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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 15. November 2016

MISS HOKUSAI (2015)

Originaltitel: Sarusuberi: Miss Hokusai
Regie: Keiichi Hara, Drehbuch: Miho Maruo, Musik: Harumi Fuki
Sprecher der deutschen Synchronfassung: Mia Diekow, Jürgen Kluckert, Sven Gerhardt, Jan Makino, Arianne Borbach, Konrad Bösherz, Dirk Stollberg
 Miss Hokusai
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 94% (7,4); weltweites Einspielergebnis: $0,4 Mio.
FSK: 6, Dauer: 90 Minuten.

Edo (das heutige Tokio), 1814: Der bekannte Maler Meister Hokusai (Aussprache: "Hoksai"), ein schrulliger und ziemlich chaotischer älterer Mann, lebt und arbeitet mit seiner ebenfalls sehr begabten Tochter O-Ei und dem weniger talentierten, aber anhänglichen versoffenen früheren Samurai Zenjirou zusammen, zudem gehört ein niedlicher Hund zum Haushalt. O-Eis Mutter und ihre jüngere Schwester O-Nao wohnen in einem eigenen kleinen Haus, wobei die blinde O-Nao die Tage in einem nahen Kloster verbringt. Da Meister Hokusai seit jeher Angst vor Kranken hat (auch vor Blinden), besucht er O-Nao nur selten, umso mehr Zeit verbringt O-Ei mit ihrer Schwester, mit der sie am liebsten durch Edo spaziert und ihr die Schönheit der Natur beschreibt. Gleichzeitig leidet ihre Arbeit ein wenig unter ihrer Unbeholfenheit in Liebesdingen, denn O-Ei ist vor allem für ihre erotischen Darstellungen bekannt, die technisch makellos sind, denen aber das gewisse Etwas fehlt – wohl mangels praktischer Erfahrung. Immerhin gibt es zwei Kandidaten, um das zu ändern, die ebenfalls Künstler sind: O-Ei interessiert sich für einen anderen Schüler ihres Vaters, den freundlichen und gutaussehenden Hatsugoro, während der jüngere Kuninao aus einer konkurrierenden Malschule O-Ei deutliche Avancen macht …

Kritik:
Außerhalb Asiens haben Animationsfilme noch immer mit dem Vorurteil zu kämpfen, sie seien grundsätzlich an Kinder gerichtet. Da viele Produktionen in der Tat zumindest auch für Kinder geeignet sind (allen voran die Studio Ghibli-Werke á la "Chihiros Reise ins Zauberland", aber natürlich auch viele Disney-, Pixar-, Laika- oder Dreamworks-Filme), ist das ein Vorurteil, das nur schwer aus den Köpfen zu bekommen ist. Es gibt allerdings Animationsfilme, bei denen vollkommen klar ist, daß Kinder mit ihnen nichts anfangen können. Etwa weil sie sehr ernste Themen behandeln (wie der israelische "Waltz with Bashir", in dem der Regisseur Ari Folman seine Erlebnisse als Soldat während des ersten Libanonkrieges verarbeitet) oder weil es sich um Biopics bekannter Persönlichkeiten handelt. Hayao Miyazakis letzter Film "Wie der Wind sich hebt" über den japanischen Flugzeugbau-Pionier Horikoshi war so ein Fall, Keiichi Haras sehenswertes, auf einer Manga-Reihe basierendes Künstlerportrait "Miss Hokusai" ebenfalls. Genau genommen handelt es sich um ein doppeltes, allerdings unkonventionell aufgebautes Künstler-Biopic, da es um den in Japan sehr bekannten Maler Katsushika Hokusai geht, der Film jedoch aus der Perspektive seiner ebenfalls als Künstlerin tätigen Tochter O-Ei geschildert wird.
Auch wenn die Arbeit dieser beiden im Vordergrund steht, ist "Miss Hokusai" keine trockene Kunst-Abhandlung, dafür sorgen schon die nicht unkomplizierten familiären Verhältnisse. Vor allem aber wirft der Film einen faszinierenden Blick auf eine vergangene Epoche, wobei durch die Aufteilung in ein knappes Dutzend Kurzgeschichten die verschiedensten Aspekte quasi im Vorbeigehen beleuchtet werden, die sonst in Filmen aus dieser Ära eher weniger eine Rolle spielen, weil sie schlicht zu unspektakulär sind. Es geht hier nicht um Samurai oder Intrigen am Hof des Shoguns, sondern um die einfachen Leute – nunja, abgesehen von den mehr oder weniger exzentrischen Künstlern selbst, die sicher nicht dem Durchschnitt entsprechen, aber gerade für ihre Kunst das "normale Leben" genau beobachten müssen. So erfahren wir etwas über asiatische Mythologie, wenn Meister Hokusai den Auftrag erhält, einen majestätischen Drachen zu malen, aber auch über die Natur, über den (Aber)-Glauben (O-Ei soll einmal eine Darstellung der Hölle anfertigen und später eine Kurtisane portraitieren, über die es heißt, sie verwandle sich des Nachts in einen Geist) oder über Freudenhäuser für Frauen. Am meisten lernen wir in den meistens 5- bis 10-minütigen Episoden jedoch über die Kunst, denn Meister Hokusai erklärt seinen Schülern sehr genau, welche Fehler sie noch begehen.
Dadurch, daß inhaltlich nur lose verbundene Kurzgeschichten aneinandergereiht werden, fehlt natürlich eine echte Handlung, ein Narrativ, "Miss Hokusai" bleibt letztlich ziemlich dicht an der Oberfläche. Das ist zumindest ungewohnt, für einen Film über Künstler, in dem es, auch wenn das vielleicht gar nicht immer sofort ins Auge springt, vor allem um ihre Kunst geht, aber gar keine schlechte Idee und eine interessante Alternative zum sonstigen, meist eher konservativen biographischen Ansatz vergleichbarer Filme wie "Mr. Turner". Zumal die einzelnen Episoden von "Miss Hokusai", wiewohl nicht jede in gleichem Maße überzeugt, abwechslungsreich ausfallen – humorig, gruselig, nachdenklich, poetisch, traurig, übermütig – und die sympathischen, in der deutschen Synchronfassung sehr ansprechend vertonten Protagonisten einem ziemlich schnell ans Herz wachsen. Dafür verantwortlich ist vor allem O-Eis blinde jüngere Schwester O-Nao, die gewissermaßen als Mittlerin zwischen Künstlerin und Publikum dient, da O-Ei ihr immer wieder die Natur und die Menschen so beschreiben soll, wie sie sie wahrnimmt. Was wiederum der Regisseur geschickt nutzt, um O-Eis reale Kunstwerke zu imitieren (ebenso wie in anderen Szenen die ihres Vaters). Bedauerlich ist, daß O-Eis romantische Verwicklungen, die (wenn auch in sehr respektvoller bis distanzierter Art und Weise) einen der Handlungsschwerpunkte darstellen, ohne echte Auflösung bleiben; am Ende erfährt man per Texteinblendung zwar, daß sie später geheiratet hat, aber nicht einmal, ob es einer der beiden Kandidaten aus dem Film war.
Die Optik ist die wohl größte Stärke von "Miss Hokusai". Die Filmemacher entschieden sich für eine vergleichsweise unkonventionelle Vorgehensweise, indem sie handgezeichnete 2D-Figuren in computergenerierte 3D-Schauplätze setzen. Das funktioniert wunderbar, da die Hintergründe sehr detailreich ausgestaltet sind und gut mit den Figuren harmonieren – gerade im Vergleich zu den (meist) komplett gezeichneten Studio Ghibli-Werken fällt aufmerksamen Beobachtern aber durchaus auf, daß es hier vergleichsweise wenig Bewegung abseits der im Zentrum des Geschehens stehenden Figuren gibt. In technischer Hinsicht erreicht "Miss Hokusai" somit (auch aus Budgetgründen) nicht das allerhöchste Level, kompensiert das aber durch die pure Schönheit der logischerweise stark vom Werk der Portraitierten beeinflußten Zeichnungen und Bildkompositionen. Speziell die Episode über O-Eis "Darstellung der Hölle" (die so glaubwürdig ausfällt, daß die Gattin des Auftraggebers davon Alpträume bekommt) hat mich beeindruckt, aber auch immer wieder simple, aber schöne Naturdarstellungen. Der Komponist Harumi Fuki untermalt die einzelnen Kurzgeschichten übrigens mit melodischer, überwiegend verträumter und leicht melancholischer Musik, die in Schlüsselszenen auch einmal in sehr rockige Klänge (inklusive E-Gitarre) übergeht – unkonventionell, aber interessant, so wie der ganze Film.

Fazit: "Miss Hokusai" ist ein animiertes Künstler-Biopic, das einen spannenden Blick auf eine vergangene Epoche wirft und den durch die anekdotenhafte Erzählweise bedingten Mangel an Tiefgang mit wunderschönen Zeichnungen und liebenswerten Charakteren aufwiegt.

Wertung: Knapp 8 Punkte.

"Miss Hokusai" ist Ende Oktober 2016 von KAZÉ auf DVD und Blu-ray veröffentlicht worden, am 9. Dezember folgt die aufwendig ausgestattete "Collector's Edition" in der Holzbox mit u.a. einer Bonusdisc mit zweineinhalb Stunden Hintergrundmaterial und einem 88-seitigen Booklet. Das Rezensionsexemplar (nur der Film) wurde mir freundlicherweise von KAZÉ und der AV Visionen GmbH zur Verfügung gestellt.


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