Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 7. Januar 2021

ENOLA HOLMES (2020)

Regie: Harry Bradbeer, Drehbuch: Jack Thorne, Musik: Daniel Pemberton
Darsteller: Millie Bobby Brown, Louis Partridge, Henry Cavill, Helena Bonham Carter, Adeel Akhtar, Sam Claflin, Burn Gorman, Frances de la Tour, Susan Wokoma, Hattie Morahan, David Bamber, Fiona Shaw
Enola Holmes (2020) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (7,0); Altersfreigabe: ab 12 Jahren; Dauer: 123 Minuten.
England, 1884: Enola Holmes (Millie Bobby Brown, Netflix-Serie "Stranger Things") wächst bei ihrer exzentrischen Mutter, der feministischen Aktivistin Eudoria (Helena Bonham Carter, "Big Fish"), auf, die sie weitestgehend von der Welt fernhält, sie aber äußerst umfassend ausbildet. In der Nacht vor Enolas 16. Geburtstag verschwindet Eudoria jedoch spurlos, weshalb sich ihre wesentlich älteren Brüder Sherlock (Henry Cavill, "Mission: Impossible – Fallout") und Mycroft (Sam Claflin, "Snow White and the Huntsman") um sie kümmern sollen, die Enola allerdings seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben. Während Meisterdetektiv Sherlock vor allem das Rätsel ihrer verschwundenen Mutter lösen will, schickt Mycroft seine kleine Schwester gegen deren erklärten Willen in ein Mädchenpensionat – weshalb Enola kurzerhand Reißaus nimmt, um selbst Eudoria zu suchen, die ihr geheime Botschaften zurückließ. Auf der Flucht Richtung London trifft Enola im Zug zufällig auf einen weiteren Ausreißer in ihrem Alter, den adeligen Lord Tewkesbury (Louis Partridge). Als sich herausstellt, daß dieser von einem Mann (Burn Gorman, "Pacific Rim") verfolgt wird, der ihn töten will, hilft Enola ihm …
 
Kritik:
Sir Arthur Conan Doyles berühmteste literarische Erfindung, Meisterdetektiv Sherlock Holmes, zählt zu den meistadaptierten Figuren der Literaturgeschichte, wobei das Spektrum von relativ werktreuen Verfilmungen wie der US-Kino-Reihe mit Basil Rathbone in den 1930er und 1940er Jahren (wobei es mit der Werktreue vorbei war, als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintraten, denn dann wurde Sherlock Holmes zum Helden in der Gegenwart spielender Propagandafilme) oder dem britischen "Der Hund von Baskerville" (1959) mit Peter Cushing, der die Rolle 1968 in einer TV-Serie erneut übernahm, bis zu mehr oder weniger freien, unkonventionellen Adaptionen wie dem deutschen "Der Mann, der Sherlock Holmes war" (1937) mit Hans Albers als sich als Sherlock Holmes ausgebendem Detektiv, Billy Wilders "Das Privatleben des Sherlock Holmes" (1970), Herbert Ross' "Kein Koks für Sherlock Holmes" (1976) mit Nicol Williamson, Barry Levinsons "Das Geheimnis des verborgenen Tempels" (1985; mit einem jugendlichen Sherlock Holmes) oder Bill Condons "Mr. Holmes" (2015; mit Sir Ian McKellen als altem und dementen Sherlock Holmes) reicht. Daß Doyles Geschichten und Figuren auch im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Anziehungskraft verloren haben, zeigt der große Erfolg von Guy Ritchies actionreicher Hollywood-Kinoreihe (ab 2009) mit Robert Downey Jr. als schlagkräftigem Meisterdetektiv sowie den langlebigen TV-Serien "Sherlock" (britisch, seit 2010) und "Elementary" (USA, 2012-2019). Die unterhaltsame Netflix-Produktion "Enola Holmes" – deren eigentlich vorgesehener Kinostart der Corona-Pandemie zum Opfer fiel – bringt nun, basierend auf einer Romanreihe von Nancy Springer, noch einmal eine andere Facette ins Thema hinein, indem Sherlock Holmes nur eine Nebenrolle spielt und seine Teenager-Schwester Enola (die bei Doyle nicht existiert) im Fokus steht – wenngleich die Serie "Sherlock" in ihrer vierten Staffel ebenfalls eine Schwester einführt, jedoch in einer deutlich düstereren Ausprägung.
 
Die Prämisse mit Sherlocks ähnlich brillanter kleinen Schwester, die zunächst unwillig in ihren ersten eigenen Fall hineinstolpert, ist zweifellos charmant, wiewohl erzählerisch nicht gerade bahnbrechend. Die Verquickung von Enolas (und parallel Sherlocks) Suche nach ihrer Mutter mit dem ausgerissenen und in Lebensgefahr befindlichen Lord Tewkesbury sorgt dafür, daß beide Fälle nie wirklich in die Tiefe gehen und die detektivische Komponente überhaupt erst in der zweiten Hälfte richtig zum Tragen kommt. Auf diese Weise wirkt "Enola Holmes" inhaltlich eher wie ein typischer, mehr von leicht skurrilen Figuren als komplexen Kriminalfällen lebender BBC-Schmunzelkrimi á la "Inspector Barnaby" oder "Death in Paradise" als wie eine richtige Sherlock Holmes-Geschichte, aber da der britische TV-Regisseur Harry Bradbeer ("Killing Eve", "The Hour") seinen Film überwiegend temporeich inszeniert und vor allem sehr passend besetzt hat, läßt sich das verkraften. Weil ich "Stranger Things", jene Netflix-Hitserie, die Millie Bobby Brown weltweit bekannt machte, noch nicht gesehen habe, war "Enola Holmes" meine erste Begegnung mit der jungen britischen Aktrice, und ich bin durchaus angetan. Zwar verlangt ihr die Rolle schauspielerisch keine Wunderdinge ab, Brown verkörpert sie jedoch mit genau der richtigen Mischung aus leicht überheblichem Selbstbewußtsein, einer gewissen Verletzlichkeit und großem Charisma. In anderen Worten: Enola Holmes ist eine ausgezeichnete und gewitzte Identifikationsfigur für das Publikum, zu dem sie übrigens des öfteren, wie beispielsweise auch "Deadpool" die sogenannte vierte Wand durchbrechend, direkt spricht. Dabei ist Enola, ganz wie ihre Brüder, keineswegs frei von Fehlern, wie man vor allem an ihrem anfänglich genervten Verhalten gegenüber dem sympathischen jungen Lord Tewkesbury ablesen kann – doch wenn es darauf ankommt, trifft sie die richtige Entscheidung, weil sie ein gutes Herz hat. Und mit so jemandem fiebert man als Zuschauer doch gerne mit!
 
Die übrigen Holmes-Familienmitglieder sind ebenfalls glänzend besetzt: Helena Bonham Carter amüsiert als herrlich exzentrische und geheimniskrämerische Mutter und Henry "The Witcher" Cavill gibt einen überzeugenden Sherlock, der ziemlich egoistisch ist, sich aber doch eindeutig zu seiner ihm fast unbekannten kleinen Schwester hingezogen fühlt und nebenbei auch seinen detektivischen Spürsinn beweisen kann. Weniger gut kommt Sam Claflin als ältester Bruder Mycroft weg, der zwar kein Bösewicht ist, aber ziemlich arschig rüberkommt und wohl auch daher ständig schlecht gelaunt ist, weil er nicht an das Genie seiner Geschwister heranreicht und das genau weiß. Seine Rolle ist aber sowieso ziemlich klein, was auch auf den hier vom pakistanisch-kenianischstämmigen Briten Adeel Akhtar ("Four Lions") verkörperten Inspector Lestrade zutrifft. Die primäre Schurkenrolle der Geschichte (da man lange nicht weiß, wer der Drahtzieher ist) nimmt der eiskalte Killer Linthorn ein, welcher Lord Tewkesbury und damit auch Enola unerbittlich verfolgt – eine Paraderolle für den in Kino ("Crimson Peak", "Johnny English 2") und TV ("Torchwood", "Game of Thrones", "The Expanse") vielbeschäftigten und gerne als Bösewicht eingesetzten Burn Gorman. Die Actionszenen, darunter eine Verfolgungsjagd im fahrenden Zug, sind gut in Szene gesetzt und die Dialoge unterhalten die meiste Zeit über, so wie der ganze Film. Nur: Echte Höhepunkte fehlen und die beiden Fälle werden, wie erwähnt, recht oberflächlich abgehandelt; auch aus der Holmes-Familiengeschichte hätte man mehr herausholen können – wobei das natürlich noch in der geplanten Fortsetzung geschehen kann. Sein Potential schöpft "Enola Holmes" also vor allem dank eines mittelmäßigen Drehbuches nicht aus, für zwei Stunden gelungene Krimiunterhaltung reicht es aber allemal.
 
Fazit: "Enola Holmes" ist ein sympathisches und glänzend besetztes Krimiabenteuer, das eine leider ziemlich mediokre Geschichte unterhaltsam aufbereitet.
 
Wertung: Gut 7 Punkte.
 
 
Bei Gefallen an meinem Blog würde ich mich über die Unterstützung von "Der Kinogänger" mittels etwaiger Bestellungen über einen der amazon.de-Links in den Rezensionen oder über das amazon.de-Suchfeld in der rechten Spalte freuen, für die ich eine kleine Provision erhalte.
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen