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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 30. November 2012

DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD (2007)

Originaltitel: The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford
Regie und Drehbuch: Andrew Dominik, Musik: Nick Cave und Warren Ellis
Darsteller: Brad Pitt, Casey Affleck, Sam Rockwell, Mary-Louise Parker, Sam Shepard, Jeremy Renner, Garret Dillahunt, Paul Schneider, Alison Elliott, Zooey Deschanel, Brooklynn Proulx, Dustin Bollinger, Kailin See, Michael Parks, James Carville, Ted Levine, Ed O'Kelley, Nick Cave
 The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford
(2007) on IMDb Rotten Tomatoes: 76% (7,1); weltweites Einspielergebnis: $15,0 Mio.
FSK: 12, Dauer: 163 Minuten.

Im Jahr 1881 machen sich der berühmt-berüchtigte Outlaw Jesse James (Brad Pitt) und sein älterer Bruder Frank (Sam Shepard) zu ihrem letzten Raubzug auf. Da ihre alte Bande zerfallen ist, haben sie einen Haufen unerfahrener lokaler Gauner um sich versammelt, darunter auch der 19-jährige Robert Ford (Casey Affleck), der Jesse regelrecht verehrt und alles versucht, um ihm zu gefallen. Nach dem Zugüberfall trennen sich die Männer, um ihre Verfolger abzuschütteln. Jesse, auf den ein hohes Kopfgeld ausgesetzt ist, nimmt mit seiner Frau (Mary-Louise Parker) und den Kindern eine neue Identität an, sein Bruder Frank verläßt die Region komplett. Robert Ford hingegen, inzwischen enttäuscht vom herablassenden Verhalten Jesses ihm gegenüber, versteckt sich mit seinem älteren Bruder Charlie (Sam Rockwell) und einigen anderen auf der abgelegenen Farm seiner älteren Schwester Martha (Alison Elliott). Dort führt die anhaltende Monotonie bald zu folgenschweren Streitigkeiten, während Jesse immer paranoider wird, da er (richtigerweise) glaubt, daß einige seiner ehemaligen Komplizen ihn für das Kopfgeld verraten wollen ...

Kritik:
Es gibt bereits Dutzende Filme über den wohl populärsten Outlaw in der US-amerikanischen Historie, doch dem australischen Regisseur Andrew Dominik, der mit dem außerhalb seiner Heimat weitgehend unbekannten Gefängnisdrama "Chopper" zuvor nur einen anderen Film gedreht hat, gelingt es, der altbekannten Geschichte von Jesse James und seinem Mörder Robert Ford eine ganz neue Facette abzugewinnen. Während sich die meisten vorherigen Verfilmungen vor allem auf den Outlaw selbst und seinen Bruder sowie die brutalen Raubzüge mit ihrer Gang konzentrierten, spielen diese in Dominiks Film kaum eine Rolle. Stattdessen wird hier seinen Mitstreitern, allen voran Robert Ford, fast ebensoviel Zeit gewidmet. Zwar gibt es auch schon einen Film über Ford, nämlich Samuel Fullers gelungenes Regiedebüt "Ich erschoß Jesse James" aus dem Jahr 1949; darin ging es allerdings vor allem um Fords Leben nach seiner schicksalhaften Tat. Das wird zwar in "Die Ermordung des Jesse James ..." ebenfalls thematisiert (und verschafft dem Kult-Songwriter und Filmkomponisten Nick Cave einen herrlichen Gastauftritt als Sänger der "Ballad of Jesse James"), allerdings eher als eine Art Epilog.

Im Zentrum des Films steht ganz eindeutig die eindringliche und geduldige Charakterisierung der beiden Titelfiguren: Brad Pitt ("World War Z") verkörpert den durchaus charismatischen "furchtlosen Outlaw" Jesse James als kränklichen, aber absolut gnadenlosen Mann, der aufgrund des Wissens um seine von der Regierung angeheuerten Verfolger sowie des auf ihn ausgesetzten stattlichen Kopfgeldes von seiner Paranoia bis an die Schwelle des Wahnsinns getrieben wird. Das führt so weit, daß er sogar einen Freund hinterrücks erschießt, weil er davon überzeugt ist, daß der ihn anlügt. Weshalb oder worüber er möglicherweise lügt, interessiert Jesse dabei überhaupt nicht. Robert Ford auf der anderen Seite ist das Nesthäkchen seiner Familie wie auch der James-Gang und wird daher von den anderen Männern pausenlos getriezt und ins Lächerliche gezogen. Jesse James ist seit seiner Kindheit sein Idol, weshalb er ihm in jeder Beziehung nachzueifern versucht. Von sich selbst sagt er, er fühle, daß er zu etwas Besonderem bestimmt sei. Doch obwohl Robert intelligenter ist als die meisten seiner Mitmenschen, erhält er von diesen (abgesehen von seinem Bruder) nie das, woran ihm am allermeisten gelegen ist: Respekt. Und diese permanente Mißachtung durch Menschen, die er teilweise sogar als Vorbilder betrachtet, nagt unerbittlich an ihm.

Die Charakterisierung und Entwicklung sowohl von Jesse James als auch von Robert Ford wirken psychologisch absolut stimmig, was umso bemerkenswerter ist, als Regisseur und Autor Dominik in Sachen Figurenzeichnung stärker auf Mimik und Gestik als auf die (durchaus tiefgründigen) Dialoge setzt. Das funktioniert wunderbar, da Pitt und sogar noch stärker Casey Affleck ("Gone Baby Gone"), für den die Rolle samt anschließender OSCAR-Nominierung den Durchbruch in Hollywood bedeutete, die Facetten ihrer so ungleichen und doch irgendwie ähnlichen Figuren absolut glaubhaft widerspiegeln. Überhaupt kann sich "Die Ermordung des Jesse James ..." mit einem herausragenden Schauspielensemble brüsten. Neben Pitt und Affleck brilliert auch Sam Rockwell ("Iron Man 2", "Moon") als Roberts recht einfach gestrickter, aber loyaler älterer Bruder Charley, und Hollywood-Veteran Sam Shepard ("Killing Them Softly") liefert eine wunderbar grimmige Verkörperung von Jesses älterem Bruder Frank ab. Zudem überzeugen der damals noch ziemlich unbekannte Jeremy Renner ("The Avengers"), Paul Schneider ("Wasser für die Elefanten") und vor allem Garret Dillahunt ("Looper") als weitere Mitglieder der James-Bande, wohingegen Mary-Louise Parker ("R.E.D.", TV-Serie "Weeds") als Jesses geliebte Ehefrau Zee leider zu wenig zu tun bekommt, um wirklich glänzen zu können.

Neben dem elegischen Drehbuch mit den ausgefeilten Charakteren sowie den exzellenten schauspielerischen Darbietungen hat der Film aber noch mehr zu bieten: So unterstreicht Kameramann Roger Deakins die melancholische Stimmung der Geschichte gleichermaßen mit atemberaubenden Landschaftsaufnahmen und intimen Closeups der Filmfiguren und wurde dafür zurecht für einen OSCAR nominiert. Kongenial untermalt werden seine eleganten Bildkompositionen durch die sphärischen, sehnsüchtigen Klänge des Soundtracks von Nick Cave und Warren Ellis. Hinzu kommen seltene, dann aber schnörkellos inszenierte Action-Szenen, die angesichts des groben Kontrasts zur ansonsten von Andrew Dominik geradezu zelebrierten Langsamkeit der (übrigens auf einem Buch von Ron Hansen aus dem Jahr 1983 basierenden) Erzählung umso stärker nachwirken. In dieser Mischung fällt mir nur ein Film ein, der mit "Die Ermordung des Jesse James ..." vergleichbar ist und ein ähnliches qualitatives Niveau erreicht: Robert Altmans berühmter New Hollywood-Schneewestern "McCabe & Mrs. Miller" aus dem Jahr 1971.

Leider zieht sich der Mittelteil des 160-Minuten-Epos phasenweise doch ziemlich in die Länge, da schlicht und ergreifend sehr wenig geschieht. Eine gewisse Straffung in diesem Segment hätte dem Film sicherlich nicht geschadet, auch wenn darunter wohl einige Nebenfiguren etwas gelitten hätten. Ansonsten gibt es für mich kaum etwas an "Die Ermordung des Jesse James ..." zu kritisieren, allerdings muß an dieser Stelle ausdrücklich betont werden – sollte das aus dem bisherigen Text noch nicht klargeworden sein –, daß es sich hierbei um alles andere als einen typischen Western handelt. Wer das nicht weiß und sich den Film in der Erwartung ansieht, viel Wild-West-Action und eine klare Schwarz-Weiß-Zeichnung bei den Figuren geboten zu bekommen, den erwartet eine große Enttäuschung. Zwar gibt es ein paar (sehr gelungen inszenierte und authentisch wirkende) Gewaltszenen und Schießereien, aber die ausführliche Figurenzeichnung steht zweifelsohne im Vordergrund. In diesem Sinne handelt es sich eigentlich weniger um einen Western als um eine Charakterstudie, einen klassischen Arthouse-Film, der zufällig im Wilden Westen spielt.

Fazit: "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" ist ein intelligenter, sehr bedächtig inszenierter Western-Abgesang mit hervorragenden Schauspiel-Leistungen und phantastischen, gemäldeartigen Bildern. Durch die Abwendung von den üblichen Hollywood-Konventionen, die Abwesenheit eines sympathischen Protagonisten und das sehr niedrige Erzähltempo handelt es sich allerdings um ein recht spezielles Vergnügen für geduldige Kino-Genießer.

Wertung: Knapp 9 Punkte.


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