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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 30. August 2017

ATOMIC BLONDE (2017)

Regie: David Leitch, Drehbuch: Kurt Johnstad, Musik: Tyler Bates
Darsteller: Charlize Theron, James McAvoy, John Goodman, Toby Jones, Sofia Boutella, Eddie Marsan, Roland Møller, James Faulkner, Bill Skarsgård, Til Schweiger, Jóhannes Jóhannesson, Barbara Sukowa, Sam Hargrave, Daniel Bernhardt
 Atomic Blonde
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 77% (6,5); weltweites Einspielergebnis: $95,8 Mio.
FSK: 16, Dauer: 115 Minuten.

Berlin, 1989, wenige Tage nach dem Fall der Mauer: Die britische Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron, "Prometheus") muß ihrem direkten Vorgesetzten Eric Gray (Toby Jones, "My Week with Marilyn"), dem MI6-Chef C (James Faulkner, "Underworld: Blood Wars") und auch dem hochrangigen CIA-Agenten Emmett Kurzfeld (John Goodman, "Flight") Bericht erstatten über die turbulenten Ereignisse der letzten zehn Tage. Alles begann mit dem gewaltsamen Tod des britischen Geheimagenten James Gascoigne (Sam Hargrave), der von dem zum Überlaufen bereiten Stasi-Offizier "Spyglass" (Eddie Marsan, TV-Serie "Ray Donovan") eine hochbrisante Liste mit den Namen aller aktiven Spione in der Sowjetunion erhielt. Ermordet wurde Gascoigne vom russischen Agenten Yuri Bakhtin (Jóhannes Jóhannesson, "Reykjavík-Rotterdam: Tödliche Lieferung"), der allerdings dem Reiz des Kapitalismus erliegt und die Liste nicht etwa seinem Vorgesetzten Aleksander Bremovych (Roland Møller, "Unter dem Sand") übergibt, sondern sie an den Meistbietenden verkaufen will. Gemeinsam mit ihrem ortskundigen, jedoch etwas außer Kontrolle seiner Vorgesetzten geratenen Kollegen David Percival (James McAvoy, "Wanted") soll Lorraine die Liste unbedingt wiederbeschaffen. Mit im Spiel sind allerdings auch noch die unerfahrene französische Agentin Delphine Lasalle (Sofia Boutella, "Star Trek Beyond") und ein geheimnisvoller Doppelagent namens Satchel, dessen Identität niemand kennt …

Kritik:
Offenbar ist Charlize Theron auf den Geschmack gekommen: Nach ihrer denkwürdigen Badass-Performance in "Mad Max: Fury Road", in dem sie Titeldarsteller Tom Hardy (der wohlgemerkt keineswegs schlecht spielte) aber sowas von die Schau stahl, zeigt sich das südafrikanische Ex-Model, das sich zu einer der besten Schauspielerinnen Hollywoods entwickelt hat, erneut als kampfstarke, kompromißlose Actionheldin. "Atomic Blonde" – eine Adaption der Graphic Novel "The Coldest City" von Antony Johnston – war seit Jahren ein Wunschprojekt für sie, weshalb sie nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern ebenso als Koproduzentin fungiert. Theron war es auch, die einen der beiden Regisseure des stylishen Rachethrillers "John Wick" mit Keanu Reeves für "Atomic Blonde" begeistern konnte, nämlich David Leitch. Dementsprechend ist es wenig verwunderlich, daß "Atomic Blonde" ein bißchen wie eine weibliche Version von "John Wick" wirkt, wenn es auch im Detail doch einige Unterschiede gibt. Eine Gemeinsamkeit ist, daß beide Filme viel Spaß machen und von einem charismatischen Protagonisten getragen werden – "Atomic Blonde" zeigt sich jedoch inhaltlich ambitionierter, was bedauerlicherweise ob einer nicht fehlerfreien Umsetzung dazu führt, daß er bei aller Unterhaltsamkeit insgesamt etwas schwächer ausfällt.

"John Wick" zeichnete sich unter anderem durch seine Geradlinigkeit aus, dadurch, daß man gar nicht erst versuchte, eine komplexe Story zu erzählen. Die Prämisse war klar: Legendärer Ex-Auftragskiller geht auf blutigen Rachefeldzug. Mehr Handlung war nicht nötig, damit der Film wunderbar funktionierte (wenngleich ein paar interessante Hintergrund-Infos am Rande natürlich nicht schadeten). "Atomic Blonde" geht es fast gegenteilig an, indem der in seiner bisherigen Arbeit nicht unbedingt durch übermäßige Subtilität aufgefallene Drehbuch-Autor Kurt Johnstad ("300", "300 Rise of an Empire", "Act of Valor") ein sehr kompliziertes Geflecht aus Spionen etabliert, dessen sehr offensichtliches Vorbild John le Carré ist, der Autor der Romanvorlagen zu "Der Spion, der aus der Kälte kam", "Dame, König, As, Spion" oder auch "A Most Wanted Man". "Atomic Blonde" ist gewissermaßen le Carré auf Speed, allerdings mit einer erheblichen Einschränkung: Wo le Carrés brillant konstruierte, nur eher sporadisch auf Action setzende Geschichten geradezu bersten vor echter Komplexität und teils richtiggehend philosophischem Tiefgang, gaukelt "Atomic Blonde" mit seinem ähnlich großen Ensemble erkennbar von le Carré inspirierter Figuren dies größtenteils nur vor. Wie beim großen Vorbild wird die in der Endphase des Kalten Krieges spielende Spionagegeschichte als ein perfides (anders als bei le Carré aber bereits auf der körperlichen Ebene sehr brutales) Schachspiel voller Täuschungen, Intrigen und raffinierter Manöver dargestellt, jedoch geht die Handlung hier nie wirklich in die Tiefe und die hohe Anzahl an "Spielern" soll eigentlich nur verbergen, daß es sich bei der begehrten Liste um einen reinen MacGuffin handelt.

Das ist per se ja gar nicht schlecht und man kann sicherlich nicht leugnen, daß die ständigen Wendungen und Enthüllungen (inklusive eines amourösen Abstechers von Lorraine) ziemlich großen Unterhaltungswert besitzen und zum Mitraten anregen, wer denn nun eigentlich der wahre Bösewicht ist. Denn in Frage kommt dafür jeder, Lorraine keinesfalls ausgenommen! Nur kommt "Atomic Blonde" dabei etwas zu selbstverliebt daher, während die meisten Figuren letztlich Stereotype ohne Tiefgang bleiben. Das sorgt dafür, daß das Interesse des Publikums an ihnen begrenzt bleibt, was wiederum der Grund dafür ist, daß "Atomic Blonde" im Mittelteil einige Längen offenbart. Fast zwei Stunden sind zu viel für eine erzählerisch so limitierte Story; nicht umsonst beschränkte sich "John Wick" auf knackige gut eineinhalb Stunden (wenngleich dessen Fortsetzung darauf gut 20 Minuten aufschlug). Die Stärken von "Atomic Blonde" liegen eben nicht primär in der Handlung oder in den Nebenfiguren. Nein, Leitchs Film lebt von drei gut bis sehr gut eingesetzten Elementen: Charlize Theron, der fast pausenlosen Action und dem 1980er Jahre-Soundtrack. Theron beweist wieder einmal, daß sie einen Film tragen kann mit ihrer Ausstrahlung, ihrer – wenngleich hier aufgrund ihrer Rolle eher reduzierten – Mimik, ihren Kampfsportfähigkeiten und natürlich auch ihrer Schönheit. Zwar begeistert sie nicht ganz so sehr wie in "Mad Max" (der einfach der noch deutlich bessere Film ist), doch Lorraine beim Manövrieren durch das spionagetechnische Minenfeld Berlin zuzusehen, ist eine wahre Freude und ich kann mir durchaus vorstellen, daß sie sich zum weiblichen Pendant von Liam Neeson als nicht mehr ganz junge Actionheldin entwickelt – falls sie das will. Von den übrigen Akteuren überzeugt am meisten James McAvoy; der Schotte war schon immer besonders gut, wenn er so richtig die Sau rauslassen konnte, wie etwa in "Filth" oder "Split". Hier ist das nicht ganz der Fall, aber sein Agent Percival ist exzentrisch, undurchschaubar und zwielichtig genug, daß sich McAvoy austoben kann und seine Spielfreude dabei klar erkennbar ist. John Goodman und Toby Jones sind dagegen in weitestgehend passiven Rollen eigentlich verschenkt, andererseits verleihen sie der Rahmenhandlung rund um Lorraines Befragung allein durch ihre Präsenz eine größere Bedeutung. Da "Atomic Blonde" in Berlin spielt und teilweise auch dort gedreht wurde (zweiter Drehort war Budapest), sind in kleinen Rollen auch zwei deutsche Darsteller vertreten: Til Schweiger ("Die drei Musketiere") spielt einen Uhrmacher, der als eine Art Mittelsmann der diversen Spione zu fungieren scheint, Barbara Sukowa ("Rosa Luxemburg", "Hannah Arendt", TV-Serie "12 Monkeys") hat eine Szene als Gerichtsmedizinerin.

Die Actionpassagen sind in "Atomic Blonde" selbstredend überreichlich vertreten und dabei nahkampflastiger als im eher auf Shootouts setzenden "John Wick", meines Erachtens jedoch nicht ganz so spektakulär choreographiert. Der lange, vorgezogene Showdown bei Spyglass' Transport nach West-Berlin ist allerdings definitiv sehr sehenswert, weil temporeich inszeniert und mit der Einbindung von Nahkämpfen, Schießereien und einer aufregenden, ohne Einsatz von CGI-Effekten schön altmodisch in Szene gesetzten Autoverfolgungsjagd auch erfreulich mannigfaltig. Daran, daß Berlin Schauplatz der Geschichte ist, wird man übrigens durch die Einbindung diverser Sehenswürdigkeiten immer wieder erinnert – wirklich wichtig ist die Stadt allerdings nicht, das haben andere Filme besser hinbekommen, in denen der Schauplatz quasi zu einem weiteren Akteur wurde. Passend untermalt wird die Szenerie dafür stets von einem hörenswerten 1980er Jahre-Soundtrack, der sowohl zeitgenössische Songs – von David Bowie, New Order, Depeche Mode, George Michael oder The Clash – umfaßt als auch moderne, aber im damaligen Stil gehaltene Coverversionen. Lieder von deutschsprachigen Künstlern kommen auch einige vor; zwar ist die Auswahl nicht gerade originell (Nena, Falco, Peter Schilling), aber wenn Lorraine zur Musik von Schillings "Major Tom" in Berlin ankommt und gleich in die erste große Actionsequenz verwickelt wird, dann hat das definitiv Stil! Gleiches gilt für einen späteren Kampf, der auf einer Kinobühne stattfindet, während im Hintergrund Andrei Tarkovskis Sowjet-Kultfilm "Stalker" läuft. Ach, und wo wir schon bei popkulturellen Referenzen sind: In einer Bar voller Spione, was spielt da wohl im Hintergrund der Pianist? Richtig, "As Time Goes By" aus "Casablanca" …

Eine Fortsetzung ist bereits im Gespräch, da "Atomic Blonde" zwar in kommerzieller Hinsicht kein Riesenhit ist, aber auf jeden Fall ein Erfolg – und im Heimkino sollte sich der Film sowieso sehr gut verkaufen. Charlize Theron und David Leitch haben jedenfalls bereits großes Interesse daran bekundet, zurückzukehren – und ich freue mich darauf, dann aber hoffentlich mit einem Drehbuch, das sich stärker auf die offensichtlichen Stärken dieses Szenarios konzentriert und nicht mehr sein will als es ist.

Fazit: "Atomic Blonde" ist ein temporeicher Actionthriller, dessen Handlung zwar bei weitem nicht so komplex ist wie sie gerne sein möchte, der aber mit stark choreographierten Kämpfen und einer tollen Hauptdarstellerin Genrefans gut unterhält.

Wertung: 7 Punkte.

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