Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 1. September 2016

JASON BOURNE (2016)

Regie: Paul Greengrass, Drehbuch: Christopher Rouse, Paul Greengrass, Musik: John Powell und David Buckley
Darsteller: Matt Damon, Alicia Vikander, Tommy Lee Jones, Vincent Cassell, Julia Stiles, Riz Ahmed, Ato Essandoh, Scott Shepherd, Vinzenz Kiefer, Gregg Henry
 Jason Bourne
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 56% (5,9); weltweites Einspielergebnis: $415,5 Mio.
FSK: 16, Dauer: 124 Minuten.

Seit vielen Jahren ist der ehemalige CIA-Killer Jason Bourne (Matt Damon, "Der Marsianer") untergetaucht. Allerdings führt er nicht gerade ein sorgenfreies Leben, vielmehr vegetiert er eher vor sich und verdient etwas Geld bei illegalen Kämpfen, aktuell in Griechenland. Doch eines Tages kontaktiert ihn seine langjährige Verbündete Nicky Pasons (Julia Stiles, "Silver Linings"), die inzwischen mit dem Aktivisten Christian Daussault (Vinzenz Kiefer, "Der Baader Meinhof Komplex") zusammenarbeitet, um illegale CIA-Aktivitäten aufzudecken. Bei ihrer gefährlichen Recherche ist sie auf Informationen über die Anfänge des berüchtigten "Projekt Treadstone" und die Verwicklung von Jasons Vater (Gregg Henry, "Super") darin gestoßen. Als Jason durch Nicky davon erfährt, will er einmal mehr die Wahrheit herausfinden – und gerät dadurch sofort ins Fadenkreuz des skrupellosen neuen CIA-Direktors Dewey (Tommy Lee Jones, "Lincoln"), der den CIA-Killer "Asset" (Vincent Cassel, "Das Märchen der Märchen") auf ihn ansetzt. Nur Deweys Zögling, die brillante Analystin Heather Lee (Alicia Vikander, "Ex Machina"), scheint zumindest ansatzweise auf Bournes Seite zu stehen …

Kritik:
Eigentlich war die Sache eindeutig: "Das Bourne Ultimatum" brachte 2007 die wegweisende, lose auf einer Romanreihe von Robert Ludlum basierende Bourne-Trilogie zu einem fulminanten und sehr befriedigenden Ende. Das "Problem" an der Sache: Angesichts des von Film zu Film wachsenden kommerziellen Erfolges hatte das produzierende Universal-Studio kein Interesse daran, dieses lukrative Franchise – das als deutlich erkennbare Inspirationsquelle indirekt auch alteingesessenen Genrevertretern wie der James Bond- oder der "Mission: Impossible"-Reihe neues Leben einhauchte – einfach aufzugeben. Da der Hauptdarsteller Matt Damon wiederholt erklärte, er werde nur zurückkommen, wenn wiederum Paul Greengrass (Regisseur von "Die Bourne Verschwörung" und "Das Bourne Ultimatum") inszenieren würde, dieser aber dankend ablehnte, versuchte man sich an dem Spin-Off "Das Bourne Vermächtnis" mit Jeremy Renner. Das lief zwar solide, blieb jedoch qualitativ und kommerziell hinter den Erwartungen zurück, weshalb der Druck auf Damon und Greengrass verstärkt wurde. Und siehe da: Greengrass ließ sich erweichen – und hier haben wir den simpel betitelten Reihen-Neustart "Jason Bourne". Der aber unglücklicherweise bei weitem nicht die Klasse der Originaltrilogie erreicht.

Müßte man "Jason Bourne" mit einem Wort beschreiben, dann würde sich dieses anbieten: Ideenarmut. Denn was Greengrass – der mit seinem langjährigen Cutter Christopher Rouse auch das Drehbuch verfaßte – hier abliefert, ist zwar handwerklich mehr als solide, schickt den Zuschauer jedoch von einem Déjà-vu-Moment zum nächsten: Wieder muß Bourne ungelöste Rätsel aus der Vergangenheit aufklären, wieder wird er von bösen CIA-Leuten zum Abschuß freigegeben und wieder gibt es spektakuläre, mit der wackligen Handkamera und damit sehr immersiv gefilmte Verfolgungsjagden. Was es nicht gibt, sind frische Ideen. Schon Bournes Motivation, sich wieder in das "Spiel" zurückziehen zu lassen, obwohl er nach den Ereignissen aus "Das Bourne Ultimatum" doch eigentlich fertig mit der CIA war, wirkt so phantasielos an den Haaren herbeigezogen wie sie es nun einmal ist. Zugegeben, das ist für eine Fortsetzung in diesem Genre nicht ungewöhnlich und im Normalfall nicht mehr als ein kleines Ärgernis – jedoch: Von einem erstklassigen Autor wie Paul Greengrass ("Flug 93") darf, nein, muß man einfach mehr erwarten!

Ansonsten reiht sich zwar ein interessanter – wenngleich nicht eben exotischer – Schauplatz (Athen, Berlin, London, Las Vegas) mit tempogeladenen Actionsequenzen an den nächsten, doch erzählerische Höhepunkte bleiben weitestgehend aus. Durch das hohe Tempo besteht immerhin kaum die Gefahr, daß es einem langweilig wird, auch wenn sich irgendwann fast zwangsläufig ein Gefühl der Gewöhnung einstellt. Entsprechend bleibt die wirklich aufregende Hetzjagd durch Athen im ersten Filmdrittel das allzu frühe Highlight des Films. Das liegt vor allem daran, daß es an einer einnehmenden Story mangelt, die das Ganze sinnvoll verbindet. Zwar greift das Drehbuch geschickt auf aktuelle Geschehnisse zurück – Demonstrationen in Athen, Anspielungen auf Whistleblower Edward Snowden und Politaktivist Julian Assange, Verbindungen zwischen Internet-Giganten und der CIA, die eine Hintertür zu den Kundendaten fordert –, kratzt aber mit unschöner Konsequenz nur an der Oberfläche. Die mannigfaltigen erzählerischen Möglichkeiten dieser Themen werden fast komplett ignoriert, zumal sich alles sehr überraschungsarm abspielt. Besonders bei dem Nebenhandlungsstrang rund um Aaron Kalloor (Riz Ahmed, "Four Lions") – den Mark Zuckerberg des Bourne-Universums – ist es eine echte Verschwendung, daß die anfangs angeschnittenen, ebenso aktuellen wie spannenden Fragen im weiteren Verlauf zum reinen Alibi verkommen, das nur noch die dünne, zunehmend dialogarme Story vorantreiben soll. Kein Zweifel: Hinsichtlich der Handlung war "Jason Bourne" selbst das lediglich halb geglückte Spin-Off "Das Bourne Vermächtnis" überlegen, auch der mit dem fünften Bourne-Teil themenverwandte "Mission: Impossible – Rogue Nation" hatte da mehr zu bieten.

Bedauerlich finde ich zudem, daß bis auf Jason Bourne und Nicky Parsons keine Figuren aus den Vorgänger-Filmen auftreten (auch wenn ein paar zumindest erwähnt werden). Zugegeben, es ist nachvollziehbar, daß man bei einem Film, der ja letztlich als Reihen-Neustart dienen und auch Zuschauer ins Kino locken soll, die die Originaltrilogie vielleicht gar nicht gesehen haben, nicht zu viel Ballast aus der Vergangenheit mitschleppen will; und fraglos sind die Neuzugänge – der CIA-Direktor Dewey, der noch schlimmer ist als seine Vorgänger und sogar ohne mit der Wimper zu zucken eigene Leute umbringen läßt, sein berechnender Zögling Heather Lee und der von Rachegelüsten getriebene CIA-Killer Asset – im Ansatz interessant. Trotzdem: Wenn man schon auf ein so umfangreiches Serienuniversum mit vielen spannenden Charakteren (von denen manche sogar noch am Leben sind …) zurückgreifen kann, dann sollte man das meiner Ansicht nach nutzen anstatt fast nur neue Figuren einzubauen, die aufgrund der übermäßigen Actionlastigkeit des Films sowieso kaum ein eigenes Profil entwickeln dürfen – auch wenn es zumindest eine nette Idee ist, mit Bourne und dem von Vincent Cassel stark gespielten Asset zwei eiskalte Killer aufeinanderzuhetzen, die sich gegenseitig aneinander rächen wollen. Selbst bei der ehrgeizigen Heather Lee, die aufgrund ihrer relativen Undurchschaubarkeit als mögliche neue Bourne-Verbündete noch am spannendsten gestaltet ist (zumal die OSCAR-Preisträgerin Vikander sie sehr überzeugend verkörpert), bleiben die Gründe für ihre Taten letztlich unklar – beziehungsweise müssen dem Publikum eher plakativ "erzählt" werden als daß man sie sich selbst aus ihrer Person erschließen könnte.

Was bleibt, sind letztlich die vielen aufwendig gestalteten und erstklassig choreographierten Actionsequenzen, die bei allen "das habe ich doch schon mal gesehen"-Gefühlen trotzdem hervorragend in Szene gesetzt sind. Die Wackelkamera gefällt zwar erfahrungsgemäß nicht jedem, aber sie ist einfach ein integraler Bestandteil der Bourne-Filme und kommt für meinen Geschmack zwar stark, aber nicht zu stark zum Einsatz. Die flankierende Filmmusik von John Powell und David Buckley ("The Nice Guys") orientiert sich ebenfalls stark an den Vorgängern, was einerseits die generelle Ideenarmut von "Jason Bourne" noch unterstreicht, andererseits in diesem konkreten Punkt aber kein Problem ist, da der unverwechselbare, von Powell vor allem in den ersten beiden Teilen der Reihe geprägte Soundtrack für mich zu den besten Action-Scores der Filmgeschichte zählt. Ach, und natürlich ist im Abspann wieder Mobys "Extreme Ways" zu hören, quasi das Erkennungsstück des Bourne-Universums – dieses Mal in einem sehr gelungenen, etwas rockigeren Remix. Da die Einspielergebnisse von "Jason Bourne" mehr als befriedigend ausgefallen sind (immerhin die zweitbesten der Reihe, nur noch getoppt von "Das Bourne Ultimatum"), steht einer weiteren Fortsetzung theoretisch nichts im Wege. Frühen Planungen zufolge könnten irgendwann Jason Bourne und der in "Das Bourne Vermächtnis" von Jeremy Renner verkörperte Aaron Cross aufeinandertreffen, zunächst dürfte jedoch eine direkte Fortsetzung von "Das Bourne Vermächtnis" wahrscheinlicher sein. Spruchreif ist allerdings noch nichts.

Fazit: "Jason Bourne" stellt Actionjunkies mit einer hohen Anzahl von exzellent umgesetzten Actionsequenzen mehr als zufrieden, vergißt dabei aber leider das Geschichtenerzählen und bleibt deshalb deutlich unter dem qualitativen Niveau der Originaltrilogie.

Wertung: 6,5 Punkte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen