß er ziemlich überflüssig erscheint – wer nicht zumindest minimales Interesse an der Thematik hat, der wird sich einen solchen Film wohl sowieso nicht anschauen. Wesentlich hilfreicher wären ein paar einordnende Erläuterungen gegen Ende der Geschichte gewesen, denn da gibt es speziell in Sachen Friedensverhandlungen doch einige, teils wortlos gehaltene Szenen, die ohne nähere Kenntnis der amerikanischen Geschichte nicht ganz so einfach zu verstehen sein dürften. Richtig problematisch ist das allerdings nicht, da ja sowieso vor allem das Verbot der Sklaverei im Mittelpunkt des Films steht.

Fazit: "Lincoln" ist ein Historienfilm, wie man ihn sich wünscht: anspruchsvoll und ziemlich nahe an den Fakten, dabei aber dank eines großartigen Drehbuchs unverschämt unterhaltsam und spannend sowie in jeder Hinsicht souverän in Szene gesetzt.

Wertung: 9 Punkte.


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