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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 16. November 2016

FINDET DORIE (2016)

Originaltitel: Finding Dory
Regie: Andrew Stanton und Angus MacLane, Drehbuch: Andrew Stanton und Victoria Strouse, Musik: John Newman
Sprecher der Originalfassung: Ellen DeGeneres, Albert Brooks, Hayden Rolence, Ed O'Neill, Kaitlin Olson, Ty Burrell, Diane Keaton, Eugene Levy, Idris Elba, Dominic West, Willem Dafoe, Kate McKinnon, Bill Hader, Brad Garrett, Allison Janney, Stephen Root, Vicki Lewis, Andrew Stanton, Sigourney Weaver
Sprecher der deutschen Synchronfassung: Anke Engelke, Christian Tramitz, Vicco Clarén, Roland Hemmo, Rubina Nath, Axel Malzacher, Elisabeth Günther, Oliver Siebeck, Nina Proll, Sascha Rotermund, Maud Ackermann, Udo Wachtveitl, Claude Albert Heinrich, Franziska van Almsick
 Findet Dorie
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 94% (7,6); weltweites Einspielergebnis: $1028,6 Mio.
FSK: 0, Dauer: 97 Minuten.

Ein Jahr, nachdem sie dem Clownfisch Marlin dabei half, seinen von Menschen entführten Sohn Nemo zurückzuholen, beginnt die chronisch vergeßliche Dorie nach einem kleinen Unfall, sich bruckstückhaft an ihre Eltern zu erinnern. Und sofort kennt der Paletten-Doktorfisch kein Halten mehr: Dorie muß ihre Eltern wiederfinden! Obwohl Marlin eigentlich wenig Lust auf eine erneute Ozeanüberquerung verspürt – Dorie erinnert sich, daß sie in Kalifornien aufwuchs –, kann er die Gefühle seiner Freundin gut nachempfinden und schließlich schuldet er ihr ja auch etwas für die unschätzbare Hilfe bei der Suche nach Nemo. Also machen sich Dorie, Marlin und Nemo per Schildkröten-Taxi auf den Weg. In Kalifornien angekommen, wird diesmal jedoch Dorie von Menschen aus dem Wasser gefischt und in das nahe Meeresinstitut gebracht. Während Marlin und Nemo alles versuchen, um zu Dorie zu kommen, erkennt die, daß sie genau am richtigen Ort gelandet ist – und mit der Hilfe des griesgrämigen Kraken Hank hofft sie, ihre Eltern endlich wiederzusehen …

Kritik:
Andrew Stantons und Lee Unkrichs "Findet Nemo" aus dem Jahr 2003 ist noch immer einer der beliebtesten Pixar-Animationsfilme und inflationsbereinigt in vielen Ländern der erfolgreichste. Alleine in Deutschland sahen unglaubliche 8,8 Millionen Zuschauer die unfreiwilligen Abenteuer des jungen Clownfisches Nemo und seines überfürsorglichen Vaters Marlin, der gemeinsam mit der vergeßlichen Paletten-Doktorfisch-Dame Dorie einen ganzen Ozean überquerte, um seinen Sohn zurückzuholen. Dennoch zögerten die Pixar-Verantwortlichen lange mit der Realisierung einer Fortsetzung, doch nach 13 Jahren ist es so weit – und wie das globale Einspielergebnis von mehr als einer Milliarde US-Dollar beweist, haben viele Kinogänger nur darauf gewartet (auch wenn die Zuschauerzahlen fast überall hinter denen des ersten Teils zurückblieben). Daß "Findet Dorie" die Qualität seines Vorgängers nicht erreicht, war offensichtlich kein allzu großer Hemmschuh, zumal auch dieser Film noch unterhaltsam und sympathisch genug ausgefallen ist.

Den inhaltlichen Höhepunkt liefert "Findet Dorie" bereits in seinem exzellenten Prolog, der in Form eines Rückblicks die Tragik von Dories Zustand stark herausarbeitet – wie Dorie trotz aller Bemühungen ihrer Eltern zunehmend an ihrer Vergeßlichkeit verzweifelt und schließlich ganz allein und ohne jeden Bezugspunkt im Ozean landet (bis sie auf Marlin trifft), geht wirklich ans Herz und bietet den emotionalen Tiefgang, den man von Pixar-Filmen wie "WALL-E", "Alles steht Kopf" oder auch der "Toy Story"-Reihe in ihren besten Momenten gewohnt ist. Umso bedauerlicher ist es, daß "Findet Dorie" an diese Stärken nach dem Prolog nie mehr anknüpfen kann. Die Handlung, die in ihren Grundzügen zu sehr der des ersten Teils ähnelt, bleibt fortan ziemlich oberflächlich, nimmt den Zuschauer aber zumindest auf eine ebenso unterhaltsame wie rasante Achterbahnfahrt mit. Da Nemo, Marlin und Dorie nichts von ihrer Liebenswürdigkeit eingebüßt haben, gibt es viel, worüber man sich freuen kann – gleichzeitig ist unübersehbar, daß die Handlung keineswegs mit dem Ideenreichtum von "Findet Nemo" mithalten kann und mit zunehmender Dauer erkennbar künstlich gestreckt ist, wenn kurz vor dem Ziel ein Umweg eingebaut wird und noch einer und dann sogar noch einer.

Glücklicherweise trösten neben der gewohnt erstklassigen Animationsarbeit (auch in 3D, ich habe die 2D-Fassung gesehen) vor allem die neuen, wiederum sehr liebevoll herausgearbeiteten Nebenfiguren – und ein paar Cameos aus dem Vorgänger – über solche Schwächen hinweg. Ob das der in der Originalfassung von Ed "Al Bundy" O'Neill gesprochene schlecht gelaunte Oktopus (eigentlich Septopus …) und Tarnungs-Experte Hank ist, der eigentlich nicht wieder ins Meer zurück, sondern einfach nur in einem sauberen Glaskasten voller Wasser seine Ruhe haben will, die kurzsichtige Walhai-Dame Destiny oder Belugawal Bailey, dessen Echoortung nicht mehr funktioniert – in Sachen liebenswert-schrullige Charaktere hat es Pixar zweifellos drauf. Scene Stealer sind allerdings zwei Tiere, die gar nicht reden können, nämlich die leicht derangierte Eistaucher-Dame Becky und der Seelöwe Gerald mit den verrückten Augen, der immer wieder versucht, den alteingesessenen Artgenossen Smutje und Boje ihre bequemen Plätze auf einem Felsen in Sichtweite des Meeresinstituts streitig zu machen.

Damit wären wir auch schon beim Thema "deutsche Synchronfassung" angekommen, denn wenngleich die Qualität der Sprechleistungen ausnahmslos sehr gelungen ist – vor allem Anke Engelke macht als Dorie einmal mehr einen erstklassigen Job –, wurden hier doch ein paar Entscheidungen getroffen, über die man diskutieren kann. Grundsätzlich ist es nachvollziehbar, daß bei einem Blockbuster wie diesem viel Mühe darauf verwendet wird, den Sehgenuß für das deutschsprachige Publikum zu optimieren – auch wenn ich es schon immer etwas unpassend bis störend fand, wenn in amerikanischen oder britischen Filmen plötzlich Namen oder Begriffe verwendet werden, mit denen Amerikaner oder Briten mit Sicherheit nichts anfangen können (wenn z.B. in Monty Pythons "Die Ritter der Kokosnuß" plötzlich von der "Sportschau" die Rede ist). Die Verantwortlichen für die deutsche Synchronfassung von "Findet Dorie" haben sich hierbei besonders stark ins Zeug gelegt. So ist beispielsweise Franziska van Almsick die "Stimme vom Band", die via Lautsprecheranlage im Meeresinstitut ertönt und die Besucher mit Informationen versorgt. Im Original übernimmt diese Aufgabe Sigourney Weaver, womit man zumindest zugestehen muß, daß die deutsche Wahl thematisch besser paßt – dummerweise verliert für die deutschsprachigen Zuschauer auf diese Weise jedoch eine amüsante Anspielung auf Weavers ersten Kinohit "Alien" eine Ebene ihres Witzes. Auch darf man sich als kritischer Zuschauer sicher wundern, warum die kalifornischen Seelöwen Smutje und Boje ausgerechnet in einem starken oberbayerischen Dialekt sprechen. Und wenn dann bei der Übersetzung der Beschriftungen der einzelnen Gebäude im Meeresinstitut ausgerechnet der "Giftshop" offenbar vergessen wurde, sorgt das angesichts der minimal anderen Bedeutung des Wortes "Gift" im Deutschen eher für unfreiwillige Lacher. Aber wie gesagt, letztlich ist das Geschmackssache und da gerade Smutje und Boje (die im Original übrigens von Idris Elba und Dominic West vertont wurden) wirklich witzig rüberkommen, hält sich der Schaden in Grenzen, solche Details werden vielen Zuschauern wahrscheinlich gar nicht erst auffallen.

Fazit: "Findet Dorie" ist ein unterhaltsamer 3D-Animationsfilm, der die liebgewonnenen "Findet Nemo"-Helden ein neues Abenteuer mit sympathischen neuen Nebenfiguren erleben läßt, aber inhaltlich nicht an die hohe Qualität des Vorgängers anknüpfen kann.

Wertung: Gut 7 Punkte.

Vorfilm:
PIPER (2016):
Regie und Drehbuch: Alan Barillaro

Der sehr schöne dialogfreie Kurzfilm "Piper" zeigt innerhalb von sechs Minuten, wie ein extrem putziges Strandläufer-Küken mit Angst vor den Wellen am Strand zum ersten Mal selbst sein Futter besorgen muß – und sich dabei nach Anlaufschwierigkeiten noch als erstaunlich effizient erweist.

Wertung: 9 Punkte.


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