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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 13. September 2018

MOLLY'S GAME – ALLES AUF EINE KARTE (2017)

Regie und Drehbuch: Aaron Sorkin, Musik: Daniel Pemberton
Darsteller: Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera, Chris O'Dowd, Jeremy Strong, Brian d'Arcy James, Bill Camp, Graham Greene, J.C. MacKenzie, Justin Kirk, Angela Gots, Joe Keery, Claire Rankin, Madison McKinley, Stephanie Herfield, Jon Bass, Samantha Isler, Piper Howell, Rachel Skarsten
 Molly's Game: Alles auf eine Karte (2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 82% (7,2); weltweites Einspielergebnis: $59,3 Mio.
FSK: 12, Dauer: 140 Minuten.

Molly Blooms (Jessica Chastain, "Zero Dark Thirty") Tag beginnt nicht wirklich gut: Das FBI steht mit einer schwerbewaffneten Einsatztruppe vor ihrer Wohnungstür und nimmt sie recht rabiat fest. Der Grund: Molly, einst beinahe eine olympische Skifahrerin, organisierte bis vor zwei Jahren zuerst in Los Angeles, dann in New York höchst erfolgreich illegale Pokerrunden mit sehr hohen Einsätzen. An und für sich halb so schlimm, doch da zu den Spielern nicht nur Hollywood- und Sport-Stars, Hedgefonds-Manager und andere steinreiche Prominente zählten, sondern auch diverse (russische wie auch italienische) Mafiosi, hat das FBI großes Interesse an Mollys Kooperation. Da deren ganzes Vermögen im Zuge ihrer Verhaftung konfisziert wurde und die Behörden starken zeitlichen Druck auf sie ausüben, ist es gar nicht so einfach, eine gute Rechtsvertretung zu finden. Doch dann landet sie bei Charlie Jaffey (Idris Elba, "Pacific Rim"). Der erfahrene Anwalt hat eigentlich wenig Interesse daran, einen Fall zu übernehmen, für den er womöglich niemals bezahlt wird und bei dem er die Klientin im Grunde genommen für schuldig hält – doch die Fürsprache seiner Teenager-Tochter (die Mollys zuvor erschienene Autobiographie gelesen hat) und Mollys ungewöhnlich prinzipientreues Verhalten mitsamt der Weigerung, für eine Strafminderung oder sogar Immunität ihre damaligen Kunden zu verraten, stimmen ihn schließlich um …

Kritik:
Biopics sind und bleiben ein beliebtes Sujet in Hollywood. Sie sind in der Regel relativ günstig zu produzieren, sowohl beim Multiplex- wie auch beim Arthouse-Publikum ziemlich beliebt und zudem ausgesprochen OSCAR-freundlich. Da es zahllose interessante Persönlichkeiten gibt, gehen zudem die realen Vorbilder nie aus. Besonders häufig werden die Lebensgeschichten von Künstlern ("Ray", "Walk the Line", "Frida", "Mr. Turner") und Sportlern ("Ali", "I, Tonya", "Wie ein wilder Stier", "Rush") nacherzählt, doch auch Politiker ("Die dunkelste Stunde", "Die eiserne Lady", "Nixon"), Wissenschaftler ("Paul Ehrlich – Ein Leben für die Forschung", "The Imitation Game", "A Beautiful Mind", "Die Entdeckung der Unendlichkeit"), Unternehmer ("The Social Network") oder normale Leute, die Außergewöhnliches leisten ("Sully") bieten genügend Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm. Etwas problematisch ist allerdings, daß die möglichen Herangehensweisen an Biopics limitiert sind: Man kann sie klassisch chronologisch erzählen, etwas kunstvoller in Rückblenden oder anekdotenhaft mit Konzentration auf ganz bestimmte Ausschnitte. Letzteres hat Drehbuch-Autor Aaron Sorkin sehr eindrucksvoll bei Danny Boyles "Steve Jobs" demonstriert, der das Leben des visionären Apple-Gründers anhand dreier über die Jahre verteilter Produktpräsentationen beleuchtete. Inwiefern das Ergebnis seinem realen Vorbild nahekam, darüber wird leidenschaftlich gestritten, künstlerisch ist "Steve Jobs" jedoch ein (leider von vielen untergeschätzter) Triumph. Generell hat der Schöpfer der kultigen Polit-TV-Serie "The West Wing" offensichtlich ein Faible für Biopics, denn an etwas anderem hat Aaron Sorkin im 21. Jahrhundert im Kinobereich noch nicht gearbeitet. Und er bewies, daß Biopics keineswegs immer monoton und bieder daherkommen müssen: In Mike Nichols' "Der Krieg des Charlie Wilson" erzählte er die haarsträubende Geschichte des titelgebenden amerikanischen 1980er Jahre-Politikers, in David Finchers "The Social Network" dekonstruierte er meisterhaft Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und in Bennett Millers "Moneyball" gelang ihm (mit seinem Co-Autor Steven Zaillian) sogar das Kunststück, einen Film über die praktische Anwendung von Sportstatistiken sehr unterhaltsam zu gestalten. So gesehen kein Wunder, daß er nach "Steve Jobs" mit einem weiteren von ihm verfaßten Biopic gar sein spätes Kino-Regiedebüt feiert. Und auch lediglich der im weitesten Sinne als Sportler-Biopic einzustufende "Molly's Game" ist ein Meisterwerk!

"Molly's Game" hat zwei große Stars zu bieten: Hauptdarstellerin Jessica Chastain und Aaron Sorkins Drehbuch. Beides kann Filmkenner nicht wirklich überraschen, trotzdem ist es höchst eindrucksvoll, wie Chastain und Sorkin zu absoluter Höchstform auflaufen. Jessica Chastain trägt diesen Film nicht nur, sie ist im Grunde genommen in jeder einzelnen Szene zu sehen oder zumindest (als Erzählerin in den Rückblenden auf Kindheit und Jugend) zu hören. Selbst für großartige und erfahrene Darsteller ist es keine leichte Aufgabe, in einem 140 Minuten-Film omnipräsent zu sein und die Performance dabei pausenlos so leidenschaftlich, authentisch und inspirierend zu halten, daß man den Zuschauern nicht doch irgendwann auf die Nerven geht. Jessica Chastain meistert diese Mission mit einer spielerischen Leichtigkeit, für die sie mit einer hochverdienten Golden Globe-Nominierung belohnt wurde (sie unterlag "Three Billboards …"-Star Frances McDormand). Bei den OSCARs wurde sie unverständlicherweise übergangen, dort erhielt Sorkins Skript die einzige Nominierung für "Molly's Game". Die echte Molly Bloom – auf deren Memoiren der Film basiert – ist zweifelsohne eine faszinierende Person: Als junge Frau fast eine Olympionikin, deren vielversprechende Karriere durch einen folgenreichen Sturz beendet wurde, dann über den Umweg eines Assistentinnen-Jobs zur Leiterin hochkarätiger illegaler Pokerrunden geworden und schließlich ins Visier der Staatsmacht geraten – um nur die spektakulärsten von vielen aufregenden Geschehnissen in Molly Blooms Leben zu nennen. Jessica Chastains Darstellung dieser ambivalenten Frau ist wie eine Naturgewalt: Ihre Molly, die quasi aus dem Nichts in eine Männerdomäne einbricht und damit großen Erfolg hat, ist stolz, selbstbewußt, intelligent, auffassungsschnell, professionell und zielstrebig – manchmal aber auch verletztlich, überfordert, gedemütigt und am Ende ihrer Nerven. Kurzum: Die Molly Bloom, die das vielschichtige Drehbuch von Aaron Sorkin schildert, ist eine Rolle, die jede gute Schauspielerin spielen möchte. Doch kaum eine könnte sie so perfekt meistern wie Jessica Chastain, die Sorkins erste Wahl sogar, sobald er mit dem Schreiben begann (und sogar eine gewisse optische Ähnlichkeit zur echten Molly aufweist).

Natürlich profitiert Jessica Chastain auch von Sorkins exzellentem Skript sowie einem starken Ensemble um sie herum, das zwar im Vergleich zu ihr klar die zweite bis dritte Geige spielt, dank Sorkins einfühlsamer Figurenzeichnung jedoch dazu beiträgt, Molly noch mehr Tiefe zu verleihen. Es ist wirklich bemerkenswert, wie jede noch so kleine Nebenfigur sich perfekt in das Gesamtbild einfügt, selbst wenn man sie zunächst für beinahe überflüssig hält. Das beginnt mit Mollys strengem Psychologen-Vater Larry, dessen Darsteller Kevin Costner ("Man of Steel") nicht wirklich viel zu tun bekommt – doch ähnlich wie bei Michelle Williams in "Manchester by the Sea" oder Dame Judi Dench in "Shapespeare in Love" genügt auch Costner eine lange Szene (in diesem Fall kurz vor Schluß), um nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Das gilt letztlich für fast alle Figuren, von denen jede ihren ganz speziellen Zweck erfüllt – so wie die Tochter von Mollys Anwalt Charlie, deren Beziehung zu ihrem strengen Vater Molly an ihre eigenen Erfahrungen erinnert. Auch die Pokerspieler, die ziemlich schnell wechseln, aber fast alle ihre eigene kleine Geschichte haben, sind so gut geschrieben und gespielt, daß niemals Verwechslungsgefahr aufkommt. Da gibt es den steinreichen, immer etwas traurig wirkenden Hedgefonds-Manager Brad (Brian d'Arcy James, "Spotlight"), der ein grottenschlechter Spieler ist, aber die Gesellschaft seiner Mitspieler schätzt; den richtig guten Spieler Harlan (Bill Camp, "Feinde – Hostiles"), der Probleme hat, rechtzeitig aufzuhören; den stets betrunkenen Douglas (Chris O'Dowd, "Die Insel der besonderen Kinder"), der in Molly verliebt ist; den von Molly nur "Spieler X" genannten Hollywood-Star (Michael Cera, "Das ist das Ende"), dessen Haupt-Vorbild der Ex-Spider-Man-Darsteller Tobey Maguire sein soll. Und dann ist da natürlich Idris Elba, der als Anwalt Charlie nur in den Gegenwartsszenen vertreten ist und als Stellvertreter des Publikums fungiert. So wie er hören wir uns Mollys unglaubliche und wendungsreiche Story an und sind zunächst skeptisch, was ihre angebliche Prinzipientreue und ihre Unwissenheit in Sachen Mafia-Beteiligung betrifft. So wie Charlie stellen wir nach und nach fest, daß hinter Molly – die während der Pokerrunden per Onlinestudium fast ein ganzes Astronomiestudium absolviert hat – viel mehr steckt als nur ein hübsches Gesicht und eine geschäftstüchtige Ader. Und wie Charlie sind wir irgendwann so beeindruckt von dieser offenherzig und ohne Rücksicht auf sich selbst von ihren Taten erzählenden Frau, daß auch wir sie mit einem leidenschaftlichen Plädoyer gegen die FBI-Anschuldigungen verteidigen wollen.

Selbstredend besteht die Möglichkeit, daß die echte Molly Bloom in Aaron Sorkins Film zu gut wegkommt – immerhin wird "Molly's Game" ausdrücklich aus ihrer Perspektive erzählt anhand ihres Buches, außerdem war sie in beratender Funktion beteiligt. Aber eigentlich ist das egal, denn erstens funktioniert die Geschichte, wie Sorkin sie erzählt, für sich genommen perfekt und zweitens wird Molly keinesfalls zur Heldin verklärt. Sie leugnet niemals ihre eigene Schuld, schildert offen ihre Fehler und ihren zwischenzeitlichen drogenbedingten Absturz. Diese Molly Bloom, deren Liebesleben im Film übrigens erfrischenderweise gar keine Rolle spielt, wirkt wie ein echter Mensch, dessen Entwicklung und Handlungen – so unwahrscheinlich sie auf den ersten Blick wirken mögen – wir dank Sorkins intelligentem Drehbuch jederzeit nachvollziehen können. Auch als Regisseur zeigt Sorkin sein Können, was besonders in den zahlreichen, rasant inszenierten Pokerszenen zum Tragen kommt. Die dauerhaft spannend, unterhaltsam und zugleich realistisch darzustellen, ist gar nicht so einfach – andere Filme (z.B. einige aus der James Bond-Reihe, allen voran "Casino Royale") lassen den Realismus gerne beiseite, um mit möglichst spektakulären Kartenkombinationen zu beeindrucken, die in Wirklichkeit höchst selten in entscheidenden Situationen auftauchen. Natürlich kommt etwas in dieser Art auch in "Molly's Game" vor, aber hier ist es tatsächlich etwas Besonderes und wird auch so behandelt. Doch die zahllosen "normalen" Hände fallen dagegen kaum ab, da Aaron Sorkin die Situationen dementsprechend konstruiert, daß es niemals auch nur ansatzweise langweilig wird – wozu Daniel Pembertons ("King Arthur: Legend of the Sword") schwungvolle Musik ihren Teil beiträgt. Keine Frage, "Molly's Game" ist kein Film für jeden. Es gibt so gut wie keine Actionszenen, dafür wird die ganze Zeit über geredet, geredet und geredet – das allerdings, wie von Sorkins Drehbüchern gewohnt, auf höchstem Niveau, das tiefsinnige und poetische Gedanken ebenso einschließt wie einleuchtende Lebensweisheiten und scharfzüngige, sehr witzige Oneliner über "sarkastisches Kartengeben" und einen Richter (Graham Greene, "Wind River"), der persönlich bezeugen kann, daß die Wall Street in Spuckweite zum Gerichtsgebäude liegt! "Molly's Game" ist also eher nichts für Zuschauer mit einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne und einem Hang zu krachender Action; dagegen ist er genau richtig für Anhänger großartiger Schauspielkunst, einer originellen Geschichte sowie messerscharfer Dialoge, die teilweise so schnell abgefeuert werden, daß man besser nicht gedanklich abschweifen sollte, wenn man alles mitbekommen will (wobei der Film dafür meiner Meinung nach sowieso zu gut ist). Aaron Sorkin, bitte mehr davon!

Fazit: "Molly's Game – Alles auf eine Karte" ist das faszinierende und fesselnde Portrait einer ungewöhnlichen, von Jessica Chastain meisterhaft verkörperten Frau und ihrer Achterbahnfahrt-Karriere in einer Männerdomäne.

Wertung: Gut 9 Punkte.


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