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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 22. Februar 2017

OSCAR-Vorschau 2017 – Die Hauptkategorien

Wie jedes Jahr wage ich auch 2017 wenige Tage vor der OSCAR-Verleihung, die in der Nacht von Sonntag auf Montag in Los Angeles stattfinden wird (und in Deutschland wieder live von Pro 7 übertragen wird), eine ausführliche OSCAR-Vorschau samt Analyse und Prognose sämtlicher Kategorien. Als Basis für meine Einschätzung der Favoritenlage dienen dabei vor allem die bisherigen Preisverleihungen seit Ende November 2016 und amerikanische OSCAR-Blogs wie Gurus o´ Gold, Goldderby.com und Indiewire. 2016 habe ich (wegen der Kurzfilm-Kategorien, in denen ich kollektiv falsch lag) ordentliche 16 von 24 Kategorien korrekt getippt, in den Jahren davor 15 und 18; ich tippe also nicht einfach nur so ins Blaue ...

Bester Film:
- Fences
- Hacksaw Ridge
- Lion
- Moonlight

Davon habe ich gesehen und kann daher selbst beurteilen: Alle außer "Lion" (startet erst am Donnerstag), "Hacksaw Ridge" (verpaßt, da hierzulande gefloppt und schnell wieder aus den Kinos) und "Moonlight" (startet Anfang März). Die Kritik zu "Fences" werde ich wahrscheinlich erst nächste Woche posten können.
Favoriten: "La La Land" klar vor "Moonlight". Damien Chazelles Musical hat eine Rekordzahl an Nominierungen erreicht (14) und die meisten der wichtigen Preisverleihungen in der Awards Season für sich entschieden. Es gibt aber zwei kleine Fragezeichen: Erstens trat "Moonlight" bei den Golden Globes in der Drama-Sparte an, die es ebenso gewann wie "La La Land" die Musical/Komödie-Sparte; es gab also kein wegweisendes direktes Aufeinandertreffen. Zweitens gab es von der Schauspielergilde (von deren Mitgliedern viele ebenfalls in der Academy sitzen) nicht einmal eine Nominierung als "Bestes Ensemble", deren "Bester Film"-Äquivalent; da sich in "La La Land" fast alles auf die beiden Protagonisten konzentriert, ist das aber wohl nicht allzu aussagekräftig. Was allerdings dem Coming of Age-Drama und Kritikerliebling "Moonlight" zu Gute kommen könnte, ist die momentane politische Atmosphäre in der Ära Trump - es wäre etlichen Academy-Mitgliedern durchaus zuzutrauen, daß sie schon alleine deshalb einen Film über einen homosexuellen Afroamerikaner zum Gewinner küren, um Donald Trump (der in der Vergangenheit sehr ausgiebig über OSCAR-Verleihungen getwittert hat) zu ärgern ... Geringe Außenseiterchancen haben zudem das Mathematikerinnen-Biopic "Hidden Figures" - befördert speziell durch den unerwarteten Ensemble-Sieg gegen "Moonlight" bei der Schauspielergilde - und das Drama "Manchester by the Sea", das lange sogar als ein ernsthafter Anwärter galt, im Laufe der Awards Season aber deutlich schwächer abschnitt als vermutet. Letztlich sollte es sich aber zwischen "La La Land" und "Moonlight" entscheiden.

Gewinnen sollte: "Manchester by the Sea" oder "La La Land".
Gewinnen wird: "La La Land".

Regie:
- Damien Chazelle, "La La Land"
- Mel Gibson, "Hacksaw Ridge"
- Barry Jenkins, "Moonlight"
- Kenneth Lonergan, "Manchester by the Sea"
- Denis Villeneuve, "Arrival"

Gesehen: Alle außer "Hacksaw Ridge" und "Moonlight".
Favoriten: Damien Chazelle vor Barry Jenkins und Kenneth Lonergan. Chazelle hat mit seinem meisterhaft in Szene gesetzten Musical sehr gute Chancen, als jüngster "Bester Regisseur" in die OSCAR-Geschichte einzugehen: Mit 32 würde er den bisherigen Rekordhalter Norman Taurog ("Skippy", 1931) um etwa ein halbes Jahr unterbieten. Andererseits würde Barry Jenkins erster afroamerikanischer Gewinner dieser Kategorie, was für die Academy gerade angesichts der letztjährigen "OSCARs So White"-Debatte durchaus ein Anreiz sein könnte. Und sollte "Manchester by the Sea" bei den Academy Awards besser abschneiden als erwartet, könnte gar der weithin respektierte Independent-Veteran Lonergan überraschen. Gibson und Villeneuve sollten dagegen chancenlos sein.

Gewinnen sollte: Damien Chazelle.
Gewinnen wird: Damien Chazelle für "La La Land".

Hauptdarsteller:
- Casey Affleck, "Manchester by the Sea"
- Andrew Garfield, "Hacksaw Ridge"
- Ryan Gosling, "La La Land"
- Viggo Mortensen, "Captain Fantastic"
- Denzel Washington, "Fences"

Gesehen: Alle außer Garfield und Mortensen.
Favoriten: Casey Affleck und Denzel Washington. Eigentlich galt es seit Monaten als sicher, daß Affleck gewinnen würde - er konnte so ziemlich jeden relevanten Darstellerpreis für sich entscheiden, außerdem ist er sowieso überfällig. Dann gewann Washington beinahe wie aus dem Nichts die Auszeichnung der Schauspielergewerkschaft (den SAG Award) - und da seit 2004 jeder SAG-Gewinner in dieser Kategorie dann auch den entsprechenden OSCAR gewann, ist das Rennen nun nicht nur vollkommen offen, Washington ist plötzlich sogar leichter Favorit! Minimale Außenseiterchancen haben Mortensen und Gosling (falls "La La Land" im großen Stil abräumt), nur Garfield braucht sicher keine Siegerrede vorzubereiten.

Gewinnen sollte: Casey Affleck (seine subtile Darstellung ist schauspielerisch anspruchsvoller als Washingtons eher polternde Rolle).
Gewinnen wird: Casey Affleck für "Manchester by the Sea".

Hauptdarstellerin:
- Isabelle Huppert, "Elle"
- Ruth Negga, "Loving"
- Natalie Portman, "Jackie"
- Emma Stone, "La La Land"
- Meryl Streep, "Florence Foster Jenkins"

Gesehen: Alle außer Huppert und Negga.
Favoriten: Emma Stone vor Isabelle Huppert und Natalie Portman. Eine sehr stark besetzte Kategorie, in der mit Amy Adams ("Arrival" und "Nocturnal Animals") sogar noch mindestens eine weitere absolut preiswürdige Darstellerin fehlt. Portman galt zu Beginn der Awards Season für ihre einfühlsame Interpretation der Jackie Kennedy als Favoritin, schnitt in der Folge aber schlechter ab als erwartet. Dafür konnte Huppert für ihre Rolle als starke und selbstbestimmte Frau, die trotz einer Vergewaltigung definitiv kein Opfer sein will, etliche Preise abstauben und sich so überraschend zur größten Konkurrenz der neuen Favoritin Emma Stone aufschwingen. Die bleibt aber nach Siegen bei Golden Globes und SAG Awards die Frau, die es zu schlagen gilt.

Gewinnen sollte: Natalie Portman.
Gewinnen wird: Emma Stone für "La La Land".

Nebendarsteller:
- Mahershala Ali, "Moonlight"
- Jeff Bridges, "Hell or High Water"
- Dev Patel, "Lion"
- Lucas Hedges, "Manchester by the Sea"
- Michael Shannon, "Nocturnal Animals"

Gesehen: Alle außer Ali und Patel.
Favoriten: Mahershala Ali klar vor Jeff Bridges und Dev Patel. Ali ist hoch favorisiert und hat die meisten Preisverleihungen der Saison für sich entschieden. Nur Bridges (der sich bei einigen Kritikerpreisen durchsetzen konnte), und Patel, der zuletzt bei den britischen BAFTAs gewann (aber selbst Brite ist und deshalb wohl einen gewissen Vorteil hatte), könnten ihm vielleicht gefährlich werden. Das ist aber unwahrscheinlich.

Gewinnen sollte: Die drei, die ich gesehen habe, befinden sich auf einem Niveau, Ali und Patel sind vermutlich nicht schlechter. Daher erlaube ich mir ausnahmsweise kein Urteil.
Gewinnen wird: Mahershala Ali für "Moonlight". 

Nebendarstellerin:
- Viola Davis, "Fences"
- Naomie Harris, "Moonlight"
- Nicole Kidman, "Lion"
- Octavia Spencer, "Hidden Figures"
- Michelle Williams, "Manchester by the Sea"

Gesehen: Alle außer Harris und Kidman.
Favoriten: Viola Davis klar vor Naomie Harris und Michelle Williams. Ähnliche Situation wie bei den Nebendarstellern: Davis, die in "Fences" für mich sogar Denzel Washington übertrifft, hat die meisten Auszeichnungen in der bisherigen Awards Season gewonnen, ihre Konkurrentinnen konnten nie durch eine längere Erfolgssträhne bei den großen Preisen auf sich aufmerksam machen. Williams' Rolle ist zudem wohl zu klein, sie hat eigentlich nur eine bedeutende Szene in "Manchester by the Sea" (die ist dafür aber grandios gespielt!).

Gewinnen sollte: Viola Davis.
Gewinnen wird: Viola Davis für "Fences".

Nicht-englischsprachiger Film:
- "Unter dem Sand", Dänemark (deutsche Koproduktion)
- "Ein Mann namens Ove", Schweden
- "The Salesman (Forushande)", Iran
- "Tanna - Eine verbotene Liebe", Australien
- "Toni Erdmann", Deutschland 

Gesehen: "Unter dem Sand" und "Toni Erdmann".
Favoriten: "Toni Erdmann" und "The Salesman". Der deutsche Beitrag "Toni Erdmann" ist ein riesiger Kritikerliebling, mußte sich in der Awards Season allerdings doch überraschend häufig geschlagen geben. Zwar sind einige der Mitfavoriten hier gar nicht dabei ("Elle" scheiterte in der Vorauswahl, "Die Taschendiebin" wurde von Südkorea nicht eingereicht), mit "The Salesman" ist ein ganz großer Konkurrent aber übriggeblieben. Durch Trumps "travel ban", der auch den Iran und damit Regisseur Asghar Farhadi betroffen hätte (der deshalb demonstrativ auf seinen Besuch verzichtet), dürften sich die Chancen von "The Salesman" weiter verbessert haben, einzelne Academy-Mitglieder haben sogar (unfairerweise) ausdrücklich zu Anti-Trump-Stimmen für "The Salesman" aufgerufen. Unabhängig davon glaube ich, daß es "Toni Erdmann" sowieso ähnlich ergangen wäre wie in Cannes, wo auf einen neuen Rekord in der Kritikerbewertung die totale Ignoranz durch die Wettbewerbs-Jury folgte ... Erster Anwärter auf eine Überraschung wäre derweil "Ein Mann namens Ove", der mit seinem schrulligen Charme auch in den USA viele Anhänger gefunden hat.

Gewinnen sollte: Von den beiden Filmen, die ich gesehen habe: Ganz klar "Toni Erdmann".
Gewinnen wird: "The Salesman (Forushande)" aus dem Iran.

Animationsfilm:
- Vaiana
- Mein Leben als Zucchini
- Die rote Schildkröte

Gesehen: "Kubo" und "Zoomania".
Favoriten: "Zoomania" vor "Kubo". Disneys wunderbarer "Zoomania" ist hoher Favorit und hat die meisten bisherigen Preise gewonnen. Allerdings hat das Stop Motion-Wunderwerk "Kubo" für viel Aufsehen gesorgt, konnte ebenfalls einige Auszeichnungen für sich entscheiden und hat anders als "Zoomania" sogar noch eine zweite OSCAR-Nominierung (für die visuellen Effekte) vorzuweisen. Eine Überraschung ist deshalb nicht ausgeschlossen, aber letztlich sollte sich "Zoomania" auch dank seines engagierten Einsatzes für Toleranz und friedliches Miteinander durchsetzen. Und zwar verdient (er ist immerhin mein Lieblingsfilm des Jahres 2016).

Gewinnen sollte: "Zoomania".
Gewinnen wird: "Zoomania".

Dokumentarfilm:
- I Am Not Your Negro
- Life, Animated
- O.J.: Made in America
- Seefeuer
- 13th

Gesehen: Keinen.
Favoriten: "O.J." vor "13th" und "I Am Not Your Negro". Gesellschaftskritik dominiert und natürlich kann auch und vielleicht sogar gerade hier die Anti-Trump-Stimmung in Hollywood eine große Rolle spielen. Das würde beispielsweise für den italienischen "Seefeuer" sprechen (Berlinale-Gewinner 2016), der sich mit der Flüchtlingsthematik befaßt. Noch besser sind aber die Rassismus-Dokus "13th" (von "Selma"-Regisseurin Ava DuVernay) und "I Am Not Your Negro" im Rennen. Letztlich dürften aber alle keine Chance haben gegen die Doku über O.J. Simpson, die von den Kritikern fast ausnahmslos als bahnbrechend eingestuft wird und mit ihrer Laufzeit von siebeneinhalb Stunden (!) einen vermutlich lange haltenden neuen Rekord für den längsten OSCAR-Gewinner aller Zeiten aufstellen dürfte (und die immerhin siebenstündige russische "Krieg und Frieden"-Adaption ablösen würde, die 1969 den Academy Award für den besten nicht-englischsprachigen Film gewann).

Gewinnen wird: "O.J.: Made in America".

Originaldrehbuch:
- Taylor Sheridan, "Hell or High Water"
- Damien Chazelle, "La La Land"
- Kenneth Lonergan, "Manchester by the Sea"
- Yorgos Lanthimos und Efthymis Filippou, "The Lobster"
- Mike Mills, "20th Century Women"

Gesehen: Alle außer "The Lobster" und "20th Century Women".
Favoriten: "Manchester by the Sea" und "La La Land". Diese Kategorie kann man gut als Wegweister während der OSCAR-Verleihung betrachten, in der beide Drehbuch-Preise meist relativ früh verliehen werden. Sollte "La La Land" gewinnen, dann dürfte ihm auch der "Bester Film"-OSCAR nicht zu nehmen sein. Gewinnt dagegen "Manchester by the Sea", woran die Mehrzahl der Experten glaubt, dann kann "Moonlight" (bei einem gleichzeitigen Gewinn bei den adaptierten Drehbüchern) sich größere Hoffnungen machen. Eine kleine Außenseiterchance in dieser Kategorie (die für Überraschungen historisch gesehen durchaus anfällig ist) hat "The Lobster" als mit Abstand originellstes Drehbuch des Quintetts.

Gewinnen sollte: "Manchester by the Sea".
Gewinnen wird: Damien Chazelle für "La La Land" (der Tip unter den Hauptkategorien, bei dem ich mir am unsichersten bin).

Adaptiertes Drehbuch:
- Eric Heisserer und Ted Chiang, "Arrival"
- August Wilson, "Fences"
- Allison Schroeder, Theodore Melfi und Margot Lee Shetterly, "Hidden Figures"
- Luke Davies, "Lion"
- Barry Jenkins, "Moonlight"

Gesehen: Alle außer "Lion".
Favorit: "Moonlight". Eigentlich dürfte kein Weg an dem Coming of Age-Drama vorbeiführen, auch wenn es in den Drehbuch-Kategorien gerne unerwartete Sieger gibt. Die besten Chancen darauf dürfte "Arrival" haben, das erst vor wenigen Tagen den Preis der Autorengilde gewann - dort wurde "Moonlight" aber als Originaldrehbuch geführt ...

Gewinnen sollte: "Arrival".
Gewinnen wird: Barry Jenkins für "Moonlight".

Damit sind wir mit den Hauptkategorien durch, Teil 2 meiner großen OSCAR-Vorschau mit den (überwiegend technischen) Nebenkategorien folgt spätestens morgen.

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