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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 26. Oktober 2017

JUNGLE (2017)

Regie: Greg McLean, Drehbuch: Justin Monjo, Musik: Johnny Klimek
Darsteller: Daniel Radcliffe, Alex Russell, Joel Jackson, Thomas Kretschmann, Lily Sullivan, Luis Jose Lopez, Jacek Koman
 Jungle
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 54% (5,7); weltweites Einspielergebnis: $1,7 Mio.
FSK: 12, Dauer: 115 Minuten.
Bolivien, 1981: Der junge Israeli Yossi Ghinsberg (Daniel Radcliffe, "Die Frau in Schwarz") hat sich zum Unwillen seines Vaters (Jacek Koman, "Australia") eine einjährige Auszeit gegönnt, um die Welt zu erkunden. In Bolivien freundet er sich mit zwei weiteren Rucksacktouristen an, dem aus der Schweiz stammenden Lehrer Marcus (Joel Jackson) und dem bereits seit Jahren durch die Welt reisenden US-Photographen Kevin (Alex Russell, "Chronicle", "Unbroken"). Als Yossi eines Tages von dem ortskundigen Österreicher Karl (Thomas Kretschmann, "Wanted") angesprochen wird, der eine Expedition in den "echten" Dschungel abseits der touristischen Routen plant, ist Yossi sofort Feuer und Flamme und überzeugt schließlich auch Marcus und Kevin, mitzukommen. Zu viert bricht man also auf, doch nach einigen Tagen hat Marcus mit wunden Füßen zu kämpfen, was die Gruppe stark verlangsamt – angesichts der in knapp zwei Wochen bevorstehenden Regenzeit durchaus ein Problem. Schließlich teilen sie sich in zwei Gruppen auf, doch Yossi und Kevin werden ebenfalls voneinander getrennt, sodaß Yossi sich schließlich mutterseelenallein im (menschen)lebensfeindlichen Dschungel findet und mit allen Mitteln ums Überleben kämpfen muß, bis er vielleicht gerettet wird oder selbst den Weg zurück in die Zivilisation findet …

Kritik:
Der australische Filmemacher Greg McLean hat sich einen Namen gemacht als Regisseur und teilweise auch Autor harter, häufig sehr zeigefreudiger Horrorfilme wie dem Backwoods-Slasher-Duo "Wolf Creek 1 + 2", dem Krokodil-Horror "Rogue" und der Splatterkomödie "Das Belko Experiment". Mit "Jungle" versucht McLean jedoch tatsächlich etwas Neues, wenngleich auch dieses auf einer wahren Story beruhende Survival-Drama sich durchaus einige Horrorelemente bewahrt. Im Vordergrund steht allerdings Yossis dramatischer und scheinbar aussichtsloser Überlebenskampf, der Daniel Radcliffe ein weiteres Mal die Gelegenheit gibt, in einer (auch körperlich) anspruchsvollen und ziemlich extremen Rolle zu glänzen wie zuvor unter anderem in dem Horrorfilm "Horns", der skurrilen Tragikomödie "Swiss Army Man" oder dem Neonazi-Thriller "Imperium". Die zweite Filmhälfte trägt Radcliffe fast alleine und er sorgt damit für die meisten Höhepunkte eines guten und spannenden, aber erzählerisch bedauerlicherweise recht unterentwickelten Abenteuerfilms.
Die Einführung der zentralen Figuren bringt McLean ziemlich schnell hinter sich: Yossi, Marcus und Kevin lernen sich kennen und sind fast sofort allerbeste Freunde. Dieses Tempo behält "Jungle" zunächst bei, denn nach dem Zusammentreffen mit Karl machen sie sich nach nur kurzem Zögern sofort auf die gefährliche Expedition – wo es mit den ersten Schwierigkeiten ebenso schnell zu größeren Zwistigkeiten kommt. Es ist unverkennbar, daß McLean an diesem relativ konventionellen Teil der Geschichte kein allzu großes Interesse zeigt. Die Charaktere erhalten kaum Tiefe, wir erfahren auch fast nichts über ihre Vergangenheit – abgesehen vom zentralen Protagonisten Yossi, der es in dieser Hinsicht etwas besser getroffen hat. So richtig glaubwürdig wirkt es jedenfalls nicht, wie schnell und intensiv sich zunächst die Freundschaft zwischen den Abenteurern entwickelt, dann aber auch die Animositäten. Da reicht es aus, daß Marcus die Gruppe wegen einer Fußblessur verlangsamt und schon herrscht speziell zwischen ihm und dem ehrgeizigen Kevin regelrecht Eiszeit. Natürlich ist es nachvollziehbar, daß ob der Strapazen einer tendentiell eher dilettantisch geplanten Dschungel-Expedition nicht alles eitel Sonnenschein ist, McLean und Drehbuch-Autor Justin Monjo (TV-Serie "Farscape") gelingt es aber nicht, die Dynamik innerhalb des Quartetts sich authentisch und harmonisch entwickeln zu lassen.
Für etwas Pfeffer im Beziehungsgeflecht sorgt derweil Karl, der aufgrund seines Alters und der Tatsache, daß er der Neue in der Gruppe ist (auch wenn die anderen sich nicht so viel länger kennen), einen gewissen Außenseiter-Status einnimmt. McLean zeigt Karl bewußt rätselhaft und hat ihn ideal besetzt mit dem deutschen Hollywood-Schauspieler Thomas Kretschmann, der Karl mit genau dem richtigen Maß leichter Zwielichtigkeit und übertriebenen Eifers in seinen naturschutz-aktivistischen Vorstellungen verkörpert, daß man ihm niemals völlig vertraut. Er ist gewissermaßen die Unbekannte in der Gleichung und während die anderen seiner Führung und seiner Ortskenntnis zunächst nahezu blind vertrauen (Marcus nennt ihn gar scherzhaft "Papa"), bekommt vor allem Kevin rasch Zweifel – die letztlich in der Zweiteilung der Gruppe resultieren. Erst ab diesem Zeitpunkt nimmt "Jungle" richtig Fahrt auf, was zunächst einmal wörtlich zu nehmen ist mit der mit Abstand stärksten Actionsequenz in "Jungle", einer atemberaubend intensiv und immersiv gefilmten Floßfahrt durch einen reißenden Canyon zur treibenden Musik von Tom Tykwers Stammkomponist Johnny Klimek ("Cloud Atlas"). Großen Respekt hat sich dafür Kameramann Stefan Duscio ("The Mule") verdient, der auch in den ruhigeren Momenten mit vielen atmosphärischen, ja sogar idyllischen Dschungelaufnahmen á la "Die versunkene Stadt Z" beeindruckt. In der Folge auf sich allein gestellt, zeigt Daniel Radcliffe – der in der Originalfassung übrigens mit einem (zumindest für mich als Laien) überzeugenden israelischen Akzent spricht – eine wahre Tour de Force, die auch einige Ekelszenen umfaßt. Da kommt eben Greg McLeans Horror-Vergangenheit zum Tragen, wenngleich es hier eine andere Art von Horror ist. Yossis Überlebenskampf weckt trotz seiner größeren Beweglichkeit Erinnerungen an Danny Boyles "127 Hours", zumal es auch bei Yossis Geschichte kurze Flashbacks in seine Vergangenheit gibt, welche die überwiegend sprachlose Monotonie seiner Leiden und Mühen aufbrechen. Zudem wird Yossi von Halluzinationen geplagt, die wiederum an Werner Herzogs Meisterwerk "Aguirre, der Zorn Gottes" gemahnen. Radcliffe zeigt in diesem langen dritten Akt von "Jungle" eine sehr starke, unerschrockene Leistung, die es dem Publikum leicht macht, mit ihm mitzufiebern und zu -leiden. Festzuhalten bleibt aber auch, daß genreaffine Zuschauer kaum etwas erleben, das es nicht schon ähnlich in früheren Survival-Filmen zu sehen gegeben hätte.
Ein paar künstlerische Freiheiten hat sich "Jungle" in seiner Geschichte übrigens genommen, weitgehend entspricht er aber dem, was tatsächlich geschah (soweit es bekannt ist). Einen echten Clou hat "Jungle" ganz zum Schluß zu bieten: Ich will natürlich nicht zu viel verraten, aber sehr wahrscheinlich ist dies der erste Film, auf den sich durch den abschließenden "Was wirklich geschah"-Infotext rückblickend eine gänzlich neue Perspektive eröffnet. Was man hier erfährt, ist eine wahrlich unerwartete, dramatische Wendung, die einen während des Abspanns mit einem dicken Kloß im Hals zurückläßt – und mit der Erkenntnis, daß McLean ab dem zweiten Akt auch eine ganz andere (dann aber spekulativere) Story hätte erzählen können, die eigentlich sogar besser zu seinem bisherigen Schaffenswerk gepaßt hätte. Ob es eine noch bessere Geschichte gewesen wäre, werden wir niemals erfahren, aber Yossis Überlebenskampf reicht auf jeden Fall aus für einen spannenden, intensiven Film, bei dem einem jedoch die handelnden Figuren ziemlich fremd bleiben.

Fazit: "Jungle" ist ein spannendes und eindrucksvoll gefilmtes Survival-Drama mit einem erneut stark aufspielenden Daniel Radcliffe, der die hauchdünne Figurenzeichnung und den Mangel an Neuem ziemlich gut kompensiert.

Wertung: Knapp 7 Punkte.


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