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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

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Donnerstag, 8. September 2016

TRAIN TO BUSAN (2016)

Originaltitel: Bu-san-haeng
Regie und Drehbuch: Yeon Sang-ho, Musik: Jang Young-gyu
Darsteller: Gong Yoo, Kim Su-an, Ma Dong-seok, Jung Yu-mi, Choi Woo-shik, Ahn So-hee, Kim Eui-sung, Choi Gwi-hwa, Ye Soo-jung, Park Myung-sin, Jung Suk-yong
 Busanhaeng
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 96% (7,6); weltweites Einspielergebnis: $92,7 Mio.
FSK: 16, Dauer: 118 Minuten.
Seok-woo (Gong Yoo, "The Suspect") ist geschieden und streitet mit seiner Ex-Frau um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Su-an (Kim Su-an, "Memories of the Sword"). Daß der hochrangige Manager in einer Investment-Firma aufgrund seiner Arbeit kaum Zeit für Su-an hat, wenn diese bei ihm ist, und sie stattdessen größtenteils bei ihrer Großmutter bleibt, macht das Mädchen auch nicht wirklich glücklich. Deshalb will sie unbedingt an ihrem Geburtstag ihre Mutter in der Stadt Busan besuchen – nach anfänglichem Abwiegeln gibt Seok-woo schließlich nach. Dumm nur, daß just zu dem Zeitpunkt, als die beiden am nächsten Morgen den Zug nach Busan betreten, eine verheerende Zombieepidemie ausbricht – und eine Infizierte steigt in der letzten Sekunde in den Zug ein. Wenig später geht es für die Passagiere nur noch um das nackte Überleben …

Kritik:
Mit beinahe 12 Millionen Zuschauern ist "Train to Busan" in Südkorea einer der erfolgreichsten Kinofilme überhaupt, auch im Ausland schlägt er sich vergleichsweise gut. Klar, Zombies sind auch im Jahr 2016 noch immer "in", dennoch ist ein solch außergewöhnlicher Erfolg schon bemerkenswert. Nun weiß ich zugegebenermaßen nicht, ob die Zombiethematik in Südkorea vor "Train to Busan" eine größere Rolle spielte (z.B. durch die US-Fernsehserie "The Walking Dead"), aber ich möchte es fast bezweifeln. Zumindest würde eine gewisse Unerfahrenheit mit den lebenden Toten erklären, warum ein Film wie "Train to Busan", der zwar handwerklich sehr gut gemacht ist, aber keinerlei neue Ideen oder Ansätze in das Genre einbringt, dermaßen viele Zuschauer in die Kinos lockt. Aber andererseits gilt vielleicht auch einfach das Motto: "Besser gut geklaut als schlecht erfunden" …
Denn Spaß macht das Werk des bisherigen Animationsfilm-Regisseurs Yeon Sang-ho ("The King of Pigs") – der übrigens mit "Seoul Station" auch die direkte Vorgeschichte zu "Train to Busan" in animierter Form erzählt, wenngleich dieses Werk deutlich weniger Zuspruch erfährt – zweifellos. Die Zombies selbst sind beispielsweise sehr überzeugend gestaltet, es sind jene der eher neumodischen schnellen Sorte, teils rennen sie mit grotesk verrenkten Gliedmaßen umher, dabei bewegen sie sich irgendwie unnatürlich und abgehackt. So erzeugen sie genau jenen nicht wirklich greifbaren, aber sehr wirkungsvollen Gruseleffekt, den man sich von den lebenden Toten im Kino wünscht. Obwohl es zu der treibend-bedrohlichen, manchmal jedoch etwas zu dominanten und emotional manipulativen Musik von Jang Young-gyu ("Sympathy for Mr. Vengeance", "A Bittersweet Life") durchaus sehr blutig zugeht, hält sich der Regisseur mit echten Splatterszenen übrigens eher zurück – in einer typischen "The Walking Dead"-Episode geht es heftiger zu.
Inhaltlich kann "Train to Busan" nicht ganz so sehr überzeugen. Daß die Protagonisten aus westlicher Sicht übertrieben emotional agieren, mag manche Zuschauer zwar irritieren oder in einzelnen Szenen sogar belustigen, ist aber völlig normal für südkoreanische Filme. Ärgerlicher ist die allzu stereotype Figurenzeichnung inklusive Gesellschaftskritik mit dem Holzhammer. Vor allem ein hochrangiger Manager unter den Passagieren ist natürlich der größte Fiesling, der stets nur an sich denkt, dabei ohne auch nur mit der Wimper zu zucken seine Mitreisenden opfert und insgesamt so abgrundtief böse agiert, daß er bestenfalls noch als Karikatur taugt. Das Gute an Filmen dieser Art ist: Man weiß genau, daß die miesen Typen früher oder später ihre verdiente Strafe erhalten werden. Das Schlechte daran: Es macht den Storyverlauf nunmal ziemlich vorhersehbar. Seok-woo wird anfangs nicht viel positiver skizziert, als Protagonist der Geschichte erhält er aber naturgemäß die Chance, sich nachhaltig zu rehabilitieren und an der Extremsituation charakterlich zu wachsen. Und ich gebe es auch gerne zu: Die Sprüche, die der der Arbeiterschicht entstammende Mitreisende Sang-hwa (Ma Dong-seok, "New World") – der sich mit seiner hochschwangeren Frau Seong-keong (Jung Yu-mi, "Silmido") mit Seok-woo und dessen Tochter zu einem ungewöhnlichen Gespann zusammenrauft – über Seok-woos Tätigkeit als Investmentbanker vom Stapel läßt, sind wirklich witzig …
Überhaupt sorgen immer wieder schwarzhumorige Szenen und Dialoge für etwas Auflockerung im ansonsten ebenso rasanten wie grausigen Geschehen, wenn etwa eine ältere Dame zu ihrer Schwester angesichts erster TV-Beriche über die beginnende Zombieepidemie meint, früher hätte es sowas nicht gegeben, da wären solche Typen umerzogen worden … Da die Handlung selbst weitgehend in erwartbaren Bahnen verläuft, sind solche Zwischentöne auch bitter nötig. Letzten Endes sind die erzählerischen Möglichkeiten angesichts des Schauplatzes in einem Zug einfach beschränkt und da es in den letzten Jahren mit "Snowpiercer" und "Howl" bereits zwei "Zug-Horrorfilme" gab, die besagte Möglichkeiten ziemlich ausgereizt haben, wird man in "Train to Busan" wenig Überraschendes erleben, wenn man auch nur einen der beiden Filme kennt. Aber wie gesagt: Wer einfach nur gut unterhalten werden will, der sollte seine Freude an dieser blutigen Zugreise haben.

Fazit: Der südkoreanische Hit "Train to Busan" ist ein handwerklich mehr als solide gemachter "Zombies im Zug"-Actionhorrorfilm, der aber auch wegen des limitierten Schauplatzes jegliche Innovationen vermissen läßt.

Wertung: 7 Punkte. Wer zuvor weder "Snowpiercer" noch "Howl" gesehen hat, darf einen Punkt aufschlagen.

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