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Donnerstag, 3. Dezember 2015

IRRATIONAL MAN (2015)

Regie und Drehbuch: Woody Allen
Darsteller: Joaquin Phoenix, Emma Stone, Parker Posey, Jamie Blackley, Tom Kemp, Ethan Phillips, Betsy Aidem, Sophie von Haselberg
 Irrational Man
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 44% (5,5); weltweites Einspielergebnis: $27,4 Mio.
FSK: 12, Dauer: 95 Minuten.

Als der bekannte Philosophie-Professor und erfolgreiche Sachbuch-Autor Abe Lucas (Joaquin Phoenix, "Walk the Line") an das Kleinstadt-College Braylin in Rhode Island wechselt, sind alle begeistert – abgesehen von Abe. Der befindet sich nämlich in einer handfesten depressiven Phase, die er zum größten Teil mit Alkohol und Selbstmitleid auslebt. Selbst die Anhimmelung seiner Studenten und die amourösen Avancen durch die etwas ältere, aber attraktive Chemie-Professorin Rita Richards (Parker Posey, "Superman Returns") und die ebenso intelligente wie bildschöne Studentin Jill Pollard (Emma Stone, "Birdman") bringen seine Lebensgeister nicht zurück. Das gelingt erst einem Gespräch einer Gruppe Fremder in einem Café, das Abe und Jill zufällig mitanhören und in dem es um ein großes Unrecht geht, das einer tapferen Mutter droht. Abe weiß sofort, was zu tun ist: Er wird einen perfekten und zudem moralisch gerechtfertigten Mord begehen! Alleine die Planungsphase versetzt Abe in eine nie gekannte Euphorie, die auch sein Liebesleben endlich wieder in Schwung bringt …

Kritik:
Eine Warnung vorweg: Um Woody Allens 45. Kinofilm richtig besprechen zu können, muß ich im weiteren Verlauf dieser Kritik verraten, ob Abe den Mord tatsächlich begeht oder nicht. Das ist zwar bei weitem kein so krasser Spoiler wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag, da die Frage "Tut er's oder tut er's nicht?" in der Handlung nie im Mittelpunkt steht und sich das Ganze außerdem so zielgerichtet entwickelt, daß man beim Zuschauen kaum Zweifel daran hat, wie sich Abe entscheiden wird; dennoch will ich auf die SPOILER-Warnung nicht verzichten. Wer also nichts weiter über den Storyverlauf wissen will, der sollte direkt zum Fazit springen.

Damit zum Analyse-Teil dieser Rezension: Eine Stunde (oder zwei der drei klar erkennbaren Akte) lang ist Woody Allen mit "Irrational Man" wieder mal ein richtig guter und sogar ziemlich origineller Film gelungen. Klar, die Sache mit dem "perfekten Mord" ist nicht ganz neu und Vergleiche speziell zu Hitchcocks kleinem Geniestreich "Cocktail für eine Leiche" drängen sich wiederholt auf, auch wenn Abes Motivation schon ziemlich einzigartig in der Filmgeschichte ist. Denn er ist ja kein Rächer aus Prinzip, niemand, der geschehenes oder drohendes Unrecht vergelten oder der Gerechtigkeit Genüge tun will. So rechtfertigt er zwar den geplanten Mord vor sich selbst und – als hypothetisches Gedankenspiel verkleidet – anderen, aber in Wirklichkeit geht es ihm vor allem darum, wieder (oder gar erstmals) einen Sinn in seinem Leben zu haben. Er verkleidet also puren Egoismus in eine vermeintlich philanthropische Tat, ohne das selbst wahrhaben zu wollen.

Diese faszinierende Prämisse gestaltet Allen zunächst hervorragend aus. Joaquin Phoenix spielt den etwas an seinen bekifften Privatdetektiv in Paul Thomas Andersons "Inherent Vice" erinnernden Philosophie-Professor mit ganzem Körpereinsatz; beinahe stolz reckt er seinen bemerkenswerten Kugelbauch in jeder zweiten Szene heraus (ob nackt im Bett oder in einem Schlabber-T-Shirt an der Uni) und demonstriert damit, wie schnurzpiepegal ihm alles ist und wie sehr ihn sein Leben deprimiert – so sehr übrigens, daß er sogar impotent geworden ist (was natürlich auch seine anfänglich standhafte Verweigerung gegenüber den Verführungsversuchen seiner beiden hartnäckigen Verehrerinnen relativiert). Dieser Abe Lucas, den alle fast wie eine Bienenkönigin umschwärmen, ohne daß man als Zuschauer so recht weiß, warum eigentlich, wird also als ziemlich armselige Gestalt präsentiert. Umso beeindruckender ist sein Wandel nach dem schicksalhaft mitangehörten Gespräch im Café – plötzlich sprüht Abe vor Energie und Tatendrang, auch seine Libido meldet sich selbstverständlich in Bestform zurück. Herrlich die moralphilosophischen Geplänkel zwischen Abe und Jill (und teilweise auch Rita), wenn Abe nach vollbrachter Tat Theorien über den Mörder und den Tathergang genüßlich kommentiert und beurteilt und auch dann noch regelrecht aufblüht, als sich erstmals ein schleichender Verdacht gegen ihn richtet. Zugute kommt "Irrational Man" dabei, daß Phoenix und Emma Stone trotz des immer noch beträchtlichen Altersunterschieds erheblich besser harmonieren als in Allens durchwachsenem "Magic in the Moonlight" Stone und Colin Firth (und Posey funktioniert als dritter Baustein dieses seltsamen Trios ebenfalls gut).

Das ganze wunderbar absurde und ironische Treiben unterlegt Woody Allen übrigens mit einer verspielten, ohrwurmverdächtigen Swing- und Jazz-Musik, die erstaunlicherweise ebenso gut zu Abes depressiver Phase im ersten Akt paßt wie zum euphorischen Abe im zweiten und der finalen Zuspitzung im dritten. Mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit gelingt es Allen durch das Zusammenspiel aller filmischen Elemente, stets eine gewisse ironisch-amüsierte Distanz zum unmoralischen Treiben zu wahren, ganz wie es thematisch halbwegs vergleichbare Klassiker der schwarzen Komödie wie "Arsen und Spitzenhäubchen" in Perfektion vorgemacht haben. Alleine die Vorstellung, daß es für Abe nicht die für Künstler sonst so obligatorische weibliche Muse ist, die seine Inspiration zurückbringt (wie es Rita übrigens selbst formuliert, die gerne diese Muse wäre), sondern ein Mord, ist in seiner skurrilen Morallosigkeit einfach nur herrlich. Allerdings will ich nicht verschweigen, daß sich der Humor von "Irrational Man" größtenteils in solch ironischen und absurden Situationen erschöpft; im Vergleich zu "normalen" Komödien von Woody Allen gibt es also deutlich weniger zu lachen.

Wer bereits anderswo etwas über "Irrational Man" gelesen hat, der fragt sich jetzt vermutlich: Wenn der Film so toll sein soll, warum hat er dann so mittelmäßige Kritiken bekommen? Nun, die Antwort ist recht einfach: Weil Allen das Finale ein Stück weit vermasselt. Wo es ihm eine Stunde lang vortrefflich gelingt, den Zuschauer subtil zum Nachdenken und Mitphilosophieren und -diskutieren zu bringen über diesen ach so perfekten und moralisch gerechtfertigten Mord, sind ihm im letzten Akt offenbar die Ideen für ein rundes Ende ausgegangen. Das ist besonders schade, weil die Fragen, die Abes Handeln aufwirft, ja wirklich interessant sind. Kann es einen moralisch "richtigen" Mord überhaupt geben? Oder ist Abes Tat auf jeden Fall verwerflich, auch wenn alle (abgesehen vom Opfer, versteht sich) davon profitieren? Oder gilt ein Mittelweg á la: Mord ist selbstverständlich falsch und schon aus prinzipiellen Gründen des gesellschaftlichen Zusammenlebens abzulehnen, in diesem speziellen Einzelfall aber doch zumindest tolerierbar? Unglücklicherweise beläßt es Allen aber nicht dabei und will seine kleine Moritat doch nicht einfach so für sich stehen lassen. Deshalb konstruiert er sich gegen Ende eine Konstellation, in der speziell Abes Verhalten nicht mehr allzu konsistent ist mit dem, was wir zuvor über ihn erfahren haben, und entscheidet sich für eine für einen Autor seines Kalibers an sich unwürdig simple und abrupte Auflösung. Eine Auflösung zudem, die die Unart vieler Episoden von Krimiserien nachahmt, in denen am Ende zwar die Ermittler und die Zuschauer genau wissen, was passiert ist, die Beweislage aber keineswegs so klar ist, daß der Ausgang des folgenden Gerichtsprozesses eindeutig wäre. Durch dieses uninspirierte Ende wird "Irrational Man" von einem richtig guten zu einem insgesamt nur noch ordentlichen Film, der sich in Woody Allens eindrucksvoller Filmographie qualitativ im (unteren) Mittelfeld ansiedelt. 

Fazit: "Irrational Man" ist eine anfangs gut durchdachte schwarze Komödie mit spannender Prämisse, der aber im letzten Akt zunehmend die Ideen und auch der Mut ausgehen.

Wertung: 7 Punkte.


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