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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 18. Oktober 2016

FRANTZ (2016)

Regie: François Ozon, Drehbuch: Philippe Piazzo und François Ozon, Musik: Philippe Rombi
Darsteller: Paula Beer, Pierre Niney, Marie Gruber, Ernst Stötzner, Johann von Bülow, Anton von Lucke, Cyrielle Clair, Alice de Lencquesaing, Merlin Rose
 Frantz
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (7,4); weltweites Einspielergebnis: $7,5 Mio.
FSK: 12, Dauer: 114 Minuten.

Quedlinburg im Jahr 1919: Das tägliche Leben in der mitteldeutschen Kleinstadt geht seinen gemütlichen, geregelten Gang, ist allerdings noch stark geprägt von den Nachwehen des jüngst verlorenen Ersten Weltkrieges. Fast jeder im Ort hat einen Verwandten oder einen anderweitig geliebten Menschen verloren, was durch die Niederlage des Deutschen Kaiserreichs besonders sinnlos scheint. Manche betrauern die Gefallenen in aller Stille, andere träumen bereits wieder von der grandiosen Wiederauferstehung des deutschen Volkes. Zur ersten Kategorie zählt die Familie Hoffmeister, die den einzigen Sohn Frantz (Anton von Lucke, TV-Serie "Babylon Berlin") – der vor dem Krieg in Frankreich studierte – in den Schützengräben verlor. Der Vater Hans (Ernst Stötzner, "Die kommenden Tage"), ein Arzt, vertieft sich in seine Arbeit, verläßt aber sonst kaum noch das Haus, während Mutter Magda (Marie Gruber, "Das Leben der Anderen") unermüdlich dafür sorgt, daß alles am Laufen bleibt; ebenfalls im Haus wohnt Frantz' Verlobte Anna (Paula Beer, "Poll"), die für die Hoffmeisters wie eine Tochter ist. Eines Tages sieht Anna, während sie wie jeden Tag Frantz' Grab besucht, einen Fremden, der ebenfalls dort Blumen ablegt. Wenig später taucht der stille junge Mann beim Haus der Hoffmeisters auf und stellt sich vor: Adrien (Pierre Niney, "Die anonymen Romantiker") ist eigens aus Frankreich angreist, um Frantz' und seiner Familie die letzte Ehre zu erweisen. Während der Franzose im Ort bestenfalls skeptisch aufgenommen wird, sind vor allem Magda und Anna begierig darauf, von Adrien mehr über Frantz' Leben in Frankreich vor dem Krieg zu erfahren, aber ebenso und ganz besonders über seine letzten Tage …

Kritik:
François Ozon ist inzwischen seit fast zwei Jahrzehnten eine zuverlässige Konstante in der französischen Kinolandschaft; man könnte fast sagen, er ist das für das Arthouse-Kino, was Luc Besson für das Mainstream-Kino ist – naja, oder zumindest war, solange er sich mehr auf das Regie führen konzentrierte als auf seine Tätigkeiten als Produzent und Drehbuch-Autor von meist mittelmäßigen Actionstreifen. Natürlich kam auch Ozons bisherige Karriere nicht ohne Fehlschläge aus, speziell sein englischsprachiges Melodram "Angel" und das mit Fantasy-Elementen angereicherte Sozialdrama "Ricky" sorgten 2007 und 2009 für wenig Begeisterung bei Kritikern und Publikum. Bis auf diese kurze Schwächephase ist Ozons Œuvre ziemlich makellos, wobei vor allem beeindruckt, wie elegant er immer wieder zwischen klassischem Arthouse ("Unter dem Sand", "Swimming Pool", "In ihrem Haus") und massentauglicheren Werken wie "8 Frauen" und "Das Schmuckstück" wechselt. Mit dem großteils in Schwarzweiß gedrehten Nachkriegsdrama "Frantz" – einem losen Remake von Ernst Lubitschs "Der Mann, den sein Gewissen trieb" aus dem Jahr 1931 – begibt sich der Filmemacher wieder eindeutig in die künstlerische Richtung und liefert einen eigenwilligen, doch starken und meinungsstarken Film ab.

Denn wie bei Ernst Lubitschs erstem Tonfilm ist auch bei "Frantz" die versöhnliche, ja sogar pazifistische Haltung unverkennbar. Die bitteren Folgen des Ersten Weltkrieges dominieren den gesamten Film, dessen Protagonisten zwar überlebt haben, aber durch die seelischen Qualen, die sie angesichts des Verlusts geliebter Menschen erlitten haben, stark verändert sind. Jenen, die vor allem mit einem generellen Zorn auf die siegreichen Franzosen reagieren, widmet sich François Ozon eher am Rande, versäumt es aber nicht, die Hohlheit der nationalistischen und rückwärtsgewandten Phrasen zu entlarven – am eindrucksvollsten durch eine leidenschaftliche Rede von Hans Hoffmeister bei einem Treffen verbitterter deutscher Väter, die im Krieg Söhne verloren haben. Während die von einem Wiedererstarken Deutschlands träumen und ihren Haß auf die Franzosen kultivieren, erinnert Hoffmeister sie voller Gram daran, daß die Franzosen kaum weniger tote Söhne, Brüder und Väter in den Schützengräben zu beklagen hatten und daß sie, die Elterngeneration, es waren, die die jungen Männer oft gegen deren Willen mit Appellen an die Vaterlandsliebe in einen furchtbaren, sinnlosen Krieg sandten. Ozon verzichtet aber darauf, die Patrioten um den großmäuligen, letztlich aber doch harmlosen Kreutz (Johann von Bülow, "Im Labyrinth des Schweigens") als Schurken darzustellen, selbst die Vorwehen der Nazi-Herrschaft werden – anders als in Michael Hanekes in dieser Hinsicht arg plakativem "Das weiße Band" – nur zart angedeutet. Einfache Schuldzuweisungen sind Ozons Sache nicht, um sie geht es ihm gar nicht, er will lieber auf das Positive, auf das Verbindende speziell zwischen den Nachbarn Frankreich und Deutschland verweisen (wozu paßt, daß wohl fast die Hälfte der Dialoge auf Französisch stattfindet, deutsch untertitelt).

An dieser Stelle kommen Adrien und die Hoffmeisters (Anna dazugerechnet, auch wenn sie Frantz ja nicht mehr heiraten konnte) ins Spiel. Wiewohl es zwar auch hier anfangs Differenzen gibt – Hans Hoffmeister wirft Adrien bei dessen erstem Besuch rein aufgrund seiner Herkunft aus dem Haus, noch ehe der sein Anliegen überhaupt vortragen kann –, entwickelt sich doch schnell alles recht harmonisch. Anna und Magda sehnen sich vor allem danach, von Adrien etwas über Frantz zu hören, auch Hans öffnet sich sehr schnell dem zurückhaltenden Fremden gegenüber. Kein Wunder, ist Adrien doch wie von einer Wolke der Traurigkeit umhüllt, weshalb man die Aufrichtigkeit seines Kummers nicht anzweifeln kann, wie auch Hans – dem es ganz ähnlich ergeht – zügig erkennt. Zudem erinnert Adriens ganzes Verhalten an den Verstorbenen, was ihre Freundschaft glaubwürdig macht (und die leichte Verwunderung darüber überspielt, daß Frantz seinen Freund niemals erwähnte). Und so erzählt Adrien von der gemeinsamen Zeit mit Frantz, von einem Besuch im Louvre und Frantz' dortigem Lieblingsgemälde von Édouard Manet; er verbringt einfach Zeit mit den trauernden Hoffmeisters. Denen tut seine Anwesenheit sichtlich gut, Anna entwickelt sogar Gefühle für Adrien und ihre Fast-Schwiegereltern ermutigen sie noch, mit dem Franzosen glücklich zu werden. Doch der scheint sich trotz gelegentlicher heiterer, gar ausgelassener Momente mit Anna nicht so einfach aus seinem tiefsitzenden Gram befreien zu können. Erstaunlicherweise übertragen sich die tiefen Gefühle der Protagonisten nur bedingt auf das Publikum, was an Ozons bewußt distanzierter Inszenierung liegt, die durch die Schwarzweiß-Optik und die für eine gewisse Statik sorgenden strengen Bildkompositionen noch unterstrichen wird. "Frantz" ist eben nicht irgendein Hollywood-Edel-Melodram, sondern ein intensiver, poetischer europäischer Arthousefilm, erfüllt von Trauer und Melancholie, aber eher Kopf- als Gefühlskino, bei dem auch die gefühlvolle Musik von Ozons Stammkomponist Philippe Rombi ("Willkommen bei den Sch'tis") auffallend dosiert eingesetzt wird. Insgesamt funktioniert Ozons ziemlich unkonventionelle Vorgehensweise gut, wenn man sie als Zuschauer akzeptieren kann.

In gewisser Weise ist die Geschichte, die "Frantz" erzählt, bereits nach der ersten von knapp zwei Stunden auserzählt. Bis dahin entwickelt sich nämlich alles so, wie man es im Großen und Ganzen erwarten konnte, bis hin zu einer emotionalen Offenbarung, die für die handelnden Figuren sehr unerwartet und als echter Schock kommt, im Publikum jedoch kaum jemanden überraschen dürfte. Darauf hat es das Drehbuch auch nicht angelegt, dafür ist die Enthüllung zu offensichtlich und Ozon versucht im Vorfeld nicht, die Zuschauer im Ungewissen zu lassen oder sie gar in die Irre zu führen. Wäre das also das Ende des Films, dann dürfte man darauf durchaus mit einer gewissen Enttäuschung reagieren. Ozon nutzt die Wendung jedoch, um im Grunde genommen noch einmal die gleiche Geschichte zu erzählen – nur gespiegelt! War es in der ersten Hälfte Adrien, der als Fremder in ein ihm feindselig gesinntes Land kam, ist es nun Anna, die nach Frankreich reist und ganz Ähnliches erlebt. Wo die Rückwärtsgewandten in Quedlinburg ein patriotisches deutsches Volkslied sangen, wird in Paris schon mal spontan die Marseillaise angestimmt (die übrigens bemerkenswert blutrünstig ist, wenn man dank der Untertitel auch mal den übersetzten Text erfährt – aber gut, sie wurde halt für die Französische Revolution geschrieben und ist schlicht und ergreifend ein Kriegslied …). Ist es in der ersten Hälfte Adrien, der bei einer Musizierszene zusammenbricht, wird in Frankreich Anna in einer vergleichbaren Szene von ihren Gefühlen überwältigt. Diese Spiegelungen setzen sich in vielen kleinen Details fort, wobei Ozon das aber raffiniert und subtil genug macht, damit es nicht zu sehr auffällt oder gar langweilt. Strukturell erinnert die Geschichte von Adrien und Anna sogar ein klein wenig an Shakespeares "Romeo & Julia"; dazu paßt, daß Frantz' bereits erwähntes Lieblingsgemälde von Manet auf den Titel "Der Selbstmörder" hört … Schauspielerisch weiß derweil vor allem Paula Beer zu beeindrucken, die für ihre Leistung beim Festival in Venedig als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet wurde. Pierre Niney kam in den internationalen Kritiken weniger gut weg, zeigt meiner Meinung nach aber ebenfalls eine gute Leistung in einer Rolle, die vergleichsweise wenig Raum zum Glänzen gibt (er muß eben größtenteils traurig aus der Wäsche schauen). Hervorheben möchte ich zudem Ernst Stötzner und Marie Gruber, die als Vater und Mutter Hoffmeister letztlich das emotionale Zentrum eines Films darstellen, der mehr von der melancholischen Atmosphäre lebt als von der gefühlsmäßigen Bindung zwischen Figuren und Publikum.

Fazit: "Frantz" ist ein intensives Nachkriegsdrama, das seine pazifistische Grundhaltung offen, aber (fast) nie plakativ vor sich herträgt und trotz einer gewissen gewollten Distanziertheit eine bewegende Geschichte von Verlust, Trauer und Hoffnung erzählt.

Wertung: 8 Punkte.


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