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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Dienstag, 20. November 2018

A STAR IS BORN (2018)

Regie: Bradley Cooper, Drehbuch: Eric Roth, Bradley Cooper und Will Fetters
Darsteller: Lady Gaga, Bradley Cooper, Sam Elliott, Rafi Gavron, Andrew Dice Clay, Anthony Ramos, Dave Chappelle, Barry Shabaka Henley, Michael J. Harney, Michael D. Roberts, Ron Rifkin, Greg Grunberg, Rebecca Field, Eddie Griffin, Lukas Nelson & Promise of the Real, Alec Baldwin
 A Star Is Born (2018) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (8,1); weltweites Einspielergebnis: $341,5 Mio.
FSK: 12, Dauer: 136 Minuten.

Als dem Country-Rock-Star Jackson Maine (Bradley Cooper, "Silver Linings") auf der Rückfahrt von einem Konzert in Kalifornien in der Limousine der Alkohol ausgeht, läßt er sich kurzerhand an der nächsten Bar absetzen. Die entpuppt sich zu seiner Überraschung als Drag-Bar, in der neben diversen Drag-Queens auch die Chauffeurs-Tochter Ally (Lady Gaga) auftritt. Jackson ist von ihrer Performance und von ihrer Stimme sofort begeistert und lädt sie auf einen Drink in einer anderen Bar ein. Während Ally zunächst skeptisch ist, was ein Star wie Jackson von ihr will, entdecken sie schnell, daß die Chemie zwischen ihnen stimmt, außerdem beeindruckt Ally ihn mit einem ihrer eigenen Lieder – und so lädt sie Jackson nicht nur zu seinem nächsten Konzert ein, sondern holt sie dort sogar auf die Bühne, um mit ihm ihren Song vorzutragen. Das Publikum ist begeistert und fortan treten Jackson und Ally gemeinsam auf und beginnen zudem eine Liebesbeziehung. Dann bekommt Ally von dem Musikmanager Rez (Rafi Gavron, "Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht") das Angebot, ein eigenes Album aufzunehmen – und Jackson bekommt immer mehr Probleme mit seiner Alkohol- und Drogensucht, die durch einen als Kind erlittenen und beständig schlimmer werdenden Hörschaden zusätzlich befeuert wird …

Kritik:
Meine Beziehung zu Lady Gaga war lange Zeit mehr als holprig. Als sie 2008 im Alter von 22 Jahren mit ihrem Hit "Poker Face" den Durchbruch zum Weltstar schaffte, war ich … schwer genervt von einem Song, den ich bis heute so unerträglich finde, daß ich in rekordverdächtiger Geschwindigkeit das Radio abschalte, sobald ich die ersten Takte höre. Bei den folgenden Hits "Paparazzi" und "Bad Romance", die stilistisch sehr ähnlich klingen, war es nicht viel besser. Kurz gesagt: Kaum hatte ich Lady Gaga kennengelernt, war sie bei mir auch schon komplett untendurch. Wer vor 10 Jahren behauptet hätte, ich würde dereinst vielleicht sogar einmal zu einem Lady Gaga-Fan werden, den hätte ich sofort in die nächste Irrenanstalt einweisen lassen und den Schlüssel weggeworfen! Und doch dauerte es gar nicht lange, bis sich meine Gefühle wandelten. Das lag zum einen daran, daß ihre Musik sich eine Richtung veränderte, die mir deutlich mehr zusagt – vor allem das an Madonna erinnernde "Alejandro" und "Born This Way" gefallen mir richtig gut. Zusätzlich machte sie bei mir viele Punkte damit gut, daß sie bei aller Exzentrik ihrer Bühnenpersönlichkeit sehr konsequent und glaubwürdig für Minderheitenrechte (speziell die LGBTQ-Community betreffend) eintritt. Schließlich fing sie mit dem Schauspielern an; zunächst nur mit Cameos ("Men in Black 3", "Muppets Most Wanted") oder in Nebenrollen ("Machete Kills", "Sin City 2"), das aber durchaus überzeugend, für ihre Rolle in der TV-Serie "American Horror Story" gewann sie 2016 sogar einen Golden Globe. Dann gab Bradley Cooper für sein Regiedebüt "A Star Is Born" Lady Gaga ihre erste Hauptrolle in einem aufwendigen, prestigeträchtigen Hollywood-Drama – und begeisterte Kritiker und Publikum so sehr, daß sie sofort als ernsthafte OSCAR-Anwärterin galt. Und jawohl, eine Nominierung hätte sie absolut verdient, denn sie spielt ihren Part hervorragend und hat damit zumindest Eines geschafft: Ich bin ab sofort tatsächlich ein Fan von Lady Gaga! Sachen gibt's …

Wer sich für Klassiker interessiert, für den wird es keine Neuigkeit sein, daß "A Star Is Born" ein Remake ist – eines übrigens, das schon lange in Planung war, zwischenzeitlich sollte Clint Eastwood Regie führen und Beyoncé die Hauptrolle übernehmen (ich gebe zu, auch das hätte ich gern gesehen …). Erstmals wurde die Geschichte einer aufstrebenden Künstlerin und ihres bereits erfolgreichen, aber der Trunksucht verfallenen Mentors im Jahr 1932 von "Die Nacht vor der Hochzeit"-Regisseur George Cukor unter dem Titel "What Price Hollywood?" in die Kinos gebracht, wobei es da noch – der Titel läßt es vermuten – um eine Schauspielerin ging. Es folgten über die Jahre drei Versionen der Geschichte, die im Original allesamt "A Star Is Born" heißen und 1937, 1954 (mit Judy Garland) und 1976 (mit Barbra Streisand) in die Kinos kamen – bei den letzten beiden wurde aus der ehrgeizigen Schauspielerin bereits eine Sängerin. Auf direkte Vergleiche zu den früheren Versionen werde ich weitgehend verzichten, da ich nur den Film von 1954 (deutscher Titel: "Ein neuer Stern am Himmel") gesehen habe und das schon eine ganze Weile her ist. Fakt ist jedenfalls, daß sich Coopers Regiedebüt, in dem er selbst die männliche Hauptrolle übernommen hat, nicht verstecken muß. Vor allem die erste Hälfte des gut zweistündigen Musikdramas ist wunderbares, mitreißendes Wohlfühlkino, beschwingt inszeniert von Cooper, der die Story stets im Fluß und im Rhythmus hält, sie elegant mit den vielen musikalischen und gelegentlichen humoristischen Einlagen verquickt und das Publikum mit einer stark erzählten Aschenputtel-Geschichte begeistert. Ehrlich gesagt wüßte ich nicht, was ich an der ersten Stunde von "A Star Is Born" bemängeln sollte. Im Vorfeld war ich etwas skeptisch, was die Musik betrifft, weil ich kein großer Country-Freund bin, doch sowohl die rockigeren Songs von Jackson als auch die balladeskeren Lieder von Ally sind sehr eingängig, ohne beliebig zu wirken. Bemerkenswert ist übrigens, daß nicht nur Lady Gaga eigene Songs geschrieben hat, sondern auch Bradley Cooper – wenngleich beide teils mit der Unterstützung bekannter Komponisten und Produzenten wie Diane Warren, Mark Ronson oder Lukas Nelson.

Besonders eindrucksvoll ist es Bradley Cooper gelungen, das musikalische Zusammenfinden von Jackson und Ally einzufangen, das mit ihrer privaten Romanze einhergeht. Lernen wir die Musiker anfangs noch getrennt kennen – Jackson mit dem rockigen "Black Eyes", meinem Lieblingssong aus dem Film, Ally mit einer betont theatralischen Version von Edith Piafs "La Vie En Rose" –, finden sie nach ihrem Kennenlernen immer stärker zueinander. Den Höhepunkt des musikalischen Rendezvous' stellt das Duett "Shallow" dar, das sie auf einem von Jacksons Konzerten vortragen und das auch als aussichtsreichster Anwärter auf den Song-OSCAR gilt (mir gefällt "Black Eyes" trotzdem noch etwas besser). Das mit dem Höhepunkt ist hier jedoch leider wörtlich zu nehmen, denn ziemlich genau ab diesem Zeitpunkt geht es mit "A Star Is Born" bergab – oder zumindest mit seinem Unterhaltungsgrad. Denn in der zweiten Hälfte wird aus dem energetischen Feelgood-Movie verstärkt ein schwermütiges Liebes- und Suchtdrama. Im Prinzip natürlich ein legitimer Richtungswechsel, wenn nicht die Umsetzung im Vergleich zur ersten Filmhälfte deutlich schwächer ausfallen würde. Im Grunde genommen ist "A Star Is Born" die Antithese zum Queen-Biopic "Bohemian Rhapsody", das die Tragik im Leben von Freddie Mercury weitgehend ausblendet – bei "A Star Is Born" übernehmen hingegen Jacksons Suchtprobleme und die daraus resultierende Krise in seiner Beziehung zu Ally mehr und mehr die Oberhand und drängen die Musik in den Hintergrund.

Das ist immerhin seriös und trotz einer gewissen grundsätzlichen Klischeehaftigkeit ziemlich glaubwürdig herausgearbeitet, zumal dankenswerterweise die zu befürchtende "Mann kommt mit Erfolg der Frau nicht klar und ertränkt seinen Frust in Alkohol und Drogen"-Narrative kaum eine Rolle spielt. Zwar ist beruflicher Neid vermutlich ein kleiner Faktor in Jacksons Krise, viel entscheidender sind allerdings erstens seine gesundheitlichen Probleme mit dem drohenden Hörverlust sowie seine Sorge, daß Ally sich falsch beraten läßt. Ersteres sollte selbsterklärend und für jeden nachvollziehbar sein, interessanter ist der zweite Punkt, denn Jackson scheint sich nach Allys Solo-Durchbruch ernste Sorgen zu machen, daß sie ihre musikalische Identität aufgibt. Das wird von Cooper und seinen beiden Co-Autoren erfreulich subtil angegangen, denn Jackson spricht seine Besorgnis nie direkt an – was vermutlich sogar ein Fehler ist, denn auf diese Weise versteht Ally nicht wirklich, was Jackson meint. Dabei ist es offensichtlich, daß sie sich trotz gelegentlichen Widerstandes in einzelnen Punkten von ihrem neuen Manager Rez in eine Richtung lenken läßt, die zwar kommerziell ausgesprochen einträglich ist, aber nicht mehr allzu viel mit ihrer eigenen Persönlichkeit zu tun hat. Aus der emotionalen, aber sanften Songwriterin aus der Folk- und Countryecke wird ein glattgebügelter Mainstream-Popstar mit generischen Songs, bei denen die elektronische Musik eine viel größere Rolle spielt als ihre Stimme oder die Texte (besonders eindrücklich demonstriert bei ihrem "Saturday Night Live"-Auftritt mit "Why Did You Do That?", auch wenn dessen weniger Text zwischen den repetitiven Refrains durchaus mit der Handlung korreliert) – was ironischerweise an jene mir verhassten Anfangszeiten der realen Lady Gaga erinnert (auch wenn man die sicher nie als "glattgebügelt" bezeichnen konnte) und ergo meine zunehmende Unzufriedenheit mit dem Filmverlauf befeuert haben dürfte.

Trotzdem ist diese Kombination aus Allys gigantischem Erfolg und Jacksons beruflichem und körperlichen Niedergang sehr solide inszeniert und vor allem überragend gespielt; bei Cooper (wie auch bei Sam Elliott, der als Jacksons viel älterer Halbbruder eine Schlüsselrolle spielt) ist das nicht überraschend, aber von Lady Gaga mit ihrer begrenzten Schauspielerfahrung war eine solch nuancierte, leidenschaftliche Glanzleistung kaum zu erwarten. Wirklich Probleme habe ich erst mit dem Ende des Films. Das will ich natürlich nicht spoilern, aber speziell Jacksons charakterliche Entwicklung finde ich psychologisch nur bedingt glaubwürdig. Das Problem ist meines Erachtens, daß "A Star Is Born" im Kern jenes Finale beibehält, das schon vor über 85 Jahren für "What Price Hollywood?" ersonnen und in den ersten beiden Remakes von 1937 und 1954 wiederverwendet wurde. Denn was damals sehr gut zum Zeitgeist paßte, wirkt bei der Übertragung in unsere so schnellebige und von den sozialen Medien bestimmte Gesellschaft merkwürdig anachronistisch. Die Autoren der 1976er-Version mit Barbra Streisand hatten das scheinbar bereits erkannt und es entsprechend geändert, Cooper bleibt aber bei der originalen Storyline. Bestimmt hätte man die dergestalt anpassen können, daß sie auch im Jahr 2018 einigermaßen funktioniert, aber das ist in meinen Augen versäumt worden. Doch letztlich ist dieser durchaus wichtige Mangel zwar sehr bedauerlich, aber nicht so schwerwiegend, daß er die vielen positiven Seiten von "A Star Is Born" überdecken würde. Wer Musikfilme, großes Schauspielerkino und/oder Liebesgeschichten mag, der kommt an Coopers vielversprechendem Regiedebüt kaum vorbei.

Fazit: "A Star Is Born" erzählt eine altbekannte Geschichte mit viel Leidenschaft und Energie, die die erste Filmhälfte zu einem nahezu perfekten Feelgood-Movie machen – die wesentlich dramatischere, jedoch wenig originelle zweite Hälfte kann da trotz starker Schauspielleistungen nicht ganz mithalten.

Wertung: 8 Punkte (10 für die erste Hälfte, 7 für die zweite, wobei der letzte Eindruck des relativ enttäuschenden Endes schwerer wiegt)


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