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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 2. August 2017

BABY DRIVER (2017)

Regie und Drehbuch: Edgar Wright, Musik: Steven Price
Darsteller: Ansel Elgort, Kevin Spacey, Lily James, Jamie Foxx, Jon Hamm, Eiza González, Jon Bernthal, CJ Jones, Flea, Lanny Joon, Paul Williams, Big Boi, Killer Mike, Walter Hil
 Baby Driver
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 93% (8,0); weltweites Einspielergebnis: $226,9 Mio.
FSK: 16, Dauer: 113 Minuten.

Baby (Ansel Elgort aus "Das Schicksal ist ein mieser Verräter") hat zwar nicht unbedingt einen furchterregenden Spitznamen, er ist aber trotz seines jugendlichen Aussehens bereits ein sehr erfahrener und extrem talentierter Fluchtwagenfahrer. Das allerdings nicht ganz freiwillig, denn seit einem Zusammenstoß als Teenager mit dem Gangsterboß Doc (Kevin Spacey, "Der große Crash") muß er bei diesem seine Schulden abarbeiten. Das hat er neun Jahre später beinahe geschafft, nur noch einen letzten Auftrag muß Baby erfüllen, ehe sie endlich quitt sind. Doch während Baby sich schon darauf freut, endlich frei zu sein, vielleicht sogar ein gemeinsames Leben mit der netten Kellnerin Debora (Lily James, "Cinderella") in Angriff zu nehmen, muß er bald lernen, daß Doc ihn doch nicht so einfach gehen läßt. Also erklärt er sich widerwillig zu einem weiteren riskanten Job bereit: Der gewalttätige Bats (Jamie Foxx, "Django Unchained"), der stets souveräne Buddy (Jon Hamm, "Sucker Punch") und seine schöne Frau Darling (Eiza González, TV-Serie "From Dusk till Dawn") sollen ein städtisches Postbüro überfallen und dort leere Zahlungsanweisungen stehlen, während Baby mit laufendem Motor in ihrem Fluchtwagen wartet …

Kritik:
Es gibt zwar jede Menge Filme, in denen Fluchtwagenfahrer eine Rolle spielen (weil es um Banküberfälle, Gefängnisausbrüche oder ähnliches geht), aber richtige Fluchtwagenfahrer-Filme sind doch ziemlich rar gesät. Bislang gab es zwei herausragende Vertreter: Walter Hills "Driver" aus dem Jahr 1978 und Nicolas Winding Refns "Drive" von 2011 – im weiteren Sinne könnte man noch die "Transporter"-Reihe mit Jason Statham nennen, aber wie der Titel schon sagt, ist deren Protagonist ja nicht in erster Linie als Fluchtwagenfahrer tätig. Der britische Filmemacher Edgar Wright ("Shaun of the Dead", "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt") macht aus dem rasanten Duo nun also ein furioses Trio, wobei sein "Baby Driver" ebenso gut als sich eng an die von den Vorgängern etablierten Regeln haltende Hommage funktioniert ("Driver"-Regisseur Walter Hill hat in der Originalfassung sogar ein akustisches Cameo kurz vor dem Schluß) wie als eigenständiger Film mit einem starken musikalischen Schwerpunkt.
 Die offensichtlichste Parallele zwischen "Driver", "Drive" und "Baby Driver" (abgesehen von den sehr ähnlichen Titeln) ist die Vermeidung echter Namen. In "Driver" kommen bei den größeren Rolle sogar überhaupt keine Namen vor, sondern nur "Tätigkeitsbeschreibungen": der Driver, der Bulle, die Spielerin, die Agentin; in "Drive" bleibt lediglich der Fahrer selbst namenlos; in "Baby Driver" verwenden die Kriminellen Decknamen, alle übrigen haben normale Namen – was einer finalen Enthüllung übrigens einen zusätzlichen Sinn gibt, der vielen Zuschauern wahrscheinlich gar nicht auffallen wird. Eine Gemeinsamkeit mit "Drive" ist außerdem die große Bedeutung der Musik, doch während in "Drive" Cliff Martinez' treibender elektronischer Score das Geschehen "nur" kongenial untermalt, werden die in "Baby Driver" verwendeten Songs zu einem Teil der Handlung. Da Baby nämlich seit einem Unfall in der Kindheit an einem Tinnitus leidet, läuft er stets mit Kopfhörern durch die Gegend und hört Musik – was ihn beinahe autistisch wirken läßt und seine vorübergehenden Partner (Doc läßt aus Prinzip niemals zwei Aufträge vom selben Quartett durchführen, nur sein Glücksbringer Baby ist immer dabei) teilweise ziemlich irritiert. Die Musik ist für Baby aber keineswegs nur Mittel zum Zweck, sie unterstreicht vielmehr seine Stimmung – er hat zahlreiche iPods mit ganz speziellen Songmischungen für unterschiedliche Tage und Gemütszustände – und gibt für seine Tätigkeit als Fluchtwagenfahrer buchstäblich den Takt vor. Das ist von Edgar Wright grandios umgesetzt, denn wenn sich Baby genau zum Takt (mitunter gar passend zum Text) der Songs, die er hört, bewegt, verleiht es dem gesamten Film einen permanenten Groove. 
Die "Guardians of the Galaxy"-Filme handhaben das in einzelnen Sequenzen ähnlich und auch Wright selbst hat sich in früheren Filmen schon daran versucht, "Baby Driver" geht aber noch konsequenter vor (wenn auch im weiteren Handlungsverlauf nicht hundertprozentig konsequent) – selbst die Kamera ist ständig in Bewegung und schwebt immer wieder in Kreisbewegungen um Baby herum, während selbst Schüsse zu einem erstaunlich harmonischen Teil der Musik werden. Deren Bandbreite umspannt übrigens mehr als ein halbes Dutzend Genres – zu den namhaftesten Interpreten zählen die Beach Boys, Simon & Garfunkel, Blur, Barry White, The Commodores, Dave Brubeck, T.Rex – und ist auch ohne die ganz großen Hits ausgesprochen gelungen, wobei der Auftaktsong "Bellbottoms" von The Jon Spencer Blues Explosion und der Showdown zu Queens "Brighton Rock" besonders gut eingebunden sind. Edgar Wrights Liebe zur Musik zeigt sich übrigens auch daran, daß einige Musiker in kleinen Rollen zu sehen sind, darunter Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea (als einer von Docs Leuten) und die Rapper BigBoi (OutKast) und Killer Mike (Run the Jewels). Mein persönlicher Markout-Moment war allerdings der Auftritt von Songwriter-Legende Paul Williams (OSCAR-Gewinner für die Musik zu "A Star Is Born", Komponist für David Bowie, die Carpenters und Daft Punk) – Cineasten bekannt für seine Bösewicht-Rolle als diabolischer Musikproduzent Swan in Brian De Palmas wunderbar durchgeknalltem Rockmusical "Phantom of the Paradise" –, der in "Baby Driver" einen auf den verheißungsvollen Namen "Der Metzger" hörenden exzentrischen Waffenhändler gibt!
Doch so wichtig die Musik für "Baby Driver" ist und so atemberaubend die – weitgehend ohne Computer-Unterstützung realisierten! – Verfolgungsjagden choreographiert sind, kann der von Wright auch geschriebene Filme doch noch in anderen Bereichen punkten. Das gilt vor allem für die für Genreverhältnisse erfreulich sorgfältige Figurenzeichnung, die passenderweise gerade dann in der zweiten Filmhälfte so richtig zum Tragen kommt, als die Aneinanderreihung der Verfolgungsjagden sich langsam abzunutzen droht. Zwar spielen Jamie Foxx und Kevin Spacey Rollen, die sie so ähnlich schon oft verkörpert haben – der Psycho respektive der strategisch denkende Anführer –, sie machen das aber gewohnt routiniert, wobei vor allem Spacey den nie gänzlich durchschaubaren Doc sehr nuanciert darstellt. Highlight ist jedoch Jon Hamm, der den zumindest auf den ersten Blick sympathischsten von Babys Mitstreitern spielt (mit ebenfalls gutem Musikgeschmack), deshalb aber noch lange nicht harmlos ist – die Ambivalenz der zu Baby ein freundschaftliches Verhältnis entwickelnden, zwischen Jovialität und Bedrohlichkeit changierenden Figur bringt der frühere "Mad Men"-Star bewundernswert charismatisch auf die Leinwand. Protagonist Baby selbst wirkt im Vergleich dazu vergleichsweise blaß, was natürlich auch seiner Schweigsamkeit geschuldet ist – ohne viele Worte ist es nunmal nicht so einfach, für den Zuschauer Charaktertiefe zu entwickeln (die Sonnenbrille, die er meist trägt, läßt ihn auch nicht nahbarer erscheinen). Doch Darsteller Ansel Elgort meistert die nicht unkomplizierte Aufgabe, vor die ihn das Drehbuch stellt, durch eine gekonnte, niemals übertriebene Mimik und Gestik. Denn so cool sich Baby vor den Kriminellen gibt, so mitfühlend kommt er im Umgang mit seinem taubstummen Ziehvater (CJ Jones) rüber oder bei seinen zunächst schüchternen Annäherungsversuchen an Debora. Leider bleibt die – so sympathisch sie von Lily James auch verkörpert wird – den gesamten Film über arg passiv, das Drehbuch gesteht ihr kaum eigene Aktionen zu, nur Reaktionen. So wirkt es auch nicht vollkommen überzeugend, wie schnell sie es akzeptiert, wenn Baby sie "berufsbedingt" versetzt und sie dann sogar die ganze Wahrheit erfährt. Man mag das mit "Wahre Liebe überwindet eben alle Schranken" abtun, aber man muß wahrlich kein Zyniker sein, um Debora eine etwas selbstbestimmtere Rolle in diesem Film zu wünschen.
Das sind dann aber auch schon die einzigen nennenswerten Kritikpunkte, die ich vorbringen kann: Deboras passive Rolle und die mangelnde Abwechslung. Es sind jedoch beides lediglich kleine Kritikpunkte, die gegenüber den vielen Stärken nicht zu schwer ins Gewicht fallen. Dafür ist Wrights offensichtliches Herzensprojekt viel zu energetisch, viel zu leidenschaftlich, viel zu humorvoll – mein Lieblingsgag hat mit den drei Michael Myers-Masken zu tun, die für einen der Raubüberfälle besorgt werden –, einfach viel zu unterhaltsam. Manchem mag der bleihaltige und nicht immer gänzlich glaubwürdig konstruierte Showdown etwas zu viel des Guten sein, aber gerade als Hommage an die exploitativen Genrefilme der 1970er und 1980er Jahre finde ich das (ähnlich wie bei dem im letzten Drittel jedoch noch deutlich stärker am Rad drehenden "The Guest") vollkommen in Ordnung. Zumal sich die vom preisgekrönten Choreographen Ryan Heffington nicht zimperlich in Szene gesetzten Shootouts in ihrer brutalen und durchgestylten Eleganz durchaus mit selbst den größten Vorbildern á la Michael Manns "Heat" messen lassen können! In der generellen Stimmung liegt übrigens auch das größte Unterscheidungsmerkmal zu "Drive": Zwar sind beide musiklastig und gewalthaltig (der erst ab 18 Jahren freigegebene "Drive" noch deutlich stärker); aber während bei Winding Refns eher schwermütigem Film der Arthouse-Anspruch dominiert, kommt "Baby Driver" ganz erheblich zugänglicher, leichtfüßiger und optimistischer daher – ohne sich komplett dem Mainstream anzubiedern –, eben gerade weil die Musik so harmonisch und selbstverständlich in die Handlung integriert ist.

Fazit: "Baby Driver" ist ein grandioses, sehr einfallsreiches Stück Unterhaltungskino, das mit einer herausragenden Verbindung von Musik, Humor und stylisher Action ebenso begeistert wie mit seiner erstklassigen Besetzung, dem es jedoch auf Dauer ein klein wenig an Abwechslung (und aktiveren Frauenrollen) fehlt.

Wertung: 9 Punkte.


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